Monat: April 2015

miese beste Freundin mit all ihren Gegensätzen

Ich frage mich, ob ich wirklich schon wieder einen Eintrag hier machen soll, oder ob mein privates Tagebuch herhalten muss/darf/soll.

Da dieses Blog eh fast niemand kennt, entscheide ich mich für die Tastatur anstatt den Stift.

Meine Fragen, die mich quälen, meine Gedanken, die mich quälen, das alles habe ich schon 1000 mal aufgeschrieben. Damit beschäftige ich mich seit gefühlt ewiger Zeit. Oft renne ich davon und flüchte mich in eine Scheinwelt. Eine Welt, in der ich ganz normal bin. In der ich Freunde treffe und in einer Kneipe Spaß habe. In eine Welt, in der das Vergangene nie passiert ist und in der ich einfach Ich bin. Wer auch immer das ist… Eine Welt, in der ich glücklich bin und ein ganz normales Leben führe, wie jeder scheinbar in meinem Umfeld auch.

Flucht ist kein gutes Wort. Eigentlich hätte ich hier schon weitaus früher stutzig werden müssen. Hätte dem inneren Weckruf folgen sollen. Doch auch hier einfach Schlummertaste drücken und verdrängen. Flüchten. Aus meiner leider realen Welt.

Jetzt möchte ich das nicht mehr. Ich möchte am liebsten direkt hier & jetzt damit aufhören. Also, wieso gelingt es mir nicht? Wieso verschiebe ich unangenehme Dinge? Wieso gelingt es mir zum Teil nicht mal, meine Post zu öffnen, geschweige denn, sie zu bearbeiten? Warum lasse ich mich von meinen Gedanken quälen? Warum esse ich nicht das, wonach mir ist? Warum gebe ich mich einer Sucht hin? Warum kann ich die Vergangenheit nicht hinnehmen und auf Neustart gehen?

Wovor habe ich so innerliche Angst? Was ist es wirklich, das mich nicht schlafen lässt? Die Essstörung, der ich mein gesamtes Leben mittlerweile widme, sie ist da. Sie ist die mieseste und beste Freundin der Welt und sie ist mein Ventil. Ich habe das Gefühl, dass ich ohne sie nicht leben kann. Sie definiert mich doch. Oder? Was oder wer bin ich ohne sie? Mit und zum Teil wegen ihr habe ich Menschen aus meinem Leben verbannt, habe mich finanziell noch tiefer reinreiten lassen und mit und wegen ihr bin ich zu einem leeren Menschen geworden. Nichts erfüllt mich wirklich. Ich rede mir oft ein, dass ich etwas toll finde, dass mir etwas Spaß bringt, dass mir bestimmte Dinge gut schmecken oder gut tun. Dass ich genieße. Aber es stimmt nicht.

Nichts erfüllt mich. Ich habe das Gefühl, dass ich leer bin. Doch gleichzeitig satt und voll. Voll von Hass, Wut, Aggression und Ekel gegenüber meinem Körper. Diesen spüre ich zum Teil nicht. Oder wenn ich ihn spüre, wünsche ich mir, es nicht zu tun. Ich habe das Gefühl, dass er nicht wirklich zu mir gehört. Nur in den Momenten, wo ich spüre, dass ich zugenommen habe – da spüre ich, dass es mein Körper ist. MEIN Körper. Und ich kann ihn nicht leichter werden lassen ohne ständige Kontrolle. Ich kann ihn nur bedingt formen, so wie ich ihn gern hätte.

Ich könnte ihn natürlich wesentlich besser formen – Sport soll hier das magische Zauberwort heißen. Es wird uns ja immer und überall gepredigt, dass Sport und Fitness so wichtig sind. So wichtig, damit wir einen perfekt definierten Körper bekommen. So wie er erwartet wird von anderen. Von uns selbst. Schön muss er sein. Gut definiert muss er sein. Ein Bikini in den neuen Trendfarben muss einfach hervorragend an ihm aussehen. Genauso wie eine tolle Jeans, in der wir natürlich einen mega Knackpo brauchen, um akzeptiert und attraktiv zu sein.

