Monat: Mai 2015

Lügen? Lügen. Scham.

Was, wenn man nicht mehr kann? Was, wenn man seine Grenzen erreicht, bzw. überschritten hat? Was, wenn man erkennt, dass alles, was man vorgibt zu sein oder zu können oder zu tun, gar nicht das ist, was einen ausmacht und was man tatsächlich ist? Was, wenn man immer perfekt sein möchte, wenn man nach außen hin signalisieren möchte, dass man sein Leben völlig im Griff hat? Stark ist, tough … selbstbewusst und sich selbst etwas wert… finanziell unabhängig und vor allem mit sich selbst Freund…

Was, wenn alles in sich zusammenfällt und aus einem herausbricht? Dann gibt es kein Zurück mehr. Gott sei Dank. Ich bin an diesem Punkt und ich schäme mich zutiefst für alles, was ich anderen vormache und vorgemacht habe. Ich schäme mich, dass ich bzgl. Dingen gelogen habe, nur um nicht als schwach da zu stehen.

Doch ich bin schwach. Sehr sogar. Ich habe es satt zu kämpfen und ich kann nicht mehr. Aber seit ich meine Grenzen definitiv überschritten habe und sie überhaupt begriffen habe, seither kotze ich mich an. Doch seither will ich doch noch mehr. Ich will wissen, was jetzt passiert. Zu verlieren habe ich sowieso nichts mehr.

Wieso also verfalle ich gleich wieder in mein alt bekanntes Muster und lasse es am Essen aus? Heute früh war alles soweit in Ordnung – es geht mir nicht gut, aber es war einfach in Ordnung. Aushaltbar.

Eine Verabredung, die gecancelt wurde und ich bin außerhalb meines Tagesplans. Das, worauf ich mich freute, ist dahin und ich bin dahin. Kann das sein? Die Lösung: mein Schema – der Italiener. Die Völlerei. Die mir heute weder bei der Vorbereitung dazu noch bei der Ausführung annähernd Zufriedenheit gibt. Auch nicht die Einsamkeit nimmt, wie sonst kurzweilig. Ich beachte dieses Schema bzw. dessen Ausführung in Form von Essen noch nicht einmal wirklich. Ich führe lediglich aus. Ich funktioniere.

Bringt also nichts. Ich versuche zu verstehen, doch ich verstehe nichts. Irgendwie wie immer. Doch – meine Grenze habe ich verstanden. Ein Fortschritt?

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Tiefpunkt – mich noch weniger als die Welt

Da bin ich nun wieder. Wieder in der Klinik im sogenannten „Langzeitsetting“ für Essgestörte.

Nichts ist irgendwie noch in oder unter meiner Kontrolle und ich bin gerade an einem Punkt, wo ich komplett ausflippe. Ich verfluche mich. Ich habe mein Mittag in der Klinik abbestellt, was an den Wochenenden erlaubt ist und habe mich auf den Weg in die Stadt gemacht. Am Bäckersstand denke ich mir, dass ich mich ernsthaft zusammenreißen muss. Ich kann mir hier ruhig etwas zu essen kaufen. Ich darf das. Ich soll das? Doch zum Frühstück habe ich heute mehr als sonst gegessen. Ich habe ein ganzes Brötchen mit Kräuterquark gegessen anstatt ein halbes. Einfach so – um mich selbst mal nicht so ernst zu nehmen und anstatt dessen meine Krankheit. Und um diese in den Griff zu kriegen, muss ich lernen, mich nicht schlecht zu fühlen, wenn ich normal frühstücke. Normal war das ja heute morgen nicht mal – das weiß ich mal wieder selbst. Schön das Innenleben akribisch aus dem Brötchen entfernt und ganz dünn den Quark aufgestrichen. In meinem normalen Leben sind eigentlich 2 große Brötchen bestrichen mit Frischkäse und Käse oder Lachsschinken oder sowas ein vernünftiges Frühstück. So viel dazu.

