Herzrasen und Grenzen

Sonntag. Kein gewöhnliches Aufwachen heute – Aufwachen mit absoluter innerer Unruhe. Gedanken sind da und auch irgendwie nicht. Zumindest nicht greifbar. Ich habe totales Herzrasen & kalt-warme Hände und weiß nicht, ob es besser ist, aufzustehen, ein Glas Wasser zu holen oder liegen zu bleiben und zu hoffen, dass dieser Zustand gleich vorbei ist. Es dauert gefühlt gar nicht so lange und es ist Gott sei Dank vorbei. In Wirklichkeit lag ich so über eine Stunde schwitzend, frierend, zitternd und ruhelos dort. Für mich das Zeichen, dass hier gerade alles andere als normal ist.

Und das ist so seit genau 41 Tagen. Seit 41 Tagen hat sich in und mit mir etwas verändert. Ich habe mich 41 Tage nicht meiner üblichen, normalen Essstörung hingegeben. 41 Tage habe ich es geschafft, der widerlichen Völlerei, die mich zerstört hat, die mein Hirn auf übelste Weise gefickt hat, zu widerstehen. 41 Tage – das ist nicht normal. Ich kann das nicht fassen. Ich begreife das gerade nicht. Diese Sucht nach der italienischen Völlerei, nach den Qualen und Schmerzen danach, die ich mir auferlegt & zugefügt hatte – immer und immer wieder. Es ist eine wirkliche Sucht. Ja, auch nach Essen bzw. Fressen kann man süchtig sein. Genauso wie ich nach Hungern süchtig war. . . Seit 41 Tagen dreht sich alles in meinem Kopf; meine Gedanken fahren im Kreis. Sie nehmen keine falsche Ausfahrt, leider;  sie fahren einfach immer wieder im Kreis, was mehr als schwer ist auszuhalten. Ich wache auf und kann nur an diese eine Sache denken. Ich stehe im Netto an der Kasse und zahle mein Klopapier und kann mich nicht konzentrieren, dem Kassierer die 2,98 Euro zu geben, sondern ich verwende alle Energie darauf, mir in Dauerschleife zu sagen „Reiß dich zusammen. Geh nicht in die italienische Hölle. Verzichte auf den Scheiß und komm klar.“ Irgendwie schaffe ich es, die Ware zu bezahlen und save in meine Wohnung zu gelangen. Ich glaube, kaum einer hat eine annähernde Ahnung davon, wie es ist, permanent gegen eine Sucht anzukämpfen. Jede Sekunde eines jeden Tages kann einen so ekelhaft zermürben.

Doch Fakt sind diese 41 Tage. Und ich bin dafür so unendlich dankbar. Denn nur aufgrund dieses Faktes, fühle ich mich trotz aller Kreisfahrten meines Hirns, trotz aller schwindender Energie gleichzeitig irgendwie gut. In mir hat sich etwas verändert. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas schaffen kann. Dieses Gefühl hatte ich in den letzten Jahren komplett verloren. Mit all dem Scheiß, der mir passiert ist, den ich zum Teil erduldet habe, zum Teil einfach aus purer Angst und Scham über mich ergehen lassen habe, hatte ich mich nur noch wie ein totaler Versager gefühlt. Und wertlos. Mein Körper war wertlos, wurde quasi durch fremden Einfluss entwertet und mit meiner Scham und Angst wurde auch mein Inneres wertlos. Komplett. Und diese wiederkehrenden Ereignisse haben mich zerstört.

Ich hatte für mich entschieden, es ist besser, nicht mehr zu sein. Und genau zu diesem Ort, wo man mich entwertete, wo ich letztlich final auch diese Entscheidung getroffen hatte und mir dann aber mein Schicksal doch noch etwas mitteilen wollte – an diesen Ort bin ich heute nach dem beängstigenden Aufwachen gefahren. Ich mußte etwas tun. Grenzen überwinden. Und heute mit diesem Aufwachen und mit dem Wissen um die 41 Tage, war der richtige Tag dafür. Ein starker Tag.