Ich habe oft und lange darüber nachgedacht, warum Sport mir zu wider ist. Nicht, weil ich mich danach nicht vielleicht erleichtert und gleichzeitig ausgepowert fühle. Nicht, weil er mir nicht gut tun würde, um mir nach der Arbeit einen Ausgleich zu holen. Das alles wäre ja super. Ich glaube, dass ich eine innere Abneigung verspüre, mich in dieses toll definierte Bild eines erstrebenswert perfekten Körpers pressen zu lassen. Ich weigere mich, auf dieser Welle mitzuschwimmen, weil ich der Welt beweisen möchte, dass man auch ohne einen perfekten Körper etwas wert ist. Das ist ein Widerspruch in sich – das weiß ich. Ich bin es doch, die sich selbst nicht akzeptiert, weil ich unperfekt bin. Ich habe diesen Anspruch doch an mich, einen tollen Körper zu haben, um wenigstens äußerlich den meisten Ansprüchen meiner Umwelt gerecht zu werden. Ein kleiner aber gemeiner Beigeschmack einer jeden Essstörung. Man will äußerlich perfekt sein, um akzeptiert zu werden. Aber nein, eigentlich ist es das nicht. Ich will keinen tollen Körper haben. Ich will einen leichten Körper haben. Ich will einen so leichten Körper haben, dass ich ihn selbst immer weniger spüren muss.

Alles so widersprüchlich. Alles absolut nicht nachvollziehbar für „normale“ Menschen. Alles so gegensätzlich. Genau das ist es leider – dieses miese Ventil und ich kann nichts dagegen tun. So kommt es mir zumindest vor. Ich bin gelähmt, obwohl mein Wille stärker ist denn je.

Qualen – satt und doch hungrig.

So ist es. Es sind wirkliche Qualen.

Sie reden alle viel. Viel und eigentlich auch nur Vernünftiges. Und sie meinen es wirklich alle gut – das weiß ich zu 100%. Und doch schießen mir immer wieder Gedanken in den Kopf wie „ihr habt doch keine Ahnung“ oder „ja ja, wenn es so leicht ist, wieso klappt es dann nicht“ oder sogar „ja reden könnt ihr alle viel. Aber ihr habt keinen Schimmer, wie verdammt hart es ist – nicht annähernd“.

Ich unterstelle ihnen, dass sie mir nicht glauben, ich würde kämpfen.

Für diese Gedanken schäme ich mich. Weil es hier meine besten und engsten Freunde sind, von denen ich spreche. Sie sind es, die mich täglich ermutigen, die mir sagen, ich soll mich zusammen reißen und kämpfen und mich nicht in der Krankheit ausruhen. Sie sind es, die sich Sorgen um mich machen und die es ja schlichtweg einfach nicht nachvollziehen können. Wie auch? Und ich glaube, dass es für sie wirklich nicht einfach ist, mich immer und immer wieder zu ermutigen, mir immer wieder nette Worte und motivierende Sätze entgegenzubringen, wenn ich mal wieder in einem Tief stecke.

Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen müssen. Es tut mir unsagbar leid, dass ich sie mit da rein gezogen habe in diesen grässlichen Sumpf dieser Essstörung und Depression. Ich möchte, dass sie die Minuten, Stunden, Tage mit mir genießen und sie als schön empfinden – und nicht als anstrengend.

Ich bin seit 5 Tagen daheim. Vorher war ich genau drei Wochen im Krankenhaus. In den drei Wochen habe ich 4 Kg abgenommen. Das war nicht Sinn der Sache. Doch ich würde schlicht lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich es nicht angenehm finde, weniger zu wiegen – leichter zu sein. Doch gesünder bin ich dadurch nicht. Und wirklich innerlich erfüllter oder glücklicher bin ich dadurch auch nicht. Also was soll das schon wieder?

