Krank vs. Gesund

Letzte Woche hatte ich ein Tief, wie schon sehr lange nicht mehr. Neben meinem Alltag (den ich ja zwischendurch während Klinik und während vergangener harter Depressionen so sehr vermisst hatte), neben schönen Abenden in den vergangenen zwei Wochen und neben einem neuen Gefühl von gewisser Kopffreiheit, mußte ich komischerweise dennoch wieder einmal seit langem sehr kämpfen. Körperlich und gedanklich.

Ich war wie auf einem Rummel gefangen, wo alles durcheinander, bunt und laut war. Viele Fahrgeschäfte, Losverkäufer mit verlockenden Preisen und nicht zuletzt viele Fressbuden. Alles lud mich ein und ich nahm alles mit.

Auf der einen Seite die Losverkäufer, die mir mit zuckersüßer Stimme versprechen, dass ich, wie Megaloh auch, sogar mit einem Aussichtslos den Hauptgewinn ziehen kann. Also kaufe ich Lose, immer mehr und mehr in der Hoffnung, auch mal Glück zu haben. Alles nicht wirklich erfüllend – ich renne weiter und es gelingt mir, an einer italienischen Fressbude vorbei zu laufen, anstatt hinein zu gehen. Krank vs. Gesund 0:1.

Am sich wild drehenden Karussell komme ich leider nicht vorbei, obwohl ich gar nicht will – ich weiß, dass mir in diesen Dingern schwindelig wird und nur, weil ich sie als Kind mal reizvoll fand, muss ich sie nicht heute auch noch mögen. Doch irgendwas in mir treibt mich mitten hinein. Alles war gut, alles lief gut in meinem Alltag, schöne Herausforderungen im Job, schöner Feierabenddrink usw. …  – ich habe es sogar geschafft, beim ersten kleinen Zeichen von Schwäche, nicht dem Italiener beizugeben.

Doch an diesem Karussell komme ich jetzt nicht mehr vorbei. Alles dreht sich – ich bin durcheinander. Ich realisiere, dass sich in meinem Leben viel normalisiert und ich es geschafft habe, mich aus meiner ehemaligen Scheinwelt zu befreien. Ich merke, dass ich gar nicht immer auf bestimmte Dinge reduziert werde. Es gibt Menschen, die mir zeigen, dass sie anscheinend wirklich gern mit mir zusammen sind und nicht irgendwelche Erwartungen an mich stellen. Oder denken, ich müsse möglichst dünn sein, um wenigstens mit meinem Aussehen zu „punkten“. Doch das ist so unwirklich. Ich kenne das nicht – es war immer so, dass ich irgendwem mein Leben widmen mußte. Bis zuletzt – in meiner letzten Beziehung durfte ich nicht mal bestimmen, welche Hose ich trage oder welches Lied ich hören möchte. Ich war gemacht worden und mein Kopf und mein Körper wurden ausgeschaltet. Außer in einem bestimmten Bereich – da hatte mein Körper zu funktionieren, auch wenn ich und er nicht wollten. Nein sagen klappte nicht; Nein schreien auch nicht.

Aber all das gab es Gott sei Dank seit meiner Klinikentlassung im Sommer nicht mehr. Es gab auch hier wieder ein paar harte Rückschläge, doch daraus entwickelte sich dennoch etwas gutes und dieses Gefühl konnte & kann ich gerade immer häufiger wahrnehmen und zulassen. Dass ich seit der Entlassung so schnell zugenommen habe und keiner mehr ansatzweise auf die Idee kommen würde, ich sei irgendwie krank, ist das allerbeste Indiz dafür. Krank vs. Gesund 0:2.

Und dennoch gerate ich in dieses Gedankenkarussell. Ich vertraue diesem neuen Zustand nicht. Es war nie so und wieso sollte ich auf einmal doch mal Glück haben und der Losverkäufer recht behalten? Es überfordert mich, dass ich mich in meiner eigenen Haut & meinem Körper etwas wohler fühle und dass ich nicht mehr alle Spiegel zerstöre oder verhänge. Es überfordert mich, dass ich unbefangen richtig Spaß haben kann und einfach sein darf & kann. Astrid, die Frau wie in alten Tagen, die bisher nur noch auf einem einzigen Foto und in meiner Erinnerung existierte. Es gab so etwas so lange nicht mehr. Bei sonst jeder Bewegung, bei jedem Bissen Essen, bei jedem Gespräch mit Fremden oder Freunden, bei jeder Fahrt in der U-Bahn, immer und wirklich IMMER fragte ich mich und meinen Kopf, was wohl gerade die anderen denken. Ob sie sehen, dass ich 300 Gramm zugenommen habe? Ob sie mich jetzt noch fetter finden als ohnehin schon??

