Monat: September 2017

Endlich raus

Es ist Zeit. Zeit, auszubrechen aus dem Gefängnis, in dem ich mich jahrelang befinde. Ich sitze in meiner Einzelzelle und grüble Tag für Tag, wie ich es überhaupt geschafft habe, hier hinein zu kommen. Freiwillig habe ich mich sicher nicht verhaften lassen von all dem ganzen Scheiss aus der Vergangenheit. Die Handschellen wurden mir schneller umgelegt als ich gucken oder handeln konnte. Und doch war es, als hätte ich es erst gar nicht bemerkt, dass mir die Hände gebunden waren. Auf einmal war ich drin im Knast. Im Gefängnis der Gedanken. Im Gefängnis dieser Essstörung und Depressionen. An Entlassung war gar nicht zu denken. Immer und immer wieder habe ich mich gegeißelt und mir dann auch noch eingeredet, die Schuld an dieser Krankheit zu haben. Immer tiefer habe ich mich einfach fallen lassen in den Sumpf aus modrigen Gedanken, aus Essen, Nichtessen und schließlich Fressen. Viel mehr geht auch nicht im Gefängnis. Möglichkeiten sind begrenzt und ich habe keinen Ausweg gesehen.

Ich weiß nicht genau, was es war oder wann genau es war, als ich begriff, dass es immer irgendwie einen Ausweg gibt. Geben muss. Immer deutlicher ist mir bewußt geworden, dass ich das Vergangene nicht ändern kann – jedoch kann ich versuchen, eine vorzeitige Haftentlassung zu beantragen und anfangen, zu leben. So richtig zu leben. In der Welt da draussen. Außerhalb dieses elenden Gefängnisses, das mich immer tiefer hat fallen lassen und wo ich mich immer mehr verloren habe. Gefühlt keine Seele mehr; keine richtigen Gefühle, keine Astrid. Habe mich immer gesucht und immer weniger auch nur irgendetwas gefunden. Nur immer diese Handschellen gespürt. Das war so ziemlich das einzige. Aber jetzt ertrage ich sie nicht mehr. Weder die Handschellen, noch die Zelle. Ich will und muss raus.

Endlich begreife ich, dass ein Ausweg möglich ist. Dass es in meiner Hand liegt und ich nicht Schuld habe, daran, wie es gekommen ist. Ich werde nun dieses Gefängnis verlassen, denn mein Antrag wurde genehmigt. Von mir selbst. Ich habe endlich einmal eine Entscheidung ganz allein aus mir heraus für mich getroffen. Ich für mich. Das ist unbekanntes Terrain, und es fühlt sich ziemlich wackelig an. Ich habe Angst vor dem, was kommt. Aber ich denke, jeder Gefängnisinsasse hat Angst, wenn er entlassen wird. Auf einmal ist man frei. Herrlich. Aber gleichzeitig auch beängstigend, weil es neu ist. Den Knast kennen wir in- und auswendig. Die Wände unserer Zelle kennen wir besser als wir uns selbst kennen. Doch was da draussen auf uns wartet, das ist neu und unbekannt. Aber das ist das, was ich so lange gesucht habe und dachte, es nie zu finden: Freiheit. Und in diese werde ich nun entlassen und diese werde ich so gut es geht, auskosten. Man lebt nur einmal. Und jetzt fange ich damit an – Stück für Stück komme ich mir näher und Stück für Stück mache ich mich frei.

 

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