Ich bin hingefahren zu dem Ort, zu dem Haus, das ich für immer meiden wollte. Ich habe 41 Tage in der Tasche und der Seele – ich schaffe das. Und so war es. Ich bin bewußt hingefahren, habe bewußt hingesehen und bin weitergefahren. Aussteigen ging nicht. Ich kann nicht aus meinem Leben aussteigen. Auch wenn ich es liebend gern tun würde – vor allem aus dieser Krankheit und aus den Erinnerungen. Aber irgendwie ist Aussteigen nicht so leicht, wie es manchmal scheint oder uns irgendwelche Erfolgscoaches und Motivationsbücher glauben machen wollen.

Doch was geht, ist, sich Herausforderungen zu stellen. Jahr für Jahr. Monat für Monat. Tag für Tag. Immer und immer wieder. Und auch, wenn es so viele Tage nicht möglich ist, sich diesen Herausforderungen erfolgreich zu stellen, so findet sich doch dazwischen ein einziger Tag, an dem es einem vielleicht ansatzweise gelingt. An dem man mit Herzrasen und Angst erwacht und den man mit dem Gefühl beendet, seine Grenzen anzuerkennen und sie sogar zum Teil zu überwinden.

Schritte1

Nur ein paar Klicks

Selfies machen & posten – ok. Tut jeder; ist mittlerweile „normal“. Sich überlegen, auf welchem man recht gut ausschaut – schön und gut. Aber wie kann es angehen, dass es eigene Apps dafür gibt, sich schlanker zu klicken? Get your perfect body – only a few klicks. What the fuck???

Es gab eine Zeit, in der auch ich mich danach sehnte, endlich und zum allerersten mal in meinem Leben, die Größe zu haben, die jedes Magazin, jedes Werbeplakat hat und zeigt. Größe 36 – meine Idealgröße. Meine Traumgröße. Die Kleidergröße, die über TV-Bildschirme schwebt, die in Katalogen und auf Modeblogs jede Frau verkörpert. Die Größe, für die gefühlt Millionen Frauen sterben würden. Die Größe, die Männerherzen höher schlagen läßt – die Größe, mit der jeder Mann ins Bett will. Perfekt eben.

Nur knappe 3 Minuten, ein paar Klicks und er ist da: der perfekte Körper. MEIN perfect body. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass es so einfach wäre, meinen Körper perfekt zu haben. Perfekt zu machen. Jetzt habe ich die Chance. Ein bisschen die Taille schmälern, die Beine 4 cm länger machen. An den Hüften nehme ich natürlich auch etwas (viel) weg. Meine Brüste ziehe ich ein bisschen höher und forme sie runder. Ah – das Gesicht muss natürlich zum Körper passen – ich strecke meinen Hals und nehme etwas unter meinen Wangenknochen weg. Das Kinn könnte auch noch ein bisschen straffer… schon viel besser. Really?

Was ist das für ein Scheiss, der uns hier glauben machen soll, dass es toll ist, etwas zu verkörpern, das wir nicht sind? Den perfect body. NIEMAND hat einen perfekten Körper und JEDER weiß das. Punkt. Was zur Hölle soll das also?

Ich habe mir so oft gewünscht, Teile meines Körpers auszutauschen, zu verändern. Jetzt habe ich die Möglichkeit und allein der Gedanke macht mich kränker als ich es in meiner schlimmsten Zeit der Magersucht je war. Für die meisten wird es eine harmlose App sein, aber ich sehe das als eine Frechheit. Es ist eine einzige Lüge, wie schon so viel, das uns vorgelebt wird. Wie wir zu sein haben, um akzeptiert zu werden.

