Herzrasen und Grenzen

Sonntag. Kein gewöhnliches Aufwachen heute – Aufwachen mit absoluter innerer Unruhe. Gedanken sind da und auch irgendwie nicht. Zumindest nicht greifbar. Ich habe totales Herzrasen & kalt-warme Hände und weiß nicht, ob es besser ist, aufzustehen, ein Glas Wasser zu holen oder liegen zu bleiben und zu hoffen, dass dieser Zustand gleich vorbei ist. Es dauert gefühlt gar nicht so lange und es ist Gott sei Dank vorbei. In Wirklichkeit lag ich so über eine Stunde schwitzend, frierend, zitternd und ruhelos dort. Für mich das Zeichen, dass hier gerade alles andere als normal ist.

Und das ist so seit genau 41 Tagen. Seit 41 Tagen hat sich in und mit mir etwas verändert. Ich habe mich 41 Tage nicht meiner üblichen, normalen Essstörung hingegeben. 41 Tage habe ich es geschafft, der widerlichen Völlerei, die mich zerstört hat, die mein Hirn auf übelste Weise gefickt hat, zu widerstehen. 41 Tage – das ist nicht normal. Ich kann das nicht fassen. Ich begreife das gerade nicht. Diese Sucht nach der italienischen Völlerei, nach den Qualen und Schmerzen danach, die ich mir auferlegt & zugefügt hatte – immer und immer wieder. Es ist eine wirkliche Sucht. Ja, auch nach Essen bzw. Fressen kann man süchtig sein. Genauso wie ich nach Hungern süchtig war. . . Seit 41 Tagen dreht sich alles in meinem Kopf; meine Gedanken fahren im Kreis. Sie nehmen keine falsche Ausfahrt, leider;  sie fahren einfach immer wieder im Kreis, was mehr als schwer ist auszuhalten. Ich wache auf und kann nur an diese eine Sache denken. Ich stehe im Netto an der Kasse und zahle mein Klopapier und kann mich nicht konzentrieren, dem Kassierer die 2,98 Euro zu geben, sondern ich verwende alle Energie darauf, mir in Dauerschleife zu sagen „Reiß dich zusammen. Geh nicht in die italienische Hölle. Verzichte auf den Scheiß und komm klar.“ Irgendwie schaffe ich es, die Ware zu bezahlen und save in meine Wohnung zu gelangen. Ich glaube, kaum einer hat eine annähernde Ahnung davon, wie es ist, permanent gegen eine Sucht anzukämpfen. Jede Sekunde eines jeden Tages kann einen so ekelhaft zermürben.

Doch Fakt sind diese 41 Tage. Und ich bin dafür so unendlich dankbar. Denn nur aufgrund dieses Faktes, fühle ich mich trotz aller Kreisfahrten meines Hirns, trotz aller schwindender Energie gleichzeitig irgendwie gut. In mir hat sich etwas verändert. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas schaffen kann. Dieses Gefühl hatte ich in den letzten Jahren komplett verloren. Mit all dem Scheiß, der mir passiert ist, den ich zum Teil erduldet habe, zum Teil einfach aus purer Angst und Scham über mich ergehen lassen habe, hatte ich mich nur noch wie ein totaler Versager gefühlt. Und wertlos. Mein Körper war wertlos, wurde quasi durch fremden Einfluss entwertet und mit meiner Scham und Angst wurde auch mein Inneres wertlos. Komplett. Und diese wiederkehrenden Ereignisse haben mich zerstört.

Ich hatte für mich entschieden, es ist besser, nicht mehr zu sein. Und genau zu diesem Ort, wo man mich entwertete, wo ich letztlich final auch diese Entscheidung getroffen hatte und mir dann aber mein Schicksal doch noch etwas mitteilen wollte – an diesen Ort bin ich heute nach dem beängstigenden Aufwachen gefahren. Ich mußte etwas tun. Grenzen überwinden. Und heute mit diesem Aufwachen und mit dem Wissen um die 41 Tage, war der richtige Tag dafür. Ein starker Tag.

Ich bin hingefahren zu dem Ort, zu dem Haus, das ich für immer meiden wollte. Ich habe 41 Tage in der Tasche und der Seele – ich schaffe das. Und so war es. Ich bin bewußt hingefahren, habe bewußt hingesehen und bin weitergefahren. Aussteigen ging nicht. Ich kann nicht aus meinem Leben aussteigen. Auch wenn ich es liebend gern tun würde – vor allem aus dieser Krankheit und aus den Erinnerungen. Aber irgendwie ist Aussteigen nicht so leicht, wie es manchmal scheint oder uns irgendwelche Erfolgscoaches und Motivationsbücher glauben machen wollen.

Doch was geht, ist, sich Herausforderungen zu stellen. Jahr für Jahr. Monat für Monat. Tag für Tag. Immer und immer wieder. Und auch, wenn es so viele Tage nicht möglich ist, sich diesen Herausforderungen erfolgreich zu stellen, so findet sich doch dazwischen ein einziger Tag, an dem es einem vielleicht ansatzweise gelingt. An dem man mit Herzrasen und Angst erwacht und den man mit dem Gefühl beendet, seine Grenzen anzuerkennen und sie sogar zum Teil zu überwinden.

Schritte1

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