90 Tage

Manchmal ist es egal, wie schlecht es einem geht – manche Dinge lassen einen doch innerlich strahlen. 

Heute ist einer dieser Tage. Und auch diese gemeine Erkältung kann mir dieses unbeschreibliche Gefühl nicht nehmen. Ich bin mal wieder auf meinem Rummel. Dem mit den vielen Karussells, die sich in Form meiner Gedanken auf und ab drehen, die sich so schnell drehen, dass mir schwindelig ist und ich am liebsten nur noch kotzen möchte. 

Doch heute ist es anders. Trotz gefühltem körperlichen Koma und trotz eines Energiehaushaltes gleich Null möchte ich mich drehen und drehen und drehen. Ich genieße heute den Schwindel und mir ist nach allem anderen als kotzen.

90 Tage = 3 Monate ist es jetzt her, dass ich anstatt ins Karussell in die Fressbude a.k.a. Italiener gegangen bin. Vor 90 Tagen habe ich mich das letzte mal mit allen Sinnen und völlig willenlos dieser widerlichen Völlerei hingegeben und habe mich danach zum Dank und zur Strafe noch selbst verletzt. Mich in meinem gewohnten Muster zu Hause und doch so ekelhaft gefühlt.

90 Tage Widerstand. 90 Tage stark geblieben aus eigener Kraft. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich es mir selbst nicht glauben.

Mein permanentes Gedankenkarrussell, diese ständigen Hirnficks, dieses Auf und Ab, Zitteranfälle, dieses Chaos und dieser immense Energie- und Kraftaufwand. Alles NICHT umsonst. Ich kann es nicht fassen, dass ich das durchgestanden habe und es irgendwie gepackt habe, mich der Völlerei zu widersetzen. Mich dieser SUCHT zu widersetzen. 

Egal, wie beschissen ich mich fühle, egal wie stark meine Selbstzweifel leider wieder gewachsen sind – ich werde es aushalten und mich selbst und diese Sucht besiegen. So fühlt es sich heute jedenfalls an. 

Ich werde heute sicherlich kein Karussell mehr fahren und ich werde auch keine Fressbude aufsuchen. Ich denke, ich muss auch nicht unbedingt den Losverkäufern Hallo sagen. Denn, irgendwie scheint es zu funktionieren, dass man auch mit einem Aussichtslos den Hauptgewinn ziehen kann.

Ich habe gewonnen. 90 Tage, die ich mir selbst geschenkt habe und die mir keiner nehmen kann.

Durcheinander. 

Mein Leben erscheint mir wie ein permanentes Chaos. Ein ständiges Auf und Ab und es hört einfach nicht auf. Kaum fange ich an, mir selbst zu trauen, mich fallen zu lassen, anderen zu vertrauen, lauert irgendwo die Enttäuschung. 

Seit Jahren ist mein Leben ein permanenter Kampf. Mal aus gesundheitlicher Sicht, mal aus seelischer. Oft auch gern aus beiden zusammen. Damit es sich lohnt vielleicht. Ein Kampf muss sich schließlich lohnen. Aber irgendwann geht doch immer ein Sieger und ein Verlierer aus der Arena. Die Arena meines Lebens jedoch scheint mich nicht zu entlassen. Es gibt kein Siegertreppchen. Ich komme nicht hinaus. Immer, wenn ich gerade das Gefühl habe, einen meiner Kämpfe gewonnen zu haben, wird gleich die nächste Runde eingeläutet. Ich komme nicht hinaus. Ruhelos. 

Mal gibt es Zuschauer, die mich sogar anfeuern, mich motivieren, nicht aufzugeben. Sie sind da, sind an meiner Seite. Das ist ein gutes und schönes Gefühl und gibt mir Hoffnung, dass es sich tatsächlich lohnt. Dass da doch ein Leben auf mich wartet. Dass ich am Ende doch einfach mal sein darf, wie ich eben bin. Mich in meiner Welt drehen und bewegen darf, wie es mir passt, ohne zu sein, wie mich die anderen haben wollen. Mich in meinem Körper frei zu fühlen und niemandem dafür Rechenschaft ablegen muss. Aber das zu glauben, fällt mir schwer. Vor allem in den Momenten, in denen ich allein in der Arena stehe – ohne Zuschauer. Da bin nur ich und kämpfe allein gegen meinen Gegner – MICH. Die Angst ist mein Gegner. Meine Selbstzweifel sind nicht nur mein permanenter Begleiter, sie sind auch mein ständiger Gegner. Die Arena ist leer und doch voll. Voll mit Gefühlen, Emotionen, Gedanken, Enttäuschungen, unverarbeiteten vergangenen Erlebnissen, die mich einfach nicht in Ruhe lassen. Ständig fordern mich alle zu neuen Kämpfen heraus und ich kann nicht mehr. Und doch geht es immer eine Runde weiter. 

