Essstörung / Magersucht

Schöner Schein

Das leidige Thema, und doch lässt es mich nicht los. Und scheinbar auch das ganze weite Universum nicht… Überall werden wir mit gefakten Schönheitsidealen konfrontiert. Immer und immer wieder. Uns wird Glauben gemacht, dass eine aalglatte Haut im Gesicht und am Rest des Körpers sowie die perfekte Figur à la Size 34/36 richtig sind. Dass wir damit in der Gesellschaft und im Leben angekommen sind, sobald wir in dieses Bild und in diese Größe passen.

Bullshit. Ich könnte dermaßen kotzen, wenn ich diese ganzen gefakten Bilder und Plakate von diesen scheinbar perfekten Menschen sehe. Und das Widerliche an der ganzen Sache ist, dass all das uns nicht vermitteln soll, dass das perfekt wäre, wenn man so aussieht, sondern dass es normal ist, wenn man so aussieht. Alle laufen ja so herum. Die ganzen blonden, brünetten, rothaarigen Frauen in allen Facetten, aber doch gleich: SCHLANK und mit makellosem, leicht gebräuntem Teint im Gesicht; weiße Zähne, natürlich keinerlei Cellulite oder Dellen und schon gar kein kleines Bäuchlein oder so etwas in der Art. Niemand sagt einem, dass hier Photoshop wieder allergrößte Arbeit geleistet hat und niemand sagt einem, dass es zwar solche Menschen gibt, allerdings in der Minderheit.

Wer übernimmt hier eigentlich die Verantwortung dafür, dass alle wie die Lemminge in die Gyms rennen, sich 4-5 mal die Woche den Arsch aufreißen, um auch nur annähernd so auszusehen, wie der sexy Kerl oder die hammer Lady auf einem der zahlreichen Titelblätter von hochpolierten Magazinen? Wer möchte die Verantwortung dafür übernehmen, dass wir dadurch an kostbarer Zeit und somit Lebensqualität verlieren? Wer übernimmt bitte die Verantwortung dafür, dass zahlreiche Menschen in eine Essstörung geraten, um irgendwann so auszusehen, wie sein Idealbild, sein Vorbild? Sollten nicht eigentlich Eltern und/oder Pädagogen, Freunde, Bekannte unsere Vorbilder sein? Wie kommt es, dass anstatt dessen Instagram und deren gehypte Blogger unsere Vorbilder sind? Wie kann es sein, dass die perfekt in Szene, die perfekt retuschierte Bloggerin in der mega stylischen Hot-Pants mit der total angesagten schulterfreien Bluse zu einem Vorbild wird? Auf den Fotos sieht man nichts als diesen perfekt in Szene gesetzten Körper in einem total angesagten Outfit. Man sieht nicht, ob diese Person fähig, bestimmte Werte zu vermitteln oder mir/uns etwas beizubringen…Man kann null ahnen, was für ein Mensch diese Person da ist. Aber das interessiert uns scheinbar auch nicht.

Ein normaler Körper scheint nicht mehr normal sein zu dürfen. Ein unebenes Hautbild, ein paar Rötungen oder Falten im Gesicht finden keine Akzeptanz mehr. Falten sprechen für sich – eigentlich. Sie erzählen von einem gelebten Leben und einem Reifeprozess. Doch irgendwie scheinen wir alle keine Reifeprüfung des Lebens mehr bestehen zu wollen. Lieber perfekt sein.

Ich frage mich nur: wofür? Ist es nicht viel netter, in lieber Gesellschaft irgendwo genüsslich etwas zu essen und ein Glas Wein zu trinken als gestresst nach der Arbeit die Sporttasche zu suchen, ins Gym zu fahren und dort so lange schwitzen, bis die zum Mittag verzehrten 850 kcal wieder halbwegs abtrainiert sind?

Wieso streben wir nach dieser oberflächlichen Art von Anerkennung? Ist es egal, wie hässlich man als Mensch ist, solange man äußerlich attraktiv und schön ist?

Keine Ahnung. . . und was mich am meisten nervt ist, dass ich mittendrin hänge. Ich drehe mich seit vier Jahren im Kreis dieser widerlichen Essstörung und irgendwas in mir scheint sich genau dieser Oberflächlichkeit zu beugen. Ich möchte mich -warum auch immer- schlank fühlen. Denke, dass mir dann alles leichter fällt, je leichter ich bin. Ist nur leider nicht so. Im Gegenteil. Keine Kraft, keine Energie und schlank fühle ich mich nicht. Und am schlimmsten: keine Seele. Und das sieht man mir an. Leere Augen, wo früher purer Lebensmut und Freude an so vielem zu finden war. Nichts mehr übrig davon und  doch ist sie da, die Angst vor dem Zunehmen. All das weiß ich und doch bin ich nicht in der Lage, irgendwas zu ändern. Gelähmt und gefangen in dieser gefakten Welt…

 

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Leer.

Seit Wochen hadere ich sehr mit mir selbst. Viele Dinge habe ich in den letzten Wochen oder knapp 2 Monaten weiterhin erkannt und irgendwie bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich erkannt habe, dass es so nicht weitergehen kann. Nicht weitergehen soll. Ich habe so vieles getan, das nicht hätte sein dürfen. Habe mir und meinem Dasein immens geschadet und vehement weitergemacht – in welcher Form auch immer.

Dass mich mein Körper noch durch diese Welt trägt, ist ihm ehrlich hoch anzurechnen, bei dem ganzen Auf und Ab und Auf und Ab und Auf… Er hält scheinbar mehr aus, als ich es je für möglich gehalten hätte und als es auch scheinbar mein Kopf tut.

