Leben

Schöner Schein

Das leidige Thema, und doch lässt es mich nicht los. Und scheinbar auch das ganze weite Universum nicht… Überall werden wir mit gefakten Schönheitsidealen konfrontiert. Immer und immer wieder. Uns wird Glauben gemacht, dass eine aalglatte Haut im Gesicht und am Rest des Körpers sowie die perfekte Figur à la Size 34/36 richtig sind. Dass wir damit in der Gesellschaft und im Leben angekommen sind, sobald wir in dieses Bild und in diese Größe passen.

Bullshit. Ich könnte dermaßen kotzen, wenn ich diese ganzen gefakten Bilder und Plakate von diesen scheinbar perfekten Menschen sehe. Und das Widerliche an der ganzen Sache ist, dass all das uns nicht vermitteln soll, dass das perfekt wäre, wenn man so aussieht, sondern dass es normal ist, wenn man so aussieht. Alle laufen ja so herum. Die ganzen blonden, brünetten, rothaarigen Frauen in allen Facetten, aber doch gleich: SCHLANK und mit makellosem, leicht gebräuntem Teint im Gesicht; weiße Zähne, natürlich keinerlei Cellulite oder Dellen und schon gar kein kleines Bäuchlein oder so etwas in der Art. Niemand sagt einem, dass hier Photoshop wieder allergrößte Arbeit geleistet hat und niemand sagt einem, dass es zwar solche Menschen gibt, allerdings in der Minderheit.

Wer übernimmt hier eigentlich die Verantwortung dafür, dass alle wie die Lemminge in die Gyms rennen, sich 4-5 mal die Woche den Arsch aufreißen, um auch nur annähernd so auszusehen, wie der sexy Kerl oder die hammer Lady auf einem der zahlreichen Titelblätter von hochpolierten Magazinen? Wer möchte die Verantwortung dafür übernehmen, dass wir dadurch an kostbarer Zeit und somit Lebensqualität verlieren? Wer übernimmt bitte die Verantwortung dafür, dass zahlreiche Menschen in eine Essstörung geraten, um irgendwann so auszusehen, wie sein Idealbild, sein Vorbild? Sollten nicht eigentlich Eltern und/oder Pädagogen, Freunde, Bekannte unsere Vorbilder sein? Wie kommt es, dass anstatt dessen Instagram und deren gehypte Blogger unsere Vorbilder sind? Wie kann es sein, dass die perfekt in Szene, die perfekt retuschierte Bloggerin in der mega stylischen Hot-Pants mit der total angesagten schulterfreien Bluse zu einem Vorbild wird? Auf den Fotos sieht man nichts als diesen perfekt in Szene gesetzten Körper in einem total angesagten Outfit. Man sieht nicht, ob diese Person fähig, bestimmte Werte zu vermitteln oder mir/uns etwas beizubringen…Man kann null ahnen, was für ein Mensch diese Person da ist. Aber das interessiert uns scheinbar auch nicht.

Ein normaler Körper scheint nicht mehr normal sein zu dürfen. Ein unebenes Hautbild, ein paar Rötungen oder Falten im Gesicht finden keine Akzeptanz mehr. Falten sprechen für sich – eigentlich. Sie erzählen von einem gelebten Leben und einem Reifeprozess. Doch irgendwie scheinen wir alle keine Reifeprüfung des Lebens mehr bestehen zu wollen. Lieber perfekt sein.

Ich frage mich nur: wofür? Ist es nicht viel netter, in lieber Gesellschaft irgendwo genüsslich etwas zu essen und ein Glas Wein zu trinken als gestresst nach der Arbeit die Sporttasche zu suchen, ins Gym zu fahren und dort so lange schwitzen, bis die zum Mittag verzehrten 850 kcal wieder halbwegs abtrainiert sind?

Wieso streben wir nach dieser oberflächlichen Art von Anerkennung? Ist es egal, wie hässlich man als Mensch ist, solange man äußerlich attraktiv und schön ist?

Keine Ahnung. . . und was mich am meisten nervt ist, dass ich mittendrin hänge. Ich drehe mich seit vier Jahren im Kreis dieser widerlichen Essstörung und irgendwas in mir scheint sich genau dieser Oberflächlichkeit zu beugen. Ich möchte mich -warum auch immer- schlank fühlen. Denke, dass mir dann alles leichter fällt, je leichter ich bin. Ist nur leider nicht so. Im Gegenteil. Keine Kraft, keine Energie und schlank fühle ich mich nicht. Und am schlimmsten: keine Seele. Und das sieht man mir an. Leere Augen, wo früher purer Lebensmut und Freude an so vielem zu finden war. Nichts mehr übrig davon und  doch ist sie da, die Angst vor dem Zunehmen. All das weiß ich und doch bin ich nicht in der Lage, irgendwas zu ändern. Gelähmt und gefangen in dieser gefakten Welt…

 

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warum so kompliziert?

So oft frage ich mich, warum alles so fucking kompliziert sein muss. Nicht, dass wir schon genug Stress und Problemen im Alltag ausgesetzt wären – und zwar jeder von uns auf seine eigene Art und Weise. Nein, wir machen es uns allen einfach immer nur noch schwerer und komplizierter, indem wir uns alle irgendwie den ständigen Selbstoptimierungsprozessen unterziehen und damit allen anderen, also uns quasi gegenseitig demonstrieren, was wir zu leisten im Stande sind. Wie produktiv wir sein können. Wie unglaublich sportlich, gesund, effizient, multitasking, wie perfekt unperfekt gestylt wir sind, wie gut gelaunt und positiv wir durch die Gegend laufen und jeden glauben machen, wie gut es uns geht und wie unglaublich zufrieden wir sind in unserem eigenen Leben. . . Wir kriegen einfach alles und mehr unter einen Hut in diesem einen Leben, das wir haben. Wir schaffen so wahnsinnig viel und wir zeigen es allen. Warum? Ein Leben haben wir. Und niemand weiß, wie lange dieses andauern wird.