Bitte erklär mir doch einer, wie das funktioniert. Wie funktioniert das Leben? Wie funktioniert mein Leben? Wie geht das? Wo ist mein Berater, der mir erklärt, wie ich endlich raus komme aus dem ganzen Chaos? Wo ist mein Lachen geblieben in den letzten Jahren? Mein Lachen aus dem Herzen meine ich, nicht das Funktionslachen. Wie geht Vertrauen, wenn man immer wieder enttäuscht wird? Warum bin ich mir fremd, wo ich doch gerade anfange, mir nahe zu kommen? Ich verstehe mein Leben nicht. Ich verstehe den Kampf nicht. Wieso ist es so schwer, mich einfach mal fallen zu lassen? Warum gebe ich mir nicht die Chance, an mich zu glauben? Ich brauche niemanden, das weiß ich. Ich habe in den letzten 80 Tagen das für mich unmögliche geschafft und eine riesige Sucht bekämpft – ALLEIN. Also habe ich doch nichts zu verlieren. Es kann mir egal sein, was für Erwartungen andere an mich haben. Doch ich habe das Gefühl, dass die permanente Fremdbestimmung in mir verankert ist. Egal, was ich für Kämpfe führe; ob mit oder ohne Zuschauer, ob Essstörung oder Suizidversuch, ob Anerkennung im Job oder die Akzeptanz meines Körpers. . . Das Chaos hört nicht auf und ich habe immer das Gefühl, nicht nur für mich zu kämpfen, obwohl es mein innigster Wunsch ist. 

Durcheinander. Chaos. Kopfweh. Glücklich, traurig, zerrüttet, motiviert, energisch, kraftlos, mutlos, hoffnungsvoll, liebend, enttäuscht, fröhlich, unbeschwert, beschwingt, missachtet, belogen, vertraut, neugierig, optimistisch, verzückt von so vielem, hoffend auf so vieles. Wo ist MEIN Leben? Wann komme ich an? Wann wird es leichter?

Durcheinander.


Härteprobe

Irgendwie hält das Leben nie an. Ich habe das Gefühl, dass es mich täglich aufs Neue auf die Probe stellt und es gibt wirklich selten Tage, an denen ich relativ kopffrei bin. Jeder Tag, vor allem seit 55 Tagen ist eine pure Anstrengung für mich und ich habe gerade das Gefühl, am Rande der Erschöpfung zu stehen.

Auf der Haben-Seite meines Anti-Essstörungskontos stehen stolze 55 Tage, an denen ich mich dem Italiener und meiner Muster widersetzen konnte. 55 Tage, die mich mit Stolz und irgendwie Hoffnung erfüllen. Auf der Soll-Seite dieses Kontos steht die große Frage: Wann wird es einfacher? Hier steht klar und deutlich: es SOLL aufhören. Dieser tägliche und nächtliche Hirnfick.

Seit 55 Nächten habe ich nicht eine Nacht auch nur annähernd durchgeschlafen. Permanentes Gedankenkarussell, wo ich mich nach jeder Fahrt einfach nur übergeben möchte. Und seit 55 Tagen die permanente Angst, es einfach nicht weiter schaffen zu können.

