Körper

Schöner Schein

Das leidige Thema, und doch lässt es mich nicht los. Und scheinbar auch das ganze weite Universum nicht… Überall werden wir mit gefakten Schönheitsidealen konfrontiert. Immer und immer wieder. Uns wird Glauben gemacht, dass eine aalglatte Haut im Gesicht und am Rest des Körpers sowie die perfekte Figur à la Size 34/36 richtig sind. Dass wir damit in der Gesellschaft und im Leben angekommen sind, sobald wir in dieses Bild und in diese Größe passen.

Bullshit. Ich könnte dermaßen kotzen, wenn ich diese ganzen gefakten Bilder und Plakate von diesen scheinbar perfekten Menschen sehe. Und das Widerliche an der ganzen Sache ist, dass all das uns nicht vermitteln soll, dass das perfekt wäre, wenn man so aussieht, sondern dass es normal ist, wenn man so aussieht. Alle laufen ja so herum. Die ganzen blonden, brünetten, rothaarigen Frauen in allen Facetten, aber doch gleich: SCHLANK und mit makellosem, leicht gebräuntem Teint im Gesicht; weiße Zähne, natürlich keinerlei Cellulite oder Dellen und schon gar kein kleines Bäuchlein oder so etwas in der Art. Niemand sagt einem, dass hier Photoshop wieder allergrößte Arbeit geleistet hat und niemand sagt einem, dass es zwar solche Menschen gibt, allerdings in der Minderheit.

Wer übernimmt hier eigentlich die Verantwortung dafür, dass alle wie die Lemminge in die Gyms rennen, sich 4-5 mal die Woche den Arsch aufreißen, um auch nur annähernd so auszusehen, wie der sexy Kerl oder die hammer Lady auf einem der zahlreichen Titelblätter von hochpolierten Magazinen? Wer möchte die Verantwortung dafür übernehmen, dass wir dadurch an kostbarer Zeit und somit Lebensqualität verlieren? Wer übernimmt bitte die Verantwortung dafür, dass zahlreiche Menschen in eine Essstörung geraten, um irgendwann so auszusehen, wie sein Idealbild, sein Vorbild? Sollten nicht eigentlich Eltern und/oder Pädagogen, Freunde, Bekannte unsere Vorbilder sein? Wie kommt es, dass anstatt dessen Instagram und deren gehypte Blogger unsere Vorbilder sind? Wie kann es sein, dass die perfekt in Szene, die perfekt retuschierte Bloggerin in der mega stylischen Hot-Pants mit der total angesagten schulterfreien Bluse zu einem Vorbild wird? Auf den Fotos sieht man nichts als diesen perfekt in Szene gesetzten Körper in einem total angesagten Outfit. Man sieht nicht, ob diese Person fähig, bestimmte Werte zu vermitteln oder mir/uns etwas beizubringen…Man kann null ahnen, was für ein Mensch diese Person da ist. Aber das interessiert uns scheinbar auch nicht.

Ein normaler Körper scheint nicht mehr normal sein zu dürfen. Ein unebenes Hautbild, ein paar Rötungen oder Falten im Gesicht finden keine Akzeptanz mehr. Falten sprechen für sich – eigentlich. Sie erzählen von einem gelebten Leben und einem Reifeprozess. Doch irgendwie scheinen wir alle keine Reifeprüfung des Lebens mehr bestehen zu wollen. Lieber perfekt sein.

Ich frage mich nur: wofür? Ist es nicht viel netter, in lieber Gesellschaft irgendwo genüsslich etwas zu essen und ein Glas Wein zu trinken als gestresst nach der Arbeit die Sporttasche zu suchen, ins Gym zu fahren und dort so lange schwitzen, bis die zum Mittag verzehrten 850 kcal wieder halbwegs abtrainiert sind?

Wieso streben wir nach dieser oberflächlichen Art von Anerkennung? Ist es egal, wie hässlich man als Mensch ist, solange man äußerlich attraktiv und schön ist?