Wie kann ein Körper perfekt sein, wenn er gar nicht echt ist? Wenn er gar nicht so ist, wie ich ihn mir und für meine Umwelt erschaffe, erzaubere, mit den paar Klicks? Genau die Dinge, die mich meisten an meinem Körper anekeln und die ich am liebsten tauschen/ersetzen will – diese imperfekten Teile, die sind es, die mich letzten Endes in meiner Person als mein Ich doch zu dem machen, was ich bin. Ich weiß, dass mein Kopf zum Teil noch anders denkt und tickt, aber das bringt so eine Essstörung leider mit sich. Doch mein Herz und meine Seele wissen schon jetzt, dass ich mit all diesen Dingen und Teilen meines Körpers ganz bin und dass ich eben mit ihnen, so wie sie sind, Ich bin. Ein paar Klicks? Nein. Keine Klicks – lieber Ich.

19 Tage

19 Tage. 19 komplette, ganze Tage – 19 x 24 Std. Besagte 19 Tage ist es nun her, dass ich zum letzten mal meiner Sucht nach der italienischen Völlerei nicht widerstehen konnte. Die vergangenen fast drei Wochen waren so nervenaufreibend, dass ich es nicht annähernd in Worte fassen kann – deshalb versuche ich es erst gar nicht. Doch eines muss ich einfach hier noch mal für mich selbst schwarz auf weiß festhalten: Ich habe es geschafft. Ich habe etliche Kämpfe in diesen vergangenen 456 Stunden durchfochten. Mein Hirn hat mich in den letzen 27.360 Minuten etliche mal gefickt und es mir unendlich schwer gemacht, überhaupt zwischenzeitlich zu funktionieren. Bestehen und leben ist keine olympische Disziplin, doch wenn sie es wäre, dann hätte ich endlich mal einen Sieg – die Goldmedaille. Eine goldene Medaille geprägt mit Stolz für mich allein. Es ist in jedermanns Augen sicher mehr als lächerlich, doch sich einer Sucht nicht hinzugeben ist hart. Ich bin nicht „klassisch“ süchtig nach Drogen oder Alkohol – ich bin süchtig nach diesem speziellen Essen dieses speziellen Italieners, über den ich schon haufenweise geschrieben habe. Süchtig nach der totalen Völlerei und anscheinend dem, was es mir gibt – was auch immer es ist.

19 Tage. Scheisse, ich habe keine Ahnung, wie mein Körper und ich in diesen Tagen existieren konnten, wie ich es geschafft habe. Überlebt habe. Aber ich ahne, dass es mir gut tut. Ich weiß gar nichts. Aber ich habe eine Ahnung davon, wie glücklich ich gerade bin und wie ich mich fühle. Ich habe eine Ahnung, dass mir dieser persönliche Erfolg gut tut und mir Kraft, Energie und Motivation für alles gibt, das kommt. Ich habe eine Ahnung, oder besser gesagt, eine/die Hoffnung, dass es mir irgendwann gelingen wird, meine Essstörung irgendwie überwinden werde. Dass ich die vergangenen Geschehnisse, die mich in diese Sucht, in diese Essstörung getrieben haben, nicht vergessen kann, ist mir mehr als bewußt. Aber ich hoffe und ahne, dass ich zumindest damit irgendwie leben kann und dass es mir gelingen wird, zumindest die Konsequenz aus den Geschehnissen alias Essstörung oder Sucht – wie auch immer ich es betiteln will – bezwingen werde. Für 1.641.600 Sekunden ist es mir gelungen. Ich mache weiter. Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen. Vielleicht kann ich ja morgen schon sagen: 20 Tage.

Wellenreiten

Ich hätte nie für möglich gehalten, wie nah oben und unten zusammenliegen. Sind es doch Gegensätze, liegen doch eigentlich unendlich viele Meter oder Kilometer dazwischen… Bei mir nicht. Und es geht auf und ab tageweise. Ich frage mich, wann das endlich aufhört. Ich will nicht mehr dieses ständige Auf und Ab. Ein bisschen ist normal. Ein bisschen Auf und Ab schadet, glaube ich, keinem Leben. Es würzt das Leben, verleiht dem Leben Spannung und Schärfe. Aber bei mir ist es überwürzt. Zu viel von Ab und viel zu wenig von Auf.