Und als würde das allein nicht schon reichen, bekommst du aus heiterem Himmel eine Nachricht, die dir den Boden unter den Füssen weg reißt. Härteprobe deluxe würde ich es nennen. Wenn du mit einer Essstörung lebst und dich hier immer gut und gerne in alte bekannte Muster flüchten kannst, dann hast du eine Sicherheit. Ich habe seit 55 Tagen keine Sicherheit mehr. Also, fast keine. Menschliches Vertrauen spielt eine große Rolle, die mir noch etwas Sicherheit gegeben hat. Doch, wenn das auch dann durch eine kleine Nachricht wie weggeblasen scheint, dann gibt es keine Sicherheiten mehr. Womit also soll ich mein Anti-Essstörungskonto noch rechtfertigen? Jede Bank verlangt Sicherheiten. Alles weg – pure Unsicherheit, Zweifel, gedankliche Zermürbung. Also ist es doch der leichteste Weg, dafür zu sorgen, dass möglichst schnell alles wieder in sichere Bahnen kommt und den Italiener aufzusuchen. Mich in meine alten Muster zu flüchten und mir anschließend noch Schmerz zuzufügen. Dafür bin ich in dem Moment zumindest save…

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich diesen Gedanken in der letzten Woche hatte – Millionen mal. Oft war es wirklich wirklich knapp. Doch irgendwie kommt mir momentan (noch) immer in letzter Sekunde ein Gefühl und der klare Gedanke, dass es einfach nur eine weitere Härteprobe ist und ich sie bestehen muss. Mein Leben stellt mir diese Aufgabe, um gesund zu werden und ich will mir das verdammt noch mal, nicht durch irgendwelche Nachrichten oder Hirnficks kaputt machen lassen. 55 Tage sind für jemanden, der in einem Suchtkäfig sitzt, höllisch lang und ich werde mir nicht falsche Sicherheiten auferlegen.

Ich will die richtige, eine ehrliche und gesunde Sicherheit. Ich will MEINE Sicherheit zurück und meine Selbstzweifel endlich verjagen aus meinem Leben. Ich will mit Mut meine alltäglichen Härteproben bestehen, bis mir diese nicht mehr wie Härteproben vorkommen, sondern wie spannende Herausforderungen. Ich war schon immer gegen Langeweile. So möchte ich es sehen und mein Leben endlich mal leben und geniessen können.

Also, wann endlich überwiegt die Haben-Seite???

 

 

Herzrasen und Grenzen

Sonntag. Kein gewöhnliches Aufwachen heute – Aufwachen mit absoluter innerer Unruhe. Gedanken sind da und auch irgendwie nicht. Zumindest nicht greifbar. Ich habe totales Herzrasen & kalt-warme Hände und weiß nicht, ob es besser ist, aufzustehen, ein Glas Wasser zu holen oder liegen zu bleiben und zu hoffen, dass dieser Zustand gleich vorbei ist. Es dauert gefühlt gar nicht so lange und es ist Gott sei Dank vorbei. In Wirklichkeit lag ich so über eine Stunde schwitzend, frierend, zitternd und ruhelos dort. Für mich das Zeichen, dass hier gerade alles andere als normal ist.

Und das ist so seit genau 41 Tagen. Seit 41 Tagen hat sich in und mit mir etwas verändert. Ich habe mich 41 Tage nicht meiner üblichen, normalen Essstörung hingegeben. 41 Tage habe ich es geschafft, der widerlichen Völlerei, die mich zerstört hat, die mein Hirn auf übelste Weise gefickt hat, zu widerstehen. 41 Tage – das ist nicht normal. Ich kann das nicht fassen. Ich begreife das gerade nicht. Diese Sucht nach der italienischen Völlerei, nach den Qualen und Schmerzen danach, die ich mir auferlegt & zugefügt hatte – immer und immer wieder. Es ist eine wirkliche Sucht. Ja, auch nach Essen bzw. Fressen kann man süchtig sein. Genauso wie ich nach Hungern süchtig war. . . Seit 41 Tagen dreht sich alles in meinem Kopf; meine Gedanken fahren im Kreis. Sie nehmen keine falsche Ausfahrt, leider;  sie fahren einfach immer wieder im Kreis, was mehr als schwer ist auszuhalten. Ich wache auf und kann nur an diese eine Sache denken. Ich stehe im Netto an der Kasse und zahle mein Klopapier und kann mich nicht konzentrieren, dem Kassierer die 2,98 Euro zu geben, sondern ich verwende alle Energie darauf, mir in Dauerschleife zu sagen „Reiß dich zusammen. Geh nicht in die italienische Hölle. Verzichte auf den Scheiß und komm klar.“ Irgendwie schaffe ich es, die Ware zu bezahlen und save in meine Wohnung zu gelangen. Ich glaube, kaum einer hat eine annähernde Ahnung davon, wie es ist, permanent gegen eine Sucht anzukämpfen. Jede Sekunde eines jeden Tages kann einen so ekelhaft zermürben.