Warum also fügen wir uns so einfach und naiv immer und immer wieder ein in dieses Bild, das wir glauben, ausmalen zu müssen. Und zwar korrekt bis zum Rand. Und wenn möglich auch noch darüber hinaus. Überall wird uns gezeigt, wie toll und besser wir noch aussehen können. Was alles möglich ist, um fit, gesund und ausgeruht & frisch auszusehen. Damit niemand merkt, wie anstrengend und ermüdend es doch ist, sich permanent in aller & alter Frische zu profilieren. Crèmes, Botox, Detox, healthy food und tolles make up – all das lässt uns strahlen. Äußerlich.

Wir wollen alle die perfekte Figur. Wollen uns präsentieren und Anerkennung bekommen. Wir wollen toll aussehen, damit wir mithalten können und damit wir gemocht werden. Damit andere uns attraktiv finden. Wenn einem das dann auch noch gesagt wird, dann ist das der größte Ego-Booster ever. Aber eigentlich hält doch dieser Moment nur kurz an, oder? Mir geht es besser, wenn mir jemand sagt, dass ich ein toller Mensch bin und ich zehre davon wesentlich länger, als wenn mir jemand sagt, dass ich toll aussehe. Und ich wette, das geht vielen von uns so. Warum wiegt aber dennoch ein Kompliment über das Aussehen so viel schwerer? Warum streben wir immer so sehr danach, mit anderen mithalten zu können und schön auszusehen? Ich finde keine Antwort. Denn eigentlich weiß jeder, dass es im Leben um so viel mehr und um eigentlich ganz andere Dinge und Werte geht. Zumindest möchte ich das behaupten.

Klar, viele von uns haben sicher nicht immer die Liebe erfahren, die wir als Kind schon erfahren hätten müssen, oder es fehlte Aufmerksamkeit oder Anerkennung. Doch ist das wirklich der einzige Grund und trifft der bei fast jedem von uns zu? Ich glaube nicht. Es ist mehr dahinter. Hinter Instagram, Selbstportraits im Spiegel, hinter dem knappen Bikini, den wir am Wannsee voller Stolz tragen, nachdem wir uns die letzten 8 Monate im Gym so sehr abgestrampelt haben.

Ich möchte wissen: ist das ehrlich nötig? Auf der einen Seite regen wir uns auf über politische Entscheidungen, über Regierungen, über deplatzierte Präsidenten, über Kriege, über einfach nur dummen Rassismus und auf der anderen Seite legen wir doch viel mehr Energie und Gedanken in diese alltäglichen oberflächlichen Dinge wie unser Aussehen und unser Ankommen in der Gesellschaft und bei anderen.

Ich mache mir auch Gedanken übers Ankommen. Jedoch über das Ankommen bei mir selbst. Ich möchte endlich wieder meine Seele und mein Inneres erreichen. Ohne Gym und ohne Botox. Einfach nur mit meiner Art und meinem Gewissen. Meinen Entscheidungen und einer inneren Stimme, die mir sagt „es ist ok so, wie du bist. du machst das schon.“

Bis ich meine eigenen Antworten finde und endlich mein Ziel -meine Seele- zumindest in Sicht oder spürbar ist, werde ich mit Sicherheit immer weiter diese Fragen stellen, warum wir immer alle so perfekt sein müssen und uns nicht einfach trauen, mal auf die ganzen weisen Quotes zu hören, anstatt sie nur in sozialen Netzwerken zu posten…

Leer.

Seit Wochen hadere ich sehr mit mir selbst. Viele Dinge habe ich in den letzten Wochen oder knapp 2 Monaten weiterhin erkannt und irgendwie bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich erkannt habe, dass es so nicht weitergehen kann. Nicht weitergehen soll. Ich habe so vieles getan, das nicht hätte sein dürfen. Habe mir und meinem Dasein immens geschadet und vehement weitergemacht – in welcher Form auch immer.

Dass mich mein Körper noch durch diese Welt trägt, ist ihm ehrlich hoch anzurechnen, bei dem ganzen Auf und Ab und Auf und Ab und Auf… Er hält scheinbar mehr aus, als ich es je für möglich gehalten hätte und als es auch scheinbar mein Kopf tut.

Mein Kopf fühlt sich schrecklich voll an. Er ist schwer. Müde. Er ist es leid, immer im gleichen Netz gefangen zu sein, darin hin und her zu springen und weitere Fäden zu spinnen und am Ende doch nicht hinaus zu kommen. Er kann nicht mehr diese Gedanken mit sich herumtragen, die ihn immer und immer wieder quälen und wach halten. Diese Gedanken, die sowieso nichts ändern. Das habe ich erkannt. Sie ändern nichts. Zwei Alternativen also, die es nun für mich gibt: Weitermachen & nicht aufgeben, das Gedachte und Vergangene hinnehmen und für die Gegenwart und die Zukunft kämpfen oder endlich einen Schlussstrich ziehen. Letzteres war gedanklich immer wieder präsent in letzter Zeit, doch es will nicht klappen. Ein kleiner Gedanke schiebt sich immer vor den Strich im allerletzten Moment und hält mich ab & er hält mich wach. Er hält mich so lange wach, bis ich an die erste Alternative denke und bis ich denke, dass sie es wert ist, sie auszuprobieren. Also mache ich weiter irgendwie…

Mit vollem Kopf und leerem Körper. Emotional leer meine ich. Nicht nahrungstechnisch. Ich esse zwar wieder weniger, doch fühlt es sich für mich nicht so an. Hier ähneln sich Kopf und Körpervolumen – voll. Gefühlt. Dick.

Gleichzeitig jedoch, ist mein Körper eine leere wandelnde Hülle. Ein Cocon. Ich sehe mich zwar irgendwie im Spiegel und stelle fest, ich bin da. Doch ich fühle mich nicht. Meine Seele scheint zu schweigen. Sie ist kaputt – noch immer von all dem Ballast aus der Vergangenheit. Das nimmt sie mir übel, was wiederum ich ihr nicht übel nehmen kann.

