Monat: März 2016

Immer noch nicht eins

Eigentlich dachte ich, dass es irgendwann besser wird. Eigentlich hatte ich immer die leise Hoffnung in mir, dass ich meine kranken Gedanken irgendwann in gesunde Gedanken umwandeln kann. Eigentlich. Momentan herrscht gefühlter Stillstand. Ich versuche, meiner Krankheit davon zu rennen, schneller als sie zu sein. Ich will sie endlich hinter mir lassen. Aber sie klebt an mir wie ein Kaugummi und anstatt zu rennen, trete ich auf der Stelle. Und obwohl ich nicht renne bin ich aus der Puste. Ich ersticke, bekomme keine Luft mehr.

Ich komme nicht weiter und mein Kopf dreht sich immer und immer wieder um. Blickt zurück anstatt nach vorn. Zurück in die Zeit als ich dünn war. Dürr sogar. Im Moment schreit alles in mir und meinen Gedanken, dass dies die definitiv einfachere Zeit war. Alles war leichter, ich war leichter. Ich war leicht von Kopf bis Fuß.  Ich war gefühlt leicht im Kopf. Leichter als jetzt zumindest. . .

Mein Kopf ist schwer wie Blei. So viele Gedanken, die ich nicht mehr tragen will und die ich nicht mehr tragen kann. Ich will, dass es aufhört. Ich möchte mich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen.  Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, oberflächlich zu sein. Ich will nicht mehr darüber nachdenken, wie ich meinen Körper am besten nicht mehr spüre, wie ich meinem Spiegelbild aus dem Weg gehen kann. . . Ich will das nicht mehr, verdammt.

Das ist die eine Seite in mir. Die andere Seite schreit mich an: „Jetzt hör endlich auf mit dem Scheiss. Du machst doch Fortschritte… Du bist nicht da, wo du vor einem Jahr noch warst. SEI VERDAMMT NOCH MAL GEDULDIG und erkenne an, was du schon geschafft hast“. Blablabla…  Es ist ein ungeheuer lautes Schreien, lauter als das der anderen, der kranken Seite. Doch es erreicht mich kaum. Klar, mir ist bewusst, dass alles seine Zeit dauert, mir ist auch bewusst, dass ich zunehme oder zugenommen habe, mir ist bewusst, dass es nie leicht ist, einer Sucht zu entkommen. Doch ich kann nicht mehr. Müde. Kraftlos. Fast willenlos. Fast. Ich bin wieder mitten drin im Kampf krank vs. gesund. Dabei war ich schon fast raus aus dem Ring. Fast nur noch Zuschauer. Zwar in der ersten Reihe, aber immerhin. Und jetzt? Ich stecke fest im Sumpf der Völlerei, der Rückfälle. Ich ergebe mich völlig dem permanenten Hirnfick und ich sehne mich danach, mich und meinen Körper zu akzeptieren, zu mögen. Egal mit welchem Gewicht. Vor vier Jahren noch, da ging das problemlos. Ich war da und ich fand es toll. Ich fand mich toll. Relativ zumindest. Wieso will es jetzt einfach nicht weiter voran gehen? Liegt es wirklich „nur“ daran, dass ich es mir nicht erlauben kann, emotional glücklich zu sein, wie ich es nämlich momentan eigentlich bin? Bestraft mich diese beschissene Essstörung wirklich damit? Bestrafe ich mich dafür, dass ich Gefühle zulasse,  dass ich vertraue??

Und wieso schreibe und denke ich all das, wo ich doch ganz genau weiß, dass ich schon so weit gekommen bin. Eigentlich. Ich habe keine Ahnung – ich bin lost. Mal wieder.

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Selbstliebe? Ja.

Gestern hat mir ein guter Mensch gesagt, ich sei genug. Ich wisse überhaupt gar nicht, wie genug ich sei. Dieser Satz hat mich zu Tränen gerührt. Ich solle meinen Wert, meinen Selbstwert, nicht von meinem Äußeren und meinem Gewicht abhängig machen und endlich glauben, dass man mich genauso möge, wie ich eben bin. Auch mit mehr Kilos auf der Waage und mehr Umfang am Körper. Auch vielleicht mit einem Bäuchlein oder breiteren Hüften. Vor einem Jahr noch haben mich diese Wörter „Bäuchlein“ und „Hüften“ allein in den absoluten Wahnsinn getrieben. Immerhin – ich habe es einfach hingenommen gestern und es sacken lassen. Ohne Wahnsinn. Sogar mit etwas Glückseligkeit. Diese Worte berühren mich ehrlich tief. Ich bin es nicht gewohnt, genug zu sein.

Auch, wenn ich meinen Körper verachte – nein, genauer gesagt, verachte ich nicht mehr alles. Ich weiß es zu schätzen, dass er mich durch mein Leben trägt. Es gab Zeiten, in denen ich ihn auch dafür verflucht habe, aber die sind wenigstens vorbei. Ich verachte die Optik. Ich mag mich im Spiegel nicht ansehen und ich stelle es mir schrecklich vor, mich anfühlen zu müssen.

Trotz allem; trotz allen Rückfällen, trotz mieser dieser gemeinen Gedanken, trotz totaler Scham, habe ich beschlossen, mein Licht, das irgendwo im Inneren meines Körpers brennt, zum Strahlen zu bringen. Ich möchte leuchten und nicht meine Seele verdunkeln. Das habe ich lange genug getan.

Und so sage ich mir: Selbstliebe. Ganz oft sage ich mir dieses Wort in mein eigenes Ohr. Ich lebe noch, also bin ich mir doch definitiv etwas wert… Und diese Erkenntnis hat mich über zwei Jahre gekostet! Na ja, wie auch immer. Ich sage mir, ich möchte nicht mehr auf Knopfdruck funktionieren – und ich rede hier nicht vom Job… Ich gönne mir Me-Time und ich wünsche mir, dass sie bald unabhängig von meinen Rückfällen existiert. Ich bin ich und irgendwann werde ich erkennen, dass das genug ist. Von Selbstliebe kann ich noch lange nicht sprechen. Aber es ist ein schöner Traum. Und einfach ein schönes Wort. Selbstliebe.