Zwischenzeitlich frage ich mich immer wieder: Wie kann es sein, dass ich nur Völlerei in Vollendung oder Hungern kann? Gesundes Mittelmaß wäre doch der einfachste Weg – ganz ohne Hirnfick und normal…

Ich stehe also am Bäckersstand und frage, ob die Brötchen mit Butter bestrichen sind. Sind sie nicht. Gut. Ansonsten hätte es sich erledigt. Also kaufe ich mir ein sehr lecker aussehendes Körnerbrötchen belegt mit Gouda und Salat und Gurke. 1,80 Euro. Ich bestelle es „auf die Hand“ und gehe. Ich beiße hinein und ekel mich richtiggehend. Ich versuche es noch einmal und es ist einfach widerlich. Nun der Tiefpunkt: ich spucke den Inhalt meines Mundes auf die Serviette und schmeiße sie mit dem Brötchen in die Mülltonne. Ich schmeiße es einfach weg. Andere Menschen auf diesem Planeten verhungern und ich schmeiße meine 1,80 Euro in Form eines Brötchens einfach weg, weil ich Angst vor meinem Ergebnis am Körper und auf der Waage habe. Weil ich meinen Ekel vor mir selbst nicht in den Griff kriege und ich verstehe mal wieder mich und die Welt nicht mehr. Mich noch weniger als die Welt.

Mich am allerwenigsten zu verstehen versetzt mich in einen Zustand der Trauer. Jetzt gerade. Generell versetzt es mich in Angst. In Trauer. In Frustration. In Hass. Den verstehe ich wiederum – den Hass gegen mich selbst…

Sucht & Störung

Wie immer die gleiche Sorge. Die Völlerei oder mein Ritual, wie auch immer man es nennen mag – ich kann nicht davon lassen. Wenn ich unter Beobachtung stehe, fällt mir nichts leichter, als genau nur das zu verzehren, das ich mir erlauben möchte. Tag ein Tag aus – wenn ich hier allein im wirklichen Leben stehe, fällt mir nichts schwerer als das. Ich kann nicht davon ablassen, immer und immer wieder dieses schreckliche viele Zeug in mich hinein zu stopfen und ich verfluche mich immer und immer wieder so sehr dafür. Doch es funktioniert nicht. Erst war ich süchtig nach dem Magersein – jetzt bin ich süchtig nach Essen, das ich mir so ewig lang verboten habe. Sucht ist Sucht. Beides ist in diesem Fall sowas von krank.

Und warum das alles? Nur weil meine Mutter mich falsch erzogen hat und ich in meinem Leben von zwei Menschen misshandelt wurde? Ist das der Weg, damit zurecht zu kommen? Ist das der Weg mehr Selbstbewußtsein zu erlangen?

Nein, das ist er definitiv nicht. Und trotzdem verfalle ich ihr – der SUCHT.

Ich suche Ana. Wo ist sie hin? Sie tut mir nicht gut, aber gerade jetzt wünsche ich mir nichts mehr, als sie wieder bei und in mir zu haben. Sie hat mir zumindest das Gefühl gegeben, leicht zu sein. Kein Ballast auf und in meinem Körper.

Und gerade, wo ich dabei bin, diese Zeilen zu schreiben, verfluche ich mich auch gleich dafür. Wie kann ich mich nach einer Krankheit sehnen, in der ich noch irgendwie zum Teil drin stecke, wo ich doch nur sehnlichst auf Hilfe warte?

Wie kann ich meinen Mitmenschen unterstellen, sie lügen mich an, wenn sie mir sagen „du siehst mit mehr Kilos auf den Rippen besser aus“ oder „ein Mann wünscht sich etwas zum Anfassen“. Wie kann ich mir das Recht herausnehmen, anderen Frauen Mut zuzusprechen und ihnen Komplimente für ihre Figur zu machen, wenn ich mich selber in deren Körper unwohl fühlen würde? Wieso würde ich mich in deren wunderschönen Körpern überhaupt unwohl fühlen???

Was ist das alles für ein verdammter Scheiß, in den ich da geraten bin und wieso schaffe ich es nicht, da heraus zu kommen?

Wie immer die gleiche Leier: Ich weiß doch, wie sehr es mich zerstört. Alles weiß ich in der Theorie. Einfach ausbrechen aus dem Ganzen. Einfach mal andere Wege probieren. Einfach mal meine Vorsätze befolgen und mich nicht selbst belügen.

Doch Sucht & Störung, diese verdammte verfluchte Essstörung, dominieren mich und meinen Kopf. Und das, wo ich doch nur danach such(t)e frei zu sein…