Keine Ahnung. . . und was mich am meisten nervt ist, dass ich mittendrin hänge. Ich drehe mich seit vier Jahren im Kreis dieser widerlichen Essstörung und irgendwas in mir scheint sich genau dieser Oberflächlichkeit zu beugen. Ich möchte mich -warum auch immer- schlank fühlen. Denke, dass mir dann alles leichter fällt, je leichter ich bin. Ist nur leider nicht so. Im Gegenteil. Keine Kraft, keine Energie und schlank fühle ich mich nicht. Und am schlimmsten: keine Seele. Und das sieht man mir an. Leere Augen, wo früher purer Lebensmut und Freude an so vielem zu finden war. Nichts mehr übrig davon und  doch ist sie da, die Angst vor dem Zunehmen. All das weiß ich und doch bin ich nicht in der Lage, irgendwas zu ändern. Gelähmt und gefangen in dieser gefakten Welt…

 

Leer.

Seit Wochen hadere ich sehr mit mir selbst. Viele Dinge habe ich in den letzten Wochen oder knapp 2 Monaten weiterhin erkannt und irgendwie bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich erkannt habe, dass es so nicht weitergehen kann. Nicht weitergehen soll. Ich habe so vieles getan, das nicht hätte sein dürfen. Habe mir und meinem Dasein immens geschadet und vehement weitergemacht – in welcher Form auch immer.

Dass mich mein Körper noch durch diese Welt trägt, ist ihm ehrlich hoch anzurechnen, bei dem ganzen Auf und Ab und Auf und Ab und Auf… Er hält scheinbar mehr aus, als ich es je für möglich gehalten hätte und als es auch scheinbar mein Kopf tut.

Mein Kopf fühlt sich schrecklich voll an. Er ist schwer. Müde. Er ist es leid, immer im gleichen Netz gefangen zu sein, darin hin und her zu springen und weitere Fäden zu spinnen und am Ende doch nicht hinaus zu kommen. Er kann nicht mehr diese Gedanken mit sich herumtragen, die ihn immer und immer wieder quälen und wach halten. Diese Gedanken, die sowieso nichts ändern. Das habe ich erkannt. Sie ändern nichts. Zwei Alternativen also, die es nun für mich gibt: Weitermachen & nicht aufgeben, das Gedachte und Vergangene hinnehmen und für die Gegenwart und die Zukunft kämpfen oder endlich einen Schlussstrich ziehen. Letzteres war gedanklich immer wieder präsent in letzter Zeit, doch es will nicht klappen. Ein kleiner Gedanke schiebt sich immer vor den Strich im allerletzten Moment und hält mich ab & er hält mich wach. Er hält mich so lange wach, bis ich an die erste Alternative denke und bis ich denke, dass sie es wert ist, sie auszuprobieren. Also mache ich weiter irgendwie…

Mit vollem Kopf und leerem Körper. Emotional leer meine ich. Nicht nahrungstechnisch. Ich esse zwar wieder weniger, doch fühlt es sich für mich nicht so an. Hier ähneln sich Kopf und Körpervolumen – voll. Gefühlt. Dick.

Gleichzeitig jedoch, ist mein Körper eine leere wandelnde Hülle. Ein Cocon. Ich sehe mich zwar irgendwie im Spiegel und stelle fest, ich bin da. Doch ich fühle mich nicht. Meine Seele scheint zu schweigen. Sie ist kaputt – noch immer von all dem Ballast aus der Vergangenheit. Das nimmt sie mir übel, was wiederum ich ihr nicht übel nehmen kann.

Meine Seele ist still. Sie weist mich bewußt in keine Richtung. Zumindest fühlt es sich so an. Ich bin mal wieder komplett lost. Obwohl ich eigentlich keinen sichtbaren Grund dazu habe. Ich habe ein Dach über dem Kopf und einen Job und dann noch zwei, drei ganz wunder- und wertvolle Menschen in meinem Leben und in meinem Herzen, die mir immer und immer wieder aufs Neue versuchen, zu beweisen, dass mein Leben lebens- und liebenswert ist. Auch wenn ich unterzugehen scheine. Für diese Seelen, die mich nicht aufgeben und an mich glauben, bin ich unendlich dankbar. Und allein für diese lohnt sich all das.

Doch sollte es sich nicht in erster Linie für mich selbst lohnen? Was ist mit meinem Appell an mich selbst von vor einigen Wochen, den ich in die Öffentlichkeit geschrien habe? Pro You. Pro Yourself. Breakout of my thoughts. Nach wie vor appelliere ich an mich und jeden anderen noch mehr, der mit sich selbst hadert. Wahrscheinlich fühle ich mich gerade deshalb wie zwischen den Sphären. Ich fühle mich leer. Lost. Irgendwo im Nirgendwo und doch einfach da. Nicht imstande, aufzugeben. Gott sei Dank. Aber noch nicht imstande, zu definieren, wo es hingehen soll. Und vor allem wie. Noch nicht imstande, zu vertrauen und zu glauben.

