Leben

Komm raus – Pro you (rself).

Eine Ansage gegen die gängigen Ansichten zu Essstörungen. Mehr noch, eine Ansage an Betroffene, ihre Freunde und Verwandte und alle gesunden Mitmenschen.  

Essstörungen sind ein hartes und immer aktuelles Thema, das noch immer zu oft ignoriert oder sogar verleugnet wird. Oder traurigerweise absolut nicht ernst genommen, sondern als “Mode- oder Luxuskrankheit” abgetan wird.

 

img-20161217-wa0019-1

Ich leide seit 4 Jahren an dieser Krankheit und ich bin darin gefangen. Gefangen im Käfig meiner Gedanken, aus dem ich einfach keinen Ausweg finde. Wie sich so etwas anfühlt, ist für Außenstehende absolut nicht nachvollziehbar. Fast genauso schmerzhaft, wie die Verletzungen, die ich mir ständig selbst zufügte, ist es momentan für mich, meinen nahestehendsten liebsten Menschen nicht annähernd erklären zu können, was in meinem erkrankten Hirn vor sich geht und wie ich mich fühle in diesem ekelhaft harten Kampf um das Entfliehen der Sucht. Wenn der Verstand so wirr ist, dass man nicht weiß, was gerade wirkliches Leben ist und was nur Schein. Der Kontrollverlust unerträglich ist und man einfach nur noch eine wandelnde Hülle ist. Seelenlos. Leer.

selbstwert

Innerhalb der letzten Jahre wurde ich durch die Essstörung zu einem anderen Menschen, ohne es zu wollen. Ich habe mich verloren. Um im Alltag nicht unterzugehen und um niemanden spüren zu lassen, dass ich krank bin, war es neben der Flucht in die Sucht auch eine Flucht in eine Rolle. Ich spielte meinem Umfeld 24 Stunden am Tag etwas vor. Nicht nur souverän…. nein, ich möchte behaupten, ich war grandios in dieser neuen Rolle. Fast niemand merkte etwas und erst als ich nach einem Suizidversuch in einer Klinik landete, bekamen andere langsam mit, dass etwas nicht stimmte. Erst als ich nach meiner härtesten Zeit als ich wirklich am Boden der Krankheit ankam, anfing darüber zu sprechen, dass ich krank bin, fingen andere an, sich etwas mit dem Thema zu beschäftigen und zu realisieren, dass ich vielleicht nicht die sorgenfreie Astrid bin, die ich immer repräsentierte.

Zu Beginn meiner Krankheit wollte ich nur noch verschwinden, unsichtbar sein. Nicht mehr da sein – ich fühlte mich sowieso wertlos und war es auch in meinen Augen nicht mehr wert, gesehen zu werden. Verzicht war meine Lösung. Weniger Essen – mehr Kontrolle. Je weniger ich aß, je weniger ich wog, desto größer war die Kontrolle über mich, mein Gewicht und meinen Körper. Es endete schließlich in einer Klinik. Diagnose: ANOREXIE.

Aber Essstörungen sind verschieden und doch gleich. Kaum realisiert, dass Magersucht keine Lösung ist und letzten Endes eine Art Todesspirale, die dich immer weiter nach unten zieht, kam ich vom Regen in die Traufe. Ich konnte anscheinend noch nicht ohne meinen ständigen Begleiter – die Krankheit -, die nonstop ihre schützende Arme um mich schlang, leben. Also verließ ich sie nicht und sie mich nicht. Die Essstörung blieb – nur anders gekleidet. Es war nun kein Verzicht mehr, sondern ich gönnte mir etwas. Immer häufiger. Immer mehr. Ich fühlte mich sicher, wenn ich mir etwas erlaubte nach dieser Zeit, in der ich mir immer nur alles verboten hatte. Ich fühlte mich gut, je mehr ich kompensierte. Immer mehr essen. Das große Fressen. Ich nahm zu, ein gedanklicher Horror für mich. Oder besser – gedanklicher Terror. Doch mein Umfeld blieb auch hier unbesorgt und ich wieder in meiner Glanzleistung – der Schauspielerei.