Meine Seele ist still. Sie weist mich bewußt in keine Richtung. Zumindest fühlt es sich so an. Ich bin mal wieder komplett lost. Obwohl ich eigentlich keinen sichtbaren Grund dazu habe. Ich habe ein Dach über dem Kopf und einen Job und dann noch zwei, drei ganz wunder- und wertvolle Menschen in meinem Leben und in meinem Herzen, die mir immer und immer wieder aufs Neue versuchen, zu beweisen, dass mein Leben lebens- und liebenswert ist. Auch wenn ich unterzugehen scheine. Für diese Seelen, die mich nicht aufgeben und an mich glauben, bin ich unendlich dankbar. Und allein für diese lohnt sich all das.

Doch sollte es sich nicht in erster Linie für mich selbst lohnen? Was ist mit meinem Appell an mich selbst von vor einigen Wochen, den ich in die Öffentlichkeit geschrien habe? Pro You. Pro Yourself. Breakout of my thoughts. Nach wie vor appelliere ich an mich und jeden anderen noch mehr, der mit sich selbst hadert. Wahrscheinlich fühle ich mich gerade deshalb wie zwischen den Sphären. Ich fühle mich leer. Lost. Irgendwo im Nirgendwo und doch einfach da. Nicht imstande, aufzugeben. Gott sei Dank. Aber noch nicht imstande, zu definieren, wo es hingehen soll. Und vor allem wie. Noch nicht imstande, zu vertrauen und zu glauben.

Aber was macht man an so einem Punkt? Ich habe versucht, all meine schlimmen Dinge aus der Vergangenheit auf einem Blatt Papier zusammenzutragen und dieses habe ich gestern an einem Ort gelassen – symbolisch, um das Vergange ruhen und hinter mir zu lassen. Es hat sich auch gut angefühlt und ich bin überzeugt, dass es richtig ist. Doch wie kann ich darauf vertrauen, dass es mir vielleicht irgendwann wirklich wirklich besser geht?

Es gibt sie, diese Momente, die es mir zeigen wollen. Die mir den Beweis liefern wollen, dass sich wirklich alles lohnt und dass auch ich es wahrscheinlich verdient habe, glücklich zu werden.  Ich wünsche mir, daran einfach mal aus tiefstem Herzen und aus tiefster Seele glauben und darauf vertrauen zu können… Dann kann ich weitergehen. Den nächsten Schritt und das nächste Stück.

Komm raus – Pro you (rself).

Eine Ansage gegen die gängigen Ansichten zu Essstörungen. Mehr noch, eine Ansage an Betroffene, ihre Freunde und Verwandte und alle gesunden Mitmenschen.  

Essstörungen sind ein hartes und immer aktuelles Thema, das noch immer zu oft ignoriert oder sogar verleugnet wird. Oder traurigerweise absolut nicht ernst genommen, sondern als “Mode- oder Luxuskrankheit” abgetan wird.

 

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Ich leide seit 4 Jahren an dieser Krankheit und ich bin darin gefangen. Gefangen im Käfig meiner Gedanken, aus dem ich einfach keinen Ausweg finde. Wie sich so etwas anfühlt, ist für Außenstehende absolut nicht nachvollziehbar. Fast genauso schmerzhaft, wie die Verletzungen, die ich mir ständig selbst zufügte, ist es momentan für mich, meinen nahestehendsten liebsten Menschen nicht annähernd erklären zu können, was in meinem erkrankten Hirn vor sich geht und wie ich mich fühle in diesem ekelhaft harten Kampf um das Entfliehen der Sucht. Wenn der Verstand so wirr ist, dass man nicht weiß, was gerade wirkliches Leben ist und was nur Schein. Der Kontrollverlust unerträglich ist und man einfach nur noch eine wandelnde Hülle ist. Seelenlos. Leer.

selbstwert

Innerhalb der letzten Jahre wurde ich durch die Essstörung zu einem anderen Menschen, ohne es zu wollen. Ich habe mich verloren. Um im Alltag nicht unterzugehen und um niemanden spüren zu lassen, dass ich krank bin, war es neben der Flucht in die Sucht auch eine Flucht in eine Rolle. Ich spielte meinem Umfeld 24 Stunden am Tag etwas vor. Nicht nur souverän…. nein, ich möchte behaupten, ich war grandios in dieser neuen Rolle. Fast niemand merkte etwas und erst als ich nach einem Suizidversuch in einer Klinik landete, bekamen andere langsam mit, dass etwas nicht stimmte. Erst als ich nach meiner härtesten Zeit als ich wirklich am Boden der Krankheit ankam, anfing darüber zu sprechen, dass ich krank bin, fingen andere an, sich etwas mit dem Thema zu beschäftigen und zu realisieren, dass ich vielleicht nicht die sorgenfreie Astrid bin, die ich immer repräsentierte.

Zu Beginn meiner Krankheit wollte ich nur noch verschwinden, unsichtbar sein. Nicht mehr da sein – ich fühlte mich sowieso wertlos und war es auch in meinen Augen nicht mehr wert, gesehen zu werden. Verzicht war meine Lösung. Weniger Essen – mehr Kontrolle. Je weniger ich aß, je weniger ich wog, desto größer war die Kontrolle über mich, mein Gewicht und meinen Körper. Es endete schließlich in einer Klinik. Diagnose: ANOREXIE.

Aber Essstörungen sind verschieden und doch gleich. Kaum realisiert, dass Magersucht keine Lösung ist und letzten Endes eine Art Todesspirale, die dich immer weiter nach unten zieht, kam ich vom Regen in die Traufe. Ich konnte anscheinend noch nicht ohne meinen ständigen Begleiter – die Krankheit -, die nonstop ihre schützende Arme um mich schlang, leben. Also verließ ich sie nicht und sie mich nicht. Die Essstörung blieb – nur anders gekleidet. Es war nun kein Verzicht mehr, sondern ich gönnte mir etwas. Immer häufiger. Immer mehr. Ich fühlte mich sicher, wenn ich mir etwas erlaubte nach dieser Zeit, in der ich mir immer nur alles verboten hatte. Ich fühlte mich gut, je mehr ich kompensierte. Immer mehr essen. Das große Fressen. Ich nahm zu, ein gedanklicher Horror für mich. Oder besser – gedanklicher Terror. Doch mein Umfeld blieb auch hier unbesorgt und ich wieder in meiner Glanzleistung – der Schauspielerei.

