Monat: Februar 2016

hinter schwarzen Wolken

Zeit wird es, etwas positiver zu sein. Zu denken. Positiver und anders zu denken. Zeit wird es, endlich mal die schwarzen Wolken etwas beiseite zu schieben. Der Himmel ist blau – azur sagt man. . . Seit ein paar Jahren sehe ich relativ wenig davon. Ich habe oft nur die schweren, dunklen schwarzen Wolken gesehen. Und so leicht Wolken auch aussehen und zu sein scheinen, so schwerer war es für mich, sie ein kleines Stück beiseite zu schieben und auf azur zu hoffen. Jetzt fühle ich mich langsam bereit. Wirklich bereit. Ich mag zwar dunkle Farben; sie kleiden mich und ich fühle mich darin geborgen. Ich bin sie auch irgendwie gewohnt. Aber wem schadet ab und an ein Farbwechsel? Das Leben ist bunt. Und so sollte im Idealfall auch mein Leben sein.

Ich bin neugierig und ich habe das Gefühl, ich muss etwas tun. Andernfalls drehe ich durch. Zu viele Rückfälle in letzter Zeit, zu häufig das Glück links liegen lassen und mit Volldampf daran vorbei gerauscht. Mit voller Geschwindigkeit immer den schwarzen Wolken entgegen. Es ist an der Zeit, dem Himmel die Chance zu geben, sich mir zu öffnen. Ich ertrage meine Gedanken nicht mehr. Ich ertrage es nicht mehr, ständig in die Vergangenheit zu rutschen, ohne es zu wollen. Es passiert. Es passiert einfach mit mir und ich bin gelähmt. In diesen Momenten kann ich nichts dagegen unternehmen und die dunklen Wolken schütten sich über mir aus. Es regnet – es regnet und ich bin durchnässt. Nass und vollgesogen mit Zweifeln, meiner ständigen Angst, meinem Körperhass und allem, was meine ständige Begleitung in Form dieser Krankheit ausmacht.

Auch wenn ich denke, dass mir manchmal die Luft zum Atmen fehlt; auch, wenn ich mich noch so schrecklich fühle; auch, wenn ich mal wieder das Gefühl habe, mein Körper platzt, weil ich wieder so immens fett geworden bin und mich so sowieso niemand auch nur annähernd mögen & attraktiv finden kann – auch in diesen Momentan sind neuerdings Menschen da, die es schaffen, mich irgendwie aufzufangen. Mir wird gezeigt, dass auch ich anscheinend einen Platz in dieser Welt verdient habe. Ich selber beanspruche einen solchen Platz bisher nur sehr bedingt – ich denke, dass ich es nicht besser verdient habe. Aber was, wenn das vielleicht gar nicht stimmt? Vielleicht ist es ja einfach wirklich alles vorbei und ich darf von vorn beginnen. Eine neue Chance für ein anderes Leben. Für (m)ein Leben. Ich will gar keinen reset-button drücken oder irgendwie die Uhrzeiger zurückdrehen – was geschehen ist, ist geschehen. Ich möchte einfach mit anderen Augen auf mein Leben blicken und mir selber die Chance einräumen, durchzuatmen – auch wenn die Welt zu eng für mich erscheint. Gerade dann sollte ich mir vielleicht einen (neuen) Platz schaffen. Die schweren dunklen Lasten beiseite schieben und dahinter blicken. Hinter schwarzen Wolken wartet sicherlich einiges.

Ich sollte es endlich richtig anpacken und die Wolken nicht schwer erscheinen lassen, sondern sie anderes betrachten. Vielleicht sind sie gar nicht schwarz. Vielleicht sind sie nicht schwer. Vielleicht sind sie aus azurfarbener Zuckerwatte und es regnet anstatt Ängsten und Zweifeln einfach mal Zucker. Etwas Süßes gibt bekanntlich Energie und neuen Antrieb.

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Darf ich?

Wie ist das? Wann darf man glücklich sein und sich mal unbeschwert und gut fühlen? Darf man das immer? Sollte man das? Gibt es hier Regeln? Wenn man mal richtigen Scheiß gebaut hat, darf man doch nicht glücklich sein, oder? Wie kann man das mit seinem Gewissen vereinbaren, wenn man totalen Mist gebaut hat? Ich gehöre zu den Menschen, die wirklich Scheiße gebaut haben. Und ich bin mir dessen gerade sehr bewusst und versuche, gedanklich und moralisch dagegen anzukämpfen bzw. es für mich zu akzeptieren, warum ich das getan habe. Es hat einen Grund – so viel habe ich erkannt und anerkannt. Vor kurzem erst.