Doch Fakt sind diese 41 Tage. Und ich bin dafür so unendlich dankbar. Denn nur aufgrund dieses Faktes, fühle ich mich trotz aller Kreisfahrten meines Hirns, trotz aller schwindender Energie gleichzeitig irgendwie gut. In mir hat sich etwas verändert. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas schaffen kann. Dieses Gefühl hatte ich in den letzten Jahren komplett verloren. Mit all dem Scheiß, der mir passiert ist, den ich zum Teil erduldet habe, zum Teil einfach aus purer Angst und Scham über mich ergehen lassen habe, hatte ich mich nur noch wie ein totaler Versager gefühlt. Und wertlos. Mein Körper war wertlos, wurde quasi durch fremden Einfluss entwertet und mit meiner Scham und Angst wurde auch mein Inneres wertlos. Komplett. Und diese wiederkehrenden Ereignisse haben mich zerstört.

Ich hatte für mich entschieden, es ist besser, nicht mehr zu sein. Und genau zu diesem Ort, wo man mich entwertete, wo ich letztlich final auch diese Entscheidung getroffen hatte und mir dann aber mein Schicksal doch noch etwas mitteilen wollte – an diesen Ort bin ich heute nach dem beängstigenden Aufwachen gefahren. Ich mußte etwas tun. Grenzen überwinden. Und heute mit diesem Aufwachen und mit dem Wissen um die 41 Tage, war der richtige Tag dafür. Ein starker Tag.

Ich bin hingefahren zu dem Ort, zu dem Haus, das ich für immer meiden wollte. Ich habe 41 Tage in der Tasche und der Seele – ich schaffe das. Und so war es. Ich bin bewußt hingefahren, habe bewußt hingesehen und bin weitergefahren. Aussteigen ging nicht. Ich kann nicht aus meinem Leben aussteigen. Auch wenn ich es liebend gern tun würde – vor allem aus dieser Krankheit und aus den Erinnerungen. Aber irgendwie ist Aussteigen nicht so leicht, wie es manchmal scheint oder uns irgendwelche Erfolgscoaches und Motivationsbücher glauben machen wollen.

Doch was geht, ist, sich Herausforderungen zu stellen. Jahr für Jahr. Monat für Monat. Tag für Tag. Immer und immer wieder. Und auch, wenn es so viele Tage nicht möglich ist, sich diesen Herausforderungen erfolgreich zu stellen, so findet sich doch dazwischen ein einziger Tag, an dem es einem vielleicht ansatzweise gelingt. An dem man mit Herzrasen und Angst erwacht und den man mit dem Gefühl beendet, seine Grenzen anzuerkennen und sie sogar zum Teil zu überwinden.

Schritte1

Nur ein paar Klicks

Selfies machen & posten – ok. Tut jeder; ist mittlerweile „normal“. Sich überlegen, auf welchem man recht gut ausschaut – schön und gut. Aber wie kann es angehen, dass es eigene Apps dafür gibt, sich schlanker zu klicken? Get your perfect body – only a few klicks. What the fuck???

Es gab eine Zeit, in der auch ich mich danach sehnte, endlich und zum allerersten mal in meinem Leben, die Größe zu haben, die jedes Magazin, jedes Werbeplakat hat und zeigt. Größe 36 – meine Idealgröße. Meine Traumgröße. Die Kleidergröße, die über TV-Bildschirme schwebt, die in Katalogen und auf Modeblogs jede Frau verkörpert. Die Größe, für die gefühlt Millionen Frauen sterben würden. Die Größe, die Männerherzen höher schlagen läßt – die Größe, mit der jeder Mann ins Bett will. Perfekt eben.

