Monat: Januar 2016

aus dem Weg – ab auf den Rummel

Auf die Frage WANN? habe ich bisher noch keine Antwort erhalten. Natürlich nicht und ich werde auch nie eine Antwort darauf erhalten. Damit werde ich mich abfinden müssen. Womit ich mich nicht abfinden will und muss, ist immer wieder schwach zu werden. In meiner stärksten Zeit werde ich am schwächsten. So wie jetzt. So viele Rückfälle in letzter Zeit, und so viele unbeschreiblich schöne Momente in letzter Zeit. Beides meilenweit voneinander entfernt und doch liegen nur Sekunden zwischen Hoch und Tief.

Ich bin mal wieder auf diesem Rummel, auf dem ich immer wieder lande. Die Losverkäufer, die mir schon einmal meinen Weg versperrt hatten und mir diese schönen bunten, kleinen geheimnisvollen Lose zart aber bestimmt in die Hände gelegt haben. Für alle bezahlte ich und eines nach dem anderen öffnete ich und ich bekam – was auch sonst – Nieten. Ich habe schon immer viel bezahlt für Nieten. . . Also lief ich weiter an allen Buden und bunten Fahrgeschäften vorbei und bildete mir ein, dass ich auch mit einer Niete, einem Aussichtslos den Hauptgewinn ziehen könnte.

Heute bin ich wieder auf dem Rummel. Ich laufe in einem Spiegellabyrinth durch die schmalen Gänge und an jeder Ecke bin ich unsicher. An jeder Ecke sehe ich mich im Spiegel – eine mehr als große Herausforderung und noch größere Überwindung für mich. In dem einen Spiegel strahle ich; ich sehe eine verdammt befreite und glückliche Astrid, die so gesund und erfüllt ausschaut, wie seit Jahren nicht. All die anderen um mich herum scheinen es mir mit ihrem Lächeln noch zu bestätigen. Wie in meinem realen Umfeld momentan auch. Ich bekomme ungefragt tolle Komplimente und schöne Worte; sogar von Menschen, von denen ich niemals erwartet hätte, dass sie mich überhaupt wahrnehmen.

Anstatt hier und jetzt den richtigen Ausweg aus diesem Labyrinth zu nehmen, der gleich neben mir liegt, zum Greifen und Schreiten nah; der für mich quasi sichtbar ist, laufe ich weiter. Es kann doch nicht so einfach sein…? Hier schon raus aus diesem ewigen nicht endenden Teufelskreis und Labyrinth und einfach das Glück genießen?? Das geht nicht. Sowas kenne ich nicht. So einfach war es nie und so einfach darf & kann es nicht sein… Die nächsten Ecken warten und ich kann und darf sie nicht ungeachtet lassen.

Die Spiegel kommen mir auf einmal viel wuchtiger vor. Meine Zweifel, meine Ängste und diese Spiegel wiegen schwerer und schwerer und scheinen über mich einzustürzen. Ich sehe mich; ich sehe keine Frau, die strahlt. Ich sehe mich, so wie ich mich eben sehe. Nichts zu bieten, hässlich und dick. Fett. Ich sehe mich – hungrig nach Leben, das nicht nur noch ein Wort sein soll, sondern Realität. Hungrig auf mein Leben und hungrig nach Freiheit. Ich muss mich sättigen – mit Bestrafung meiner Selbst und mit dem Beweis, dass der Ausweg eben doch nicht so leicht ist. Die Spiegel schreien mir entgegen „hier lang, hier lang…“ ich folge ihnen und vermeide es, in sie hineinzusehen. Ich bin am schwächsten, wenn ich am stärksten bin. Ich will einfach nur noch den Schreien folgen und mir endlich dieses ungewisse Gefühl des schönen Glücks nehmen. Ich laufe immer schneller und schneller und endlich lande ich am Ausgang. Kein Ausweg. Nur der Ausgang – der Ausgang ist der Italiener. Die absolute Völlerei. Endlich wieder schlecht fühlen und das Vertraute spüren. Dem Neuen, dem Glück die Chance verwehren, mir zu zeigen, dass es vielleicht auch in mir ein Zuhause finden könnte… Wieder in den programmierten Modus – das kann ich am besten. Schwach werden. Schwach sein. Ich bin satt und ich bin ES satt.