Ich steckte bis jetzt eigentlich immer noch so sehr in der Vergangenheit fest. Viel zu sehr. Weil mich meine frühe Vergangenheit, meine Kindheit, ziemlich geprägt hat, und weil mich bestimmte Ereignisse aus meiner späteren Vergangenheit gefühlt noch mehr prägen -im mehr als negativen Sinne- deshalb versage ich es mir, glücklich zu sein. Ich darf das nicht. Durfte ich bis auf wenige Ausnahmen, sowieso nie. Ich bin mit offenen Armen in mein Unglück gerannt und habe es noch umarmt, umklammert anstatt die Arme vor der Brust zu verschränken. Kein Schutz, keine Selbstfürsorge – keinen Selbstwert.

Seit 3 Jahren habe ich kaum noch einen Sinn für meine Person und meinen Wert. Ich komme nicht los vom Geschehenen. Es hat meine Seele zerrissen und ich kann kann diese Risse einfach nicht flicken. Früher konnte ich mit dem Wort Seelenschmerz nicht viel anfangen. Heute schon. Ich werde immer weiter hineingerissen, in diesen Strudel, der immer weiter und immer kräftiger abwärts driftet. Mein Ausweg war nach meinem gescheiterten Versuch, mein Leben zu löschen, bis heute immer eine Form meiner Essstörung. Erst war es Ana, die mich so schützend, anfangs ganz zaghaft und zunehmend immer fordernder und forscher begleitet hat. Sie konnte mich nur schwer loslassen. Ich konnte sie nur schwer loslassen. Als ich es irgendwie mit mir vereinbaren konnte, als es mal den Anschein machte, dass es langsam „klick“ macht, als ich mich so dünn einfach noch widerlicher als sowieso schon fand, als ich merkte, dass ich doch irgendwie fühlen will, was Leben eigentlich ist und als ich einfach nur noch gesund werden wollte – da fing ich an, regelmäßig zu essen. Leider blieb es nicht beim Essen, sondern es wurde zu Fressen. Also doch nichts mit Gesundwerden oder mit Loslassen. Anscheinend brauche ich noch immer irgendwie diese Form von Schutz / Geborgenheit, Sättigung meiner Seele innerhalb dieser Essstörung. Sie scheint zumindest kurzfristig die Risse zu flicken. Oder sie betäubt einfach den Schmerz. Kurzfristig.

Dann dachte ich, ich könnte wirklich mal glücklich sein oder werden. Hoffnung. Denn es gibt einen ganz besonderen Menschen, der mir gerade beweist, dass ich es wert bin, wahrgenommen zu werden und der mir zeigt, dass ich für ihn wohl auch irgendwie liebenswert bin. Als Ich – als Mensch und als Frau. Als Astrid. Glück und Lebensfreude pur. Gefühle zulassen. Vertrauen versuchen. Vertrauen bekommen. Einfach nur Fühlen und Spüren. Gefühle, die mir gut tun und die mich erwecken. Und hier ist auch gleich der Fehler: Ich bin glücklich. Darf ich das? Nein.

Also mache ich mich mit voller elender und ekelhafter Leidenschaft wieder gewohnt unglücklich. Ich fresse. Ich habe mehr Rückfälle als je zuvor und reite mich immer weiter hinein in die ganze Scheiße. Bei diesen Attacken bin ich wieder vollkommen – und gar nicht mehr ich. Ich bin wieder die widerliche Astrid, die fette & hässliche Astrid, die sich das gerade wieder auf extremste Art beweisen muss, damit sie wieder beruhigt in den Spiegel sehen kann und das gewohnte, das alt bekannte sieht: Scham. Einen Körper, der mich anekelt.

Aber auch das widert und ekelt mich mittlerweile nur noch an. Ich will das nicht mehr im Spiegel sehen. Noch nicht mal mehr Spiegel zertrümmern oder verhängen hilft. Ich sehe mich trotzdem so. Überall – bis in den Traum und in den Schlaf, sofern ich welchen bekomme. Ich bin es satt, mich so zu sehen. Satt, satt, satt. Verdammt, ich bin überfressen. Ich will das nicht mehr. Ich möchte das ein für allemal ändern. Raus aus der Vergangenheit – raus aus den Konsequenzen. Passiert ist es und ich kann es nicht mehr ändern. Raus aus der Essstörung.

Ich will lachen. Darf ich das, wo ich doch so einen Mist gebaut habe? Darf ich das, wo ich mich immer weiter hineingeritten habe? Darf ich das, wo ich doch viel eher hätte etwas dagegen unternehmen können? Unternehmen müssen. Ich will glücklich sein und loslassen. Aber darf ich?

Wo bist du, Jemand?

