Monat: Oktober 2016

90 Tage

Manchmal ist es egal, wie schlecht es einem geht – manche Dinge lassen einen doch innerlich strahlen. 

Heute ist einer dieser Tage. Und auch diese gemeine Erkältung kann mir dieses unbeschreibliche Gefühl nicht nehmen. Ich bin mal wieder auf meinem Rummel. Dem mit den vielen Karussells, die sich in Form meiner Gedanken auf und ab drehen, die sich so schnell drehen, dass mir schwindelig ist und ich am liebsten nur noch kotzen möchte. 

Doch heute ist es anders. Trotz gefühltem körperlichen Koma und trotz eines Energiehaushaltes gleich Null möchte ich mich drehen und drehen und drehen. Ich genieße heute den Schwindel und mir ist nach allem anderen als kotzen.

90 Tage = 3 Monate ist es jetzt her, dass ich anstatt ins Karussell in die Fressbude a.k.a. Italiener gegangen bin. Vor 90 Tagen habe ich mich das letzte mal mit allen Sinnen und völlig willenlos dieser widerlichen Völlerei hingegeben und habe mich danach zum Dank und zur Strafe noch selbst verletzt. Mich in meinem gewohnten Muster zu Hause und doch so ekelhaft gefühlt.

90 Tage Widerstand. 90 Tage stark geblieben aus eigener Kraft. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich es mir selbst nicht glauben.

Mein permanentes Gedankenkarrussell, diese ständigen Hirnficks, dieses Auf und Ab, Zitteranfälle, dieses Chaos und dieser immense Energie- und Kraftaufwand. Alles NICHT umsonst. Ich kann es nicht fassen, dass ich das durchgestanden habe und es irgendwie gepackt habe, mich der Völlerei zu widersetzen. Mich dieser SUCHT zu widersetzen. 

Egal, wie beschissen ich mich fühle, egal wie stark meine Selbstzweifel leider wieder gewachsen sind – ich werde es aushalten und mich selbst und diese Sucht besiegen. So fühlt es sich heute jedenfalls an. 

Ich werde heute sicherlich kein Karussell mehr fahren und ich werde auch keine Fressbude aufsuchen. Ich denke, ich muss auch nicht unbedingt den Losverkäufern Hallo sagen. Denn, irgendwie scheint es zu funktionieren, dass man auch mit einem Aussichtslos den Hauptgewinn ziehen kann.

Ich habe gewonnen. 90 Tage, die ich mir selbst geschenkt habe und die mir keiner nehmen kann.

Durcheinander. 

Mein Leben erscheint mir wie ein permanentes Chaos. Ein ständiges Auf und Ab und es hört einfach nicht auf. Kaum fange ich an, mir selbst zu trauen, mich fallen zu lassen, anderen zu vertrauen, lauert irgendwo die Enttäuschung. 

Seit Jahren ist mein Leben ein permanenter Kampf. Mal aus gesundheitlicher Sicht, mal aus seelischer. Oft auch gern aus beiden zusammen. Damit es sich lohnt vielleicht. Ein Kampf muss sich schließlich lohnen. Aber irgendwann geht doch immer ein Sieger und ein Verlierer aus der Arena. Die Arena meines Lebens jedoch scheint mich nicht zu entlassen. Es gibt kein Siegertreppchen. Ich komme nicht hinaus. Immer, wenn ich gerade das Gefühl habe, einen meiner Kämpfe gewonnen zu haben, wird gleich die nächste Runde eingeläutet. Ich komme nicht hinaus. Ruhelos. 

Mal gibt es Zuschauer, die mich sogar anfeuern, mich motivieren, nicht aufzugeben. Sie sind da, sind an meiner Seite. Das ist ein gutes und schönes Gefühl und gibt mir Hoffnung, dass es sich tatsächlich lohnt. Dass da doch ein Leben auf mich wartet. Dass ich am Ende doch einfach mal sein darf, wie ich eben bin. Mich in meiner Welt drehen und bewegen darf, wie es mir passt, ohne zu sein, wie mich die anderen haben wollen. Mich in meinem Körper frei zu fühlen und niemandem dafür Rechenschaft ablegen muss. Aber das zu glauben, fällt mir schwer. Vor allem in den Momenten, in denen ich allein in der Arena stehe – ohne Zuschauer. Da bin nur ich und kämpfe allein gegen meinen Gegner – MICH. Die Angst ist mein Gegner. Meine Selbstzweifel sind nicht nur mein permanenter Begleiter, sie sind auch mein ständiger Gegner. Die Arena ist leer und doch voll. Voll mit Gefühlen, Emotionen, Gedanken, Enttäuschungen, unverarbeiteten vergangenen Erlebnissen, die mich einfach nicht in Ruhe lassen. Ständig fordern mich alle zu neuen Kämpfen heraus und ich kann nicht mehr. Und doch geht es immer eine Runde weiter. 

Bitte erklär mir doch einer, wie das funktioniert. Wie funktioniert das Leben? Wie funktioniert mein Leben? Wie geht das? Wo ist mein Berater, der mir erklärt, wie ich endlich raus komme aus dem ganzen Chaos? Wo ist mein Lachen geblieben in den letzten Jahren? Mein Lachen aus dem Herzen meine ich, nicht das Funktionslachen. Wie geht Vertrauen, wenn man immer wieder enttäuscht wird? Warum bin ich mir fremd, wo ich doch gerade anfange, mir nahe zu kommen? Ich verstehe mein Leben nicht. Ich verstehe den Kampf nicht. Wieso ist es so schwer, mich einfach mal fallen zu lassen? Warum gebe ich mir nicht die Chance, an mich zu glauben? Ich brauche niemanden, das weiß ich. Ich habe in den letzten 80 Tagen das für mich unmögliche geschafft und eine riesige Sucht bekämpft – ALLEIN. Also habe ich doch nichts zu verlieren. Es kann mir egal sein, was für Erwartungen andere an mich haben. Doch ich habe das Gefühl, dass die permanente Fremdbestimmung in mir verankert ist. Egal, was ich für Kämpfe führe; ob mit oder ohne Zuschauer, ob Essstörung oder Suizidversuch, ob Anerkennung im Job oder die Akzeptanz meines Körpers. . . Das Chaos hört nicht auf und ich habe immer das Gefühl, nicht nur für mich zu kämpfen, obwohl es mein innigster Wunsch ist. 

Durcheinander. Chaos. Kopfweh. Glücklich, traurig, zerrüttet, motiviert, energisch, kraftlos, mutlos, hoffnungsvoll, liebend, enttäuscht, fröhlich, unbeschwert, beschwingt, missachtet, belogen, vertraut, neugierig, optimistisch, verzückt von so vielem, hoffend auf so vieles. Wo ist MEIN Leben? Wann komme ich an? Wann wird es leichter?

Durcheinander.