Mein Umfeld verteilte immer mehr Komplimente, dass ich besser und gesünder aussehe. “Endlich hast du wieder mehr auf den Rippen – toll siehst du aus!”. Schön und gesund mag man mit gesundem Menschenverstand denken. ‘Fuck off’ dachte die essgestörte Astrid. Doch es war zu spät. Ich war aus der Mager- in die Fresssucht geraten und konnte es nicht mehr stoppen. Ich habe nur noch für diese Krankheit, für diese Sucht und ihre Befriedigung gelebt. Mein komplettes “normales” Alltags- alias Berufsleben nur vorgespielt und dann die Realität ausgeblendet, sobald ich alleine war. Ich lebte seelenlos weiter in meiner Hülle und kam nicht hinaus. Nach Außen hin hatte ich ein perfektes Alibi für mich geschaffen – eine lächelnde, glückliche, sozial aufgeschlossene Astrid. Nach Innen war alles leer, nichts war mehr da von mir. Immer mehr wirre und ekelhafte Gedanken, immer deutlicher die Hilflosigkeit und der Hass gegen mich selbst. Und schließlich immer deutlicher das Gefühl, damit nicht mehr leben zu können und zu wollen. Es wurde unglaublich anstrengend für meine Nerven und den eigenen Körper. Ich konnte nicht mehr ständig gegen mich selbst ankämpfen.

facesit

Da ich schon mal auf der Kippe stand, entschloss ich mich – nicht wie andere Male – dieses mal FÜR das Leben. Für mein Leben.

Ich möchte allen zeigen – egal, ob Betroffenen, Angehörigen oder komplett gesunden Menschen – , wie gefährlich Essstörungen sind. Und dass sie nicht immer sichtbar sind. Essstörungen kommen in allen Körpergrößen und -formen. Und sie sind in den Köpfen der Betroffenen, sie schreien sie an. Doch kaum jemand anderes kann diese Schreie hören. Ich möchte Aufmerksamkeit auf diese psychische Erkrankung lenken. Ich wünsche mir, dass sensibler mit diesem Thema umgegangen wird. Ich wünsche mir, dass andere nicht diesen Hirnfick erleben, den ich erlebe/erlebte. Ich habe erkannt, dass ich es wert bin, zu leben und sogar geliebt werden darf. Ich darf selbst auch lieben und ich möchte lieben und leben. Genießen. Für mich.

Ich möchte anderen Mut machen, sich auch dem Kampf zu stellen, sich selbst wieder näher zu kommen und darauf vertrauen zu dürfen, dass jeder Mensch es verdient hat, geliebt zu werden und mehr noch: sich selbst zu akzeptieren. Mit allen Makeln. In jeder Form und Größe. Sich eben nicht immer dem Druck von außen stellen zu müssen, möglichst perfekt sein & aussehen zu müssen.

Komm mit und brich aus aus deinen Gedanken, die dich zerstören. Stell dich dir selbst! Pro you!

 

neu

 

Diese Fotos habe ich als persönliche Herausforderung gesehen und sie deshalb machen lassen. Ich kann mich nur schwer im Spiegel ansehen; sehe meist nur an mir vorbei. Ich möchte mich bewußt ansehen, ohne mich zu schämen. Weder vor mir selbst noch vor irgend jemand anderem. Mein Körper gehört zu mir – er hält mich am Leben und trägt mich durch mein weiteres Leben. Und dafür bin ich heute unheimlich dankbar.

 

Die englische Version gibt es hier auf medium zu lesen!