Kaum mache ich Fortschritte, kaum läuft es wirklich gut, kaum geht es mir einfach gut – da kommt die Welle. Ich kann mich nicht halten; sie rauscht mit einer Geschwindigkeit auf mich zu und über mich hinweg und ich gehe unter. Sie zieht mich förmlich herunter und ich finde keine Abwehr. Ich kann mich von meinem eigenen Glück nicht treiben geschweige denn tragen lassen. Ich lasse mich davon herunterziehen, weil es mir komisch und fremd vorkommt. Das Unbekannte ist schwierig zu händeln. Ich tauche ab in den gewohnten Sog der Sucht. Sie treibt mich ins Meer, lässt mich auf offener See ertrinken.

Wieso kann ich meine Glücksmomente, meine Erfolge, meine Fortschritte nicht fassen, sie (be)greifen, sie genießen, sie leben? Ich will nicht ertrinken, abtauchen. Ich will Wellenreiten. Auf und ab und dann wieder auf … einfach Wellenreiten.

Fortschritt.(e)

Fortschritt. Eigentlich ein ziemlich cooles Wort. Für alle hat es immer automatisch etwas Positives in sich. Weiterentwicklung… Weiterkommen… Aufstieg…Aufwärtstrend. Für mich hat es das eigentlich auch immer. Doch Fortschritt bedeutet für mich gleichermaßen totale Anstrengung – Seelenkampf und mangelnde Kraft. Jeder noch so kleine Schritt, den ich fort mache, kostet mich so enorm viel Energie, so viel Nervenstress. Mit jedem kleinen Schritt, den ich fort mache von meiner Vergangenheit, von meiner Essstörung, mache ich viel größere Schritte kreuz und quer in meinem Kopf. Keine Schritte, eher Sprünge. Von Ana zu Selbstzweifeln, von Selbstzweifeln zur Waage und den gefühlt viel zu vielen Kilos, von den viel zu vielen Kilos zu meiner absoluten Körperscham, von meiner absoluten Körperscham zu meinen Erlebnissen in der Vergangenheit, die mich einfach nicht vergessen lassen. Die mich nicht in Ruhe lassen und wahrhaftig auch in meinen Träumen verfolgen. Diese Sprünge kreuz und quer in meinem Kopf sind der totale Hirnfick und ich spreche hier nicht von gedanklichen Ergüssen, sondern von Qualen.

Doch trotzdem kommt mir immer häufiger der Fortschritt in die Quere. Das ist gut. Mehr als gut. Es ist ein Fortschritt. Zwischendurch gelingt es mir, mit dem Vergangen umzugehen. Es gelingt mir immer häufiger, mich nicht gleich zu verletzen, wenn ich rückfällig bin. Es gelingt mir sogar, mich im Spiegel anzusehen und mich danach noch vor die Tür zu trauen. Ich habe tatsächlich wieder Spaß im Leben. Es gelingt mir, mal meine kranken Gedanken ganz hinten im Kopf zu lassen und sie nur als leises Fiepen zuzulassen, aber ich lasse mich nicht mehr sekündlich von ihnen anschreien und es gelingt mir zwischendurch, mich anzunehmen. Es ist ungewohnt komisch für mich, mir selbst in Gedanken zu sagen, dass ich doch ganz ok sein sollte, so wie ich eben bin. Es ist ungewohnt merkwürdig, dass ich mich ehrlich über Komplimente freuen kann. Diese Freude bedeutet, das ich anscheinend manchmal ein Kompliment annehmen kann. Glauben wäre noch zu viel gesagt, aber ich nehme es an und freue mich. Ein großer Fortschritt. Und worüber ich mich am meisten freue, ist, dass ich es geschafft habe, meinen Willen und mein Einverständnis zum und mit dem Leben wiedergefunden zu haben. Und ich möchte nicht mehr davon ablassen. Ich will diesen Willen halten. Ganz fest. Umklammern.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass mich meine Beine durchs Leben tragen, dass ich fähig bin, zu denken fühlen. Dass ich zwischendurch auch mal schöne Gedanken habe, dass ich Menschen in meinem Leben habe, die mich bereichern. Scheiss auf ein paar Kilos mehr auf der Waage oder am Körper. Ich befreie mich nach und nach. Mit kleinen -ganz kleinen- Schritten, bewege ich mich fort von meiner Vergangenheit und von dieser widerlichen Essstörung und ihren destruktiven und oberflächlichen Gedanken. Ich bewege mich fort. Ich komme irgendwie weiter. Egal, wie sehr mich mein Hirn heute fickt, morgen gebe ich ihm eine neue Chance. Das ist ein Fortschritt. Nein, für mich sind es mittlerweile Fortschritte. Plural. Denn egal, wie viel Schritte ich zurück mache, ich mache immer wieder welche nach vorn. Und langsam fange ich an, diese wahrzunehmen. Ein tolles Gefühl, sich fortzubewegen. Fort von dem, was mich von mir selbst so lange entfernt hat…