Hier außerhalb der Klinik fällt es mir wieder verdammt schwer, das Fressen zu lassen, sobald ich allein bin. Ich sitze hier auf dem Sofa und zittere am ganzen Körper. Meine Gedanken überschlagen sich und ich kämpfe mit und gegen mich. Ich will unbedingt wieder meinem Ritual folgen. Will unbedingt wieder diese leckere Mahlzeit von meinem Italiener in mich aufsaugen. Will den Geschmack spüren. Will satt werden. Gleichzeitig will ich nicht mal mehr einen Gedanken an den ganzen Scheiß verschwenden. Ich will nicht wieder fett werden. Will nicht mehr auch nur 100 gr zunehmen. Will nicht mehr immer und immer wieder diese Gedankenqualen haben, ob ich nun hinfahre und mich vollstopfe oder nicht. Ich will nicht mehr überlegen müssen, was ich anziehen könnte, um nicht fett auszusehen. Ich will nicht mehr dieser Sucht nachkommen. Ich will nicht mehr die Kontrolle verlieren. Ich will keine Gedanken mehr über Gewicht, über Zunehmen und Abnehmen zulassen. Und doch dreht sich alles darum. Nichts hat sich geändert.

In der Klinik – das ist das völlig absurde – fiel es mir so verdammt leicht, die Kontrolle zu behalten. Kaum etwas zu essen. Es war so leicht, leichter zu sein, wie ewig schon nicht mehr. Obwohl genau das ja nie wieder eintreten sollte. Ich soll in der Klinik lernen, geregelt und ausgewogen zu essen. Das Essen Essen sein zu lassen. Wieder andere schöne Dinge und Interessen für mich zu entdecken. Wieso also boykottiere ich mich so selbst – in den verschiedensten Formen??

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich bin mir zu viel. Mein Körper ist mir zu viel. Meine Gedanken sind mir zu viel. Ich bin satt und doch hungrig…

 

Alles neu und doch vertraut

So ist es, wenn man sich nach zwei Jahren eingestehen muss, wieder an einem Punkt zu sein, an dem man schon mal war.

Ich habe es geschafft- ich bin wieder in der Klinik. Habe es also doch nicht geschafft. Zwei weitere Jahre habe ich mir selbst und allen anderen etwas vorgemacht. Mich selbst belogen. Scheinbar fällt mir innerhalb dieser Krankheit nichts leichter als das – mich selbst zu belügen.

Auch, wenn ich das ganze Prozedere mit allen Therapien, mit allen Essensauflagen schon kenne, ist es doch ein neuer Ausgangspunkt und mindestens genauso schwer, mich darauf einzulassen. Damals war ich in der Klinik, weil ich alles und nichts unter Kontrolle hatte. Mein Essverhalten und den bewußten Verzicht auf Essen hatte ich total unter Kontrolle – alles andere nicht. Heute ist genau das mein Versagen. Ich habe mein Essverhalten definitiv nicht mehr unter Kontrolle. Ich fresse oder ich verzichte. Ein Mittelmaß gibt es nicht. Ein Mittelmaß, das doch eigentlich wünschenswert ist. Ein Mittelmaß beim Essen und ein Mittelmaß – ein gesundes Mittelmaß – beim Gewicht. Aber etwas in mir weigert sich noch immer. Obwohl ich alles doch schon so oft durchgekaut habe. Obwohl ich doch alles längst begriffen habe. Obwohl ich mir geschworen hatte, niemals wieder an den Punkt zu gelangen, an dem ich auf fremde Hilfe angewiesen bin. Trotz aller Erkenntnisse, trotz aller wiederholten Schmerzen, trotz aller gedanklichen Qualen bekomme ich es nicht hin. Ich quäle mich weiter. Obwohl ich es einfach nur noch satt bin.

Meine kranken Gedanken erlauben mir kein Leben mehr. Zumindest kein Leben ohne Stress, ohne Angst, ohne Zweifel und ohne wirkliche Liebe. Keine Liebe für mich selbst. Eher Hassgefühle und Verachtung. Verachtung, weil ich es nicht schaffe, mich aus diesem Sumpf heraus zu ziehen. Verachtung gegenüber meinem Körper.

Ich habe es satt. Wirklich. Wirklich? Warum klappt es dann nicht? Was hält fest an diesem ganzen Scheiss? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte es herausfinden. Ich möchte mir noch einmal die Zeit geben und mich auf Hilfe einlassen. Mich einlassen auf alles Neue und alles doch irgendwie Vertraute. . .