Nur knappe 3 Minuten, ein paar Klicks und er ist da: der perfekte Körper. MEIN perfect body. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass es so einfach wäre, meinen Körper perfekt zu haben. Perfekt zu machen. Jetzt habe ich die Chance. Ein bisschen die Taille schmälern, die Beine 4 cm länger machen. An den Hüften nehme ich natürlich auch etwas (viel) weg. Meine Brüste ziehe ich ein bisschen höher und forme sie runder. Ah – das Gesicht muss natürlich zum Körper passen – ich strecke meinen Hals und nehme etwas unter meinen Wangenknochen weg. Das Kinn könnte auch noch ein bisschen straffer… schon viel besser. Really?

Was ist das für ein Scheiss, der uns hier glauben machen soll, dass es toll ist, etwas zu verkörpern, das wir nicht sind? Den perfect body. NIEMAND hat einen perfekten Körper und JEDER weiß das. Punkt. Was zur Hölle soll das also?

Ich habe mir so oft gewünscht, Teile meines Körpers auszutauschen, zu verändern. Jetzt habe ich die Möglichkeit und allein der Gedanke macht mich kränker als ich es in meiner schlimmsten Zeit der Magersucht je war. Für die meisten wird es eine harmlose App sein, aber ich sehe das als eine Frechheit. Es ist eine einzige Lüge, wie schon so viel, das uns vorgelebt wird. Wie wir zu sein haben, um akzeptiert zu werden.

Wie kann ein Körper perfekt sein, wenn er gar nicht echt ist? Wenn er gar nicht so ist, wie ich ihn mir und für meine Umwelt erschaffe, erzaubere, mit den paar Klicks? Genau die Dinge, die mich meisten an meinem Körper anekeln und die ich am liebsten tauschen/ersetzen will – diese imperfekten Teile, die sind es, die mich letzten Endes in meiner Person als mein Ich doch zu dem machen, was ich bin. Ich weiß, dass mein Kopf zum Teil noch anders denkt und tickt, aber das bringt so eine Essstörung leider mit sich. Doch mein Herz und meine Seele wissen schon jetzt, dass ich mit all diesen Dingen und Teilen meines Körpers ganz bin und dass ich eben mit ihnen, so wie sie sind, Ich bin. Ein paar Klicks? Nein. Keine Klicks – lieber Ich.

19 Tage

19 Tage. 19 komplette, ganze Tage – 19 x 24 Std. Besagte 19 Tage ist es nun her, dass ich zum letzten mal meiner Sucht nach der italienischen Völlerei nicht widerstehen konnte. Die vergangenen fast drei Wochen waren so nervenaufreibend, dass ich es nicht annähernd in Worte fassen kann – deshalb versuche ich es erst gar nicht. Doch eines muss ich einfach hier noch mal für mich selbst schwarz auf weiß festhalten: Ich habe es geschafft. Ich habe etliche Kämpfe in diesen vergangenen 456 Stunden durchfochten. Mein Hirn hat mich in den letzen 27.360 Minuten etliche mal gefickt und es mir unendlich schwer gemacht, überhaupt zwischenzeitlich zu funktionieren. Bestehen und leben ist keine olympische Disziplin, doch wenn sie es wäre, dann hätte ich endlich mal einen Sieg – die Goldmedaille. Eine goldene Medaille geprägt mit Stolz für mich allein. Es ist in jedermanns Augen sicher mehr als lächerlich, doch sich einer Sucht nicht hinzugeben ist hart. Ich bin nicht „klassisch“ süchtig nach Drogen oder Alkohol – ich bin süchtig nach diesem speziellen Essen dieses speziellen Italieners, über den ich schon haufenweise geschrieben habe. Süchtig nach der totalen Völlerei und anscheinend dem, was es mir gibt – was auch immer es ist.

