Magersucht – Aufräumen mit Irrtümern

Mir scheint es unzählige Irrtümer über die Magersucht zu geben. Ich möchte hier einige benennen, um es Aussenstehenden vielleicht etwas leichter zu machen, zu verstehen, was Magersucht genau ist. In meinen Augen ist sie eine der meist missverstandenen psychischen Krankheiten.

1. Magersucht ist ein reines “Essensproblem”

Mit Appetitmangel hat diese Krankheit nichts zu tun. Im Gegenteil – die Betroffenen verweigern sich schlichtweg den Appetit oder setzen sich ein striktes Kalorienlimit. Sie verweigern sich eine normale Essensaufnahme, um sich ein gewisses Gefühl von Sicherheit zu geben; etwas, das sie kontrollieren können. Damit werden allerdings tiefsitzende psychische Probleme kompensiert.

Es dreht sich hierbei weniger um das Essen selbst, als um die Faktoren, die psychisch bedingt sind, wie z.B. ein geringes Selbstwertgefühl, mangelndes Selbstbewusstsein, seelische Traumata etc.

2. Magersüchtige sind süchtig nach Aufmerksamkeit

So direkt darf man es nicht sagen. Dies klingt sehr oberflächlich. Unbewusst sind sie es wahrscheinlich, doch eigentlich versuchen die Betroffenen, ihre Krankheit so gut es geht zu verleugnen – auch vor sich selbst. Ich habe es auch nicht verstanden oder eingesehen, aber so ist es. Sie verhalten sich möglichst unauffällig und spielen ihren Gewichtsverlust irgendwie herunter. Genauso suchen sie Ausreden, warum sie denn nicht mit zum Restaurantbesuch oder zum gemeinsamen Kochen mit Freunden kommen wollen. Indirekt spürt man, dass etwas am Verhalten nicht stimmt oder krankhaft ist, aber man will es nicht wahrhaben. Deswegen wird diese Krankheit in meinen Augen oft auch erst sehr spät oder zu spät erkannt.

3. Magersucht wird durch die Medien und/oder “Magermodels” verursacht

Die Medien und die Sucht bzw. der Druck nach perfektem & makellosem Aussehen (= Schlanksein) tragen mit Sicherheit ihren Teil dazu bei, dass die Krankheit mittlerweile so weit verbreitet ist, doch der AUSLÖSER ist sie nicht. Vielleicht ist eine Diät oft der Einstieg, doch ich bin der festen Überzeugung, dass ein wirklich komplett gesunder und psychisch stabiler Mensch nicht allein durch den Druck und das verschobene Bild von perfektem Aussehen in diese Krankheit getrieben werden kann. Die Auslöser sind psychisch bedingt und können von verschiedenen Faktoren abhängen. Diese können z.B. sein: geringes Selbstwertgefühl; familiäres Umfeld; Unfähigkeit, mit Konflikten normal umzugehen, zu hoher Leistungsdruck, zu hoher Anspruch an sich selbst, Überanpassungsdrang; sexueller Missbrauch und mit Sicherheit noch sehr sehr viele mehr.

4. Magersucht erkennt man äußerlich (sofort)

Die Krankheit spiegelt sich zwar durch das äußere Erscheinungsbild wider, doch sie spielt sich meines Erachtens nach nur im Kopf ab. Nur weil ein Betroffener vielleicht nicht mehr ausgehungert aussieht, heißt es nicht, dass er gesund ist. Selbst wenn er im Anfangsstadium oder bereits im Genesungsprozess steckt, ist er noch krank. Ich merke dies selbst. Die Betroffenen machen sie hier leider sehr viel vor und belügen sich selbst, wenn sie sich sagen, sie seien jetzt gesund, weil sie wissen, was sie mit ihrem Körper anstellen und weil sie es bereits geschafft haben, eine gewisse Kilomenge zugenommen zu haben. Der psychische Leidensdruck ist auch hier noch enorm hoch – oder besser gesagt, gerade hier, weil man sich hier nicht mehr aus der Krankheit “herauslügt”.

5. Magersüchtige essen nichts

Dies stimmt nicht. Sie essen wesentlich weniger als normale Menschen es tun und sie vermeiden es oft, in Gesellschaft zu essen. Es ist genau das, was die Krankheit ausmacht: Man verweigert sich bestimmte Lebensmittel und entwickelt gewisse Rituale. Dies geht besser, wenn man sich nur bestimmte Dinge “gönnt”. Es sind meist immer die gleichen Lebensmittel tagein – tagaus, die man sich gönnt und immer zur gleichen Zeit – dies garantiert einem diese wahnsinnige Kontrolle und Sicherheit. Wieder ein Tag, an dem man sich strikt an seinen Plan gehalten hat – also ein Erfolg und eben auch eine Sicherheit. Natürlich sind dies immer Nahrungsmittel, die kaum Nährwerte haben und in einer enorm reduzierten Menge, die natürlich nicht ausreicht, um ein normales Gewicht halten zu können.

6. Magersüchtige nutzen Hilfsmittel oder kotzen sich dürr

Wie oben beschrieben, verweigern Magersüchtige einfach nur. Es werden hier in der Regel aber keine Hilfsmittel wie Abführmittel oder eben erbrechen zugezogen. Dies wäre dann ein anderes Krankheitsbild…

7. Magersucht ist nur eine Phase, die man (meist Frau/Mädchen) durchläuft

Eben nicht – Magersucht ist eine ernst zu nehmende Krankheit, die vielfach unterschätzt wird. Sie kann fatale Folgen haben und lebenslange lebensbedrohliche Folgen, wie z.B. Organschäden verursachen. Ohne Hilfe kann ein Magersüchtiger meines Erachtens nach nicht aus der Krankheit kommen.

Der letzte Irrtum ist auch der Grund für diese Notiz. Ich las vorhin, dass lt. Weltgesundheitsorganisation es nur 30% der Betroffenen schaffen, wieder gesund zu werden. Nur 30%. Dies schockt mich gerade sehr und vielleicht werden ja einige Aussenstehende, die das hier von mir lesen, einfach etwas sensibilisiert, auf Auffälligkeiten zu reagieren, wenn sie bei Menschen aus ihrem Umfeld darauf stossen oder wenn ihnen jemand von Auffälligkeiten berichtet.

Ich jedenfalls bin sensibilisiert, auch wenn ich es für mich als Betroffene noch immer nicht zu 100% umzusetzen verstehe – aber ich gebe mir alle Mühe und das jeden Tag wieder!

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