Monat: Juni 2016

Wut im Bauch.

Wir haben absolut keine Idee mehr, wie richtige, echte Körper eigentlich noch aussehen. Mit richtig und echt meine ich nicht sowas wie „Echte Frauen haben Kurven“ oder sowas in der Art. (By the way ist jede Frau echt.) Ich meine echt und richtig im Sinne von nicht besonders in Pose gesetzt, nicht gephotoshopt und nicht aufgemotzt und mit Selbstbräuner gecremt. Echt halt. Natürlich halt. Doch ständig wird mir vorgelebt, wie ich auszusehen habe. Vom riesengroßen H&M-Banner am Potsdamer Platz strahlt mich diese BeachBeauty an und zeigt mir, wie es geht, gut auszusehen. Sie schreit mir mit zuckersüsser Stimme direkt ins Gesicht: „Trainiere was das Zeug hält und kaufe dir diesen sexy knappen Bikini – dann hast du es geschafft. Dann kommst du an.“

Wir werden überall und ständig mit diesen perfekten Körpern konfrontiert. Leise allerdings. So leise und unauffällig, dass wir scheinen zu glauben, das seien echte, richtige und normale Körper. Traurig. Ständiges Selbstoptimieren. Ständiger unbewusster Druck. Clean Eating. Fitnesshype. Dabei sein und dazu gehören ist alles. Dann kommen wir an.

Wir sehen so viele perfekte, in Pose gebrachte und wohl geformte Körper. Überall und größtenteils mit Hilfe von Photoshop. Wir sehen so viel davon, dass wir anfangen, unsere eigenen Körper in Frage zu stellen. Als nicht schön und fett zu finden. Und schon gar nicht als normal. So geht es zumindest mir seit ich in meiner Essstörung gefangen bin. Und ich wette, dass ich damit nicht allein bin. Das macht mich wütend.

Ich hätte lieber mal wieder ein tolles Essen im Bauch, das ich fähig bin, in vollen Zügen zu genießen. Anstatt dieser Wut. Diese Wut, dass ich durch die Krankheit aber auch durch die Medien und dieses verschobene Bild unserer Gesellschaft sowas von oberflächlich geworden bin.

Ich bin wütend, weil ich mich zusammenreißen muss, an das zu glauben und vor allem zu akzeptieren, was WIRKLICH echt und normal ist. Nämlich ein Bauch, den man sieht. Einen Bauch, der natürlich dicker scheint, wenn man sitzt und sich nicht in Pose hält. Beine und Hintern, die vielleicht Spuren von Cellulite haben. Narben. Kratzer oder blaue Flecken. Das ist echt. Ein Körper mit Imperfections. Nichts ist perfekt und ich will nicht dazu gedrängt werden, das glauben zu müssen und schon gar nicht, mich dem fügen zu müssen.

Ich bin eine echte Frau und ich bin wie ich bin. Ich möchte mich nicht darauf reduzieren (lassen), wie ich aussehe. Vor meiner Krankheit war ich mir dessen auch mehr als bewußt. Jetzt arbeite ich jeden Tag hart daran, mich so zu nehmen und zu akzeptieren, wie ich bin. Egal, wie viel ich wiege und egal, wie dick mein Hintern ist.

So sollte es sein. Das wäre echt.