Wut im Bauch.

Wir haben absolut keine Idee mehr, wie richtige, echte Körper eigentlich noch aussehen. Mit richtig und echt meine ich nicht sowas wie „Echte Frauen haben Kurven“ oder sowas in der Art. (By the way ist jede Frau echt.) Ich meine echt und richtig im Sinne von nicht besonders in Pose gesetzt, nicht gephotoshopt und nicht aufgemotzt und mit Selbstbräuner gecremt. Echt halt. Natürlich halt. Doch ständig wird mir vorgelebt, wie ich auszusehen habe. Vom riesengroßen H&M-Banner am Potsdamer Platz strahlt mich diese BeachBeauty an und zeigt mir, wie es geht, gut auszusehen. Sie schreit mir mit zuckersüsser Stimme direkt ins Gesicht: „Trainiere was das Zeug hält und kaufe dir diesen sexy knappen Bikini – dann hast du es geschafft. Dann kommst du an.“

Wir werden überall und ständig mit diesen perfekten Körpern konfrontiert. Leise allerdings. So leise und unauffällig, dass wir scheinen zu glauben, das seien echte, richtige und normale Körper. Traurig. Ständiges Selbstoptimieren. Ständiger unbewusster Druck. Clean Eating. Fitnesshype. Dabei sein und dazu gehören ist alles. Dann kommen wir an.

Wir sehen so viele perfekte, in Pose gebrachte und wohl geformte Körper. Überall und größtenteils mit Hilfe von Photoshop. Wir sehen so viel davon, dass wir anfangen, unsere eigenen Körper in Frage zu stellen. Als nicht schön und fett zu finden. Und schon gar nicht als normal. So geht es zumindest mir seit ich in meiner Essstörung gefangen bin. Und ich wette, dass ich damit nicht allein bin. Das macht mich wütend.

Ich hätte lieber mal wieder ein tolles Essen im Bauch, das ich fähig bin, in vollen Zügen zu genießen. Anstatt dieser Wut. Diese Wut, dass ich durch die Krankheit aber auch durch die Medien und dieses verschobene Bild unserer Gesellschaft sowas von oberflächlich geworden bin.

Ich bin wütend, weil ich mich zusammenreißen muss, an das zu glauben und vor allem zu akzeptieren, was WIRKLICH echt und normal ist. Nämlich ein Bauch, den man sieht. Einen Bauch, der natürlich dicker scheint, wenn man sitzt und sich nicht in Pose hält. Beine und Hintern, die vielleicht Spuren von Cellulite haben. Narben. Kratzer oder blaue Flecken. Das ist echt. Ein Körper mit Imperfections. Nichts ist perfekt und ich will nicht dazu gedrängt werden, das glauben zu müssen und schon gar nicht, mich dem fügen zu müssen.

Ich bin eine echte Frau und ich bin wie ich bin. Ich möchte mich nicht darauf reduzieren (lassen), wie ich aussehe. Vor meiner Krankheit war ich mir dessen auch mehr als bewußt. Jetzt arbeite ich jeden Tag hart daran, mich so zu nehmen und zu akzeptieren, wie ich bin. Egal, wie viel ich wiege und egal, wie dick mein Hintern ist.

