Monat: Juli 2015

Bald

BALD – Nur noch wenige Tage, dann ist sie vorbei. Eine Episode meines Lebens. . . Insgesamt ein viertel Jahr habe ich in der Klinik verbracht und ich zähle diese Monate zu den wichtigsten meines bisherigen Lebens. Klingt komisch oder überdramatisiert, sowas zu sagen bzw. zu schreiben, doch genauso ist es. So eine intensive Zeit, anders als vor zwei Jahren, als ich an einem der schlimmsten Punkte meines Lebens war. Noch anstrengender, noch viel intensiver, mit noch mehr Kampf dieses mal. Der Kampf war immens schwer, viel schwerer als damals, da mich die Kopflast mehr gekostet hat, als die körperliche – die Kilo-Last quasi. Die Kilolast war dieses mal nur Beigeschmack – nicht das Hauptgericht.

So viel erkannt, so viel gelernt, so viel gegessen, so viel geschmeckt und so viel mehr, das mir überhaupt nicht geschmeckt hat. Doch gegessen wurde trotzdem. Ich habe es geschafft, mir eine Chance zu geben. Der Vielfalt, die das Leben zu bieten scheint, eine Chance einzuräumen und sie zu nutzen. Ich habe erkannt, dass auch ich -frei von allen und jedem- für mich existieren und glücklich sein darf.

Von meiner demonstrierten Scheinwelt habe ich jetzt oft genug geschrieben, von dem Kampf mit dem bzw gegen den Italiener und die damit verbundene Völlerei auch. Davon will ich nicht mehr schreiben und ich möchte diese Dinge aus meinem Leben verbannen. Leider kann ich das nicht – passiert ist passiert… Also werde ich sie als einen Teil meiner Vergangenheit akzeptieren und sie zumindest immer mehr verblassen lassen bis sie hoffentlich auch aus meiner Erinnerung eines Tages ganz verschwinden.

Es war dringend notwendig, mich mit gewissen Themen, Dingen, Personen gedanklich auseinanderzusetzen. Gegen sie anzukämpfen. Sie zu akzeptieren. Und letzten Endes sie ziehen zu lassen. Ich lasse sie nun endgültig gehen. Da ist so viel, das mir nicht ganz klar war bis vor ein paar Wochen und so viel, das nie von mir ausgesprochen wurde und noch mehr, das ich einfach verleugnet habe. Doch all das ist jetzt an die Oberfläche gekommen – ich weiß immer klarer, was mir nicht gut tut. Normalerweise wissen die Menschen immer gleich, was ihnen gut tut und sie glücklich macht. Bei mir war/ist das anders. Ich habe kaum hinterfragt. Die Gelegenheit hatte ich mir nie eingeräumt, weil ich schon sehr früh vermittelt bekommen habe, dass ich funktionieren muss – nicht erst hinterfragen. MACHEN und still sein. Hab ich oft getan.

Jetzt ist es anders. Ich begebe mich auf die Reise und werde immer mehr suchen, das mir gut tut, das mich froh, zufrieden, glücklich sein lässt. Dabei werden mir sicherlich noch viele Dinge und auch Menschen begegnen, die nicht in meine neue eigene Kultur passen – doch ich bin wachsamer. Ich passe auf und werde etwas beherzigen, das mir in den letzten Wochen so oft ans Herz gelegt wurde: SELBSTFÜRSORGE. Das ist der Schlüssel.

Ich hoffe, dass ich dauerhaft bereit bin, weiter zu experimentieren, zu lernen, zu entdecken und letzten Endes auch abwechslungsreich und regelmäßig zu essen. Wenn ich behaupten würde, dass ich all das jetzt in den letzten Wochen/Monaten gelernt habe und gesund bin, würde ich lügen und mir mal wieder selbst etwas vormachen. Doch ich habe zumindest schon mal meinem Hirnfick ein Ende gesetzt – ich schlafe sogar wieder und ich kann schon ein paar wenige Momente genießen ohne zu denken. Das war vor einigen Monaten für mich unvorstellbar.  Diese Episode, die Klinikzeit, die mir so unendlich viel geraubt, doch noch unendlich viel mehr gegeben hat, geht jetzt wirklich bald zu Ende…

Ich blicke allem, was mich jetzt erwartet und was nun kommt, positiv und voller Respekt, vielleicht auch mit ein wenig Angst oder Ungewissheit entgegen und ich werde mich dem stellen. Mit gestärktem Rücken und Energie. Und Lebenshunger.

Neue Gefühle zulassen. Neue Gefühle zulassen?