Mein Umfeld verteilte immer mehr Komplimente, dass ich besser und gesünder aussehe. “Endlich hast du wieder mehr auf den Rippen – toll siehst du aus!”. Schön und gesund mag man mit gesundem Menschenverstand denken. ‘Fuck off’ dachte die essgestörte Astrid. Doch es war zu spät. Ich war aus der Mager- in die Fresssucht geraten und konnte es nicht mehr stoppen. Ich habe nur noch für diese Krankheit, für diese Sucht und ihre Befriedigung gelebt. Mein komplettes “normales” Alltags- alias Berufsleben nur vorgespielt und dann die Realität ausgeblendet, sobald ich alleine war. Ich lebte seelenlos weiter in meiner Hülle und kam nicht hinaus. Nach Außen hin hatte ich ein perfektes Alibi für mich geschaffen – eine lächelnde, glückliche, sozial aufgeschlossene Astrid. Nach Innen war alles leer, nichts war mehr da von mir. Immer mehr wirre und ekelhafte Gedanken, immer deutlicher die Hilflosigkeit und der Hass gegen mich selbst. Und schließlich immer deutlicher das Gefühl, damit nicht mehr leben zu können und zu wollen. Es wurde unglaublich anstrengend für meine Nerven und den eigenen Körper. Ich konnte nicht mehr ständig gegen mich selbst ankämpfen.

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Da ich schon mal auf der Kippe stand, entschloss ich mich – nicht wie andere Male – dieses mal FÜR das Leben. Für mein Leben.

Ich möchte allen zeigen – egal, ob Betroffenen, Angehörigen oder komplett gesunden Menschen – , wie gefährlich Essstörungen sind. Und dass sie nicht immer sichtbar sind. Essstörungen kommen in allen Körpergrößen und -formen. Und sie sind in den Köpfen der Betroffenen, sie schreien sie an. Doch kaum jemand anderes kann diese Schreie hören. Ich möchte Aufmerksamkeit auf diese psychische Erkrankung lenken. Ich wünsche mir, dass sensibler mit diesem Thema umgegangen wird. Ich wünsche mir, dass andere nicht diesen Hirnfick erleben, den ich erlebe/erlebte. Ich habe erkannt, dass ich es wert bin, zu leben und sogar geliebt werden darf. Ich darf selbst auch lieben und ich möchte lieben und leben. Genießen. Für mich.

Ich möchte anderen Mut machen, sich auch dem Kampf zu stellen, sich selbst wieder näher zu kommen und darauf vertrauen zu dürfen, dass jeder Mensch es verdient hat, geliebt zu werden und mehr noch: sich selbst zu akzeptieren. Mit allen Makeln. In jeder Form und Größe. Sich eben nicht immer dem Druck von außen stellen zu müssen, möglichst perfekt sein & aussehen zu müssen.

Komm mit und brich aus aus deinen Gedanken, die dich zerstören. Stell dich dir selbst! Pro you!

 

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Diese Fotos habe ich als persönliche Herausforderung gesehen und sie deshalb machen lassen. Ich kann mich nur schwer im Spiegel ansehen; sehe meist nur an mir vorbei. Ich möchte mich bewußt ansehen, ohne mich zu schämen. Weder vor mir selbst noch vor irgend jemand anderem. Mein Körper gehört zu mir – er hält mich am Leben und trägt mich durch mein weiteres Leben. Und dafür bin ich heute unheimlich dankbar.

 

Die englische Version gibt es hier auf medium zu lesen!

 

hinter schwarzen Wolken

Zeit wird es, etwas positiver zu sein. Zu denken. Positiver und anders zu denken. Zeit wird es, endlich mal die schwarzen Wolken etwas beiseite zu schieben. Der Himmel ist blau – azur sagt man. . . Seit ein paar Jahren sehe ich relativ wenig davon. Ich habe oft nur die schweren, dunklen schwarzen Wolken gesehen. Und so leicht Wolken auch aussehen und zu sein scheinen, so schwerer war es für mich, sie ein kleines Stück beiseite zu schieben und auf azur zu hoffen. Jetzt fühle ich mich langsam bereit. Wirklich bereit. Ich mag zwar dunkle Farben; sie kleiden mich und ich fühle mich darin geborgen. Ich bin sie auch irgendwie gewohnt. Aber wem schadet ab und an ein Farbwechsel? Das Leben ist bunt. Und so sollte im Idealfall auch mein Leben sein.

Ich bin neugierig und ich habe das Gefühl, ich muss etwas tun. Andernfalls drehe ich durch. Zu viele Rückfälle in letzter Zeit, zu häufig das Glück links liegen lassen und mit Volldampf daran vorbei gerauscht. Mit voller Geschwindigkeit immer den schwarzen Wolken entgegen. Es ist an der Zeit, dem Himmel die Chance zu geben, sich mir zu öffnen. Ich ertrage meine Gedanken nicht mehr. Ich ertrage es nicht mehr, ständig in die Vergangenheit zu rutschen, ohne es zu wollen. Es passiert. Es passiert einfach mit mir und ich bin gelähmt. In diesen Momenten kann ich nichts dagegen unternehmen und die dunklen Wolken schütten sich über mir aus. Es regnet – es regnet und ich bin durchnässt. Nass und vollgesogen mit Zweifeln, meiner ständigen Angst, meinem Körperhass und allem, was meine ständige Begleitung in Form dieser Krankheit ausmacht.

