Monat: Juni 2015

Akzeptieren – auch die Nebenwirkungen…

Wieder eine Woche vergangen – wie im Flug und doch so ewig lang. Schon über die Hälfte der Aufenthaltszeit in der Klinik habe ich hinter mir, doch kommt es mir auch so vor? Auf der einen Seite ja, auf der anderen Seite nein.

Viel habe ich mittlerweile erkannt und ich bin auch schon einiges angegangen, um aktiv mein Leben bzw. mich selbst endlich zu entdecken, mein bisheriges Leben zu ändern und auch bestimmte Teile dessen einfach abzuschließen. Das muss sein, sonst werde ich immer und immer wieder an den Punkt gelangen, mich in meiner Krankheit wohl zu fühlen und in ihr mein Zuhause zu sehen. Ich werde immer wieder in ihr die Liebe und Zuneigung sehen & finden, die ich sonst eher schwer bekomme oder gar zulasse.

Doch ich frage mich ernsthaft, ob sie mich jemals wirklich verlassen wird? Diese Krankheit – mit all ihren Facetten; mit ihrer unsicheren Sicherheit, die sie mir täglich gibt; mit all ihren Nebenwirkungen… Die Ursachen sind bekannt. Ich lerne immer mehr und deutlicher, sie auch zu akzeptieren und aus ihnen zu lernen. Doch die Nebenwirkungen sind für mich noch immer sehr präsent und nicht wirklich nutzbar – ich kann und will mit ihnen nicht arbeiten und ich will sie erst recht nicht akzeptieren.

Die Nebenwirkungen, von denen ich spreche, sind die, die die meisten Menschen als Hauptursache einer Essstörung sehen. Bei ihnen dreht sich nämlich alles um das eigene Gewicht. Den Körper, das Schön- & Schlanksein. Dass das wirklich oftmals erst innerhalb der Krankheit entsteht, blenden viele aus.

Diese Nebenwirkungen oder der Beigeschmack meiner Essstörung ist widerlich. Er ist säuerlich, bitter und alles andere als genießbar. Oberflächlich sind diese verdammten Nebenwirkungen. Die Gedanken, die sich mir immer und immer wieder (mal mehr und präsenter und mal auch nur unterschwellig) aufdrängen, sind sowas von nicht willkommen in meinem Leben und doch dominieren sie es größtenteils. Ich habe noch immer diese verdammte Angst in mir, dass ich mit mehr an und in mir nicht akzeptiert & gemocht werde. Wieso zwingen mich diese verdammten Nebenwirkungen nur, die Akzeptanz meiner Person mit meinem Aussehen in Verbindung zu bringen?? Weil ich sonst nichts anderes zu bieten habe? Weil ich langweilig und unlocker bin? Weil ich in ein bestimmtes Ideal passen muss? Warum muss ich da hinein passen und andere nicht? So viele Menschen begegnen mir täglich im Bus, im Geschäft, auf der Arbeit, im Treppenhaus, die sich einfach annehmen, so wie sie äußerlich sind. Das können sie, weil sie sich in gewisser Weise mögen. Sie stehen zu sich und sie wissen, wer sie sind. Innerlich. Innerlich steht mit äußerlich in engster Verbindung. Diese Gleichung ist nichts neues. Wer mit sich Freund ist, wer weiß, wer er ist, der akzeptiert sich – auch äußerlich.

Um mich endgültig mit mir anzufreunden, muss ich noch viel überwinden. Ich muss lernen, zu vertrauen – mir und anderen. Ich muss lernen, den richtigen Menschen zu vertrauen und ich muss ihnen eine Chance geben, mir zu beweisen, dass es sich lohnt. Ich muss und möchte all meine Ängste endlich und endgültig überwinden. Mein Körper gehört zu mir – er trägt mich auf zwei Beinen durchs Leben – er birgt eine Seele in sich. Meine Seele und er hält mich am Leben. Diesen Körper mit allem, was innerlich und äußerlich zu ihm gehört, möchte ich lernen zu akzeptieren und zu mögen. Mein Körper nährt mich. Und ich muss ihn nähren und zwar ausgewogen und regelmäßig. Das ist eine Sache, die ich bisher nicht so wirklich hinbekommen habe.