 

Advertisements

realisieren

Auf einmal wird immer alles klarer. So lange habe ich mich in und hinter meiner Krankheit versteckt und noch immer tue ich es zum Teil. Nicht, weil ich will, sondern weil ich muss. Weil die Scham so unendlich groß ist, was da mit mir passiert ist. Weil die Scham noch größer ist, für das, was ich innerhalb dieser Sucht getan habe. Bisher kannte ich nur eine andere Art Scham. Die, der Auswirkungen von Mißbrauch. Dieses Gefühl ist so hartnäckig  und es will mich nicht loslassen. Doch jetzt kenne ich noch eine andere Art der Scham. Die, vor und für mich selbst.

Nicht nur körperlich habe ich mich mit der Magersucht, mit Ana, und anschließend mit ihrer größten Feindin alias Fresssucht,  kaputt gemacht. Nein, meine ganze Existenz zerstörte ich. Angefangen hat das vielleicht nicht mit mir und meiner Schuld, doch diese Sucht hat mich in den Ruin gestürzt. Ich bin verzweifelt, weil ich gerade realisiere, was ich alles getan habe. Hirnlos. Bewusstlos. Gelähmt. Gefangen im Netz des Essens. Im Netz und dessen verworrenen Fäden des Italieners und meiner Sucht und gleichzeitigen Abneigung und Ekel. Gefangen in Gedanken, die ich überhören wollte, aber nicht konnte. Mein Kopf hat sich verselbständigt. Ohne Hirn. Nur mit der Sucht ist er unterwegs. Er überhört mich. Er ignoriert, wonach meine Seele eigentlich schreit. Wonach sie sucht und suchtet. Nur die Gedanken zählen, wie ich mich am schnellsten und besten vollstopfen kann und das am besten gleich mehrmals am Tag. Aber anstatt es einfach alles wieder auszukotzen, meinen Körper und Geist zu reinigen (zumindest gefühlt), ließ ich alles drin in mir. Dieses Essen, diese unerträglichen Gedanken, was ich da gerade wieder getan habe, wieso ich nicht einfach aufhören kann. So unerträglich, dass ich mir Schmerz zugefügt habe, um mich von diesen Gedanken zumindest mal ein paar Sekunden abzulenken. Kurz half es.

Und jetzt? Jetzt kämpfe ich mit allen Mitteln gegen diese Sucht an. Ich habe es bis heute geschafft, nicht mehr meiner Fresssucht nachzukommen. Ich bin nicht mehr zu dem berüchtigte Italiener gegangen, obwohl alles in mir danach schreit. Immer und immer wieder. Doch noch bin ich standhaft. Aber mit dieser Standhaftigkeit, die sich eigentlich in Stolz äußern müßte, wächst die Scham und die Angst. Denn hier fängt erst alles an. Ich realisiere. Ich kann die Augen nicht mehr verschließen, weil mein Wille, gesund zu werden und wieder anzufangen, richtig zu leben, größer geworden sind, als die widerlichen Gedanken, die mich trieben. Ich WILL leben. Richtig leben. Wie ihr alle da draußen. Doch jetzt fängt es an, mich auf eine andere Art und Weise kaputt zu machen. Ich realisiere, dass ich in der ganzen Zeit immer mehr der Realität entschwand. Auch, wenn ich meisterhaft darin bin, das Gegenteil zu demonstrieren.

Es war bis vor kurzem ein Leben, das eigentlich keines ist. Keine Realität. Jeder Mensch kommt heim, öffnet seinen Briefkasten in der Hoffnung, dass vielleicht mal eine Postkarte anstatt lästiger Rechnungen oder nerviger Werbesendungen drin ist. Ich nicht. Ich sah diesen Briefkasten im Hausflur jeden einzelnen verdammten Tag. Doch nicht einen einzigen Tag habe ich den kleinen Schlüssel benutzt, um ihn aufzumachen. Die Gedanken kreisten nur darum, wie ich mich möglichst schnell meinem eigenen Ritual hingeben kann. Während ich die Treppen hinauf lief, meine Ausbeute vom Italiener in den Händen (eine Hand reichte nicht mehr zum Tragen), malte ich mir immer wieder aufs Neue aus, wie ich mir gleich alles fein säuberlich und genau nach Plan herrichte, um es dann möglichst schnell in mich aufzusaugen. Da war kein Platz für das klingelnde Telefon in der Tasche, kein Platz für die Rechnungen im Briefkasten. Kein Platz für Verabredungen. Diese ließ ich platzen.

