Qualen – satt und doch hungrig.

So ist es. Es sind wirkliche Qualen.

Sie reden alle viel. Viel und eigentlich auch nur Vernünftiges. Und sie meinen es wirklich alle gut – das weiß ich zu 100%. Und doch schießen mir immer wieder Gedanken in den Kopf wie „ihr habt doch keine Ahnung“ oder „ja ja, wenn es so leicht ist, wieso klappt es dann nicht“ oder sogar „ja reden könnt ihr alle viel. Aber ihr habt keinen Schimmer, wie verdammt hart es ist – nicht annähernd“.

Ich unterstelle ihnen, dass sie mir nicht glauben, ich würde kämpfen.

Für diese Gedanken schäme ich mich. Weil es hier meine besten und engsten Freunde sind, von denen ich spreche. Sie sind es, die mich täglich ermutigen, die mir sagen, ich soll mich zusammen reißen und kämpfen und mich nicht in der Krankheit ausruhen. Sie sind es, die sich Sorgen um mich machen und die es ja schlichtweg einfach nicht nachvollziehen können. Wie auch? Und ich glaube, dass es für sie wirklich nicht einfach ist, mich immer und immer wieder zu ermutigen, mir immer wieder nette Worte und motivierende Sätze entgegenzubringen, wenn ich mal wieder in einem Tief stecke.

Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen müssen. Es tut mir unsagbar leid, dass ich sie mit da rein gezogen habe in diesen grässlichen Sumpf dieser Essstörung und Depression. Ich möchte, dass sie die Minuten, Stunden, Tage mit mir genießen und sie als schön empfinden – und nicht als anstrengend.

Ich bin seit 5 Tagen daheim. Vorher war ich genau drei Wochen im Krankenhaus. In den drei Wochen habe ich 4 Kg abgenommen. Das war nicht Sinn der Sache. Doch ich würde schlicht lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich es nicht angenehm finde, weniger zu wiegen – leichter zu sein. Doch gesünder bin ich dadurch nicht. Und wirklich innerlich erfüllter oder glücklicher bin ich dadurch auch nicht. Also was soll das schon wieder?

Hier außerhalb der Klinik fällt es mir wieder verdammt schwer, das Fressen zu lassen, sobald ich allein bin. Ich sitze hier auf dem Sofa und zittere am ganzen Körper. Meine Gedanken überschlagen sich und ich kämpfe mit und gegen mich. Ich will unbedingt wieder meinem Ritual folgen. Will unbedingt wieder diese leckere Mahlzeit von meinem Italiener in mich aufsaugen. Will den Geschmack spüren. Will satt werden. Gleichzeitig will ich nicht mal mehr einen Gedanken an den ganzen Scheiß verschwenden. Ich will nicht wieder fett werden. Will nicht mehr auch nur 100 gr zunehmen. Will nicht mehr immer und immer wieder diese Gedankenqualen haben, ob ich nun hinfahre und mich vollstopfe oder nicht. Ich will nicht mehr überlegen müssen, was ich anziehen könnte, um nicht fett auszusehen. Ich will nicht mehr dieser Sucht nachkommen. Ich will nicht mehr die Kontrolle verlieren. Ich will keine Gedanken mehr über Gewicht, über Zunehmen und Abnehmen zulassen. Und doch dreht sich alles darum. Nichts hat sich geändert.

In der Klinik – das ist das völlig absurde – fiel es mir so verdammt leicht, die Kontrolle zu behalten. Kaum etwas zu essen. Es war so leicht, leichter zu sein, wie ewig schon nicht mehr. Obwohl genau das ja nie wieder eintreten sollte. Ich soll in der Klinik lernen, geregelt und ausgewogen zu essen. Das Essen Essen sein zu lassen. Wieder andere schöne Dinge und Interessen für mich zu entdecken. Wieso also boykottiere ich mich so selbst – in den verschiedensten Formen??

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich bin mir zu viel. Mein Körper ist mir zu viel. Meine Gedanken sind mir zu viel. Ich bin satt und doch hungrig…

 

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