Monat: August 2016

Nur ein paar Klicks

Selfies machen & posten – ok. Tut jeder; ist mittlerweile „normal“. Sich überlegen, auf welchem man recht gut ausschaut – schön und gut. Aber wie kann es angehen, dass es eigene Apps dafür gibt, sich schlanker zu klicken? Get your perfect body – only a few klicks. What the fuck???

Es gab eine Zeit, in der auch ich mich danach sehnte, endlich und zum allerersten mal in meinem Leben, die Größe zu haben, die jedes Magazin, jedes Werbeplakat hat und zeigt. Größe 36 – meine Idealgröße. Meine Traumgröße. Die Kleidergröße, die über TV-Bildschirme schwebt, die in Katalogen und auf Modeblogs jede Frau verkörpert. Die Größe, für die gefühlt Millionen Frauen sterben würden. Die Größe, die Männerherzen höher schlagen läßt – die Größe, mit der jeder Mann ins Bett will. Perfekt eben.

Nur knappe 3 Minuten, ein paar Klicks und er ist da: der perfekte Körper. MEIN perfect body. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass es so einfach wäre, meinen Körper perfekt zu haben. Perfekt zu machen. Jetzt habe ich die Chance. Ein bisschen die Taille schmälern, die Beine 4 cm länger machen. An den Hüften nehme ich natürlich auch etwas (viel) weg. Meine Brüste ziehe ich ein bisschen höher und forme sie runder. Ah – das Gesicht muss natürlich zum Körper passen – ich strecke meinen Hals und nehme etwas unter meinen Wangenknochen weg. Das Kinn könnte auch noch ein bisschen straffer… schon viel besser. Really?

Was ist das für ein Scheiss, der uns hier glauben machen soll, dass es toll ist, etwas zu verkörpern, das wir nicht sind? Den perfect body. NIEMAND hat einen perfekten Körper und JEDER weiß das. Punkt. Was zur Hölle soll das also?

Ich habe mir so oft gewünscht, Teile meines Körpers auszutauschen, zu verändern. Jetzt habe ich die Möglichkeit und allein der Gedanke macht mich kränker als ich es in meiner schlimmsten Zeit der Magersucht je war. Für die meisten wird es eine harmlose App sein, aber ich sehe das als eine Frechheit. Es ist eine einzige Lüge, wie schon so viel, das uns vorgelebt wird. Wie wir zu sein haben, um akzeptiert zu werden.

Wie kann ein Körper perfekt sein, wenn er gar nicht echt ist? Wenn er gar nicht so ist, wie ich ihn mir und für meine Umwelt erschaffe, erzaubere, mit den paar Klicks? Genau die Dinge, die mich meisten an meinem Körper anekeln und die ich am liebsten tauschen/ersetzen will – diese imperfekten Teile, die sind es, die mich letzten Endes in meiner Person als mein Ich doch zu dem machen, was ich bin. Ich weiß, dass mein Kopf zum Teil noch anders denkt und tickt, aber das bringt so eine Essstörung leider mit sich. Doch mein Herz und meine Seele wissen schon jetzt, dass ich mit all diesen Dingen und Teilen meines Körpers ganz bin und dass ich eben mit ihnen, so wie sie sind, Ich bin. Ein paar Klicks? Nein. Keine Klicks – lieber Ich.

19 Tage

19 Tage. 19 komplette, ganze Tage – 19 x 24 Std. Besagte 19 Tage ist es nun her, dass ich zum letzten mal meiner Sucht nach der italienischen Völlerei nicht widerstehen konnte. Die vergangenen fast drei Wochen waren so nervenaufreibend, dass ich es nicht annähernd in Worte fassen kann – deshalb versuche ich es erst gar nicht. Doch eines muss ich einfach hier noch mal für mich selbst schwarz auf weiß festhalten: Ich habe es geschafft. Ich habe etliche Kämpfe in diesen vergangenen 456 Stunden durchfochten. Mein Hirn hat mich in den letzen 27.360 Minuten etliche mal gefickt und es mir unendlich schwer gemacht, überhaupt zwischenzeitlich zu funktionieren. Bestehen und leben ist keine olympische Disziplin, doch wenn sie es wäre, dann hätte ich endlich mal einen Sieg – die Goldmedaille. Eine goldene Medaille geprägt mit Stolz für mich allein. Es ist in jedermanns Augen sicher mehr als lächerlich, doch sich einer Sucht nicht hinzugeben ist hart. Ich bin nicht „klassisch“ süchtig nach Drogen oder Alkohol – ich bin süchtig nach diesem speziellen Essen dieses speziellen Italieners, über den ich schon haufenweise geschrieben habe. Süchtig nach der totalen Völlerei und anscheinend dem, was es mir gibt – was auch immer es ist.

19 Tage. Scheisse, ich habe keine Ahnung, wie mein Körper und ich in diesen Tagen existieren konnten, wie ich es geschafft habe. Überlebt habe. Aber ich ahne, dass es mir gut tut. Ich weiß gar nichts. Aber ich habe eine Ahnung davon, wie glücklich ich gerade bin und wie ich mich fühle. Ich habe eine Ahnung, dass mir dieser persönliche Erfolg gut tut und mir Kraft, Energie und Motivation für alles gibt, das kommt. Ich habe eine Ahnung, oder besser gesagt, eine/die Hoffnung, dass es mir irgendwann gelingen wird, meine Essstörung irgendwie überwinden werde. Dass ich die vergangenen Geschehnisse, die mich in diese Sucht, in diese Essstörung getrieben haben, nicht vergessen kann, ist mir mehr als bewußt. Aber ich hoffe und ahne, dass ich zumindest damit irgendwie leben kann und dass es mir gelingen wird, zumindest die Konsequenz aus den Geschehnissen alias Essstörung oder Sucht – wie auch immer ich es betiteln will – bezwingen werde. Für 1.641.600 Sekunden ist es mir gelungen. Ich mache weiter. Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen. Vielleicht kann ich ja morgen schon sagen: 20 Tage.