Auch wenn ich denke, dass mir manchmal die Luft zum Atmen fehlt; auch, wenn ich mich noch so schrecklich fühle; auch, wenn ich mal wieder das Gefühl habe, mein Körper platzt, weil ich wieder so immens fett geworden bin und mich so sowieso niemand auch nur annähernd mögen & attraktiv finden kann – auch in diesen Momentan sind neuerdings Menschen da, die es schaffen, mich irgendwie aufzufangen. Mir wird gezeigt, dass auch ich anscheinend einen Platz in dieser Welt verdient habe. Ich selber beanspruche einen solchen Platz bisher nur sehr bedingt – ich denke, dass ich es nicht besser verdient habe. Aber was, wenn das vielleicht gar nicht stimmt? Vielleicht ist es ja einfach wirklich alles vorbei und ich darf von vorn beginnen. Eine neue Chance für ein anderes Leben. Für (m)ein Leben. Ich will gar keinen reset-button drücken oder irgendwie die Uhrzeiger zurückdrehen – was geschehen ist, ist geschehen. Ich möchte einfach mit anderen Augen auf mein Leben blicken und mir selber die Chance einräumen, durchzuatmen – auch wenn die Welt zu eng für mich erscheint. Gerade dann sollte ich mir vielleicht einen (neuen) Platz schaffen. Die schweren dunklen Lasten beiseite schieben und dahinter blicken. Hinter schwarzen Wolken wartet sicherlich einiges.

Ich sollte es endlich richtig anpacken und die Wolken nicht schwer erscheinen lassen, sondern sie anderes betrachten. Vielleicht sind sie gar nicht schwarz. Vielleicht sind sie nicht schwer. Vielleicht sind sie aus azurfarbener Zuckerwatte und es regnet anstatt Ängsten und Zweifeln einfach mal Zucker. Etwas Süßes gibt bekanntlich Energie und neuen Antrieb.

Liebe. Schenken.

Jetzt an Weihnachten wird gefühlt so viel Liebe, so viel Zuneigung geschenkt, wie das ganze Jahr über sonst nicht. Weil es in uns drin ist, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist und weil man da Menschen trifft, die man zum Teil das ganze Jahr nicht sieht. Familien kommen zusammen, genießen ein paar Stunden/Tage miteinander und sind auf Harmonie untereinander bedacht. Auch wenn Weihnachten mit der ganzen Familie zum Teil für viele Menschen sehr anstrengend sein kann bzw. ist und Stress oft unvermeidbar ist, möchte ich behaupten, dass es trotz der einzelnen Macken, die Onkel Günter, Opa Willy und Cousine Tanja an den Tag legen, doch wichtig, schön und unverzichtbar ist, gerade mit ihnen diesen schönen anstregenden Stress zu teilen. Alle sitzen gemeinsam am Tisch; es wird durcheinander gesprochen, Weinflaschen werden geleert, man diskutiert über Erfolg im Job, gesprengte Geldautomaten in der Stadt, Beziehungen und Kindererziehung… scheußlich anstrengend und doch insgeheim herrlich inspirierend.

Diese besondere Magie, die Weihnachten in Bezug auf Harmonie, Gemütlichkeit, Vorfreude, Liebe, Glanz und Miteinander hat – diese Magie bedeutet für mich viel. Es mag noch so kitschig in mancherlei Augen erscheinen, aber diese Magie hat was. Und sie funktioniert – in Filmen, Traditionen, Liedern – also muss auch irgendwie etwas dran sein.

Warum schenken oder bewahren wir uns dann diese Magie nicht auch im Alltag  das ganze Jahr über? Ich sehe ein, dass es dann nichts besonderes mehr wäre zu dieser ganz speziellen Zeit und ich bin stark dafür, dass gewisse Weihnachtstraditionen innerhalb jeder eigenen Familie oder Freundeskreis beibehalten und celebriert werden sollen. Aber es geht doch letzten Endes um den Kern – die Liebe und Innigkeit. Und ich finde, dass dieses Gefühl auch ruhig intensiver und bewußter gelebt werden darf. Nicht nur, weil Weihnachten ist. Ich möchte den Menschen, die mir etwas bedeuten dies auch in anderen Zeiten zeigen.

Zu Weihnachten kümmern sich die Menschen umeinander. Es werden zahlreiche Specials für Obdachlose und Flüchtlinge organisiert, wir spenden mehr, schreiben Karten an Menschen, die nicht in unserer Nähe sind. Handschriftliche Karten meine ich – ist heute nicht mehr selbstverständlich. . . für mich ist eine handschriftliche Karte auch im Frühjahr oder Herbst etwas ganz besonderes. Die „Mühe“, die sich jemand für mich in dem Moment macht, spricht mich an. Eine What´s App Message zu versenden, dauert im Prinzip nicht viel weniger, und doch besiegen die Tannenbaum- und Kussmund-Emojis den mit der Hand gemalten kleinen Stern auf der Postkarte…

Ich gebe einem Obdachlosen auch gerne im Sommer ein Brötchen – der Hunger ist der gleiche wie zur Weihnachtszeit. Wir haben letzten Endes alle Hunger – Hunger nach Nahrung, aber auch nach Liebe, Respekt und Wertschätzung.

Die kleinen Dinge, wie das Brötchen oder die handgeschriebene Karte, sind wertvoll. Immer – zu jeder Zeit. Ich behaupte, für jeden.

Liebe kann man das ganze Jahr über in den verschiedensten Formen und Ausdrucksweisen verschenken. In der puren Form der Zuneigung, in der Form von Vertrauen, in der Form von Sein-Lassen und Akzeptieren… Es gibt tausend Dinge, die ich gern nennen würde.

Also, schenkt euch Liebe. Nicht nur zu Weihnachten.

