Monat: Juli 2016

Wellenreiten

Ich hätte nie für möglich gehalten, wie nah oben und unten zusammenliegen. Sind es doch Gegensätze, liegen doch eigentlich unendlich viele Meter oder Kilometer dazwischen… Bei mir nicht. Und es geht auf und ab tageweise. Ich frage mich, wann das endlich aufhört. Ich will nicht mehr dieses ständige Auf und Ab. Ein bisschen ist normal. Ein bisschen Auf und Ab schadet, glaube ich, keinem Leben. Es würzt das Leben, verleiht dem Leben Spannung und Schärfe. Aber bei mir ist es überwürzt. Zu viel von Ab und viel zu wenig von Auf.

Kaum mache ich Fortschritte, kaum läuft es wirklich gut, kaum geht es mir einfach gut – da kommt die Welle. Ich kann mich nicht halten; sie rauscht mit einer Geschwindigkeit auf mich zu und über mich hinweg und ich gehe unter. Sie zieht mich förmlich herunter und ich finde keine Abwehr. Ich kann mich von meinem eigenen Glück nicht treiben geschweige denn tragen lassen. Ich lasse mich davon herunterziehen, weil es mir komisch und fremd vorkommt. Das Unbekannte ist schwierig zu händeln. Ich tauche ab in den gewohnten Sog der Sucht. Sie treibt mich ins Meer, lässt mich auf offener See ertrinken.

Wieso kann ich meine Glücksmomente, meine Erfolge, meine Fortschritte nicht fassen, sie (be)greifen, sie genießen, sie leben? Ich will nicht ertrinken, abtauchen. Ich will Wellenreiten. Auf und ab und dann wieder auf … einfach Wellenreiten.

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Fortschritt.(e)

Fortschritt. Eigentlich ein ziemlich cooles Wort. Für alle hat es immer automatisch etwas Positives in sich. Weiterentwicklung… Weiterkommen… Aufstieg…Aufwärtstrend. Für mich hat es das eigentlich auch immer. Doch Fortschritt bedeutet für mich gleichermaßen totale Anstrengung – Seelenkampf und mangelnde Kraft. Jeder noch so kleine Schritt, den ich fort mache, kostet mich so enorm viel Energie, so viel Nervenstress. Mit jedem kleinen Schritt, den ich fort mache von meiner Vergangenheit, von meiner Essstörung, mache ich viel größere Schritte kreuz und quer in meinem Kopf. Keine Schritte, eher Sprünge. Von Ana zu Selbstzweifeln, von Selbstzweifeln zur Waage und den gefühlt viel zu vielen Kilos, von den viel zu vielen Kilos zu meiner absoluten Körperscham, von meiner absoluten Körperscham zu meinen Erlebnissen in der Vergangenheit, die mich einfach nicht vergessen lassen. Die mich nicht in Ruhe lassen und wahrhaftig auch in meinen Träumen verfolgen. Diese Sprünge kreuz und quer in meinem Kopf sind der totale Hirnfick und ich spreche hier nicht von gedanklichen Ergüssen, sondern von Qualen.

Doch trotzdem kommt mir immer häufiger der Fortschritt in die Quere. Das ist gut. Mehr als gut. Es ist ein Fortschritt. Zwischendurch gelingt es mir, mit dem Vergangen umzugehen. Es gelingt mir immer häufiger, mich nicht gleich zu verletzen, wenn ich rückfällig bin. Es gelingt mir sogar, mich im Spiegel anzusehen und mich danach noch vor die Tür zu trauen. Ich habe tatsächlich wieder Spaß im Leben. Es gelingt mir, mal meine kranken Gedanken ganz hinten im Kopf zu lassen und sie nur als leises Fiepen zuzulassen, aber ich lasse mich nicht mehr sekündlich von ihnen anschreien und es gelingt mir zwischendurch, mich anzunehmen. Es ist ungewohnt komisch für mich, mir selbst in Gedanken zu sagen, dass ich doch ganz ok sein sollte, so wie ich eben bin. Es ist ungewohnt merkwürdig, dass ich mich ehrlich über Komplimente freuen kann. Diese Freude bedeutet, das ich anscheinend manchmal ein Kompliment annehmen kann. Glauben wäre noch zu viel gesagt, aber ich nehme es an und freue mich. Ein großer Fortschritt. Und worüber ich mich am meisten freue, ist, dass ich es geschafft habe, meinen Willen und mein Einverständnis zum und mit dem Leben wiedergefunden zu haben. Und ich möchte nicht mehr davon ablassen. Ich will diesen Willen halten. Ganz fest. Umklammern.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass mich meine Beine durchs Leben tragen, dass ich fähig bin, zu denken fühlen. Dass ich zwischendurch auch mal schöne Gedanken habe, dass ich Menschen in meinem Leben habe, die mich bereichern. Scheiss auf ein paar Kilos mehr auf der Waage oder am Körper. Ich befreie mich nach und nach. Mit kleinen -ganz kleinen- Schritten, bewege ich mich fort von meiner Vergangenheit und von dieser widerlichen Essstörung und ihren destruktiven und oberflächlichen Gedanken. Ich bewege mich fort. Ich komme irgendwie weiter. Egal, wie sehr mich mein Hirn heute fickt, morgen gebe ich ihm eine neue Chance. Das ist ein Fortschritt. Nein, für mich sind es mittlerweile Fortschritte. Plural. Denn egal, wie viel Schritte ich zurück mache, ich mache immer wieder welche nach vorn. Und langsam fange ich an, diese wahrzunehmen. Ein tolles Gefühl, sich fortzubewegen. Fort von dem, was mich von mir selbst so lange entfernt hat…