Wie ist das, wenn man sich auf Neues einlässt? Was ist neu und was ist alt – was sind vielleicht „alte Muster“ oder „alte Gewohnheiten“? Lebt man damit nicht wesentlich einfacher? Abläufe sind bekannt, Reaktionen sind im Grunde bekannt, man muss sich nicht fragen, was passiert nun und man kann sich einfach verlassen. Man kennt es und hat Vertrauen. Ich kenne es. Und ich bin es satt. Ich möchte nicht mehr. Zu meinen alten Mustern gehört nämlich auch, mir selbst etwas vorzumachen und anderen zum größten Teil auch. Ist für mich nicht erstrebenswert – schlimm genug, dass ich das über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte getan habe. Das ist mein Geheimnis oder sagen wir, es war mein Geheimnis. Keiner wußte davon und meine Scheinwelt alias „normale Welt“ habe ich perfekt inszeniert. Jetzt ist es endlich wirklich an der Zeit, sie zu verlassen. Zum Glück gibt es einen Kosmos, in den ich jetzt zurückkehren kann. Er heißt Realität und ich fühle mich hier gerade sehr aufgehoben und sicher. Wenn man nicht ständig aufpassen muss, etwas vorzugaukeln, was man nicht ist, lebt es sich definitiv einfacher. Ich bin glücklich und stolz, dass ich immer mehr blicke und dass ich für mich aufgeräumt habe. Die Ordnung ist noch nicht perfekt und hier und da herrscht noch Chaos, aber Stück für Stück komme ich an. Ich finde Sachen wieder bzw. Gefühle. In mir herrschen Gefühle und Sehnsüchte und Kräfte, die ich vor lauter Unordnung nicht mehr sehen konnte. Spüren schon gar nicht. Denn meine Scheinwelt war ja aufgeräumt.

Was ich alles getan habe, um zu demonstrieren, dass es mir gut geht und dass ich nicht krank bin, schockiert mich noch immer.

Doch gleichermaßen fühlt es sich befreiend an, dazu zu stehen und es mir einzugestehen. Ich bin ich und fange nun -mit 34 Jahren- an, mir meine eigene Kultur zu bilden. Meine Astrid-Kultur, wie sie liebevoll eine großartige Person nennt, die mir gerade verlässliche Unterstützung leistet.

Ich fange an, Vertrauen in mich selbst zu entwickeln. Bisher kannte ich das von mir mehr oder weniger nur im Job. Privat konnte ich es lediglich gut spielen, dass ich mir selbst traue und dass ich einen gewissen Selbstwert habe.

Nun scheint es sich immer mehr und intensiver zu entwickeln, das Gefühl für mich selbst. Auch für meinen Körper. Er spricht quasi mit und zu mir und ich nehme ihn zumindest schon mal als einen Teil von mir wahr. Er gehört zu mir und meine Seele findet in ihm ihr Zuhause. Klingt sowas von kitschig, aber so ist ja nun mal.

Vor genau einer Woche habe ich das für mich unmögliche zugelassen und habe mich und meinen Körper ganz allein in aller Öffentlichkeit gezeigt. Etwas so neues, dass es mich mehr Überwindung gekostet hat, als ich jemals für möglich gehalten hätte. In einem Strandbad, das überfüllt war von Menschen, die noch nicht mal annähernd meine Gedanken nachvollziehen könnten – ich allein ohne den Schutz von Freunden oder Unterstützern, die mir noch hätten Motivation oder Zuspruch geben können. Das klingt in gesunden Ohren so absurd lächerlich, doch für mich war es eine unüberwindbare Hürde. Dachte ich. Die Hürde steht nach wie vor, doch ich habe es im ersten Anlauf drüber geschafft. Ich muss nun immer wieder Anlauf nehmen, um sie immer wieder zu überspringen, aber ich fühle, dass mir die Anläufe immer leichter fallen werden und ich irgendwann gar nicht mehr darüber nachdenken werde.

Dass ich so gebrochen war, erkenne ich erst jetzt, wo ich auf einem soliden Weg der Genesung bin. Meine Essstörung ist erstmals nicht vordergründig, sondern tausend andere Dinge und Gefühle.

Toll, mag man sagen und ich sage es auch. Ein weiterer guter Schritt in die richtige Richtung. Jedoch fühle ich mich gerade trotz Allem sehr zerrissen. Ich habe jede menge neuer Gefühle in mir, teilweise sind diese auch nicht nur positiv bzw. die Konsequenzen sind es vielleicht nicht, wenn ich beginne, nach dem Gefühl zu handeln. Für mich wahrscheinlich schon, aber für so manch einen aus meinem Umfeld vielleicht nicht. Doch ich möchte endlich vertrauen und diese Gefühle in all ihrer Intensität zulassen. Wenn man immer auf falsches vertraut hat, wenn man sich immer falschen & alten Muster hingegeben hat, dann muss ich zugeben, fällt es verdammt schwer, sich dem Neuen hinzugeben und einfach  zu vertrauen.

Doch mein Entschluss steht fest: Das Wasser, die Strandbäder und unzählige Hürden warten und ich lebe nur einmal. Ich werde anlaufen & springen, einfach zulassen und sehen, was passiert…