 

 

Filmtitel „Ein Tag frei“

Ein Tag frei. Einen Tag lang nur Schlaf nachholen, der mir die letzten Nächte gefehlt hat. Unruhige Nächte gefüllt mit den verschiedensten Gefühlen, Krämpfen und nicht leise werden wollendem Kopfkino. Kopfkino dieses mal etwas anders als sonst. Kein direkter Psychothriller mehr – eher ein Roadmovie… nicht klassisch ich auf dem Highway mit zu diesem Bild passender Musik, aber schon ich auf dem Weg und auf der Suche. Beziehungsweise stimmt Suche auch nur bedingt. Denn im Film gibt es einige Szenen, die zeigen, dass ich schon auf dem Weg des Findens bin. In den letzten Wochen gibt es immer mehr Momente, in denen ich mir einbilde, mich besser zu verstehen, mich intensiver und vor allem auch zum Teil bewußt wahrnehmen. Ich mich bewußt wahrnehmen? Vor einigen Monaten absolut nicht denkbar. Im Film bzw. im ehemaligen Thriller waren es genau die Szenen, in denen es laut und aufgeregt wurde; in denen Spiegel zerstört wurden, aus dem Fenster geschmissen oder einfach mit Decken verhängt wurden. Szenen gefüllt mit Schreien, Weinen, Fluchen, Aufgeben, Selbstverletzungen, Resignieren. Aber auch Hingabe – nur leider der falschen Sache bzw. Sucht. . .

Bis heute weiß ich nicht genau, an welchem Punkt exakt mir dieser Psychothriller zu unheimlich wurde. Jahrelang habe ich in einem solchen gelebt. In meiner Kindheit war es eher ein Mix aus Psychothriller und einfach nur Drama. Zwischenzeitlich war es dann wirklich eine Art Roadmovie gepaart mit Abenteuer und sogar Komödie – die Zeit, in der ich tatsächlich bei mir war. Die Zeit, in der ich in mir wohnte. Doch so schnelllebig wie es in Hollywood eben ist, war es auch bei mir. Ich bediente die letzten Jahre die Genres Drama, Horror, Psycho und Katastrophenfilm mehr als perfekt und erfüllte die gesamte Bandbreite. Zwei mal in den letzten Jahren wollte ich mir & Hollywood ein endgültiges Ende setzen und die Klappe fallen lassen.

Irgendwie -Dank, was oder wem auch immer- ist es anders gekommen und ich befinde mich mittlerweile in den verschiedensten Szenen. Ich habe tatsächlich angefangen, meinen eigenen Film zu drehen und wie bereits erwähnt, macht es mir seit einigen Wochen oder wenigen Monaten sogar weniger Mühe. Es ist Arbeit; nach wie vor harte Arbeit, aber eine Art von Arbeit, der ich gerne nachgehe.

Dieses Erfühlen und Wahrnehmen meiner Selbst, ohne gleich einen absoluten Zusammenbruch zu bekommen… dieses neue Kennenlernen und Ertasten, Austesten und einfach zu sein – das ist eine völlig neue Erfahrung und ich lerne, sie anzunehmen und zu genießen.

Es gibt immer noch so riesige Zweifel an meinem Selbst und so große Komplexe, gerade was mein Äußeres betrifft. . . Kann es da also sein, dass der Film trotzdem weiterläuft und ich dran bleibe?

Scheint so – irgendwie stelle ich fest, dass es sich lohnen könnte. Nicht zuletzt, weil ich auf Menschen gestoßen bin, die mir tatsächlich beweisen, dass es sich lohnen könnte. Die bei mir sind oder mich nehmen, wie ich bin – scheinbar bedingungslos. . .

Meinen freien Tag heute jedenfalls, konnte ich ziemlich entspannt verleben. Es gibt vom heutigen Tag ausschließlich Szenen, in denen es um mich geht. Jeder Zuschauer würde sich wohl gähnend langweilen, doch heute bin ich einfach gleichermaßen Zuschauer, Regisseur und Darsteller und ich bin mir selbst genug und in keiner Minute überdrüssig. Dieses Gefühl will ich festhalten. Wer weiß, wann es noch einmal solche Szenen gibt…

Hör auf die Stimme

Gerade ein Lied gehört, in dem er singt „Hör auf die Stimme, hör was sie sagt – sie war immer da“… „sie macht dich stark“…  Ich frage mich, ob es stimmt – hatte ich schon immer eine eigene Stimme? War sie immer da? Es geht um Bauchgefühl und obwohl ziemlich simpel hält mich dieser Song gefangen.

Ich kann mich erinnern, da gab es definitiv eine Stimme in mir – und die habe ich auch sehr sehr gern nach außen getragen. Oft und oft laut. Manchmal auch leise, aber selten blieb sie in mir. Und doch gab es auch immer, schon seit meiner frühen Kindheit, eine Grenze, die ich verbal nicht überschreiten durfte. Aber sobald ich aus meiner Kindheit ins Erwachsensein, sprich ins Volljährigsein glitt, überschritt ich sie, die erste Grenze. Die Grenze, die mir mein damaliges „Zuhause“ auferlegte. Und es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und Glückseligkeit, von Abenteuerlichkeit und Neugier. Und da gab es nur noch die alltäglichen Grenzen, mit denen wir alle zu tun haben. Aber ich durfte endlich auf meine Stimme, die so lange in mir war, hören. Ich hörte sie, fühlte sie – und fing an, sie wie beschrieben, nach außen zu tragen. Herrlich. Ehrlich. Mein Ich. Endlich.

Leider nicht unendlich. Irgendwie setzte sich das Einprogrammierte von damals doch irgendwie durch und übertönte meine Stimme. Ich geriet in eine Misere, wie ich sie mir nicht annähernd hätte ausmalen können. Schnell wurde sie immer leiser, die Stimme in mir, die mir von Beginn an über alle möglichen Kanäle zurief, es ist falsch. Ich durfte sie nicht mehr nach außen tragen, sie wurde immer leiser, ich durfte sie nicht mehr hören und ich hörte sie nicht mehr. Keine innere Stimme mehr – weder verbal noch körperlich konnte und durfte ich mich zur Wehr setzen.

Er singt von Bauchgefühl. Es gab irgendwie kein Bauchgefühl mehr. Irgendwie mußte es aber doch zurück kommen…? Die Lösung war Hungern. Meine Lösung war Hungern. Da spürte ich meinen Bauch wieder. Er schrie – die Stimme verlangte nach Essen. Verweigerung ließ mich die Stimme immer deutlicher hören. Es gab da also doch noch etwas in mir. Aber was, wenn ich aufhörte, zu hungern? Dann würde die Stimme wieder leiser… Also Kontrolle behalten und weitermachen. Der positive Nebeneffekt war gleich in zweifacher Ausführung vorhanden: ich wurde dünner und ich hatte die Hoffnung, irgendwann gar unsichtbar zu werden und nichts mehr spüren zu müssen. Zumindest gegenüber oder für eine bestimmte Person. Fast hätte ich es geschafft.