Oft frage ich mich, wie ich mir meine Situation erklären würde, ohne die therapeutische Deutung zu kennen.

Mir fehlte etwas in meiner Kindheit. Mir fehlte jemand. Und das zieht sich durch mein ganzes Leben. Mir fehlte immer etwas und jemand. Ich wuchs anders auf, als manch anderes Kind. Das sehe ich lediglich als Erklärung – nicht als Entschuldigung oder Ausrede. Doch wo ist hier die Grenze zwischen Erklärung und Entschuldigung?

Ich sitze in meinem Sessel, starre ins Leere und bin ratlos. Im Bezug auf mich und mein Leben bin ich bedeutend oft ratlos. Ich versuche es im Alltag zu überspielen. Nicht mehr so wie in den letzten 2 Jahren, in denen ich mir eine komplette „heile Welt“, eine regelrechte Scheinwelt für die Aussenwelt schuf – nein, mittlerweile ist das nicht mehr so. Es ist anders. Doch trotzdem muss ich täglich so tun, als ginge es mir gut, als hätte ich keine Sorgen, als würde ich nicht ständig mit mir und gegen mich kämpfen. Ich versuche täglich zu überspielen, wie ratlos ich eigentlich bin.

Ich habe Sehnsucht. Wo bist du? Wo ist dieser Jemand, der mich in die Schranken weist? Der mir sagt, dass das, was ich da gerade gesagt habe, totaler Bullshit ist. Wo bist du? Ich komme aus der Schule und niemand ist da, der mich fragt, wie meine Englischklausur gelaufen ist. Niemand da, der mir nach dem Abendessen sagt „noch eine halbe Stunde Lesen oder Fernsehen und dann gehst du Zähneputzen“. Ich komme von der Arbeit und habe das Bedürfnis, zu fragen, ob meine Argumentation heute im Meeting vielleicht total daneben oder unprofessionell war. Ich kann mich mit Freunden beratschlagen und das allein ist etwas wundervolles – das weiß ich. Aber ich kann niemanden fragen, der mich schon mein Leben lang kennt. Der mich aufgezogen hat, der mit mir Englischvokabeln geübt hat, wenn ich die Klausur verhauen habe. Der mit mir in die Ferien gefahren ist und mich gewarnt hat, nicht zu weit raus zu schwimmen. Der mich beobachtet hat in meiner Entwicklung, der mir einen richtigen Arschtritt gegeben hat, wenn ich heulend berichte, dass ich meine Ausbildung abbrechen möchte. Wo bist du? Wo ist der Jemand, der mich in- und auswendig kennt und mir ordentlich den Kopf wäscht, wenn ich einen Kredit aufnehme, um das Geld wiederum weiterzugeben, was ich hätte noch viel besser verbrennen können… Wo bist du? Ich brauche dich. Ich brauche einen Rat. Einen einfachen Rat. Vielleicht auch Zuspruch oder Widerspruch bei einer meiner Entscheidungen.

Ich habe weniger als eine Hand voll Menschen, die ich um Rat fragen kann. Um Rat fragen will, geschweige denn bitten will. Ich empfinde dies wiederum nicht als schlimm – eher im Gegenteil. Diese auserlesenen Menschen will ich nicht missen und ich weiß sie zu schätzen. Diese Menschen haben es immerhin geschafft, in die Nähe meines Ichs zu gelangen. Ich möchte in meinem Umfeld keine Menschen mehr haben, die mich blenden, ausnehmen oder misshandeln. Ich versuche, bewusst auf solche Menschen zu verzichten, indem ich grundlegend misstraue. Keine Ahnung, ob Misstrauen pauschal etwas schlechtes ist. Dahingehend hat mich keiner gewarnt oder gebrieft. Also wo bist du, wenn es nicht genügt, meine Freundin um Rat zu fragen? Wenn die Peinlichkeit oder Scham zu groß ist. Wo bist du, der mich mein Leben kennt und vor dem ich keine Scham verstecken könnte?

Ich habe so viel Erfahrung und doch habe ich keine Erfahrung. Erfahrung im Entscheidungen treffen habe ich. Noch mehr Erfahrung im Treffen von falschen Entscheidungen. Entscheidungen, die in einer Kurzschlusshandlung mein Leben gekostet hätten, wenn nicht der Zufall mitgespielt hätte. Das kann ich. Erfahrung im Treffen von richtigen Entscheidungen oder Vertrauen in mich und andere habe ich kaum. Kann sich ändern. Wird sich hoffentlich ändern. Wenn nicht, bin ich ratloser als zuvor. Ich weiß nicht, wie lange ich dem noch stand halten kann. Also wo bist du, wenn ich vor Angst nicht mehr ein noch aus weiß?

Wo bist du, Jemand?