So sollte es sein. Das wäre echt.

Wellness – für andere ein Vergnügen…

Es ist soweit – meine nächste Herausforderung steht bevor. Am kommenden Freitag werde ich mit einer lieben Freundin Wellness machen. Entspannung und Gutes für den Körper und die Seele. Ein paar Stunden nur für uns, auf die ich mich eigentlich ganz besonders freue. Es ist unser gegenseitiges Geburtstagsgeschenk und eigentlich ist es die perfekte Kombination, die wohl kaum jemand ablehnen würde: Zeit mit der Freundin und Hamam vom feinsten. Soulfood quasi. Doch das einzige, das ich gerade füttere, ist mein Kopf. Und zwar nicht mit gutem Soulfood, sondern mit absolutem Mist. Mit meinen altbekannten Zweifeln und mit meinem ebenfalls mir so vertrauten Körperhass. Heute ist Montag und ich mache mir schon jetzt, 4 Tage vorher, eine riesen Platte, was da mit mir passieren wird. Ob sie mich verurteilen wird, weil ich zugenommen habe? Weil ich nicht mehr die dünne, schlanke Astrid bin, die sie letzten Sommer mehr und näher kennengelernt hat und mit der sie sich befreundet hat. Ob ich es schaffen werde, nur mit dem Hamamtuch bekleidet mehrere Stunden unter Menschen zu sein?  Scheisse, ich habe Angst. Schlichtweg Angst. Und ich bin wütend. Andere freuen sich wie verrückt auf so einen Tag – ich mich ja eigentlich auch. Doch in meinem Hirn kommen gerade nur Gedanken auf, für die ich mich schämen sollte. Anstatt dessen schäme ich mich mal wieder für meinen Körper. Er ist nicht schön. Alles anderes als das. Er ist dick. Und alle werden es sehen und sich ihren Teil denken. Diese Essstörung und die Auswirkungen machen mich mal wieder kaputt. Sie zerstören mir meine Quality Time – mal wieder. Immer wieder das selbe Spiel: Astrid gegen Astrid. Gefangen im Nirgendwo und im absoluten Kampf mit mir selbst. Ich sollte froh sein, dass mein Körper mich von a nach b trägt; dass er wieder funktioniert und sich immer mehr einrichtet in seinem Haus; dass ich ihn auch wieder vielseitiger einsetze. Dass er schon länger keinen Spiegel mehr mit seinen blossen Händen zerschlagen hat. All das sind Fortschritte, die mein Körper langsam und mühevoll zusammen mit meinem Kopf unternimmt und die er sich auch nicht nehmen lässt – nicht nehmen lassen will. Doch mein Kopf will und kann diese dreckige widerwärtige Krankheit noch immer nicht außen vor lassen, geschweige denn ignorieren. Ich bin mal wieder nur ganz kurz falsch abgebogen auf meiner Gedankenautobahn und nun irre ich seit Stunden im Kreis und finde die Auffahrt nicht mehr. Keine Auffahrt oder Einfahrt in die richtige Richtung. Ich verfluche mich und diese Essstörung – gerade jetzt in diesem Moment mehr denn je.

Die Sucht – aber auch noch so viel mehr

Es scheint eigentlich so einfach – aber ich mache es mir selbst so schwer. Noch immer lässt mich meine Sucht nicht los. Meine Gedanken kreisen und kreisen – immer schneller, in alle Richtungen und doch lande ich in der Sackgasse. Keine Ahnung, ich komme nicht los von diesem Rummel. Noch immer zieht es mich in das irgendwie magische Labyrinth, in das ich eigentlich gar nicht hinein will und wo ich weiß, dass ich nur schwer wieder herausfinde. Noch immer locken all die Losverkäufer mit ihren vielversprechenden Hauptgewinnen, obwohl ich doch seit Jahren das Aussichtslos in den Händen halte und scheinbar auch behüte. Das Gedankenkarrussel dreht sich und mir wird übel. Schneller und schneller; überschlagen, vorwärts, rückwärts – ich sehe nichts mehr oder nur noch ganz verschwommen und es kommt mir hoch. Speiübel. Ich möchte am liebsten alles hinauskotzen und runter vom Rummel. Ein für allemal.