Doch jetzt, wo ich bereit bin für ein Leben, genauer gesagt, für MEIN Leben, akzeptiere ich langsam, dass eben mein eigener Wille der Nährboden für meinen neu entdeckten Lebenshunger ist.

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Bis hierher.

Kurz dem Klinikalltag entflohen – Zeit, ein kleines Resumée zu ziehen. Bis hierher.

Bis hierher habe ich innerhalb der kurzen Zeit viel begriffen. Sehr viel – zumindest habe ich das Gefühl. Meine Grenzen habe ich kennengelernt. Ausgereizt.

Ich dachte immer, dass ich es irgendwie schon hinkriege, mich vernünftig/regelmäßig/ausgewogen zu ernähren. Mit ein bisschen Hilfe von den Betreuern und wertvollen Ratschlägen von den Ärzten und mit ein bisschen Verständnis und Unterstützung von meinen Gleichgesinnten – die, die momentan mit mir zusammenleben. So weit so gut. Dass ich ein bisschen in die Tiefe gehen muss und mich mit bestimmten Ereignissen und Personen befassen muss, die in meinem Leben ungefragt ihren Platz eingenommen hatten, das war mir auch klar. Das ganze Procedere kenne ich ja bereits von vor zwei Jahren.

Doch jetzt ist es anders. Anstrengender und schmerzvoller. Ich begreife viel, das ich vor zwei Jahren nicht annähernd begriff. Viel, wovon ich zum Teil gar nichts wußte.

Meine Scheinwelt habe ich mir mit Investition von viel Zeit, Energie und Hingabe aufgebaut und ich habe sie vehement geschützt. Verteidigt vor anderen und aber vor allem vor mir selbst. So sorgsam ich mich um sie gekümmert habe, sie ausgebaut habe, genauso rapide will ich sie loswerden. Es geht nicht ganz. Aber es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, all das auszusprechen, das sie in sich birgt. Das ich in mir barg. All das ist jetzt raus – Angst, Hass, Konfrontation, Flucht, verhasste Spiegelbilder, verschönte Außendarstellung, Verdrängung – ich habe das erste mal in meinem Leben das Gefühl, dass ich mir und meinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen konnte und vor allem DURFTE.

Ich habe erkannt und realisiert, was mit mir in den letzten Jahren geschehen ist und vor allem, was ich in den letzten Monaten getan und gelebt habe. Wieso ich ständig den Weg zum Italiener gefunden habe, aber nicht annähernd den Weg zu mir selbst.

Jetzt, wo ich so vieles sehe und nicht mehr verdrängen kann; jetzt, wo ich bereit bin, aktiv etwas zu ändern, habe ich die Chance, einen Weg zu finden. Zu mir selbst und auch einen Weg in ein Land, das ich „Schönes Essen – Schönes Genießen“ nennen möchte. Wo genau das liegt, weiß ich nur ungefähr – so wie ich ungefähr weiß, wo auf der Landkarte Ho Chi Minh City liegt. Bis dahin ist es eine weite Reise, genauso weit wie in mein eben erwähntes Land. Aber es ist ein fixer, realer Punkt auf der Weltkarte, genauso wie mein Reiseziel. Ich habe gerade nicht wirklich eine Ahnung, wie ich da am schnellsten und am günstigsten hin gelange, doch ich habe einige Ideen und eine große Motivation.

Meine Gedanken sind noch immer mehr als wirr und ich weiß, dass es noch viel aus- und anzusprechen gibt. Aber mein Gefühl, nicht mehr in meiner Scheinwelt leben zu müssen, erleichtert mich und mein Gewissen enorm.

Und zum ersten mal seit langem habe ich wirklich das Gefühl, minimale Fortschritte zu machen und zwar in die richtige Richtung. Und wenn diese Richtung momentan „jeden Tag Kuchen“ heißt, dann ist das so. In ein paar Wochen heißt sie vielleicht „jeden Tag warmes Mittagessen“ oder „ich esse, worauf ich Appetit habe“. Ich bin gespannt und hoffe, ich verlaufe mich nicht.