Aber was macht man an so einem Punkt? Ich habe versucht, all meine schlimmen Dinge aus der Vergangenheit auf einem Blatt Papier zusammenzutragen und dieses habe ich gestern an einem Ort gelassen – symbolisch, um das Vergange ruhen und hinter mir zu lassen. Es hat sich auch gut angefühlt und ich bin überzeugt, dass es richtig ist. Doch wie kann ich darauf vertrauen, dass es mir vielleicht irgendwann wirklich wirklich besser geht?

Es gibt sie, diese Momente, die es mir zeigen wollen. Die mir den Beweis liefern wollen, dass sich wirklich alles lohnt und dass auch ich es wahrscheinlich verdient habe, glücklich zu werden.  Ich wünsche mir, daran einfach mal aus tiefstem Herzen und aus tiefster Seele glauben und darauf vertrauen zu können… Dann kann ich weitergehen. Den nächsten Schritt und das nächste Stück.

realisieren

Auf einmal wird immer alles klarer. So lange habe ich mich in und hinter meiner Krankheit versteckt und noch immer tue ich es zum Teil. Nicht, weil ich will, sondern weil ich muss. Weil die Scham so unendlich groß ist, was da mit mir passiert ist. Weil die Scham noch größer ist, für das, was ich innerhalb dieser Sucht getan habe. Bisher kannte ich nur eine andere Art Scham. Die, der Auswirkungen von Mißbrauch. Dieses Gefühl ist so hartnäckig  und es will mich nicht loslassen. Doch jetzt kenne ich noch eine andere Art der Scham. Die, vor und für mich selbst.

Nicht nur körperlich habe ich mich mit der Magersucht, mit Ana, und anschließend mit ihrer größten Feindin alias Fresssucht,  kaputt gemacht. Nein, meine ganze Existenz zerstörte ich. Angefangen hat das vielleicht nicht mit mir und meiner Schuld, doch diese Sucht hat mich in den Ruin gestürzt. Ich bin verzweifelt, weil ich gerade realisiere, was ich alles getan habe. Hirnlos. Bewusstlos. Gelähmt. Gefangen im Netz des Essens. Im Netz und dessen verworrenen Fäden des Italieners und meiner Sucht und gleichzeitigen Abneigung und Ekel. Gefangen in Gedanken, die ich überhören wollte, aber nicht konnte. Mein Kopf hat sich verselbständigt. Ohne Hirn. Nur mit der Sucht ist er unterwegs. Er überhört mich. Er ignoriert, wonach meine Seele eigentlich schreit. Wonach sie sucht und suchtet. Nur die Gedanken zählen, wie ich mich am schnellsten und besten vollstopfen kann und das am besten gleich mehrmals am Tag. Aber anstatt es einfach alles wieder auszukotzen, meinen Körper und Geist zu reinigen (zumindest gefühlt), ließ ich alles drin in mir. Dieses Essen, diese unerträglichen Gedanken, was ich da gerade wieder getan habe, wieso ich nicht einfach aufhören kann. So unerträglich, dass ich mir Schmerz zugefügt habe, um mich von diesen Gedanken zumindest mal ein paar Sekunden abzulenken. Kurz half es.

Und jetzt? Jetzt kämpfe ich mit allen Mitteln gegen diese Sucht an. Ich habe es bis heute geschafft, nicht mehr meiner Fresssucht nachzukommen. Ich bin nicht mehr zu dem berüchtigte Italiener gegangen, obwohl alles in mir danach schreit. Immer und immer wieder. Doch noch bin ich standhaft. Aber mit dieser Standhaftigkeit, die sich eigentlich in Stolz äußern müßte, wächst die Scham und die Angst. Denn hier fängt erst alles an. Ich realisiere. Ich kann die Augen nicht mehr verschließen, weil mein Wille, gesund zu werden und wieder anzufangen, richtig zu leben, größer geworden sind, als die widerlichen Gedanken, die mich trieben. Ich WILL leben. Richtig leben. Wie ihr alle da draußen. Doch jetzt fängt es an, mich auf eine andere Art und Weise kaputt zu machen. Ich realisiere, dass ich in der ganzen Zeit immer mehr der Realität entschwand. Auch, wenn ich meisterhaft darin bin, das Gegenteil zu demonstrieren.