Endlich – Das Karrussell steht kurz still und ich krauche mal wieder hinunter von der Plattform und setze mich erst mal auf die Bank vor der nächsten Fressbude. Welch Zufall – es ist die Fressbude, die mich immer und immer wieder anzieht letzten Endes auf diesem bunten Gedankenrummel. Hunderte Buden und Stände mit den verschiedensten Köstlichkeiten und am Ende lande ich immer hier: die italienische Bude, die pure Völlerei. Verlockend die netten Kellner, die mir schon von innen zuwinken, verlockend der Geruch – verlockend die Sucht. Doch irgendwie taumel ich noch zwischen der Verlockung und der puren Übelkeit. Rein oder nicht rein – Übel oder übler? Ich kämpfe innerlich mit tausend Schwertern, die mir Stiche versetzen; ich kämpfe mit allem, was meine Gedanken zu bieten haben. Keine Ahnung, was passiert ist, aber ich treffe bewußt und doch gefühlt unbewußt die Entscheidung, nach Hause zu taumeln.

Und es fühlt sich gut an. Der Entschluss, etwas zu tun. Mit der Aussicht, vielleicht doch mal nicht in der Sackgasse zu landen.  Mit der Aussicht, mit meinem Aussichtslos endlich den Hauptgewinn zu ziehen. Denn es passiert etwas in mir. Benennen kann ich es nicht. Aber es scheint sich alles immer mehr und mehr zu fügen. Die Chance, aus dem Labyrinth herauszukommen, scheint nicht mehr undenkbar. Im Schneckentempo bewege ich mich Richtung Ausgang alias Ausweg. Es gibt die Sucht und sie ist da – in meinen Gedanken permanent. Aber es gibt auch noch so viel mehr…

 

Immer noch nicht eins

Eigentlich dachte ich, dass es irgendwann besser wird. Eigentlich hatte ich immer die leise Hoffnung in mir, dass ich meine kranken Gedanken irgendwann in gesunde Gedanken umwandeln kann. Eigentlich. Momentan herrscht gefühlter Stillstand. Ich versuche, meiner Krankheit davon zu rennen, schneller als sie zu sein. Ich will sie endlich hinter mir lassen. Aber sie klebt an mir wie ein Kaugummi und anstatt zu rennen, trete ich auf der Stelle. Und obwohl ich nicht renne bin ich aus der Puste. Ich ersticke, bekomme keine Luft mehr.

Ich komme nicht weiter und mein Kopf dreht sich immer und immer wieder um. Blickt zurück anstatt nach vorn. Zurück in die Zeit als ich dünn war. Dürr sogar. Im Moment schreit alles in mir und meinen Gedanken, dass dies die definitiv einfachere Zeit war. Alles war leichter, ich war leichter. Ich war leicht von Kopf bis Fuß.  Ich war gefühlt leicht im Kopf. Leichter als jetzt zumindest. . .

Mein Kopf ist schwer wie Blei. So viele Gedanken, die ich nicht mehr tragen will und die ich nicht mehr tragen kann. Ich will, dass es aufhört. Ich möchte mich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen.  Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, oberflächlich zu sein. Ich will nicht mehr darüber nachdenken, wie ich meinen Körper am besten nicht mehr spüre, wie ich meinem Spiegelbild aus dem Weg gehen kann. . . Ich will das nicht mehr, verdammt.