Mein Kopf fühlt sich schrecklich voll an. Er ist schwer. Müde. Er ist es leid, immer im gleichen Netz gefangen zu sein, darin hin und her zu springen und weitere Fäden zu spinnen und am Ende doch nicht hinaus zu kommen. Er kann nicht mehr diese Gedanken mit sich herumtragen, die ihn immer und immer wieder quälen und wach halten. Diese Gedanken, die sowieso nichts ändern. Das habe ich erkannt. Sie ändern nichts. Zwei Alternativen also, die es nun für mich gibt: Weitermachen & nicht aufgeben, das Gedachte und Vergangene hinnehmen und für die Gegenwart und die Zukunft kämpfen oder endlich einen Schlussstrich ziehen. Letzteres war gedanklich immer wieder präsent in letzter Zeit, doch es will nicht klappen. Ein kleiner Gedanke schiebt sich immer vor den Strich im allerletzten Moment und hält mich ab & er hält mich wach. Er hält mich so lange wach, bis ich an die erste Alternative denke und bis ich denke, dass sie es wert ist, sie auszuprobieren. Also mache ich weiter irgendwie…

Mit vollem Kopf und leerem Körper. Emotional leer meine ich. Nicht nahrungstechnisch. Ich esse zwar wieder weniger, doch fühlt es sich für mich nicht so an. Hier ähneln sich Kopf und Körpervolumen – voll. Gefühlt. Dick.

Gleichzeitig jedoch, ist mein Körper eine leere wandelnde Hülle. Ein Cocon. Ich sehe mich zwar irgendwie im Spiegel und stelle fest, ich bin da. Doch ich fühle mich nicht. Meine Seele scheint zu schweigen. Sie ist kaputt – noch immer von all dem Ballast aus der Vergangenheit. Das nimmt sie mir übel, was wiederum ich ihr nicht übel nehmen kann.

Meine Seele ist still. Sie weist mich bewußt in keine Richtung. Zumindest fühlt es sich so an. Ich bin mal wieder komplett lost. Obwohl ich eigentlich keinen sichtbaren Grund dazu habe. Ich habe ein Dach über dem Kopf und einen Job und dann noch zwei, drei ganz wunder- und wertvolle Menschen in meinem Leben und in meinem Herzen, die mir immer und immer wieder aufs Neue versuchen, zu beweisen, dass mein Leben lebens- und liebenswert ist. Auch wenn ich unterzugehen scheine. Für diese Seelen, die mich nicht aufgeben und an mich glauben, bin ich unendlich dankbar. Und allein für diese lohnt sich all das.

Doch sollte es sich nicht in erster Linie für mich selbst lohnen? Was ist mit meinem Appell an mich selbst von vor einigen Wochen, den ich in die Öffentlichkeit geschrien habe? Pro You. Pro Yourself. Breakout of my thoughts. Nach wie vor appelliere ich an mich und jeden anderen noch mehr, der mit sich selbst hadert. Wahrscheinlich fühle ich mich gerade deshalb wie zwischen den Sphären. Ich fühle mich leer. Lost. Irgendwo im Nirgendwo und doch einfach da. Nicht imstande, aufzugeben. Gott sei Dank. Aber noch nicht imstande, zu definieren, wo es hingehen soll. Und vor allem wie. Noch nicht imstande, zu vertrauen und zu glauben.

Aber was macht man an so einem Punkt? Ich habe versucht, all meine schlimmen Dinge aus der Vergangenheit auf einem Blatt Papier zusammenzutragen und dieses habe ich gestern an einem Ort gelassen – symbolisch, um das Vergange ruhen und hinter mir zu lassen. Es hat sich auch gut angefühlt und ich bin überzeugt, dass es richtig ist. Doch wie kann ich darauf vertrauen, dass es mir vielleicht irgendwann wirklich wirklich besser geht?

Es gibt sie, diese Momente, die es mir zeigen wollen. Die mir den Beweis liefern wollen, dass sich wirklich alles lohnt und dass auch ich es wahrscheinlich verdient habe, glücklich zu werden.  Ich wünsche mir, daran einfach mal aus tiefstem Herzen und aus tiefster Seele glauben und darauf vertrauen zu können… Dann kann ich weitergehen. Den nächsten Schritt und das nächste Stück.

Komm raus – Pro you (rself).

Eine Ansage gegen die gängigen Ansichten zu Essstörungen. Mehr noch, eine Ansage an Betroffene, ihre Freunde und Verwandte und alle gesunden Mitmenschen.  

Essstörungen sind ein hartes und immer aktuelles Thema, das noch immer zu oft ignoriert oder sogar verleugnet wird. Oder traurigerweise absolut nicht ernst genommen, sondern als “Mode- oder Luxuskrankheit” abgetan wird.

 

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Ich leide seit 4 Jahren an dieser Krankheit und ich bin darin gefangen. Gefangen im Käfig meiner Gedanken, aus dem ich einfach keinen Ausweg finde. Wie sich so etwas anfühlt, ist für Außenstehende absolut nicht nachvollziehbar. Fast genauso schmerzhaft, wie die Verletzungen, die ich mir ständig selbst zufügte, ist es momentan für mich, meinen nahestehendsten liebsten Menschen nicht annähernd erklären zu können, was in meinem erkrankten Hirn vor sich geht und wie ich mich fühle in diesem ekelhaft harten Kampf um das Entfliehen der Sucht. Wenn der Verstand so wirr ist, dass man nicht weiß, was gerade wirkliches Leben ist und was nur Schein. Der Kontrollverlust unerträglich ist und man einfach nur noch eine wandelnde Hülle ist. Seelenlos. Leer.

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Innerhalb der letzten Jahre wurde ich durch die Essstörung zu einem anderen Menschen, ohne es zu wollen. Ich habe mich verloren. Um im Alltag nicht unterzugehen und um niemanden spüren zu lassen, dass ich krank bin, war es neben der Flucht in die Sucht auch eine Flucht in eine Rolle. Ich spielte meinem Umfeld 24 Stunden am Tag etwas vor. Nicht nur souverän…. nein, ich möchte behaupten, ich war grandios in dieser neuen Rolle. Fast niemand merkte etwas und erst als ich nach einem Suizidversuch in einer Klinik landete, bekamen andere langsam mit, dass etwas nicht stimmte. Erst als ich nach meiner härtesten Zeit als ich wirklich am Boden der Krankheit ankam, anfing darüber zu sprechen, dass ich krank bin, fingen andere an, sich etwas mit dem Thema zu beschäftigen und zu realisieren, dass ich vielleicht nicht die sorgenfreie Astrid bin, die ich immer repräsentierte.

