Wieso so schwer, wenn doch so leicht…?

Diese Frage stelle ich mir bewusst nun schon mindestens seit 2 Jahren. Ich komme einfach nicht heraus aus meinem Gedankenalltag – kein gewöhnlicher Alltag mit alltäglichen Gedanken, sondern MEIN Gedankenalltag. Heißt: alles dreht sich um Essen, zunehmen, abnehmen und darum, was andere von mir denken könnten. Wieso ist es so schwer, das abzustellen, wenn mir die halbe Welt vormacht, dass es eigentlich ganz leicht ist, auf andere zu scheißen. Wieso gelingt ihnen das und mir nicht?? Liegt es wirklich daran, dass mir schon von Klein auf immer und immer wieder eingebrannt wurde wie ich zu sein habe und was ich zu lassen habe? Ich hab mich nicht wirklich so entwickeln können, wie es vielleicht normal gewesen wäre, weil mir ständig Ärger drohte, wenn ich nicht bestimmte Kriterien erfülle. Also funktionierte ich  – wie ein Roboter. So, wie man mich damals schon haben wollte. Das konnte ich sehr sehr gut. Und wenn doch mal ein kleiner Anschein eines Gefühlsausbruchs oder des eigenen Willen kam, wurde dieser direkt im Keim erstickt – denn in diesem Moment war ich nicht so, wie es von mir erwartet wurde. Das durfte wirklich nicht sein.

Aber kann es sein, dass sich so etwas wie ein roter Faden durch mein Leben zieht? Ich habe mir immer und immer wieder die falschen Partner, Freunde gesucht. Die, die genauso von mir erwarteten, etwas oder jemand zu sein, der ich aber eigentlich nie war. Doch es war das Gewohnte, das mich anscheinend immer wieder in deren Fesseln zog. Immer funktionieren – das war schließlich das einzige, das ich kann und konnte – also eine sichere Bank für mich.

Aber jetzt bin ich mittlerweile an einem Punkt (den ich zugegebenermaßen ohne meinen Klinikaufenthalt wohl eher nicht erreicht hätte), an dem mir bewusst ist, dass das nicht alles sein kann. Wenn ich endlich mal ich selbst sein will, dann muss ich ausbrechen aus diesem Scheiß. Mir ist bewusst, dass es im Leben nicht darauf ankommt, möglichst schlank zu sein, ein möglichst makelloses Gesicht zu haben, oder sich immer konkret auf den anderen einzustellen. Es zählen weitaus andere Werte, auch wenn es uns anders verkauft wird. Aber im Grunde weiß es jeder, dass es auf etwas ganz anderes ankommt. Auch ich. Doch diese verfluchte Essstörung hat aus mir ein Gedankenwrack gemacht. Ich will und kann nicht und ich verstehe nicht, warum es mir so schwer fällt, loszulassen von diesem Fluch. Wieso ist es so schwer, wenn es doch eigentlich so leicht ist?

Ich habe Angst. Große Angst, enttäuscht zu werden, wenn ich mal auf alles scheiße und einfach das tue, wonach mir ist. Vor allem, wenn ich mal das esse, wonach mir ist. Wobei letzteres gar nicht so leicht ist, weil ich kaum noch weiß, was ich wirklich gern mal wieder essen würde und was nicht. Fest steht, dass ich ja wieder 94 kg wiegen könnte, wenn ich aus meinem Trott ausbreche. Dass ich 8 kg zugenommen habe seit Entlassung ist schon hart zu verkraften. Doch ich halte es aus. Weil ich jetzt wie eine normale Frau aussehe. Doch, was passiert, wenn ich noch mehr zulege und mein Äußeres sich verändert? Dann bin ich nicht mehr so, wie man mich kennengelernt hat – werde ich dann wieder abgelehnt, wenn ich mich verändere? In meiner Vergangenheit war es so. Ich habe wenig Menschen in meinem Leben, die mich bedingungslos so nehmen, wie ich bin. Und in meinen vergangenen Beziehungen war es so, dass ich alles immer konkret nach dem Partner gerichtet habe. Es wurde so erwartet und ich funktionierte. Also funktionierte auch die Beziehung.

Also, was passiert, wenn ich jetzt einfach mal re-boote und einen Neustart hinlege? Bisher habe ich es  schon so oft gewollt, doch nie wirklich gewagt und so war ich immer auf der sicheren, wenn auch mehr als unschönen Seite. Bis ich schließlich „Ana“ -meiner heißgeliebten und noch heißer gehassten Freundin alias Essstörung/Anorexie- begegnete. Sie hat mir dauerhaft Halt und Schutz und Kontrolle gegeben. Doch ich will diese Art Halt und Schutz und Kontrolle nicht mehr. Ich will einfach nur alltäglich leben.

Für „normale“ Menschen sind meine Gedanken sowas von lächerlich und überhaupt nicht nachvollziehbar, das ist mir bewsst. Einige halten Gedanken innerhalb einer Essstörung sogar für eine Art Luxusproblem. Das ist es definitiv nicht – es ist die Hölle. Deshalb ist es sehr schwierig, unbedarft mit Menschen in meinem Leben über mich und mein Leben zu sprechen. Doch genau das will ich – normal antworten können auf Fragen wie „Was isst du denn am liebsten“ oder „was sind deine liebsten Hobbies“ oder „und, was hast du so die letzten Jahre getrieben“.

Wieso ist das so schwer, wenn es doch so leicht scheint??

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3 Kommentare

  1. Wieso…

    Ich glaube, wenn man keinen Grund hat, d.h. keinen WIRKLICHEN Grund hat, aufzuhören – warum sollte man es dann tun? Meiner Meinung nach funktioniert vieles im Zusammenhang mit einer ES unterbewusst. Es ist nicht deine Schuld undes liegt nicht daran, dass du dir zu wenig Mühe gibst oder ähnliches! 🙂

    Das gefühl, wie ein Roboter zu sein, der nur noch funktioniert aber kein echtes Leben mehr hat, kann ich gut nachvollziehen.

    Ich glaube, man kann immer nur weiter kämpfen, um am Ende vielleicht docht stärker zu sein als die Probleme.

    Lass dich nicht unterkriegen! 🙂

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