Tiefpunkt – mich noch weniger als die Welt

Da bin ich nun wieder. Wieder in der Klinik im sogenannten „Langzeitsetting“ für Essgestörte.

Nichts ist irgendwie noch in oder unter meiner Kontrolle und ich bin gerade an einem Punkt, wo ich komplett ausflippe. Ich verfluche mich. Ich habe mein Mittag in der Klinik abbestellt, was an den Wochenenden erlaubt ist und habe mich auf den Weg in die Stadt gemacht. Am Bäckersstand denke ich mir, dass ich mich ernsthaft zusammenreißen muss. Ich kann mir hier ruhig etwas zu essen kaufen. Ich darf das. Ich soll das? Doch zum Frühstück habe ich heute mehr als sonst gegessen. Ich habe ein ganzes Brötchen mit Kräuterquark gegessen anstatt ein halbes. Einfach so – um mich selbst mal nicht so ernst zu nehmen und anstatt dessen meine Krankheit. Und um diese in den Griff zu kriegen, muss ich lernen, mich nicht schlecht zu fühlen, wenn ich normal frühstücke. Normal war das ja heute morgen nicht mal – das weiß ich mal wieder selbst. Schön das Innenleben akribisch aus dem Brötchen entfernt und ganz dünn den Quark aufgestrichen. In meinem normalen Leben sind eigentlich 2 große Brötchen bestrichen mit Frischkäse und Käse oder Lachsschinken oder sowas ein vernünftiges Frühstück. So viel dazu.

Zwischenzeitlich frage ich mich immer wieder: Wie kann es sein, dass ich nur Völlerei in Vollendung oder Hungern kann? Gesundes Mittelmaß wäre doch der einfachste Weg – ganz ohne Hirnfick und normal…

Ich stehe also am Bäckersstand und frage, ob die Brötchen mit Butter bestrichen sind. Sind sie nicht. Gut. Ansonsten hätte es sich erledigt. Also kaufe ich mir ein sehr lecker aussehendes Körnerbrötchen belegt mit Gouda und Salat und Gurke. 1,80 Euro. Ich bestelle es „auf die Hand“ und gehe. Ich beiße hinein und ekel mich richtiggehend. Ich versuche es noch einmal und es ist einfach widerlich. Nun der Tiefpunkt: ich spucke den Inhalt meines Mundes auf die Serviette und schmeiße sie mit dem Brötchen in die Mülltonne. Ich schmeiße es einfach weg. Andere Menschen auf diesem Planeten verhungern und ich schmeiße meine 1,80 Euro in Form eines Brötchens einfach weg, weil ich Angst vor meinem Ergebnis am Körper und auf der Waage habe. Weil ich meinen Ekel vor mir selbst nicht in den Griff kriege und ich verstehe mal wieder mich und die Welt nicht mehr. Mich noch weniger als die Welt.

Mich am allerwenigsten zu verstehen versetzt mich in einen Zustand der Trauer. Jetzt gerade. Generell versetzt es mich in Angst. In Trauer. In Frustration. In Hass. Den verstehe ich wiederum – den Hass gegen mich selbst…

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