19 Tage. Scheisse, ich habe keine Ahnung, wie mein Körper und ich in diesen Tagen existieren konnten, wie ich es geschafft habe. Überlebt habe. Aber ich ahne, dass es mir gut tut. Ich weiß gar nichts. Aber ich habe eine Ahnung davon, wie glücklich ich gerade bin und wie ich mich fühle. Ich habe eine Ahnung, dass mir dieser persönliche Erfolg gut tut und mir Kraft, Energie und Motivation für alles gibt, das kommt. Ich habe eine Ahnung, oder besser gesagt, eine/die Hoffnung, dass es mir irgendwann gelingen wird, meine Essstörung irgendwie überwinden werde. Dass ich die vergangenen Geschehnisse, die mich in diese Sucht, in diese Essstörung getrieben haben, nicht vergessen kann, ist mir mehr als bewußt. Aber ich hoffe und ahne, dass ich zumindest damit irgendwie leben kann und dass es mir gelingen wird, zumindest die Konsequenz aus den Geschehnissen alias Essstörung oder Sucht – wie auch immer ich es betiteln will – bezwingen werde. Für 1.641.600 Sekunden ist es mir gelungen. Ich mache weiter. Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen. Vielleicht kann ich ja morgen schon sagen: 20 Tage.

Wellenreiten

Ich hätte nie für möglich gehalten, wie nah oben und unten zusammenliegen. Sind es doch Gegensätze, liegen doch eigentlich unendlich viele Meter oder Kilometer dazwischen… Bei mir nicht. Und es geht auf und ab tageweise. Ich frage mich, wann das endlich aufhört. Ich will nicht mehr dieses ständige Auf und Ab. Ein bisschen ist normal. Ein bisschen Auf und Ab schadet, glaube ich, keinem Leben. Es würzt das Leben, verleiht dem Leben Spannung und Schärfe. Aber bei mir ist es überwürzt. Zu viel von Ab und viel zu wenig von Auf.

Kaum mache ich Fortschritte, kaum läuft es wirklich gut, kaum geht es mir einfach gut – da kommt die Welle. Ich kann mich nicht halten; sie rauscht mit einer Geschwindigkeit auf mich zu und über mich hinweg und ich gehe unter. Sie zieht mich förmlich herunter und ich finde keine Abwehr. Ich kann mich von meinem eigenen Glück nicht treiben geschweige denn tragen lassen. Ich lasse mich davon herunterziehen, weil es mir komisch und fremd vorkommt. Das Unbekannte ist schwierig zu händeln. Ich tauche ab in den gewohnten Sog der Sucht. Sie treibt mich ins Meer, lässt mich auf offener See ertrinken.

Wieso kann ich meine Glücksmomente, meine Erfolge, meine Fortschritte nicht fassen, sie (be)greifen, sie genießen, sie leben? Ich will nicht ertrinken, abtauchen. Ich will Wellenreiten. Auf und ab und dann wieder auf … einfach Wellenreiten.

Fortschritt.(e)

Fortschritt. Eigentlich ein ziemlich cooles Wort. Für alle hat es immer automatisch etwas Positives in sich. Weiterentwicklung… Weiterkommen… Aufstieg…Aufwärtstrend. Für mich hat es das eigentlich auch immer. Doch Fortschritt bedeutet für mich gleichermaßen totale Anstrengung – Seelenkampf und mangelnde Kraft. Jeder noch so kleine Schritt, den ich fort mache, kostet mich so enorm viel Energie, so viel Nervenstress. Mit jedem kleinen Schritt, den ich fort mache von meiner Vergangenheit, von meiner Essstörung, mache ich viel größere Schritte kreuz und quer in meinem Kopf. Keine Schritte, eher Sprünge. Von Ana zu Selbstzweifeln, von Selbstzweifeln zur Waage und den gefühlt viel zu vielen Kilos, von den viel zu vielen Kilos zu meiner absoluten Körperscham, von meiner absoluten Körperscham zu meinen Erlebnissen in der Vergangenheit, die mich einfach nicht vergessen lassen. Die mich nicht in Ruhe lassen und wahrhaftig auch in meinen Träumen verfolgen. Diese Sprünge kreuz und quer in meinem Kopf sind der totale Hirnfick und ich spreche hier nicht von gedanklichen Ergüssen, sondern von Qualen.