Zu Beginn meiner Krankheit wollte ich nur noch verschwinden, unsichtbar sein. Nicht mehr da sein – ich fühlte mich sowieso wertlos und war es auch in meinen Augen nicht mehr wert, gesehen zu werden. Verzicht war meine Lösung. Weniger Essen – mehr Kontrolle. Je weniger ich aß, je weniger ich wog, desto größer war die Kontrolle über mich, mein Gewicht und meinen Körper. Es endete schließlich in einer Klinik. Diagnose: ANOREXIE.

Aber Essstörungen sind verschieden und doch gleich. Kaum realisiert, dass Magersucht keine Lösung ist und letzten Endes eine Art Todesspirale, die dich immer weiter nach unten zieht, kam ich vom Regen in die Traufe. Ich konnte anscheinend noch nicht ohne meinen ständigen Begleiter – die Krankheit -, die nonstop ihre schützende Arme um mich schlang, leben. Also verließ ich sie nicht und sie mich nicht. Die Essstörung blieb – nur anders gekleidet. Es war nun kein Verzicht mehr, sondern ich gönnte mir etwas. Immer häufiger. Immer mehr. Ich fühlte mich sicher, wenn ich mir etwas erlaubte nach dieser Zeit, in der ich mir immer nur alles verboten hatte. Ich fühlte mich gut, je mehr ich kompensierte. Immer mehr essen. Das große Fressen. Ich nahm zu, ein gedanklicher Horror für mich. Oder besser – gedanklicher Terror. Doch mein Umfeld blieb auch hier unbesorgt und ich wieder in meiner Glanzleistung – der Schauspielerei.

Mein Umfeld verteilte immer mehr Komplimente, dass ich besser und gesünder aussehe. “Endlich hast du wieder mehr auf den Rippen – toll siehst du aus!”. Schön und gesund mag man mit gesundem Menschenverstand denken. ‘Fuck off’ dachte die essgestörte Astrid. Doch es war zu spät. Ich war aus der Mager- in die Fresssucht geraten und konnte es nicht mehr stoppen. Ich habe nur noch für diese Krankheit, für diese Sucht und ihre Befriedigung gelebt. Mein komplettes “normales” Alltags- alias Berufsleben nur vorgespielt und dann die Realität ausgeblendet, sobald ich alleine war. Ich lebte seelenlos weiter in meiner Hülle und kam nicht hinaus. Nach Außen hin hatte ich ein perfektes Alibi für mich geschaffen – eine lächelnde, glückliche, sozial aufgeschlossene Astrid. Nach Innen war alles leer, nichts war mehr da von mir. Immer mehr wirre und ekelhafte Gedanken, immer deutlicher die Hilflosigkeit und der Hass gegen mich selbst. Und schließlich immer deutlicher das Gefühl, damit nicht mehr leben zu können und zu wollen. Es wurde unglaublich anstrengend für meine Nerven und den eigenen Körper. Ich konnte nicht mehr ständig gegen mich selbst ankämpfen.

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Da ich schon mal auf der Kippe stand, entschloss ich mich – nicht wie andere Male – dieses mal FÜR das Leben. Für mein Leben.

Ich möchte allen zeigen – egal, ob Betroffenen, Angehörigen oder komplett gesunden Menschen – , wie gefährlich Essstörungen sind. Und dass sie nicht immer sichtbar sind. Essstörungen kommen in allen Körpergrößen und -formen. Und sie sind in den Köpfen der Betroffenen, sie schreien sie an. Doch kaum jemand anderes kann diese Schreie hören. Ich möchte Aufmerksamkeit auf diese psychische Erkrankung lenken. Ich wünsche mir, dass sensibler mit diesem Thema umgegangen wird. Ich wünsche mir, dass andere nicht diesen Hirnfick erleben, den ich erlebe/erlebte. Ich habe erkannt, dass ich es wert bin, zu leben und sogar geliebt werden darf. Ich darf selbst auch lieben und ich möchte lieben und leben. Genießen. Für mich.

Ich möchte anderen Mut machen, sich auch dem Kampf zu stellen, sich selbst wieder näher zu kommen und darauf vertrauen zu dürfen, dass jeder Mensch es verdient hat, geliebt zu werden und mehr noch: sich selbst zu akzeptieren. Mit allen Makeln. In jeder Form und Größe. Sich eben nicht immer dem Druck von außen stellen zu müssen, möglichst perfekt sein & aussehen zu müssen.

Komm mit und brich aus aus deinen Gedanken, die dich zerstören. Stell dich dir selbst! Pro you!

 

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Diese Fotos habe ich als persönliche Herausforderung gesehen und sie deshalb machen lassen. Ich kann mich nur schwer im Spiegel ansehen; sehe meist nur an mir vorbei. Ich möchte mich bewußt ansehen, ohne mich zu schämen. Weder vor mir selbst noch vor irgend jemand anderem. Mein Körper gehört zu mir – er hält mich am Leben und trägt mich durch mein weiteres Leben. Und dafür bin ich heute unheimlich dankbar.

 

Die englische Version gibt es hier auf medium zu lesen!

 

Hör auf die Stimme

Gerade ein Lied gehört, in dem er singt „Hör auf die Stimme, hör was sie sagt – sie war immer da“… „sie macht dich stark“…  Ich frage mich, ob es stimmt – hatte ich schon immer eine eigene Stimme? War sie immer da? Es geht um Bauchgefühl und obwohl ziemlich simpel hält mich dieser Song gefangen.