Es war bis vor kurzem ein Leben, das eigentlich keines ist. Keine Realität. Jeder Mensch kommt heim, öffnet seinen Briefkasten in der Hoffnung, dass vielleicht mal eine Postkarte anstatt lästiger Rechnungen oder nerviger Werbesendungen drin ist. Ich nicht. Ich sah diesen Briefkasten im Hausflur jeden einzelnen verdammten Tag. Doch nicht einen einzigen Tag habe ich den kleinen Schlüssel benutzt, um ihn aufzumachen. Die Gedanken kreisten nur darum, wie ich mich möglichst schnell meinem eigenen Ritual hingeben kann. Während ich die Treppen hinauf lief, meine Ausbeute vom Italiener in den Händen (eine Hand reichte nicht mehr zum Tragen), malte ich mir immer wieder aufs Neue aus, wie ich mir gleich alles fein säuberlich und genau nach Plan herrichte, um es dann möglichst schnell in mich aufzusaugen. Da war kein Platz für das klingelnde Telefon in der Tasche, kein Platz für die Rechnungen im Briefkasten. Kein Platz für Verabredungen. Diese ließ ich platzen.

Fuck, ich habe ehrlich Scheiße gebaut und jetzt bekomme ich die Quittungen dafür. In Form von Rechnungen und Realität. Während ich mich und meinen Körper mit Suchtstillen gefüttert habe, habe ich den Italiener und meine Scheinwelt mit Geld gefüttert. Eine Sucht ist verdammt teuer.

Ich merke, was ich getan habe und ich hasse mich dafür. Ich habe alles ignoriert in meinem gesponnenen Gedankennetz. So fein die Fäden dieses Netzes man sich vorstellt, so fester hielten sie mich in ihrer Gewalt und ich reiße und reiße jetzt nur noch, um endlich hinaus zu gelangen. Doch ich realisiere, wie verstrickt es ist. Wie verstrickt ich mich habe.

Ich komme nicht raus.

 

Qualen – satt und doch hungrig.

So ist es. Es sind wirkliche Qualen.

Sie reden alle viel. Viel und eigentlich auch nur Vernünftiges. Und sie meinen es wirklich alle gut – das weiß ich zu 100%. Und doch schießen mir immer wieder Gedanken in den Kopf wie „ihr habt doch keine Ahnung“ oder „ja ja, wenn es so leicht ist, wieso klappt es dann nicht“ oder sogar „ja reden könnt ihr alle viel. Aber ihr habt keinen Schimmer, wie verdammt hart es ist – nicht annähernd“.

Ich unterstelle ihnen, dass sie mir nicht glauben, ich würde kämpfen.

Für diese Gedanken schäme ich mich. Weil es hier meine besten und engsten Freunde sind, von denen ich spreche. Sie sind es, die mich täglich ermutigen, die mir sagen, ich soll mich zusammen reißen und kämpfen und mich nicht in der Krankheit ausruhen. Sie sind es, die sich Sorgen um mich machen und die es ja schlichtweg einfach nicht nachvollziehen können. Wie auch? Und ich glaube, dass es für sie wirklich nicht einfach ist, mich immer und immer wieder zu ermutigen, mir immer wieder nette Worte und motivierende Sätze entgegenzubringen, wenn ich mal wieder in einem Tief stecke.

Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen müssen. Es tut mir unsagbar leid, dass ich sie mit da rein gezogen habe in diesen grässlichen Sumpf dieser Essstörung und Depression. Ich möchte, dass sie die Minuten, Stunden, Tage mit mir genießen und sie als schön empfinden – und nicht als anstrengend.

Ich bin seit 5 Tagen daheim. Vorher war ich genau drei Wochen im Krankenhaus. In den drei Wochen habe ich 4 Kg abgenommen. Das war nicht Sinn der Sache. Doch ich würde schlicht lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich es nicht angenehm finde, weniger zu wiegen – leichter zu sein. Doch gesünder bin ich dadurch nicht. Und wirklich innerlich erfüllter oder glücklicher bin ich dadurch auch nicht. Also was soll das schon wieder?

