Darf ich?

Wie ist das? Wann darf man glücklich sein und sich mal unbeschwert und gut fühlen? Darf man das immer? Sollte man das? Gibt es hier Regeln? Wenn man mal richtigen Scheiß gebaut hat, darf man doch nicht glücklich sein, oder? Wie kann man das mit seinem Gewissen vereinbaren, wenn man totalen Mist gebaut hat? Ich gehöre zu den Menschen, die wirklich Scheiße gebaut haben. Und ich bin mir dessen gerade sehr bewusst und versuche, gedanklich und moralisch dagegen anzukämpfen bzw. es für mich zu akzeptieren, warum ich das getan habe. Es hat einen Grund – so viel habe ich erkannt und anerkannt. Vor kurzem erst.

Ich steckte bis jetzt eigentlich immer noch so sehr in der Vergangenheit fest. Viel zu sehr. Weil mich meine frühe Vergangenheit, meine Kindheit, ziemlich geprägt hat, und weil mich bestimmte Ereignisse aus meiner späteren Vergangenheit gefühlt noch mehr prägen -im mehr als negativen Sinne- deshalb versage ich es mir, glücklich zu sein. Ich darf das nicht. Durfte ich bis auf wenige Ausnahmen, sowieso nie. Ich bin mit offenen Armen in mein Unglück gerannt und habe es noch umarmt, umklammert anstatt die Arme vor der Brust zu verschränken. Kein Schutz, keine Selbstfürsorge – keinen Selbstwert.

Seit 3 Jahren habe ich kaum noch einen Sinn für meine Person und meinen Wert. Ich komme nicht los vom Geschehenen. Es hat meine Seele zerrissen und ich kann kann diese Risse einfach nicht flicken. Früher konnte ich mit dem Wort Seelenschmerz nicht viel anfangen. Heute schon. Ich werde immer weiter hineingerissen, in diesen Strudel, der immer weiter und immer kräftiger abwärts driftet. Mein Ausweg war nach meinem gescheiterten Versuch, mein Leben zu löschen, bis heute immer eine Form meiner Essstörung. Erst war es Ana, die mich so schützend, anfangs ganz zaghaft und zunehmend immer fordernder und forscher begleitet hat. Sie konnte mich nur schwer loslassen. Ich konnte sie nur schwer loslassen. Als ich es irgendwie mit mir vereinbaren konnte, als es mal den Anschein machte, dass es langsam „klick“ macht, als ich mich so dünn einfach noch widerlicher als sowieso schon fand, als ich merkte, dass ich doch irgendwie fühlen will, was Leben eigentlich ist und als ich einfach nur noch gesund werden wollte – da fing ich an, regelmäßig zu essen. Leider blieb es nicht beim Essen, sondern es wurde zu Fressen. Also doch nichts mit Gesundwerden oder mit Loslassen. Anscheinend brauche ich noch immer irgendwie diese Form von Schutz / Geborgenheit, Sättigung meiner Seele innerhalb dieser Essstörung. Sie scheint zumindest kurzfristig die Risse zu flicken. Oder sie betäubt einfach den Schmerz. Kurzfristig.

Dann dachte ich, ich könnte wirklich mal glücklich sein oder werden. Hoffnung. Denn es gibt einen ganz besonderen Menschen, der mir gerade beweist, dass ich es wert bin, wahrgenommen zu werden und der mir zeigt, dass ich für ihn wohl auch irgendwie liebenswert bin. Als Ich – als Mensch und als Frau. Als Astrid. Glück und Lebensfreude pur. Gefühle zulassen. Vertrauen versuchen. Vertrauen bekommen. Einfach nur Fühlen und Spüren. Gefühle, die mir gut tun und die mich erwecken. Und hier ist auch gleich der Fehler: Ich bin glücklich. Darf ich das? Nein.

Also mache ich mich mit voller elender und ekelhafter Leidenschaft wieder gewohnt unglücklich. Ich fresse. Ich habe mehr Rückfälle als je zuvor und reite mich immer weiter hinein in die ganze Scheiße. Bei diesen Attacken bin ich wieder vollkommen – und gar nicht mehr ich. Ich bin wieder die widerliche Astrid, die fette & hässliche Astrid, die sich das gerade wieder auf extremste Art beweisen muss, damit sie wieder beruhigt in den Spiegel sehen kann und das gewohnte, das alt bekannte sieht: Scham. Einen Körper, der mich anekelt.

Aber auch das widert und ekelt mich mittlerweile nur noch an. Ich will das nicht mehr im Spiegel sehen. Noch nicht mal mehr Spiegel zertrümmern oder verhängen hilft. Ich sehe mich trotzdem so. Überall – bis in den Traum und in den Schlaf, sofern ich welchen bekomme. Ich bin es satt, mich so zu sehen. Satt, satt, satt. Verdammt, ich bin überfressen. Ich will das nicht mehr. Ich möchte das ein für allemal ändern. Raus aus der Vergangenheit – raus aus den Konsequenzen. Passiert ist es und ich kann es nicht mehr ändern. Raus aus der Essstörung.

Ich will lachen. Darf ich das, wo ich doch so einen Mist gebaut habe? Darf ich das, wo ich mich immer weiter hineingeritten habe? Darf ich das, wo ich doch viel eher hätte etwas dagegen unternehmen können? Unternehmen müssen. Ich will glücklich sein und loslassen. Aber darf ich?

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