Wo bist du, Jemand?

Oft frage ich mich, wie ich mir meine Situation erklären würde, ohne die therapeutische Deutung zu kennen.

Mir fehlte etwas in meiner Kindheit. Mir fehlte jemand. Und das zieht sich durch mein ganzes Leben. Mir fehlte immer etwas und jemand. Ich wuchs anders auf, als manch anderes Kind. Das sehe ich lediglich als Erklärung – nicht als Entschuldigung oder Ausrede. Doch wo ist hier die Grenze zwischen Erklärung und Entschuldigung?

Ich sitze in meinem Sessel, starre ins Leere und bin ratlos. Im Bezug auf mich und mein Leben bin ich bedeutend oft ratlos. Ich versuche es im Alltag zu überspielen. Nicht mehr so wie in den letzten 2 Jahren, in denen ich mir eine komplette „heile Welt“, eine regelrechte Scheinwelt für die Aussenwelt schuf – nein, mittlerweile ist das nicht mehr so. Es ist anders. Doch trotzdem muss ich täglich so tun, als ginge es mir gut, als hätte ich keine Sorgen, als würde ich nicht ständig mit mir und gegen mich kämpfen. Ich versuche täglich zu überspielen, wie ratlos ich eigentlich bin.

Ich habe Sehnsucht. Wo bist du? Wo ist dieser Jemand, der mich in die Schranken weist? Der mir sagt, dass das, was ich da gerade gesagt habe, totaler Bullshit ist. Wo bist du? Ich komme aus der Schule und niemand ist da, der mich fragt, wie meine Englischklausur gelaufen ist. Niemand da, der mir nach dem Abendessen sagt „noch eine halbe Stunde Lesen oder Fernsehen und dann gehst du Zähneputzen“. Ich komme von der Arbeit und habe das Bedürfnis, zu fragen, ob meine Argumentation heute im Meeting vielleicht total daneben oder unprofessionell war. Ich kann mich mit Freunden beratschlagen und das allein ist etwas wundervolles – das weiß ich. Aber ich kann niemanden fragen, der mich schon mein Leben lang kennt. Der mich aufgezogen hat, der mit mir Englischvokabeln geübt hat, wenn ich die Klausur verhauen habe. Der mit mir in die Ferien gefahren ist und mich gewarnt hat, nicht zu weit raus zu schwimmen. Der mich beobachtet hat in meiner Entwicklung, der mir einen richtigen Arschtritt gegeben hat, wenn ich heulend berichte, dass ich meine Ausbildung abbrechen möchte. Wo bist du? Wo ist der Jemand, der mich in- und auswendig kennt und mir ordentlich den Kopf wäscht, wenn ich einen Kredit aufnehme, um das Geld wiederum weiterzugeben, was ich hätte noch viel besser verbrennen können… Wo bist du? Ich brauche dich. Ich brauche einen Rat. Einen einfachen Rat. Vielleicht auch Zuspruch oder Widerspruch bei einer meiner Entscheidungen.

Ich habe weniger als eine Hand voll Menschen, die ich um Rat fragen kann. Um Rat fragen will, geschweige denn bitten will. Ich empfinde dies wiederum nicht als schlimm – eher im Gegenteil. Diese auserlesenen Menschen will ich nicht missen und ich weiß sie zu schätzen. Diese Menschen haben es immerhin geschafft, in die Nähe meines Ichs zu gelangen. Ich möchte in meinem Umfeld keine Menschen mehr haben, die mich blenden, ausnehmen oder misshandeln. Ich versuche, bewusst auf solche Menschen zu verzichten, indem ich grundlegend misstraue. Keine Ahnung, ob Misstrauen pauschal etwas schlechtes ist. Dahingehend hat mich keiner gewarnt oder gebrieft. Also wo bist du, wenn es nicht genügt, meine Freundin um Rat zu fragen? Wenn die Peinlichkeit oder Scham zu groß ist. Wo bist du, der mich mein Leben kennt und vor dem ich keine Scham verstecken könnte?

Ich habe so viel Erfahrung und doch habe ich keine Erfahrung. Erfahrung im Entscheidungen treffen habe ich. Noch mehr Erfahrung im Treffen von falschen Entscheidungen. Entscheidungen, die in einer Kurzschlusshandlung mein Leben gekostet hätten, wenn nicht der Zufall mitgespielt hätte. Das kann ich. Erfahrung im Treffen von richtigen Entscheidungen oder Vertrauen in mich und andere habe ich kaum. Kann sich ändern. Wird sich hoffentlich ändern. Wenn nicht, bin ich ratloser als zuvor. Ich weiß nicht, wie lange ich dem noch stand halten kann. Also wo bist du, wenn ich vor Angst nicht mehr ein noch aus weiß?

Wo bist du, Jemand?

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