Doch trotzdem kommt mir immer häufiger der Fortschritt in die Quere. Das ist gut. Mehr als gut. Es ist ein Fortschritt. Zwischendurch gelingt es mir, mit dem Vergangen umzugehen. Es gelingt mir immer häufiger, mich nicht gleich zu verletzen, wenn ich rückfällig bin. Es gelingt mir sogar, mich im Spiegel anzusehen und mich danach noch vor die Tür zu trauen. Ich habe tatsächlich wieder Spaß im Leben. Es gelingt mir, mal meine kranken Gedanken ganz hinten im Kopf zu lassen und sie nur als leises Fiepen zuzulassen, aber ich lasse mich nicht mehr sekündlich von ihnen anschreien und es gelingt mir zwischendurch, mich anzunehmen. Es ist ungewohnt komisch für mich, mir selbst in Gedanken zu sagen, dass ich doch ganz ok sein sollte, so wie ich eben bin. Es ist ungewohnt merkwürdig, dass ich mich ehrlich über Komplimente freuen kann. Diese Freude bedeutet, das ich anscheinend manchmal ein Kompliment annehmen kann. Glauben wäre noch zu viel gesagt, aber ich nehme es an und freue mich. Ein großer Fortschritt. Und worüber ich mich am meisten freue, ist, dass ich es geschafft habe, meinen Willen und mein Einverständnis zum und mit dem Leben wiedergefunden zu haben. Und ich möchte nicht mehr davon ablassen. Ich will diesen Willen halten. Ganz fest. Umklammern.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass mich meine Beine durchs Leben tragen, dass ich fähig bin, zu denken fühlen. Dass ich zwischendurch auch mal schöne Gedanken habe, dass ich Menschen in meinem Leben habe, die mich bereichern. Scheiss auf ein paar Kilos mehr auf der Waage oder am Körper. Ich befreie mich nach und nach. Mit kleinen -ganz kleinen- Schritten, bewege ich mich fort von meiner Vergangenheit und von dieser widerlichen Essstörung und ihren destruktiven und oberflächlichen Gedanken. Ich bewege mich fort. Ich komme irgendwie weiter. Egal, wie sehr mich mein Hirn heute fickt, morgen gebe ich ihm eine neue Chance. Das ist ein Fortschritt. Nein, für mich sind es mittlerweile Fortschritte. Plural. Denn egal, wie viel Schritte ich zurück mache, ich mache immer wieder welche nach vorn. Und langsam fange ich an, diese wahrzunehmen. Ein tolles Gefühl, sich fortzubewegen. Fort von dem, was mich von mir selbst so lange entfernt hat…

Wut im Bauch.

Wir haben absolut keine Idee mehr, wie richtige, echte Körper eigentlich noch aussehen. Mit richtig und echt meine ich nicht sowas wie „Echte Frauen haben Kurven“ oder sowas in der Art. (By the way ist jede Frau echt.) Ich meine echt und richtig im Sinne von nicht besonders in Pose gesetzt, nicht gephotoshopt und nicht aufgemotzt und mit Selbstbräuner gecremt. Echt halt. Natürlich halt. Doch ständig wird mir vorgelebt, wie ich auszusehen habe. Vom riesengroßen H&M-Banner am Potsdamer Platz strahlt mich diese BeachBeauty an und zeigt mir, wie es geht, gut auszusehen. Sie schreit mir mit zuckersüsser Stimme direkt ins Gesicht: „Trainiere was das Zeug hält und kaufe dir diesen sexy knappen Bikini – dann hast du es geschafft. Dann kommst du an.“

Wir werden überall und ständig mit diesen perfekten Körpern konfrontiert. Leise allerdings. So leise und unauffällig, dass wir scheinen zu glauben, das seien echte, richtige und normale Körper. Traurig. Ständiges Selbstoptimieren. Ständiger unbewusster Druck. Clean Eating. Fitnesshype. Dabei sein und dazu gehören ist alles. Dann kommen wir an.

Wir sehen so viele perfekte, in Pose gebrachte und wohl geformte Körper. Überall und größtenteils mit Hilfe von Photoshop. Wir sehen so viel davon, dass wir anfangen, unsere eigenen Körper in Frage zu stellen. Als nicht schön und fett zu finden. Und schon gar nicht als normal. So geht es zumindest mir seit ich in meiner Essstörung gefangen bin. Und ich wette, dass ich damit nicht allein bin. Das macht mich wütend.

Ich hätte lieber mal wieder ein tolles Essen im Bauch, das ich fähig bin, in vollen Zügen zu genießen. Anstatt dieser Wut. Diese Wut, dass ich durch die Krankheit aber auch durch die Medien und dieses verschobene Bild unserer Gesellschaft sowas von oberflächlich geworden bin.