Ich kann mich erinnern, da gab es definitiv eine Stimme in mir – und die habe ich auch sehr sehr gern nach außen getragen. Oft und oft laut. Manchmal auch leise, aber selten blieb sie in mir. Und doch gab es auch immer, schon seit meiner frühen Kindheit, eine Grenze, die ich verbal nicht überschreiten durfte. Aber sobald ich aus meiner Kindheit ins Erwachsensein, sprich ins Volljährigsein glitt, überschritt ich sie, die erste Grenze. Die Grenze, die mir mein damaliges „Zuhause“ auferlegte. Und es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und Glückseligkeit, von Abenteuerlichkeit und Neugier. Und da gab es nur noch die alltäglichen Grenzen, mit denen wir alle zu tun haben. Aber ich durfte endlich auf meine Stimme, die so lange in mir war, hören. Ich hörte sie, fühlte sie – und fing an, sie wie beschrieben, nach außen zu tragen. Herrlich. Ehrlich. Mein Ich. Endlich.

Leider nicht unendlich. Irgendwie setzte sich das Einprogrammierte von damals doch irgendwie durch und übertönte meine Stimme. Ich geriet in eine Misere, wie ich sie mir nicht annähernd hätte ausmalen können. Schnell wurde sie immer leiser, die Stimme in mir, die mir von Beginn an über alle möglichen Kanäle zurief, es ist falsch. Ich durfte sie nicht mehr nach außen tragen, sie wurde immer leiser, ich durfte sie nicht mehr hören und ich hörte sie nicht mehr. Keine innere Stimme mehr – weder verbal noch körperlich konnte und durfte ich mich zur Wehr setzen.

Er singt von Bauchgefühl. Es gab irgendwie kein Bauchgefühl mehr. Irgendwie mußte es aber doch zurück kommen…? Die Lösung war Hungern. Meine Lösung war Hungern. Da spürte ich meinen Bauch wieder. Er schrie – die Stimme verlangte nach Essen. Verweigerung ließ mich die Stimme immer deutlicher hören. Es gab da also doch noch etwas in mir. Aber was, wenn ich aufhörte, zu hungern? Dann würde die Stimme wieder leiser… Also Kontrolle behalten und weitermachen. Der positive Nebeneffekt war gleich in zweifacher Ausführung vorhanden: ich wurde dünner und ich hatte die Hoffnung, irgendwann gar unsichtbar zu werden und nichts mehr spüren zu müssen. Zumindest gegenüber oder für eine bestimmte Person. Fast hätte ich es geschafft.

Jetzt, 2,5 Jahre später, etliche Höhen und noch mehr Tiefen später, höre ich wieder etwas. Ich merke, es gibt definitiv eine Stimme in mir, die auch ausgesprochen und gehört werden will. Manchmal muss ich noch ganz konzentriert nach ihr suchen, doch eigentlich ist sie permanent wieder zu spüren. Er singt auch „…sie macht dich stark“. Das Gefühl habe ich mittlerweile sogar.

Ich weiß mein Sein und mein Leben wieder zu schätzen. Ich habe Lust und ich habe Leidenschaft. Ich kann zum Teil wieder genießen – das Sein sowie das Essen. Mein Bauchgefühl hat mir vor Kurzem mit ganz fester Stimme gesagt „Du mußt gesund werden und wieder leben & lieben lernen. Du mußt genießen und mit dir sein. Egal, was andere von dir, deinem Aussehen und deinem Körper denken.“ Ich finde, dass meine Stimme und mein Bauchgefühl sich noch nie einiger waren und ich werde einfach weiter auf sie hören! Und mittlerweile gibt es sogar bereits wenige wundervolle Menschen, die mir versuchen, zu bezeugen und zu beweisen, dass meine (neue) Stimme anscheinend recht hat…

 

Vertrauen – kann ich oder kann ich nicht?

Manches muss und sollte man im Leben loslassen und ich kann bezeugen, dass das zum Teil zwar schwer ist, aber sich doch oft lohnt und am Ende die richtige Entscheidung ist. Ich frage mich ernsthaft, warum ich nicht losgelassen werde. Losgelassen von einer gewissen Krankheit. Ich mag das Wort Krankheit mittlerweile in meinem Zusammenhang gar nicht mehr, weil ich mich eigentlich immer gesünder fühle.

Vor zwei Jahren konnte ich der Krankheit wenigstens einen eindeutigen Namen geben – ich war magersüchtig, als konnte ich sie liebevoll voller Hass Ana (=Anorexie) nennen. Heute ist das wesentlich schwieriger. Ana hat sich endlich verabschiedet – ihre Neben- und Nachwirkungen allerdings nicht. Sie will noch immer die Kontrolle über mich behalten – wenn sie sie schon in Form des Hungerns abgeben mußte, so will sie mich doch wenigstens im möglichen Rahmen einer Essstörung weiterhin kontrollieren. Sie überredete mich, mich weiterhin in einem bestimmten Ritual zu wiegen und das entwickelte ich dann in Form meiner Italiener-Völlerei. Endlich satt werden schrie mein Körper und ich & er konnten schließlich nicht genug Nahrung und Sättigung bekommen. Aber wie nennt man eine Krankheit, eine Essstörung, die weder bulimisch noch anorektisch ist? Hier in meinem Fall gibt es irgendwie keinen Namen – doch Krankheit klingt nach krank und eigentlich bin ich das doch nicht mehr…?.

Sagen wir ES zu ihr. ES hält mich kopfmäßig noch immer phasenweise stärker in ihren Armen als ich gedacht hatte. ES äußert ihre Symptome in Form von Selbstzweifeln und Ängsten, nicht mehr gänzlich vertrauen zu können.

Jeder, der sich einmal etwas mit der Thematik Essstörung auseinander gesetzt hat, weiß, wie verquer, gemein und widerwärtig die Gedanken innerhalb dieser Geschichte sein können. Ich muss & möchte hier nicht noch einmal ins Detail gehen.

ES soll mich aber doch bitte endlich frei sein & werden lassen. Ich bin es so satt, mit (Selbst)zweifeln gefüllt zu sein. Anstatt mit Essen, wenn mir denn der Entzug des Italieners gelingt, bin ich gefüllt mit Hinterfragen, mit Ängsten und Zweifeln.

