Immer noch nicht eins

Eigentlich dachte ich, dass es irgendwann besser wird. Eigentlich hatte ich immer die leise Hoffnung in mir, dass ich meine kranken Gedanken irgendwann in gesunde Gedanken umwandeln kann. Eigentlich. Momentan herrscht gefühlter Stillstand. Ich versuche, meiner Krankheit davon zu rennen, schneller als sie zu sein. Ich will sie endlich hinter mir lassen. Aber sie klebt an mir wie ein Kaugummi und anstatt zu rennen, trete ich auf der Stelle. Und obwohl ich nicht renne bin ich aus der Puste. Ich ersticke, bekomme keine Luft mehr.

Ich komme nicht weiter und mein Kopf dreht sich immer und immer wieder um. Blickt zurück anstatt nach vorn. Zurück in die Zeit als ich dünn war. Dürr sogar. Im Moment schreit alles in mir und meinen Gedanken, dass dies die definitiv einfachere Zeit war. Alles war leichter, ich war leichter. Ich war leicht von Kopf bis Fuß.  Ich war gefühlt leicht im Kopf. Leichter als jetzt zumindest. . .

Mein Kopf ist schwer wie Blei. So viele Gedanken, die ich nicht mehr tragen will und die ich nicht mehr tragen kann. Ich will, dass es aufhört. Ich möchte mich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen.  Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, oberflächlich zu sein. Ich will nicht mehr darüber nachdenken, wie ich meinen Körper am besten nicht mehr spüre, wie ich meinem Spiegelbild aus dem Weg gehen kann. . . Ich will das nicht mehr, verdammt.

Das ist die eine Seite in mir. Die andere Seite schreit mich an: „Jetzt hör endlich auf mit dem Scheiss. Du machst doch Fortschritte… Du bist nicht da, wo du vor einem Jahr noch warst. SEI VERDAMMT NOCH MAL GEDULDIG und erkenne an, was du schon geschafft hast“. Blablabla…  Es ist ein ungeheuer lautes Schreien, lauter als das der anderen, der kranken Seite. Doch es erreicht mich kaum. Klar, mir ist bewusst, dass alles seine Zeit dauert, mir ist auch bewusst, dass ich zunehme oder zugenommen habe, mir ist bewusst, dass es nie leicht ist, einer Sucht zu entkommen. Doch ich kann nicht mehr. Müde. Kraftlos. Fast willenlos. Fast. Ich bin wieder mitten drin im Kampf krank vs. gesund. Dabei war ich schon fast raus aus dem Ring. Fast nur noch Zuschauer. Zwar in der ersten Reihe, aber immerhin. Und jetzt? Ich stecke fest im Sumpf der Völlerei, der Rückfälle. Ich ergebe mich völlig dem permanenten Hirnfick und ich sehne mich danach, mich und meinen Körper zu akzeptieren, zu mögen. Egal mit welchem Gewicht. Vor vier Jahren noch, da ging das problemlos. Ich war da und ich fand es toll. Ich fand mich toll. Relativ zumindest. Wieso will es jetzt einfach nicht weiter voran gehen? Liegt es wirklich „nur“ daran, dass ich es mir nicht erlauben kann, emotional glücklich zu sein, wie ich es nämlich momentan eigentlich bin? Bestraft mich diese beschissene Essstörung wirklich damit? Bestrafe ich mich dafür, dass ich Gefühle zulasse,  dass ich vertraue??

Und wieso schreibe und denke ich all das, wo ich doch ganz genau weiß, dass ich schon so weit gekommen bin. Eigentlich. Ich habe keine Ahnung – ich bin lost. Mal wieder.

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