Ich sehne mich nach dem Ausweg. Mir nicht mehr im Weg stehen – vielleicht einfach auf einen anderen Rummel gehen. Irgendwo ist er – ein schöner bunter Rummel, wo der Losverkäufer mit dem Hauptgewinn auf mich wartet. Ich greife in den Loseimer und ziehe und wähle mein Glück und warte nicht mit Hundeblick, bis mir der Losverkäufer die Nieten zart in meine Hände legt und ich wieder im nächsten Labyrinth lande.

 

 

Wann?

Wann? Dieses eine Wort als simple Frage formuliert ist in der Antwort leider gar nicht mehr so simpel … Ich frage mich ständig: Wann? Wann kann ich vergessen, was war? Wann werde ich gesund? Wann höre ich endlich auf, mich vollzustopfen? Wann habe ich endlich kopffrei? Wann hören meine Zweifel auf? Wann lerne ich meinen Körper akzeptieren geschweige denn zu mögen? WANN?

Ich ertrage es nicht mehr. Ständig Rückfälle und ständig werde ich wieder und wieder mit meiner Vergangenheit konfrontiert. Ich will und kann nicht mehr. Etwas hat sich geändert in der Zeit, in der  ich diese Erinnerungen und diese Krankheit in mir trage. Ich möchte leben und weitermachen. Das war nicht immer so und schon gar nicht selbstverständlich. Das hat sich mittlerweile geändert und ich bin froh und dankbar dafür. Und doch bin ich einfach am Ende meiner Kräfte. Ich kann und will nicht mehr kämpfen. Ganz einfach – ich kann nicht mehr. Ich lande immer wieder am gleichen Punkt und zermatere mich. Ich zerfleische mich mit meine Gedanken und der Hirnfick nimmt einfach kein Ende. Ich bin nicht gut genug. Ich bin hässlich. Ich habe nichts zu bieten. Ich bin wertlos.

Und ich lande immer wieder im gleichen Schema. Wann hört das auf? Wann verinnerliche ich eine oder die neue Sicht auf die Dinge, die ich doch theoretisch so gut verstanden habe. Ich weiß schon, warum mein altbekanntes Schema dieser Krankheit immer und immer wieder aufs Neue greift. Ich weiß, wo die Ursache meines zerstörten Ichs liegt. Die Kernursache und die zwei weiteren ausschlaggebenden Ursachen – ich kenne sie in- und auswendig und habe sie bis ins Mark analysiert, besprochen, verstanden, versucht zu vergessen oder zumindest als einen Teil meines Lebens akzeptiert.

Diese Ursachen führen mich immer wieder in ein Schema, in MEIN Schema, das die Krankheit so wundervoll hässlich ausgereift hat. Zart wie ein bildschöner weicher Pfirsich, der in wunderwollem blassen rosa und immer vollerem und tieferem rot sein Antlitz findet. Und dann nimmst du den Pfirsich aus der Obstschale und fasst in eine matschige, ekelhaft bräunliche Stelle und stellst fest, dass er überreif ist. Überreif – das sollte mein Krankheitsschema oder Muster oder wie auch immer man es nennen mag, auch sein. So, dass ich es nehmen kann und einfach wegwerfen kann, wie eben den schlechten Pfirsich auch. Doch ich kann sie nicht greifen, diese widerwärtige Krankheit. Ich kann sie begreifen, doch das hilft mir nicht. Wegwerfen ist nicht. Sie ist noch immer da und legt sich wie ein Mantel um meine Schultern. Es ist kalt, also wärmt sie mich. So einfach ist das.