Ich bin wütend, weil ich mich zusammenreißen muss, an das zu glauben und vor allem zu akzeptieren, was WIRKLICH echt und normal ist. Nämlich ein Bauch, den man sieht. Einen Bauch, der natürlich dicker scheint, wenn man sitzt und sich nicht in Pose hält. Beine und Hintern, die vielleicht Spuren von Cellulite haben. Narben. Kratzer oder blaue Flecken. Das ist echt. Ein Körper mit Imperfections. Nichts ist perfekt und ich will nicht dazu gedrängt werden, das glauben zu müssen und schon gar nicht, mich dem fügen zu müssen.

Ich bin eine echte Frau und ich bin wie ich bin. Ich möchte mich nicht darauf reduzieren (lassen), wie ich aussehe. Vor meiner Krankheit war ich mir dessen auch mehr als bewußt. Jetzt arbeite ich jeden Tag hart daran, mich so zu nehmen und zu akzeptieren, wie ich bin. Egal, wie viel ich wiege und egal, wie dick mein Hintern ist.

So sollte es sein. Das wäre echt.

Wellness – für andere ein Vergnügen…

Es ist soweit – meine nächste Herausforderung steht bevor. Am kommenden Freitag werde ich mit einer lieben Freundin Wellness machen. Entspannung und Gutes für den Körper und die Seele. Ein paar Stunden nur für uns, auf die ich mich eigentlich ganz besonders freue. Es ist unser gegenseitiges Geburtstagsgeschenk und eigentlich ist es die perfekte Kombination, die wohl kaum jemand ablehnen würde: Zeit mit der Freundin und Hamam vom feinsten. Soulfood quasi. Doch das einzige, das ich gerade füttere, ist mein Kopf. Und zwar nicht mit gutem Soulfood, sondern mit absolutem Mist. Mit meinen altbekannten Zweifeln und mit meinem ebenfalls mir so vertrauten Körperhass. Heute ist Montag und ich mache mir schon jetzt, 4 Tage vorher, eine riesen Platte, was da mit mir passieren wird. Ob sie mich verurteilen wird, weil ich zugenommen habe? Weil ich nicht mehr die dünne, schlanke Astrid bin, die sie letzten Sommer mehr und näher kennengelernt hat und mit der sie sich befreundet hat. Ob ich es schaffen werde, nur mit dem Hamamtuch bekleidet mehrere Stunden unter Menschen zu sein?  Scheisse, ich habe Angst. Schlichtweg Angst. Und ich bin wütend. Andere freuen sich wie verrückt auf so einen Tag – ich mich ja eigentlich auch. Doch in meinem Hirn kommen gerade nur Gedanken auf, für die ich mich schämen sollte. Anstatt dessen schäme ich mich mal wieder für meinen Körper. Er ist nicht schön. Alles anderes als das. Er ist dick. Und alle werden es sehen und sich ihren Teil denken. Diese Essstörung und die Auswirkungen machen mich mal wieder kaputt. Sie zerstören mir meine Quality Time – mal wieder. Immer wieder das selbe Spiel: Astrid gegen Astrid. Gefangen im Nirgendwo und im absoluten Kampf mit mir selbst. Ich sollte froh sein, dass mein Körper mich von a nach b trägt; dass er wieder funktioniert und sich immer mehr einrichtet in seinem Haus; dass ich ihn auch wieder vielseitiger einsetze. Dass er schon länger keinen Spiegel mehr mit seinen blossen Händen zerschlagen hat. All das sind Fortschritte, die mein Körper langsam und mühevoll zusammen mit meinem Kopf unternimmt und die er sich auch nicht nehmen lässt – nicht nehmen lassen will. Doch mein Kopf will und kann diese dreckige widerwärtige Krankheit noch immer nicht außen vor lassen, geschweige denn ignorieren. Ich bin mal wieder nur ganz kurz falsch abgebogen auf meiner Gedankenautobahn und nun irre ich seit Stunden im Kreis und finde die Auffahrt nicht mehr. Keine Auffahrt oder Einfahrt in die richtige Richtung. Ich verfluche mich und diese Essstörung – gerade jetzt in diesem Moment mehr denn je.