Vertrauen – kann ich oder kann ich nicht?

Manches muss und sollte man im Leben loslassen und ich kann bezeugen, dass das zum Teil zwar schwer ist, aber sich doch oft lohnt und am Ende die richtige Entscheidung ist. Ich frage mich ernsthaft, warum ich nicht losgelassen werde. Losgelassen von einer gewissen Krankheit. Ich mag das Wort Krankheit mittlerweile in meinem Zusammenhang gar nicht mehr, weil ich mich eigentlich immer gesünder fühle.

Vor zwei Jahren konnte ich der Krankheit wenigstens einen eindeutigen Namen geben – ich war magersüchtig, als konnte ich sie liebevoll voller Hass Ana (=Anorexie) nennen. Heute ist das wesentlich schwieriger. Ana hat sich endlich verabschiedet – ihre Neben- und Nachwirkungen allerdings nicht. Sie will noch immer die Kontrolle über mich behalten – wenn sie sie schon in Form des Hungerns abgeben mußte, so will sie mich doch wenigstens im möglichen Rahmen einer Essstörung weiterhin kontrollieren. Sie überredete mich, mich weiterhin in einem bestimmten Ritual zu wiegen und das entwickelte ich dann in Form meiner Italiener-Völlerei. Endlich satt werden schrie mein Körper und ich & er konnten schließlich nicht genug Nahrung und Sättigung bekommen. Aber wie nennt man eine Krankheit, eine Essstörung, die weder bulimisch noch anorektisch ist? Hier in meinem Fall gibt es irgendwie keinen Namen – doch Krankheit klingt nach krank und eigentlich bin ich das doch nicht mehr…?.

Sagen wir ES zu ihr. ES hält mich kopfmäßig noch immer phasenweise stärker in ihren Armen als ich gedacht hatte. ES äußert ihre Symptome in Form von Selbstzweifeln und Ängsten, nicht mehr gänzlich vertrauen zu können.

Jeder, der sich einmal etwas mit der Thematik Essstörung auseinander gesetzt hat, weiß, wie verquer, gemein und widerwärtig die Gedanken innerhalb dieser Geschichte sein können. Ich muss & möchte hier nicht noch einmal ins Detail gehen.

ES soll mich aber doch bitte endlich frei sein & werden lassen. Ich bin es so satt, mit (Selbst)zweifeln gefüllt zu sein. Anstatt mit Essen, wenn mir denn der Entzug des Italieners gelingt, bin ich gefüllt mit Hinterfragen, mit Ängsten und Zweifeln.

Der Beigeschmack einer Essstörung sind immer Selbstzweifel – ob der Gaumen sich darüber freut oder nicht. Schluck es. Passiert etwas ist Gutes, ist das schon merkwürdig. Passieren mehrere gute Dinge innerhalb kurzer Zeit, ist das mehr als merkwürdig. Es fühlt sich für mich unwirklich an. Wie schon so oft beschrieben: es ist unbekannt – gab es nie… Kann nicht sein, dass sich jemand um mich bemüht. Kann absolut nicht sein, dass sich jemand Sorgen um mich macht. Kann auch nicht sein, dass jemand sagt, „pass auf dich auf“ und es auch noch ehrlich meint. Kann mal überhaupt nicht sein, dass jemand zu mir sagt, „Du siehst wahnsinnig hübsch aus“ geschweige denn „Du hast eine tolle Figur“. Ich sehe mich täglich im Spiegel und es kann nicht sein, dass die Worte mir gelten.

Im Spiegel sehe ich eine Frau, die alles andere als attraktiv oder hübsch ist. Ganz deutlich sehe ich nur eine Oberflächlichkeit, für die ich diese Frau im Spiegel absolut verurteile. Diese Oberflächlichkeit hat sich in ihrem -also leider meinem- Kopf so sehr verankert, dass ich sie nicht mal herausprügeln könnte. Zwischenzeitlich gelingt es mir zum Teil, die Gedanken zu verdrängen oder zu überspielen, aber gerade, wenn mir viel Gutes passiert, wenn ich viel Zuspruch bekomme, wenn ich scheine, endlich gesund zu werden…, gerade dann, also gerade JETZT in dieser neuen Phase meines Lebens, schreien mich die Zweifel aus dem Spiegel und die Oberflächlichkeit von ES so an, dass mir das Trommelfell platzt. Ich kann nicht weghören. . . Ich höre, dass ich fett geworden bin. Ich, ausgerechnet ich, die die andere wirklich nicht nach dem Aussehen beurteilt; für die die Figur von anderen Menschen und von mir selber nie wirklich wichtig war und für die Ausstrahlung und Charakter aber immens wichtig sind… Ausgerechnet ich urteile nun wieder so oft über mein Aussehen und meinen Körper.

Ist ja auch ein einfaches Ventil, um dem ganzen absurden „Druck“ des Guten, das mir widerfährt, stand zu halten. Es läuft gut; ich habe endlich nach vielen Jahren wieder Spaß; ich gehe aus; ich lerne & treffe neue tolle Menschen; ich habe eine Freundschaft intensiviert und für mein Leben gewonnen, die einzigartig ist; mein Job macht mir Freude und fordert mich und – ich bin unabhängig, was ich leider jahrelang durch meine gewissen Auslöser von ES nicht sein durfte. Das erste mal, bin und werde ich nicht gemacht oder gesteuert, sondern ich darf und kann es mir aussuchen. Keine Gewalt und Druck oder Zwang mehr zu bestimmten Körperlichkeiten.

Damit das so bleibt, ist es doch eigentlich ganz easy: Vertrauen. In mich und in die Menschen, die mich scheinbar nehmen wie ich bin. Die mich mögen und die auch anscheinend mein Äußeres mögen und schließlich in die Zeit und die Phase meines Lebens jetzt – ich hole halt nach, was für die meisten längst selbstverständlich ist.

Am Ende ist es also wirklich so simpel? Einfach Vertrauen – kann ich oder kann ich nicht?

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