Der Beigeschmack einer Essstörung sind immer Selbstzweifel – ob der Gaumen sich darüber freut oder nicht. Schluck es. Passiert etwas ist Gutes, ist das schon merkwürdig. Passieren mehrere gute Dinge innerhalb kurzer Zeit, ist das mehr als merkwürdig. Es fühlt sich für mich unwirklich an. Wie schon so oft beschrieben: es ist unbekannt – gab es nie… Kann nicht sein, dass sich jemand um mich bemüht. Kann absolut nicht sein, dass sich jemand Sorgen um mich macht. Kann auch nicht sein, dass jemand sagt, „pass auf dich auf“ und es auch noch ehrlich meint. Kann mal überhaupt nicht sein, dass jemand zu mir sagt, „Du siehst wahnsinnig hübsch aus“ geschweige denn „Du hast eine tolle Figur“. Ich sehe mich täglich im Spiegel und es kann nicht sein, dass die Worte mir gelten.

Im Spiegel sehe ich eine Frau, die alles andere als attraktiv oder hübsch ist. Ganz deutlich sehe ich nur eine Oberflächlichkeit, für die ich diese Frau im Spiegel absolut verurteile. Diese Oberflächlichkeit hat sich in ihrem -also leider meinem- Kopf so sehr verankert, dass ich sie nicht mal herausprügeln könnte. Zwischenzeitlich gelingt es mir zum Teil, die Gedanken zu verdrängen oder zu überspielen, aber gerade, wenn mir viel Gutes passiert, wenn ich viel Zuspruch bekomme, wenn ich scheine, endlich gesund zu werden…, gerade dann, also gerade JETZT in dieser neuen Phase meines Lebens, schreien mich die Zweifel aus dem Spiegel und die Oberflächlichkeit von ES so an, dass mir das Trommelfell platzt. Ich kann nicht weghören. . . Ich höre, dass ich fett geworden bin. Ich, ausgerechnet ich, die die andere wirklich nicht nach dem Aussehen beurteilt; für die die Figur von anderen Menschen und von mir selber nie wirklich wichtig war und für die Ausstrahlung und Charakter aber immens wichtig sind… Ausgerechnet ich urteile nun wieder so oft über mein Aussehen und meinen Körper.

Ist ja auch ein einfaches Ventil, um dem ganzen absurden „Druck“ des Guten, das mir widerfährt, stand zu halten. Es läuft gut; ich habe endlich nach vielen Jahren wieder Spaß; ich gehe aus; ich lerne & treffe neue tolle Menschen; ich habe eine Freundschaft intensiviert und für mein Leben gewonnen, die einzigartig ist; mein Job macht mir Freude und fordert mich und – ich bin unabhängig, was ich leider jahrelang durch meine gewissen Auslöser von ES nicht sein durfte. Das erste mal, bin und werde ich nicht gemacht oder gesteuert, sondern ich darf und kann es mir aussuchen. Keine Gewalt und Druck oder Zwang mehr zu bestimmten Körperlichkeiten.

Damit das so bleibt, ist es doch eigentlich ganz easy: Vertrauen. In mich und in die Menschen, die mich scheinbar nehmen wie ich bin. Die mich mögen und die auch anscheinend mein Äußeres mögen und schließlich in die Zeit und die Phase meines Lebens jetzt – ich hole halt nach, was für die meisten längst selbstverständlich ist.

Am Ende ist es also wirklich so simpel? Einfach Vertrauen – kann ich oder kann ich nicht?

zwischen irgendwas & Vertrauen

Zwei Wochen daheim – ganz frei und irgendwie neu sortiert. Trotzdem etwas unsortiert; so fühlt es sich an. Seit meiner Entlassung aus der Klinik ist schon einiges für mich passiert. Besonders gedanklich natürlich. Ich versuche, jeden Tag frei zu leben und zu genießen. Noch vor ein paar Monaten war es für mich schlicht unvorstellbar, ohne meine verworrenen, beharrlichen und durchweg negativen Gedanken leben zu können. Sie waren stets bei mir – am Tage ganz aktiv und selbst in der Nacht bewachten sie mich. Wehe, eine Stunde Schlaf versuchte in meine Nähe zu gelangen – da waren sie so wachsam wie sonst nichts und drängten sich immer und immer wieder ungefragt und schnell in meinen Kopf und meinen Körper. An Schlaf war nicht zu denken. Mein Kopfkino lief auf Hochtouren und hätte es hierfür einen Oscar gegeben, hätte ich das Ding in sämtlichen Kategorien sicher mit nach Hause genommen.

Mittlerweile kann ich wieder schlafen. Ich war noch nie ein großer Filmfreak, also versuche ich, auf Kopfkino zu verzichten und lieber das wirkliche Leben zu betrachten. Dabei schmeckt auch nicht nur Popcorn – ich entdecke nahezu täglich neue Dinge und Gerichte, die erstaunlich gut schmecken – auch außerhalb des Kinos.

Aber kann ich dem neuen Gefühl, dem neuen freieren Kopf wirklich über den Weg trauen? Es ist merkwürdig, mal wieder ganz für mich allein Entscheidungen zu treffen und es ist komisch, mir beim Bäcker ein Stück Kuchen außer der Reihe zu kaufen. Es macht Spaß – aber es ist komisch. Fremd und unsicher.

Und hier umarmen sie mich wieder, die alten Gedanken, die mich jahrelang sicher begleitet haben, sie kommen teilweise zurück. Sanfter und leiser, aber sie zeigen, dass sie nach wie vor noch an meiner Seite sind und ich habe das Gefühl, dass sie mich nicht verlassen wollen. Einvernehmliche Trennungen sind der Idealfall – sofern man bei Trennungen von Idealfall sprechen kann. Hier liegt leider keine einvernehmliche Trennung vor.