Fuck, ich habe ehrlich Scheiße gebaut und jetzt bekomme ich die Quittungen dafür. In Form von Rechnungen und Realität. Während ich mich und meinen Körper mit Suchtstillen gefüttert habe, habe ich den Italiener und meine Scheinwelt mit Geld gefüttert. Eine Sucht ist verdammt teuer.

Ich merke, was ich getan habe und ich hasse mich dafür. Ich habe alles ignoriert in meinem gesponnenen Gedankennetz. So fein die Fäden dieses Netzes man sich vorstellt, so fester hielten sie mich in ihrer Gewalt und ich reiße und reiße jetzt nur noch, um endlich hinaus zu gelangen. Doch ich realisiere, wie verstrickt es ist. Wie verstrickt ich mich habe.

Ich komme nicht raus.

 

zwischen irgendwas & Vertrauen

Zwei Wochen daheim – ganz frei und irgendwie neu sortiert. Trotzdem etwas unsortiert; so fühlt es sich an. Seit meiner Entlassung aus der Klinik ist schon einiges für mich passiert. Besonders gedanklich natürlich. Ich versuche, jeden Tag frei zu leben und zu genießen. Noch vor ein paar Monaten war es für mich schlicht unvorstellbar, ohne meine verworrenen, beharrlichen und durchweg negativen Gedanken leben zu können. Sie waren stets bei mir – am Tage ganz aktiv und selbst in der Nacht bewachten sie mich. Wehe, eine Stunde Schlaf versuchte in meine Nähe zu gelangen – da waren sie so wachsam wie sonst nichts und drängten sich immer und immer wieder ungefragt und schnell in meinen Kopf und meinen Körper. An Schlaf war nicht zu denken. Mein Kopfkino lief auf Hochtouren und hätte es hierfür einen Oscar gegeben, hätte ich das Ding in sämtlichen Kategorien sicher mit nach Hause genommen.

Mittlerweile kann ich wieder schlafen. Ich war noch nie ein großer Filmfreak, also versuche ich, auf Kopfkino zu verzichten und lieber das wirkliche Leben zu betrachten. Dabei schmeckt auch nicht nur Popcorn – ich entdecke nahezu täglich neue Dinge und Gerichte, die erstaunlich gut schmecken – auch außerhalb des Kinos.

Aber kann ich dem neuen Gefühl, dem neuen freieren Kopf wirklich über den Weg trauen? Es ist merkwürdig, mal wieder ganz für mich allein Entscheidungen zu treffen und es ist komisch, mir beim Bäcker ein Stück Kuchen außer der Reihe zu kaufen. Es macht Spaß – aber es ist komisch. Fremd und unsicher.

Und hier umarmen sie mich wieder, die alten Gedanken, die mich jahrelang sicher begleitet haben, sie kommen teilweise zurück. Sanfter und leiser, aber sie zeigen, dass sie nach wie vor noch an meiner Seite sind und ich habe das Gefühl, dass sie mich nicht verlassen wollen. Einvernehmliche Trennungen sind der Idealfall – sofern man bei Trennungen von Idealfall sprechen kann. Hier liegt leider keine einvernehmliche Trennung vor.

Es ist mir immerhin schon ganz gut gelungen, mich von Dingen und Personen zu lösen, die nicht gut für mich sind und die einfach nicht zu meinem Ich passen. Darauf bin ich stolz, denn einfach ist das nicht. Es ist sogar ein bisschen wie Training, ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln und es nicht gleich wieder niederzustampfen, sondern es laut schreien lassen und danach zu handeln.

