Neue Gefühle zulassen. Neue Gefühle zulassen?

Wie ist das, wenn man sich auf Neues einlässt? Was ist neu und was ist alt – was sind vielleicht „alte Muster“ oder „alte Gewohnheiten“? Lebt man damit nicht wesentlich einfacher? Abläufe sind bekannt, Reaktionen sind im Grunde bekannt, man muss sich nicht fragen, was passiert nun und man kann sich einfach verlassen. Man kennt es und hat Vertrauen. Ich kenne es. Und ich bin es satt. Ich möchte nicht mehr. Zu meinen alten Mustern gehört nämlich auch, mir selbst etwas vorzumachen und anderen zum größten Teil auch. Ist für mich nicht erstrebenswert – schlimm genug, dass ich das über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte getan habe. Das ist mein Geheimnis oder sagen wir, es war mein Geheimnis. Keiner wußte davon und meine Scheinwelt alias „normale Welt“ habe ich perfekt inszeniert. Jetzt ist es endlich wirklich an der Zeit, sie zu verlassen. Zum Glück gibt es einen Kosmos, in den ich jetzt zurückkehren kann. Er heißt Realität und ich fühle mich hier gerade sehr aufgehoben und sicher. Wenn man nicht ständig aufpassen muss, etwas vorzugaukeln, was man nicht ist, lebt es sich definitiv einfacher. Ich bin glücklich und stolz, dass ich immer mehr blicke und dass ich für mich aufgeräumt habe. Die Ordnung ist noch nicht perfekt und hier und da herrscht noch Chaos, aber Stück für Stück komme ich an. Ich finde Sachen wieder bzw. Gefühle. In mir herrschen Gefühle und Sehnsüchte und Kräfte, die ich vor lauter Unordnung nicht mehr sehen konnte. Spüren schon gar nicht. Denn meine Scheinwelt war ja aufgeräumt.

Was ich alles getan habe, um zu demonstrieren, dass es mir gut geht und dass ich nicht krank bin, schockiert mich noch immer.

Doch gleichermaßen fühlt es sich befreiend an, dazu zu stehen und es mir einzugestehen. Ich bin ich und fange nun -mit 34 Jahren- an, mir meine eigene Kultur zu bilden. Meine Astrid-Kultur, wie sie liebevoll eine großartige Person nennt, die mir gerade verlässliche Unterstützung leistet.

Ich fange an, Vertrauen in mich selbst zu entwickeln. Bisher kannte ich das von mir mehr oder weniger nur im Job. Privat konnte ich es lediglich gut spielen, dass ich mir selbst traue und dass ich einen gewissen Selbstwert habe.

Nun scheint es sich immer mehr und intensiver zu entwickeln, das Gefühl für mich selbst. Auch für meinen Körper. Er spricht quasi mit und zu mir und ich nehme ihn zumindest schon mal als einen Teil von mir wahr. Er gehört zu mir und meine Seele findet in ihm ihr Zuhause. Klingt sowas von kitschig, aber so ist ja nun mal.

Vor genau einer Woche habe ich das für mich unmögliche zugelassen und habe mich und meinen Körper ganz allein in aller Öffentlichkeit gezeigt. Etwas so neues, dass es mich mehr Überwindung gekostet hat, als ich jemals für möglich gehalten hätte. In einem Strandbad, das überfüllt war von Menschen, die noch nicht mal annähernd meine Gedanken nachvollziehen könnten – ich allein ohne den Schutz von Freunden oder Unterstützern, die mir noch hätten Motivation oder Zuspruch geben können. Das klingt in gesunden Ohren so absurd lächerlich, doch für mich war es eine unüberwindbare Hürde. Dachte ich. Die Hürde steht nach wie vor, doch ich habe es im ersten Anlauf drüber geschafft. Ich muss nun immer wieder Anlauf nehmen, um sie immer wieder zu überspringen, aber ich fühle, dass mir die Anläufe immer leichter fallen werden und ich irgendwann gar nicht mehr darüber nachdenken werde.

Dass ich so gebrochen war, erkenne ich erst jetzt, wo ich auf einem soliden Weg der Genesung bin. Meine Essstörung ist erstmals nicht vordergründig, sondern tausend andere Dinge und Gefühle.

Toll, mag man sagen und ich sage es auch. Ein weiterer guter Schritt in die richtige Richtung. Jedoch fühle ich mich gerade trotz Allem sehr zerrissen. Ich habe jede menge neuer Gefühle in mir, teilweise sind diese auch nicht nur positiv bzw. die Konsequenzen sind es vielleicht nicht, wenn ich beginne, nach dem Gefühl zu handeln. Für mich wahrscheinlich schon, aber für so manch einen aus meinem Umfeld vielleicht nicht. Doch ich möchte endlich vertrauen und diese Gefühle in all ihrer Intensität zulassen. Wenn man immer auf falsches vertraut hat, wenn man sich immer falschen & alten Muster hingegeben hat, dann muss ich zugeben, fällt es verdammt schwer, sich dem Neuen hinzugeben und einfach  zu vertrauen.

Doch mein Entschluss steht fest: Das Wasser, die Strandbäder und unzählige Hürden warten und ich lebe nur einmal. Ich werde anlaufen & springen, einfach zulassen und sehen, was passiert…

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Ein Kommentar

  1. Hallo du,
    ich weiß gerade gar nicht ob ich hier jemals kommentiert habe, jedenfalls lese ich hier schon eine ganze Weile mit (und wenn ich hier doch schon mal kommentiert habe, dann verzeih bitte, wenn ich mich nicht erinnere…) und wollte dir sagen, dass ich es erstmal eine unglaublich fantastische Leistung finde, dass du dich ins Strandbad getraut hast! Es hat sicherlich sehr viel Mut erfordert und ich kann aber auch nachvollziehen, dass du auch noch zwiegespalten bist, das ist ok, es braucht vielleicht auch Zeit, sich an dieses Neue zu gewöhnen.
    Dein Beitrag hat mich sehr an mich erinnert, denn ich habe mich vor zehn Tagen auch nach sehr vielen Jahren wieder ins Strandbad getraut (mit normaler Badekleidung und nicht mit langen Klamotten, so wie ich es sonst getan habe)… und ich bin auch 34 🙂
    Liebe Grüße.

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