Es ist mir immerhin schon ganz gut gelungen, mich von Dingen und Personen zu lösen, die nicht gut für mich sind und die einfach nicht zu meinem Ich passen. Darauf bin ich stolz, denn einfach ist das nicht. Es ist sogar ein bisschen wie Training, ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln und es nicht gleich wieder niederzustampfen, sondern es laut schreien lassen und danach zu handeln.

Bei mir geht es immer wieder an den Selbstwert. Es ist irgendwie so befremdlich, sich selbst zu schätzen und für mich einzustehen. Wenn dieser Wert einmal zerstört wurde, dann ist es ehrlich hart, den wieder zu kitten. Härter als ich jemals für möglich gehalten hätte. Aber so schwer es auch irgendwie ist, so schön fühlt es sich gleichermaßen an. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl für mich, nach meinem Gusto zu leben und niemandem Rechenschaft schuldig sein zu müssen. Ich hatte immer irgendwem gegenüber Verpflichtungen, selbst wenn es „nur“ meine perfekte Scheinwelt war, die ich wahren musste zum Schluss.

Jetzt ist es alles anders. Ich lege schon wieder einen Neuanfang meines Lebens hin und dieses mal fühlt er sich zum ersten mal echt für mich an.

Leider muss ich trotzdem hinnehmen, dass ich nicht gesund bin. Dass sich meine Negativgedanken immer wieder an meine Seite drängen wollen. Wenn neue Menschen in mein Leben treten, wenn ich für mich fremdes Essen probiere, wenn ich Essen in anderen Mengen verzehre, wenn ich arbeite, wenn ich über die Straße laufe… sie wollen und werden mich wohl noch weiter begleiten, so lange ich nicht noch mehr Vertrauen aufbaue. Vertrauen in Genuss; Vertrauen in Freunde; Vertrauen in Männer; Vertrauen in alle Menschen um mich herum. Vertrauen darauf, dass sie mich so nehmen und akzeptieren wie ich bin. Mit allen sichtbaren und unsichtbaren Wunden und Narben, die ich aus der Vergangenheit mit, an & in mir trage. Aber ich habe immerhin das Vertrauen in mich selbst, dass mir das gelingen wird. Der Anfang ist getan…

Bis hierher.

Kurz dem Klinikalltag entflohen – Zeit, ein kleines Resumée zu ziehen. Bis hierher.

Bis hierher habe ich innerhalb der kurzen Zeit viel begriffen. Sehr viel – zumindest habe ich das Gefühl. Meine Grenzen habe ich kennengelernt. Ausgereizt.

Ich dachte immer, dass ich es irgendwie schon hinkriege, mich vernünftig/regelmäßig/ausgewogen zu ernähren. Mit ein bisschen Hilfe von den Betreuern und wertvollen Ratschlägen von den Ärzten und mit ein bisschen Verständnis und Unterstützung von meinen Gleichgesinnten – die, die momentan mit mir zusammenleben. So weit so gut. Dass ich ein bisschen in die Tiefe gehen muss und mich mit bestimmten Ereignissen und Personen befassen muss, die in meinem Leben ungefragt ihren Platz eingenommen hatten, das war mir auch klar. Das ganze Procedere kenne ich ja bereits von vor zwei Jahren.

Doch jetzt ist es anders. Anstrengender und schmerzvoller. Ich begreife viel, das ich vor zwei Jahren nicht annähernd begriff. Viel, wovon ich zum Teil gar nichts wußte.

Meine Scheinwelt habe ich mir mit Investition von viel Zeit, Energie und Hingabe aufgebaut und ich habe sie vehement geschützt. Verteidigt vor anderen und aber vor allem vor mir selbst. So sorgsam ich mich um sie gekümmert habe, sie ausgebaut habe, genauso rapide will ich sie loswerden. Es geht nicht ganz. Aber es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, all das auszusprechen, das sie in sich birgt. Das ich in mir barg. All das ist jetzt raus – Angst, Hass, Konfrontation, Flucht, verhasste Spiegelbilder, verschönte Außendarstellung, Verdrängung – ich habe das erste mal in meinem Leben das Gefühl, dass ich mir und meinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen konnte und vor allem DURFTE.

Ich habe erkannt und realisiert, was mit mir in den letzten Jahren geschehen ist und vor allem, was ich in den letzten Monaten getan und gelebt habe. Wieso ich ständig den Weg zum Italiener gefunden habe, aber nicht annähernd den Weg zu mir selbst.

Jetzt, wo ich so vieles sehe und nicht mehr verdrängen kann; jetzt, wo ich bereit bin, aktiv etwas zu ändern, habe ich die Chance, einen Weg zu finden. Zu mir selbst und auch einen Weg in ein Land, das ich „Schönes Essen – Schönes Genießen“ nennen möchte. Wo genau das liegt, weiß ich nur ungefähr – so wie ich ungefähr weiß, wo auf der Landkarte Ho Chi Minh City liegt. Bis dahin ist es eine weite Reise, genauso weit wie in mein eben erwähntes Land. Aber es ist ein fixer, realer Punkt auf der Weltkarte, genauso wie mein Reiseziel. Ich habe gerade nicht wirklich eine Ahnung, wie ich da am schnellsten und am günstigsten hin gelange, doch ich habe einige Ideen und eine große Motivation.

Meine Gedanken sind noch immer mehr als wirr und ich weiß, dass es noch viel aus- und anzusprechen gibt. Aber mein Gefühl, nicht mehr in meiner Scheinwelt leben zu müssen, erleichtert mich und mein Gewissen enorm.

Und zum ersten mal seit langem habe ich wirklich das Gefühl, minimale Fortschritte zu machen und zwar in die richtige Richtung. Und wenn diese Richtung momentan „jeden Tag Kuchen“ heißt, dann ist das so. In ein paar Wochen heißt sie vielleicht „jeden Tag warmes Mittagessen“ oder „ich esse, worauf ich Appetit habe“. Ich bin gespannt und hoffe, ich verlaufe mich nicht.

Wieso so schwer, wenn doch so leicht…?