Mein Schema ist im Prinzip so einfach. Ganz einfach zu erklären, dass es sogar Menschen nachvollziehen können, die nichts mit der Krankheit zu tun haben oder nicht eine solche Vergangenheit haben.

Ich wurde auf eine sehr andere Art erzogen, als es normal ist. Ich wurde programmiert. Spaß und Liebe kamen schlichtweg zu kurz und seither habe ich innerlich Selbstzweifel. Diese wurden durch meine letzte Beziehung mehr als verstärkt und ich wurde innerlich komplett gebrochen.

Leben war und wurde für mich nur noch ein Wort.

Auch, wenn es zwischenzeitlich immer wieder Phasen in meinem Leben gab, in denen es mir sehr gut ging und ich sogar den Ansatz hatte, mich glücklich zu fühlen -ob ich es war, weiß ich nicht wirklich-, so kamen dann immer mehr oder minder gleich pervers harte Ereignisse, die mir wieder zeigten: du, Astrid – du darfst und wirst nie glücklich sein. Verboten.

Tja, und jetzt ist da gerade eine Phase, in der es mir tatsächlich sehr gut geht – eigentlich. Ich habe eine einzigartige Freundschaft vertieft, die mir täglich aufs Neue zeigt, dass ich es vielleicht doch wert sein könnte. Die mir Spaß, Ernst, Liebe, Freude, tiefe und seichte Gespräche, Gelassenheit, Vertrauen, Ungezwungenheit gibt. Es gibt kein größeres Geschenk. Und noch etwas ist passiert, mit dem ich in meinem Leben nie gerechnet hätte, das mich aber unheimlich berührt und glücklich macht und mir eine Gefühlswelt eröffnet, die ich nicht kenne oder kannte bisher. Also eigentlich ist emotional alles wundervoll.

Und prompt ist er wieder da – der Mantel, der mich einwickelt. Die Krankheit, die mich eingewickelt hat. Für immer? Wann hört es auf? Wann höre ich endlich auf, in das Schema zu fallen und mich vollzustopfen, damit ich mich danach so widerlich und ekelhaft fühle? So fett und absolut hässlich? Für dieses Gefühl nach der Völlerei gibt es keinen Ausdruck. Ich finde keine Worte, die es annähernd beschreiben könnten. Ich fühle mich ekelhaft – innerlich und äußerlich. Und so jemanden will keiner und mit so jemandem hat niemand Spaß und so jemanden begehrt man nicht. So jemanden möchte man nicht berühren und mit jemandem, der bzw. die so hässlich ist, will man einfach, ganz simpel, nichts zu tun haben.

Damit ist der Kreis wieder rund. Das programmierte Ich darf nicht glücklich sein. Wenn es die anderen nicht machen, tu ich es eben selbst – ich beweise es mir, indem ich mich einfach vollstopfe und rückfällig werde.

Also, wann vertraue ich endlich? Wann hören die Zweifel auf? Wann hört die Angst auf?

Immerhin stelle ich diese Frage. Ich frage, wann es aufhört. Ich sage nicht mehr, DASS es nicht mehr aufhört. Immerhin ein Fortschritt, den ich nicht missen möchte. Und ein bisschen Vertrauen ist doch irgendwie da – sonst hätte ich mich nicht auf diese Freundschaft eingelassen und würde es nicht von Tag zu Tag wieder tun. Ich will sie nie wieder missen… Und irgendwie scheint noch eine andere Art Vertrauen in mich selbst geboren zu sein – sonst würde ich mich nicht in diese noch so wahnsinnig ungewisse, aber unheimlich spannende, schöne und wertvolle Situation fallen lassen. Dieses andere Ereignis, das mir ebenfalls gerade zeigt, dass ich ICH sein darf und sogar soll.

Also versuche ich darauf zu vertrauen, dass ich den Mantel irgendWANN nicht mehr brauche. Mit diesem Versuch hangele ich mich irgendwie in den nächsten Tag…