Diese miesen und zermürbenden Gedanken hatte ich in den letzten Wochen immer weniger und zwischendurch gab es sogar Tage, an denen sie nicht einmal hoch kamen. Total komisch. Also steige ich ein in das Karussell suche nach dem, was mich wieder misstrauen läßt, und wie vorhergesagt, wird mir schwindelig. War absolut nicht toll die Fahrt und den Eintritt hätte ich mir sparen können. Na ja, jetzt ist eh zu spät. Mir ist schon schlecht, also kann ich mich noch mieser fühlen & schauen, was die Fressbuden so her geben. Ich könnte ja wenigstens mal etwas neues probieren, doch ich lande bei der, die ich schon kenne. Es geht eben nichts über den Italiener…. Ein Stück misstraute Vertrautheit – Der Rummel macht mich glauben, dass ich genau das jetzt brauche. Also lege ich mein Geld auf den Tresen und bezahle für ein Gefühl, das ich wenigstens kenne. Ein Gefühl, das mir in alter ekelhafter Weise wieder bestätigt, dass ich nicht glücklich sein soll. Ein Gefühl, das mir gestattet, mich dafür zu bestrafen, dass es mir in letzter Zeit wirklich gut ging. Ich fresse dieses Gefühl in meinem alten gewohnten Muster auf und stopfe mich damit voll. Krank vs. Gesund 1:2.

Eine Freundin hat zu mir gesagt, es ist eben programmiert. So wie bei Kindern, die von Klein auf lernen, nicht auf die Herdplatte zu fassen. Und jetzt soll ich auf einmal darauf fassen? Da kann ich mich doch nur verbrennen, oder? Aber was, wenn der Herd ein paar Tage noch nicht mal an war? Die Platte ist kalt und es tut gar nicht weh…

Tja, so ist das, wenn man gefangen in seinen schlechten Erfahrungen und einer ekelhaft klebenden, nicht gehen wollenden Essstörung hängt. Aber selbst diese Essstörung hat mir gezeigt, dass sie viele Gesichter hat und in meinem Fall nicht nur Hungern bedeutet. Fakt ist, dass ich absolut keine Lust mehr habe und es mehr als satt bin, von der Essstörung gesättigt zu werden. Ich habe auf gut Deutsch einfach keinen Bock mehr, mich zu fragen, ob ich zu dick bin, ob mich mein Gegenüber zu dick oder zu hässlich/unattraktiv findet. Ich möchte mir keine Gedanken mehr machen, was wohl alle für Erwartungen an mich stellen und was passiert, wenn ich diese nicht erfülle.

Und allein, dieser Rummelbesuch zeigt mir, dass ich auf einem immer breiterem Weg bin. Aus einem Pfad ist immerhin schon ein Weg geworden und ich werde begleitet von Menschen, denen es um meine Person und mein Inneres geht.

Besonders eine Person hat mir gerade in der letzten Zeit bewiesen, dass es sich lohnt, immer mal wieder Lose zu kaufen. Sie zeigt mir, dass ich ich sein darf und sogar soll und wie es ist, wenn man einen Abend ganz unbefangen nur Quatsch macht und Tränen lacht. Und mit ihr die Lose freizurubbeln, macht immer mehr Spaß und ich bin sicher, dass es nicht nur Nieten gibt.

Krank vs. Gesund 1:3 – doch kein so schlechtes Ergebnis für die mehr als wackelige Partie letzte Woche…

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Ein Kommentar

  1. Ein Gegentor ist immer bitter, aber eine Offensive, die drei Tore schießen kann, gefällt mir. Ich bin mir sicher, dass du nicht so schnell schlapp machst. Weiter, immer weiter.

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