Diese Frage stelle ich mir bewusst nun schon mindestens seit 2 Jahren. Ich komme einfach nicht heraus aus meinem Gedankenalltag – kein gewöhnlicher Alltag mit alltäglichen Gedanken, sondern MEIN Gedankenalltag. Heißt: alles dreht sich um Essen, zunehmen, abnehmen und darum, was andere von mir denken könnten. Wieso ist es so schwer, das abzustellen, wenn mir die halbe Welt vormacht, dass es eigentlich ganz leicht ist, auf andere zu scheißen. Wieso gelingt ihnen das und mir nicht?? Liegt es wirklich daran, dass mir schon von Klein auf immer und immer wieder eingebrannt wurde wie ich zu sein habe und was ich zu lassen habe? Ich hab mich nicht wirklich so entwickeln können, wie es vielleicht normal gewesen wäre, weil mir ständig Ärger drohte, wenn ich nicht bestimmte Kriterien erfülle. Also funktionierte ich  – wie ein Roboter. So, wie man mich damals schon haben wollte. Das konnte ich sehr sehr gut. Und wenn doch mal ein kleiner Anschein eines Gefühlsausbruchs oder des eigenen Willen kam, wurde dieser direkt im Keim erstickt – denn in diesem Moment war ich nicht so, wie es von mir erwartet wurde. Das durfte wirklich nicht sein.

Aber kann es sein, dass sich so etwas wie ein roter Faden durch mein Leben zieht? Ich habe mir immer und immer wieder die falschen Partner, Freunde gesucht. Die, die genauso von mir erwarteten, etwas oder jemand zu sein, der ich aber eigentlich nie war. Doch es war das Gewohnte, das mich anscheinend immer wieder in deren Fesseln zog. Immer funktionieren – das war schließlich das einzige, das ich kann und konnte – also eine sichere Bank für mich.

Aber jetzt bin ich mittlerweile an einem Punkt (den ich zugegebenermaßen ohne meinen Klinikaufenthalt wohl eher nicht erreicht hätte), an dem mir bewusst ist, dass das nicht alles sein kann. Wenn ich endlich mal ich selbst sein will, dann muss ich ausbrechen aus diesem Scheiß. Mir ist bewusst, dass es im Leben nicht darauf ankommt, möglichst schlank zu sein, ein möglichst makelloses Gesicht zu haben, oder sich immer konkret auf den anderen einzustellen. Es zählen weitaus andere Werte, auch wenn es uns anders verkauft wird. Aber im Grunde weiß es jeder, dass es auf etwas ganz anderes ankommt. Auch ich. Doch diese verfluchte Essstörung hat aus mir ein Gedankenwrack gemacht. Ich will und kann nicht und ich verstehe nicht, warum es mir so schwer fällt, loszulassen von diesem Fluch. Wieso ist es so schwer, wenn es doch eigentlich so leicht ist?

Ich habe Angst. Große Angst, enttäuscht zu werden, wenn ich mal auf alles scheiße und einfach das tue, wonach mir ist. Vor allem, wenn ich mal das esse, wonach mir ist. Wobei letzteres gar nicht so leicht ist, weil ich kaum noch weiß, was ich wirklich gern mal wieder essen würde und was nicht. Fest steht, dass ich ja wieder 94 kg wiegen könnte, wenn ich aus meinem Trott ausbreche. Dass ich 8 kg zugenommen habe seit Entlassung ist schon hart zu verkraften. Doch ich halte es aus. Weil ich jetzt wie eine normale Frau aussehe. Doch, was passiert, wenn ich noch mehr zulege und mein Äußeres sich verändert? Dann bin ich nicht mehr so, wie man mich kennengelernt hat – werde ich dann wieder abgelehnt, wenn ich mich verändere? In meiner Vergangenheit war es so. Ich habe wenig Menschen in meinem Leben, die mich bedingungslos so nehmen, wie ich bin. Und in meinen vergangenen Beziehungen war es so, dass ich alles immer konkret nach dem Partner gerichtet habe. Es wurde so erwartet und ich funktionierte. Also funktionierte auch die Beziehung.

Also, was passiert, wenn ich jetzt einfach mal re-boote und einen Neustart hinlege? Bisher habe ich es  schon so oft gewollt, doch nie wirklich gewagt und so war ich immer auf der sicheren, wenn auch mehr als unschönen Seite. Bis ich schließlich „Ana“ -meiner heißgeliebten und noch heißer gehassten Freundin alias Essstörung/Anorexie- begegnete. Sie hat mir dauerhaft Halt und Schutz und Kontrolle gegeben. Doch ich will diese Art Halt und Schutz und Kontrolle nicht mehr. Ich will einfach nur alltäglich leben.

Für „normale“ Menschen sind meine Gedanken sowas von lächerlich und überhaupt nicht nachvollziehbar, das ist mir bewsst. Einige halten Gedanken innerhalb einer Essstörung sogar für eine Art Luxusproblem. Das ist es definitiv nicht – es ist die Hölle. Deshalb ist es sehr schwierig, unbedarft mit Menschen in meinem Leben über mich und mein Leben zu sprechen. Doch genau das will ich – normal antworten können auf Fragen wie „Was isst du denn am liebsten“ oder „was sind deine liebsten Hobbies“ oder „und, was hast du so die letzten Jahre getrieben“.

Wieso ist das so schwer, wenn es doch so leicht scheint??

genauso und doch anders

Die Schizophrenie ist präsenter denn je. Ich dachte, es legt sich irgendwann. Nein, verkehrt. Ich dachte nicht ernsthaft daran, ich hatte (nur) die Hoffnung, es legt sich irgendwann. Aber absoluter Stillstand im Kopf. Stillstand im Vorankommen.