Jetzt, 2,5 Jahre später, etliche Höhen und noch mehr Tiefen später, höre ich wieder etwas. Ich merke, es gibt definitiv eine Stimme in mir, die auch ausgesprochen und gehört werden will. Manchmal muss ich noch ganz konzentriert nach ihr suchen, doch eigentlich ist sie permanent wieder zu spüren. Er singt auch „…sie macht dich stark“. Das Gefühl habe ich mittlerweile sogar.

Ich weiß mein Sein und mein Leben wieder zu schätzen. Ich habe Lust und ich habe Leidenschaft. Ich kann zum Teil wieder genießen – das Sein sowie das Essen. Mein Bauchgefühl hat mir vor Kurzem mit ganz fester Stimme gesagt „Du mußt gesund werden und wieder leben & lieben lernen. Du mußt genießen und mit dir sein. Egal, was andere von dir, deinem Aussehen und deinem Körper denken.“ Ich finde, dass meine Stimme und mein Bauchgefühl sich noch nie einiger waren und ich werde einfach weiter auf sie hören! Und mittlerweile gibt es sogar bereits wenige wundervolle Menschen, die mir versuchen, zu bezeugen und zu beweisen, dass meine (neue) Stimme anscheinend recht hat…

 

Vertrauen – kann ich oder kann ich nicht?

Manches muss und sollte man im Leben loslassen und ich kann bezeugen, dass das zum Teil zwar schwer ist, aber sich doch oft lohnt und am Ende die richtige Entscheidung ist. Ich frage mich ernsthaft, warum ich nicht losgelassen werde. Losgelassen von einer gewissen Krankheit. Ich mag das Wort Krankheit mittlerweile in meinem Zusammenhang gar nicht mehr, weil ich mich eigentlich immer gesünder fühle.

Vor zwei Jahren konnte ich der Krankheit wenigstens einen eindeutigen Namen geben – ich war magersüchtig, als konnte ich sie liebevoll voller Hass Ana (=Anorexie) nennen. Heute ist das wesentlich schwieriger. Ana hat sich endlich verabschiedet – ihre Neben- und Nachwirkungen allerdings nicht. Sie will noch immer die Kontrolle über mich behalten – wenn sie sie schon in Form des Hungerns abgeben mußte, so will sie mich doch wenigstens im möglichen Rahmen einer Essstörung weiterhin kontrollieren. Sie überredete mich, mich weiterhin in einem bestimmten Ritual zu wiegen und das entwickelte ich dann in Form meiner Italiener-Völlerei. Endlich satt werden schrie mein Körper und ich & er konnten schließlich nicht genug Nahrung und Sättigung bekommen. Aber wie nennt man eine Krankheit, eine Essstörung, die weder bulimisch noch anorektisch ist? Hier in meinem Fall gibt es irgendwie keinen Namen – doch Krankheit klingt nach krank und eigentlich bin ich das doch nicht mehr…?.

Sagen wir ES zu ihr. ES hält mich kopfmäßig noch immer phasenweise stärker in ihren Armen als ich gedacht hatte. ES äußert ihre Symptome in Form von Selbstzweifeln und Ängsten, nicht mehr gänzlich vertrauen zu können.

Jeder, der sich einmal etwas mit der Thematik Essstörung auseinander gesetzt hat, weiß, wie verquer, gemein und widerwärtig die Gedanken innerhalb dieser Geschichte sein können. Ich muss & möchte hier nicht noch einmal ins Detail gehen.

ES soll mich aber doch bitte endlich frei sein & werden lassen. Ich bin es so satt, mit (Selbst)zweifeln gefüllt zu sein. Anstatt mit Essen, wenn mir denn der Entzug des Italieners gelingt, bin ich gefüllt mit Hinterfragen, mit Ängsten und Zweifeln.

Der Beigeschmack einer Essstörung sind immer Selbstzweifel – ob der Gaumen sich darüber freut oder nicht. Schluck es. Passiert etwas ist Gutes, ist das schon merkwürdig. Passieren mehrere gute Dinge innerhalb kurzer Zeit, ist das mehr als merkwürdig. Es fühlt sich für mich unwirklich an. Wie schon so oft beschrieben: es ist unbekannt – gab es nie… Kann nicht sein, dass sich jemand um mich bemüht. Kann absolut nicht sein, dass sich jemand Sorgen um mich macht. Kann auch nicht sein, dass jemand sagt, „pass auf dich auf“ und es auch noch ehrlich meint. Kann mal überhaupt nicht sein, dass jemand zu mir sagt, „Du siehst wahnsinnig hübsch aus“ geschweige denn „Du hast eine tolle Figur“. Ich sehe mich täglich im Spiegel und es kann nicht sein, dass die Worte mir gelten.

Im Spiegel sehe ich eine Frau, die alles andere als attraktiv oder hübsch ist. Ganz deutlich sehe ich nur eine Oberflächlichkeit, für die ich diese Frau im Spiegel absolut verurteile. Diese Oberflächlichkeit hat sich in ihrem -also leider meinem- Kopf so sehr verankert, dass ich sie nicht mal herausprügeln könnte. Zwischenzeitlich gelingt es mir zum Teil, die Gedanken zu verdrängen oder zu überspielen, aber gerade, wenn mir viel Gutes passiert, wenn ich viel Zuspruch bekomme, wenn ich scheine, endlich gesund zu werden…, gerade dann, also gerade JETZT in dieser neuen Phase meines Lebens, schreien mich die Zweifel aus dem Spiegel und die Oberflächlichkeit von ES so an, dass mir das Trommelfell platzt. Ich kann nicht weghören. . . Ich höre, dass ich fett geworden bin. Ich, ausgerechnet ich, die die andere wirklich nicht nach dem Aussehen beurteilt; für die die Figur von anderen Menschen und von mir selber nie wirklich wichtig war und für die Ausstrahlung und Charakter aber immens wichtig sind… Ausgerechnet ich urteile nun wieder so oft über mein Aussehen und meinen Körper.