Hier außerhalb der Klinik fällt es mir wieder verdammt schwer, das Fressen zu lassen, sobald ich allein bin. Ich sitze hier auf dem Sofa und zittere am ganzen Körper. Meine Gedanken überschlagen sich und ich kämpfe mit und gegen mich. Ich will unbedingt wieder meinem Ritual folgen. Will unbedingt wieder diese leckere Mahlzeit von meinem Italiener in mich aufsaugen. Will den Geschmack spüren. Will satt werden. Gleichzeitig will ich nicht mal mehr einen Gedanken an den ganzen Scheiß verschwenden. Ich will nicht wieder fett werden. Will nicht mehr auch nur 100 gr zunehmen. Will nicht mehr immer und immer wieder diese Gedankenqualen haben, ob ich nun hinfahre und mich vollstopfe oder nicht. Ich will nicht mehr überlegen müssen, was ich anziehen könnte, um nicht fett auszusehen. Ich will nicht mehr dieser Sucht nachkommen. Ich will nicht mehr die Kontrolle verlieren. Ich will keine Gedanken mehr über Gewicht, über Zunehmen und Abnehmen zulassen. Und doch dreht sich alles darum. Nichts hat sich geändert.

In der Klinik – das ist das völlig absurde – fiel es mir so verdammt leicht, die Kontrolle zu behalten. Kaum etwas zu essen. Es war so leicht, leichter zu sein, wie ewig schon nicht mehr. Obwohl genau das ja nie wieder eintreten sollte. Ich soll in der Klinik lernen, geregelt und ausgewogen zu essen. Das Essen Essen sein zu lassen. Wieder andere schöne Dinge und Interessen für mich zu entdecken. Wieso also boykottiere ich mich so selbst – in den verschiedensten Formen??

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich bin mir zu viel. Mein Körper ist mir zu viel. Meine Gedanken sind mir zu viel. Ich bin satt und doch hungrig…

 

Alles neu und doch vertraut

So ist es, wenn man sich nach zwei Jahren eingestehen muss, wieder an einem Punkt zu sein, an dem man schon mal war.

Ich habe es geschafft- ich bin wieder in der Klinik. Habe es also doch nicht geschafft. Zwei weitere Jahre habe ich mir selbst und allen anderen etwas vorgemacht. Mich selbst belogen. Scheinbar fällt mir innerhalb dieser Krankheit nichts leichter als das – mich selbst zu belügen.

Auch, wenn ich das ganze Prozedere mit allen Therapien, mit allen Essensauflagen schon kenne, ist es doch ein neuer Ausgangspunkt und mindestens genauso schwer, mich darauf einzulassen. Damals war ich in der Klinik, weil ich alles und nichts unter Kontrolle hatte. Mein Essverhalten und den bewußten Verzicht auf Essen hatte ich total unter Kontrolle – alles andere nicht. Heute ist genau das mein Versagen. Ich habe mein Essverhalten definitiv nicht mehr unter Kontrolle. Ich fresse oder ich verzichte. Ein Mittelmaß gibt es nicht. Ein Mittelmaß, das doch eigentlich wünschenswert ist. Ein Mittelmaß beim Essen und ein Mittelmaß – ein gesundes Mittelmaß – beim Gewicht. Aber etwas in mir weigert sich noch immer. Obwohl ich alles doch schon so oft durchgekaut habe. Obwohl ich doch alles längst begriffen habe. Obwohl ich mir geschworen hatte, niemals wieder an den Punkt zu gelangen, an dem ich auf fremde Hilfe angewiesen bin. Trotz aller Erkenntnisse, trotz aller wiederholten Schmerzen, trotz aller gedanklichen Qualen bekomme ich es nicht hin. Ich quäle mich weiter. Obwohl ich es einfach nur noch satt bin.

Meine kranken Gedanken erlauben mir kein Leben mehr. Zumindest kein Leben ohne Stress, ohne Angst, ohne Zweifel und ohne wirkliche Liebe. Keine Liebe für mich selbst. Eher Hassgefühle und Verachtung. Verachtung, weil ich es nicht schaffe, mich aus diesem Sumpf heraus zu ziehen. Verachtung gegenüber meinem Körper.

Ich habe es satt. Wirklich. Wirklich? Warum klappt es dann nicht? Was hält fest an diesem ganzen Scheiss? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte es herausfinden. Ich möchte mir noch einmal die Zeit geben und mich auf Hilfe einlassen. Mich einlassen auf alles Neue und alles doch irgendwie Vertraute. . .