Doch kein Stillstand in all den wirren Gedanken, Spinnereien, die sich innerhalb dieser Krankheit im Kopf verankern. Sie sind wie eine fette Krake mit noch fetteren Armen, die sich ständig um diese miesen Gedanken schlingen, damit sie bloß nicht die Gelegenheit haben, zu entschwinden. Sie sind stark und ich habe keine Chance. Die Arme sind allerdings ja auch immer ein Schutz – Arme umarmen einen. Und wer sehnt sich nicht zwischendurch nach einer liebevollen, zärtlichen aber gleichzeitig starken Umarmung? Also, willkommen in der Schizophrenie! Ich hasse diese Krakenarme, will ihnen endlich entkommen und frei sein. Frei im Kopf und frei und fein mit meinem Körper. Gleichzeitig bin auch ich ein Mensch, der sich nach einer Umarmung sehnt und also, so what: hier ist sie. Die Krake umarmt mich, gibt mir immer wieder das Gefühl, ich kann und darf jederzeit – nein, ich soll auch jederzeit in ihre Arme zurückkehren. Da ist mein Schutz – mein Wohlbehagen. Irgendwie. Und hier ist auch die Kontrolle. Die Kontrolle, nicht wieder so fett zu werden, wie eine Krake.

Der Wille, endlich von all dem los zu lassen und „gesund“ zu werden ist stärker denn je. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr begreife ich, warum ich in diese Essstörung hineingerutscht bin. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr begreife ich auch, dass es sinnfrei ist, an einer Krankheit (was eine Essstörung ja nun leider definitiv ist), festzuhalten. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr begreife ich auch, dass nur ich allein dafür verantwortlich bin, etwas zu ändern und endlich freier im Kopf zu werden. Aber ganz ehrlich: Hier ist schon der Widerspruch. Ich allein bin verantwortlich dafür. Das sagen Ärzte, Therapeuten und Pfleger. Aber alle diese Personen sagen gleichermaßen, dass man es alleine kaum schafft aus dieser Misere hinaus zu gelangen. Also bitte, wie und was ist jetzt Phase?

Es gäbe für mich nichts schöneres, als da hinaus zu gelangen. Es ist mir mittlerweile sowas von egal, ob mit oder ohne Hilfe. Hauptsache weg mit dem ganzen Schlechten, das meinen Kopf so sehr beherrscht.

Mittlerweile habe ich viele Erkenntnisse gewonnen und mich bewußt von so vielem getrennt, das mir nicht gut tut. Auch von Menschen getrennt, die eigentlich gar keine Berechtigung auf einen Platz in meinem Leben oder gar in meinem Herzen hatten. Das ist mir immerhin schon einmal gelungen. Also irgendwie hat sich doch etwas getan… Doch wieso schaffe ich es, solch zum Teil schwierigen Entscheidungen zu treffen und sie durch zu ziehen, und aber gleichzeitig nicht, mich einfach mal dazu hinreißen zu lassen, eine Woche lang mal wie ein normaler Mensch zu essen? Es gibt doch nichts lapidareres. Nichts ist für einen normalen Menschen einfacher. Es gehört eben zum Leben dazu. Es ist NORMAL. Doch noch immer ist es so, dass ich entweder die Völlerei bis ins Nirvana celebriere oder ich achte an den anderen Tagen, die nicht im Völlerei-Nirvana enden darauf, nicht mehr als maximal 500 kcal zu mir zu nehmen.

Immerhin sieht man mir nicht mal mehr ansatzweise an, dass ich eine Essstörung habe. Doch ein Fortschritt also.

Also ist es genauso wie immer und doch anders.

Schizophrenie der Essstörung – mein ich und ich

Etliche male haben mich die kranken Gedanken innerhalb dieser Essstörung zermürbt und ich dachte, es wird irgendwann besser. Wird es nicht. Vielleicht zwischendurch, aber nicht langfristig. Ein kurzer Moment, ein Satz, einmal falsch abbiegen auf dieser zerstörerischen Gedankenautobahn und es ist alles beim alten. Mein Hirn fickt mich auf übelste Weise und ich kann nichts dagegen tun.

Diese Krankheit ist sowas von schizophren, dass ich mich und meine Gedanken kaum selbst noch ernst nehmen kann. Das eine Ich will Heilung, will Genuss, will frei sein und dieses selbige eine Ich bildet sich auch ab und an ein, Fortschritte gemacht zu haben, weil es mittlerweile Nahrung aufnimmt – viel Nahrung – zu viel Nahrung leider oft. Diese ungewohnte Nahrungsaufnahme gefällt trotzdem irgendwie dem einen Ich, sie macht sicher, zufrieden, lässt mich das Gefühl der Normalität zurück erlangen. Das Ich signalisiert mir, ich werde gesünder. Leider sieht man das auch – andere sehen mich und sagen „Du siehst endlich gesund aus. Stehen dir, die paar Kilos mehr.“ Und genau hier meldet sich das zweite, das andere Ich und schreit mich bei jedem Blick in den Spiegel an. Es schreit „Du bist fett. So kann ich dich nicht ertragen. So kann und wird dich niemand sonst ertragen.“ Ich nehme diese Schreie auf; ich sauge sie förmlich auf und empfinde Hass gegen mein Äußeres. Ich hasse dieses Äußere Bild von mir im Spiegel so sehr, dass ich mich verletze und mir Dinge antue, die mich vom Schmerz, den ich verspüre, wenn ich mein Spiegelbild sehe, ablenken. Und wegen diesem Empfinden, wegen diesem widerwärtig oberflächlichem Denken entwickelt sich auch Hass gegen mein Inneres. Denn das bin doch nicht ich. Ich bin nicht oberflächlich…

Willkommen im Teufelskreis. Die beiden Ichs rennen um die Wette. Keines der beiden gewinnt. Sie existieren parallel und miteinander gleichzeitig. Sie harmonieren irgendwie auch. Denn das schizophrene ist eben auch, dass die beiden Ichs vereint wunderbar Ratschläge an Gleichgesinnte verteilen können. Sie sehen auch andere Menschen ganz klar und erkennen ihre äußere und innere Schönheit und sie können Menschen optisch neutral beurteilen. Aber vereint in mir können sie nichts. Sie können rein gar nichts erkennen. Sie lassen mich auflaufen. Immer und immer wieder. Und ich fühle mich machtlos. Ich will und kann aber nicht.