Ist ja auch ein einfaches Ventil, um dem ganzen absurden „Druck“ des Guten, das mir widerfährt, stand zu halten. Es läuft gut; ich habe endlich nach vielen Jahren wieder Spaß; ich gehe aus; ich lerne & treffe neue tolle Menschen; ich habe eine Freundschaft intensiviert und für mein Leben gewonnen, die einzigartig ist; mein Job macht mir Freude und fordert mich und – ich bin unabhängig, was ich leider jahrelang durch meine gewissen Auslöser von ES nicht sein durfte. Das erste mal, bin und werde ich nicht gemacht oder gesteuert, sondern ich darf und kann es mir aussuchen. Keine Gewalt und Druck oder Zwang mehr zu bestimmten Körperlichkeiten.

Damit das so bleibt, ist es doch eigentlich ganz easy: Vertrauen. In mich und in die Menschen, die mich scheinbar nehmen wie ich bin. Die mich mögen und die auch anscheinend mein Äußeres mögen und schließlich in die Zeit und die Phase meines Lebens jetzt – ich hole halt nach, was für die meisten längst selbstverständlich ist.

Am Ende ist es also wirklich so simpel? Einfach Vertrauen – kann ich oder kann ich nicht?

zwischen irgendwas & Vertrauen

Zwei Wochen daheim – ganz frei und irgendwie neu sortiert. Trotzdem etwas unsortiert; so fühlt es sich an. Seit meiner Entlassung aus der Klinik ist schon einiges für mich passiert. Besonders gedanklich natürlich. Ich versuche, jeden Tag frei zu leben und zu genießen. Noch vor ein paar Monaten war es für mich schlicht unvorstellbar, ohne meine verworrenen, beharrlichen und durchweg negativen Gedanken leben zu können. Sie waren stets bei mir – am Tage ganz aktiv und selbst in der Nacht bewachten sie mich. Wehe, eine Stunde Schlaf versuchte in meine Nähe zu gelangen – da waren sie so wachsam wie sonst nichts und drängten sich immer und immer wieder ungefragt und schnell in meinen Kopf und meinen Körper. An Schlaf war nicht zu denken. Mein Kopfkino lief auf Hochtouren und hätte es hierfür einen Oscar gegeben, hätte ich das Ding in sämtlichen Kategorien sicher mit nach Hause genommen.

Mittlerweile kann ich wieder schlafen. Ich war noch nie ein großer Filmfreak, also versuche ich, auf Kopfkino zu verzichten und lieber das wirkliche Leben zu betrachten. Dabei schmeckt auch nicht nur Popcorn – ich entdecke nahezu täglich neue Dinge und Gerichte, die erstaunlich gut schmecken – auch außerhalb des Kinos.

Aber kann ich dem neuen Gefühl, dem neuen freieren Kopf wirklich über den Weg trauen? Es ist merkwürdig, mal wieder ganz für mich allein Entscheidungen zu treffen und es ist komisch, mir beim Bäcker ein Stück Kuchen außer der Reihe zu kaufen. Es macht Spaß – aber es ist komisch. Fremd und unsicher.

Und hier umarmen sie mich wieder, die alten Gedanken, die mich jahrelang sicher begleitet haben, sie kommen teilweise zurück. Sanfter und leiser, aber sie zeigen, dass sie nach wie vor noch an meiner Seite sind und ich habe das Gefühl, dass sie mich nicht verlassen wollen. Einvernehmliche Trennungen sind der Idealfall – sofern man bei Trennungen von Idealfall sprechen kann. Hier liegt leider keine einvernehmliche Trennung vor.

Es ist mir immerhin schon ganz gut gelungen, mich von Dingen und Personen zu lösen, die nicht gut für mich sind und die einfach nicht zu meinem Ich passen. Darauf bin ich stolz, denn einfach ist das nicht. Es ist sogar ein bisschen wie Training, ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln und es nicht gleich wieder niederzustampfen, sondern es laut schreien lassen und danach zu handeln.

Bei mir geht es immer wieder an den Selbstwert. Es ist irgendwie so befremdlich, sich selbst zu schätzen und für mich einzustehen. Wenn dieser Wert einmal zerstört wurde, dann ist es ehrlich hart, den wieder zu kitten. Härter als ich jemals für möglich gehalten hätte. Aber so schwer es auch irgendwie ist, so schön fühlt es sich gleichermaßen an. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl für mich, nach meinem Gusto zu leben und niemandem Rechenschaft schuldig sein zu müssen. Ich hatte immer irgendwem gegenüber Verpflichtungen, selbst wenn es „nur“ meine perfekte Scheinwelt war, die ich wahren musste zum Schluss.

Jetzt ist es alles anders. Ich lege schon wieder einen Neuanfang meines Lebens hin und dieses mal fühlt er sich zum ersten mal echt für mich an.

Leider muss ich trotzdem hinnehmen, dass ich nicht gesund bin. Dass sich meine Negativgedanken immer wieder an meine Seite drängen wollen. Wenn neue Menschen in mein Leben treten, wenn ich für mich fremdes Essen probiere, wenn ich Essen in anderen Mengen verzehre, wenn ich arbeite, wenn ich über die Straße laufe… sie wollen und werden mich wohl noch weiter begleiten, so lange ich nicht noch mehr Vertrauen aufbaue. Vertrauen in Genuss; Vertrauen in Freunde; Vertrauen in Männer; Vertrauen in alle Menschen um mich herum. Vertrauen darauf, dass sie mich so nehmen und akzeptieren wie ich bin. Mit allen sichtbaren und unsichtbaren Wunden und Narben, die ich aus der Vergangenheit mit, an & in mir trage. Aber ich habe immerhin das Vertrauen in mich selbst, dass mir das gelingen wird. Der Anfang ist getan…