Das ist die eine Seite in mir. Die andere Seite schreit mich an: „Jetzt hör endlich auf mit dem Scheiss. Du machst doch Fortschritte… Du bist nicht da, wo du vor einem Jahr noch warst. SEI VERDAMMT NOCH MAL GEDULDIG und erkenne an, was du schon geschafft hast“. Blablabla…  Es ist ein ungeheuer lautes Schreien, lauter als das der anderen, der kranken Seite. Doch es erreicht mich kaum. Klar, mir ist bewusst, dass alles seine Zeit dauert, mir ist auch bewusst, dass ich zunehme oder zugenommen habe, mir ist bewusst, dass es nie leicht ist, einer Sucht zu entkommen. Doch ich kann nicht mehr. Müde. Kraftlos. Fast willenlos. Fast. Ich bin wieder mitten drin im Kampf krank vs. gesund. Dabei war ich schon fast raus aus dem Ring. Fast nur noch Zuschauer. Zwar in der ersten Reihe, aber immerhin. Und jetzt? Ich stecke fest im Sumpf der Völlerei, der Rückfälle. Ich ergebe mich völlig dem permanenten Hirnfick und ich sehne mich danach, mich und meinen Körper zu akzeptieren, zu mögen. Egal mit welchem Gewicht. Vor vier Jahren noch, da ging das problemlos. Ich war da und ich fand es toll. Ich fand mich toll. Relativ zumindest. Wieso will es jetzt einfach nicht weiter voran gehen? Liegt es wirklich „nur“ daran, dass ich es mir nicht erlauben kann, emotional glücklich zu sein, wie ich es nämlich momentan eigentlich bin? Bestraft mich diese beschissene Essstörung wirklich damit? Bestrafe ich mich dafür, dass ich Gefühle zulasse,  dass ich vertraue??

Und wieso schreibe und denke ich all das, wo ich doch ganz genau weiß, dass ich schon so weit gekommen bin. Eigentlich. Ich habe keine Ahnung – ich bin lost. Mal wieder.

Selbstliebe? Ja.

Gestern hat mir ein guter Mensch gesagt, ich sei genug. Ich wisse überhaupt gar nicht, wie genug ich sei. Dieser Satz hat mich zu Tränen gerührt. Ich solle meinen Wert, meinen Selbstwert, nicht von meinem Äußeren und meinem Gewicht abhängig machen und endlich glauben, dass man mich genauso möge, wie ich eben bin. Auch mit mehr Kilos auf der Waage und mehr Umfang am Körper. Auch vielleicht mit einem Bäuchlein oder breiteren Hüften. Vor einem Jahr noch haben mich diese Wörter „Bäuchlein“ und „Hüften“ allein in den absoluten Wahnsinn getrieben. Immerhin – ich habe es einfach hingenommen gestern und es sacken lassen. Ohne Wahnsinn. Sogar mit etwas Glückseligkeit. Diese Worte berühren mich ehrlich tief. Ich bin es nicht gewohnt, genug zu sein.

Auch, wenn ich meinen Körper verachte – nein, genauer gesagt, verachte ich nicht mehr alles. Ich weiß es zu schätzen, dass er mich durch mein Leben trägt. Es gab Zeiten, in denen ich ihn auch dafür verflucht habe, aber die sind wenigstens vorbei. Ich verachte die Optik. Ich mag mich im Spiegel nicht ansehen und ich stelle es mir schrecklich vor, mich anfühlen zu müssen.

Trotz allem; trotz allen Rückfällen, trotz mieser dieser gemeinen Gedanken, trotz totaler Scham, habe ich beschlossen, mein Licht, das irgendwo im Inneren meines Körpers brennt, zum Strahlen zu bringen. Ich möchte leuchten und nicht meine Seele verdunkeln. Das habe ich lange genug getan.

Und so sage ich mir: Selbstliebe. Ganz oft sage ich mir dieses Wort in mein eigenes Ohr. Ich lebe noch, also bin ich mir doch definitiv etwas wert… Und diese Erkenntnis hat mich über zwei Jahre gekostet! Na ja, wie auch immer. Ich sage mir, ich möchte nicht mehr auf Knopfdruck funktionieren – und ich rede hier nicht vom Job… Ich gönne mir Me-Time und ich wünsche mir, dass sie bald unabhängig von meinen Rückfällen existiert. Ich bin ich und irgendwann werde ich erkennen, dass das genug ist. Von Selbstliebe kann ich noch lange nicht sprechen. Aber es ist ein schöner Traum. Und einfach ein schönes Wort. Selbstliebe.