Härteprobe

Irgendwie hält das Leben nie an. Ich habe das Gefühl, dass es mich täglich aufs Neue auf die Probe stellt und es gibt wirklich selten Tage, an denen ich relativ kopffrei bin. Jeder Tag, vor allem seit 55 Tagen ist eine pure Anstrengung für mich und ich habe gerade das Gefühl, am Rande der Erschöpfung zu stehen.

Auf der Haben-Seite meines Anti-Essstörungskontos stehen stolze 55 Tage, an denen ich mich dem Italiener und meiner Muster widersetzen konnte. 55 Tage, die mich mit Stolz und irgendwie Hoffnung erfüllen. Auf der Soll-Seite dieses Kontos steht die große Frage: Wann wird es einfacher? Hier steht klar und deutlich: es SOLL aufhören. Dieser tägliche und nächtliche Hirnfick.

Seit 55 Nächten habe ich nicht eine Nacht auch nur annähernd durchgeschlafen. Permanentes Gedankenkarussell, wo ich mich nach jeder Fahrt einfach nur übergeben möchte. Und seit 55 Tagen die permanente Angst, es einfach nicht weiter schaffen zu können.

Und als würde das allein nicht schon reichen, bekommst du aus heiterem Himmel eine Nachricht, die dir den Boden unter den Füssen weg reißt. Härteprobe deluxe würde ich es nennen. Wenn du mit einer Essstörung lebst und dich hier immer gut und gerne in alte bekannte Muster flüchten kannst, dann hast du eine Sicherheit. Ich habe seit 55 Tagen keine Sicherheit mehr. Also, fast keine. Menschliches Vertrauen spielt eine große Rolle, die mir noch etwas Sicherheit gegeben hat. Doch, wenn das auch dann durch eine kleine Nachricht wie weggeblasen scheint, dann gibt es keine Sicherheiten mehr. Womit also soll ich mein Anti-Essstörungskonto noch rechtfertigen? Jede Bank verlangt Sicherheiten. Alles weg – pure Unsicherheit, Zweifel, gedankliche Zermürbung. Also ist es doch der leichteste Weg, dafür zu sorgen, dass möglichst schnell alles wieder in sichere Bahnen kommt und den Italiener aufzusuchen. Mich in meine alten Muster zu flüchten und mir anschließend noch Schmerz zuzufügen. Dafür bin ich in dem Moment zumindest save…

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich diesen Gedanken in der letzten Woche hatte – Millionen mal. Oft war es wirklich wirklich knapp. Doch irgendwie kommt mir momentan (noch) immer in letzter Sekunde ein Gefühl und der klare Gedanke, dass es einfach nur eine weitere Härteprobe ist und ich sie bestehen muss. Mein Leben stellt mir diese Aufgabe, um gesund zu werden und ich will mir das verdammt noch mal, nicht durch irgendwelche Nachrichten oder Hirnficks kaputt machen lassen. 55 Tage sind für jemanden, der in einem Suchtkäfig sitzt, höllisch lang und ich werde mir nicht falsche Sicherheiten auferlegen.

Ich will die richtige, eine ehrliche und gesunde Sicherheit. Ich will MEINE Sicherheit zurück und meine Selbstzweifel endlich verjagen aus meinem Leben. Ich will mit Mut meine alltäglichen Härteproben bestehen, bis mir diese nicht mehr wie Härteproben vorkommen, sondern wie spannende Herausforderungen. Ich war schon immer gegen Langeweile. So möchte ich es sehen und mein Leben endlich mal leben und geniessen können.

Also, wann endlich überwiegt die Haben-Seite???

 

 

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