Monat: Februar 2015

Luxuskrankheit?

Es gibt Situationen, in denen ich mich frage, ob diese verfickte Essstörung eine Art Luxuskrankheit ist.

Da sind Situationen, in denen mir klar wird, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich noch lebe, aber ich oftmals das Leben doch als selbstverständlich hinnehme. Es gab einen ganz gewissen Moment in meinem Leben, in dem ich beschlossen habe, mich nicht länger mit meinen Gedanken und meinen Erlebnissen zu konfrontieren und durch einen Zufall oder auch Schicksal habe ich nun heute doch noch das Glück -manchmal auch das Pech- mit all dem konfrontiert zu werden. Aber eines habe ich glaube ich, mittlerweile verstanden – wir wissen das Leben allesamt oftmals überhaupt nicht zu nutzen (zu leben klingt hier zu abgedroschen). Wir sind so oberflächlich. Wir urteilen über andere, weil wir sie in einer Millisekunde sehen nach dem, was sie anhaben, wie sie sich bewegen, wie sie gucken oder mit wem sie sich umgeben. Dabei wissen wir rein gar nichts über diese Personen. Wir tratschen über Pärchen aus dem Freundeskreis, weil sie unserer Meinung nach nicht zusammen passen. Wir suchen uns einen Partner aus, der optisch am besten zu uns passt, bevor wir uns mit seinem Charakter befassen. Natürlicher Trieb des Menschen. Schon klar. Doch bei vielen bleibt es dabei. Sie verleugnen Gefühle für eine bestimmte Person, weil sie sich Gedanken darüber machen, was andere über sie sagen könnten. Viele Menschen tragen nicht die Klamotten, die sie vielleicht gerne tragen würden, weil sie Angst haben, andere könnten schlecht darüber reden, sich lustig machen. Sie verurteilen. Viele suchen sich einen Beruf, weil sie glauben, damit als erfolgreicher da zu stehen oder weil sie glauben, damit beim (vermeintlichen) Partner und/oder dessen Eltern besser punkten zu können.

Diese Oberflächlichkeit kotzt mich an und doch bin ich ganz genauso. Nein, ich bin schlimmer. Ich verurteile mich und mein Äußeres, weil ich denke, dass mich so keiner mag. Ich versuche, meinen Körper zu verstecken in hübschen Klamotten, die meine Makel so gut es geht nicht zeigen. Ich denke quasi den ganzen Tag darüber nach, dass ich auf keinen Fall dicker werden sollte. auf keinen Fall dicker werden DARF. Denn dann finden die Menschen mich nicht mehr ansprechend, sofern sie es jetzt überhaupt tun. Ich glaube vielen Menschen nicht, die mir Komplimente machen. Ich denke immer, sie tun dies nur, damit ich mich nicht noch beschissener fühle. Früher konnte ich Komplimente gern und problemlos annehmen und glauben – heute funktioniert das nur bei meinen besten Freunden.

Nicht, dass mein Selbstwertgefühl sowieso schon quasi non-existent war, aber durch die Essstörung ist es kaum noch vorhanden. Ich arbeite hart daran, es wieder irgendwie aufzubauen. Menschen, die keine Ahnung von Essstörungen haben, denken, dass viele da rein geraten, weil sie makellos aussehen möchten. Doch das stimmt nicht. Makellos aussehen zu wollen ist nur der miese Beigeschmack der Krankheit, der sich wie Pattex auf der Zunge und unter dem Gaumen festklebt. Er bleibt haften und das macht mir Angst. Das macht mich wütend und traurig. Und es entmutigt.

Die Menschen glauben, dass eine Essstörung wesentlich leichter in den Griff zu bekommen ist, als es der Wahrheit entspricht. Ich dachte früher, als ich noch nicht betroffen war, auch immer, dass es so ist. Und deshalb denken sie auch, dass es eine Art Luxuskrankheit ist. „Als gäbe es keine anderen Probleme, gut und schlank auszusehen“. Sowas denken sie. Sie machen sich zum Teil lustig darüber. Sie verurteilen das zum Teil. Zumindest, bis sie eines besseren belehrt werden.

Das paradoxe ist, dass ich in manchen Situationen, eben in diesen, wie ich es anfangs geschildert habe, selber so denke. Wenn ich jemanden sehe, der die Diagnose Krebs im Endstadium hat (BEISPIEL), dann frage ich mich, warum ich mich von diesen bescheuerten und oberflächlichen Gedanken weiterhin so quälen lasse. So zermürben lasse. Ich schäme mich dafür.

Und auch hier beweist bzw. zeigt sich wieder die Schizophrenie der Krankheit. Es macht mich wahnsinnig.

Advertisements