Bis hierher.

Kurz dem Klinikalltag entflohen – Zeit, ein kleines Resumée zu ziehen. Bis hierher.

Bis hierher habe ich innerhalb der kurzen Zeit viel begriffen. Sehr viel – zumindest habe ich das Gefühl. Meine Grenzen habe ich kennengelernt. Ausgereizt.

Ich dachte immer, dass ich es irgendwie schon hinkriege, mich vernünftig/regelmäßig/ausgewogen zu ernähren. Mit ein bisschen Hilfe von den Betreuern und wertvollen Ratschlägen von den Ärzten und mit ein bisschen Verständnis und Unterstützung von meinen Gleichgesinnten – die, die momentan mit mir zusammenleben. So weit so gut. Dass ich ein bisschen in die Tiefe gehen muss und mich mit bestimmten Ereignissen und Personen befassen muss, die in meinem Leben ungefragt ihren Platz eingenommen hatten, das war mir auch klar. Das ganze Procedere kenne ich ja bereits von vor zwei Jahren.

Doch jetzt ist es anders. Anstrengender und schmerzvoller. Ich begreife viel, das ich vor zwei Jahren nicht annähernd begriff. Viel, wovon ich zum Teil gar nichts wußte.

Meine Scheinwelt habe ich mir mit Investition von viel Zeit, Energie und Hingabe aufgebaut und ich habe sie vehement geschützt. Verteidigt vor anderen und aber vor allem vor mir selbst. So sorgsam ich mich um sie gekümmert habe, sie ausgebaut habe, genauso rapide will ich sie loswerden. Es geht nicht ganz. Aber es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, all das auszusprechen, das sie in sich birgt. Das ich in mir barg. All das ist jetzt raus – Angst, Hass, Konfrontation, Flucht, verhasste Spiegelbilder, verschönte Außendarstellung, Verdrängung – ich habe das erste mal in meinem Leben das Gefühl, dass ich mir und meinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen konnte und vor allem DURFTE.

Ich habe erkannt und realisiert, was mit mir in den letzten Jahren geschehen ist und vor allem, was ich in den letzten Monaten getan und gelebt habe. Wieso ich ständig den Weg zum Italiener gefunden habe, aber nicht annähernd den Weg zu mir selbst.

Jetzt, wo ich so vieles sehe und nicht mehr verdrängen kann; jetzt, wo ich bereit bin, aktiv etwas zu ändern, habe ich die Chance, einen Weg zu finden. Zu mir selbst und auch einen Weg in ein Land, das ich „Schönes Essen – Schönes Genießen“ nennen möchte. Wo genau das liegt, weiß ich nur ungefähr – so wie ich ungefähr weiß, wo auf der Landkarte Ho Chi Minh City liegt. Bis dahin ist es eine weite Reise, genauso weit wie in mein eben erwähntes Land. Aber es ist ein fixer, realer Punkt auf der Weltkarte, genauso wie mein Reiseziel. Ich habe gerade nicht wirklich eine Ahnung, wie ich da am schnellsten und am günstigsten hin gelange, doch ich habe einige Ideen und eine große Motivation.

Meine Gedanken sind noch immer mehr als wirr und ich weiß, dass es noch viel aus- und anzusprechen gibt. Aber mein Gefühl, nicht mehr in meiner Scheinwelt leben zu müssen, erleichtert mich und mein Gewissen enorm.

Und zum ersten mal seit langem habe ich wirklich das Gefühl, minimale Fortschritte zu machen und zwar in die richtige Richtung. Und wenn diese Richtung momentan „jeden Tag Kuchen“ heißt, dann ist das so. In ein paar Wochen heißt sie vielleicht „jeden Tag warmes Mittagessen“ oder „ich esse, worauf ich Appetit habe“. Ich bin gespannt und hoffe, ich verlaufe mich nicht.

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