Bei mir geht es immer wieder an den Selbstwert. Es ist irgendwie so befremdlich, sich selbst zu schätzen und für mich einzustehen. Wenn dieser Wert einmal zerstört wurde, dann ist es ehrlich hart, den wieder zu kitten. Härter als ich jemals für möglich gehalten hätte. Aber so schwer es auch irgendwie ist, so schön fühlt es sich gleichermaßen an. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl für mich, nach meinem Gusto zu leben und niemandem Rechenschaft schuldig sein zu müssen. Ich hatte immer irgendwem gegenüber Verpflichtungen, selbst wenn es „nur“ meine perfekte Scheinwelt war, die ich wahren musste zum Schluss.

Jetzt ist es alles anders. Ich lege schon wieder einen Neuanfang meines Lebens hin und dieses mal fühlt er sich zum ersten mal echt für mich an.

Leider muss ich trotzdem hinnehmen, dass ich nicht gesund bin. Dass sich meine Negativgedanken immer wieder an meine Seite drängen wollen. Wenn neue Menschen in mein Leben treten, wenn ich für mich fremdes Essen probiere, wenn ich Essen in anderen Mengen verzehre, wenn ich arbeite, wenn ich über die Straße laufe… sie wollen und werden mich wohl noch weiter begleiten, so lange ich nicht noch mehr Vertrauen aufbaue. Vertrauen in Genuss; Vertrauen in Freunde; Vertrauen in Männer; Vertrauen in alle Menschen um mich herum. Vertrauen darauf, dass sie mich so nehmen und akzeptieren wie ich bin. Mit allen sichtbaren und unsichtbaren Wunden und Narben, die ich aus der Vergangenheit mit, an & in mir trage. Aber ich habe immerhin das Vertrauen in mich selbst, dass mir das gelingen wird. Der Anfang ist getan…

Bald

BALD – Nur noch wenige Tage, dann ist sie vorbei. Eine Episode meines Lebens. . . Insgesamt ein viertel Jahr habe ich in der Klinik verbracht und ich zähle diese Monate zu den wichtigsten meines bisherigen Lebens. Klingt komisch oder überdramatisiert, sowas zu sagen bzw. zu schreiben, doch genauso ist es. So eine intensive Zeit, anders als vor zwei Jahren, als ich an einem der schlimmsten Punkte meines Lebens war. Noch anstrengender, noch viel intensiver, mit noch mehr Kampf dieses mal. Der Kampf war immens schwer, viel schwerer als damals, da mich die Kopflast mehr gekostet hat, als die körperliche – die Kilo-Last quasi. Die Kilolast war dieses mal nur Beigeschmack – nicht das Hauptgericht.

So viel erkannt, so viel gelernt, so viel gegessen, so viel geschmeckt und so viel mehr, das mir überhaupt nicht geschmeckt hat. Doch gegessen wurde trotzdem. Ich habe es geschafft, mir eine Chance zu geben. Der Vielfalt, die das Leben zu bieten scheint, eine Chance einzuräumen und sie zu nutzen. Ich habe erkannt, dass auch ich -frei von allen und jedem- für mich existieren und glücklich sein darf.

Von meiner demonstrierten Scheinwelt habe ich jetzt oft genug geschrieben, von dem Kampf mit dem bzw gegen den Italiener und die damit verbundene Völlerei auch. Davon will ich nicht mehr schreiben und ich möchte diese Dinge aus meinem Leben verbannen. Leider kann ich das nicht – passiert ist passiert… Also werde ich sie als einen Teil meiner Vergangenheit akzeptieren und sie zumindest immer mehr verblassen lassen bis sie hoffentlich auch aus meiner Erinnerung eines Tages ganz verschwinden.

Es war dringend notwendig, mich mit gewissen Themen, Dingen, Personen gedanklich auseinanderzusetzen. Gegen sie anzukämpfen. Sie zu akzeptieren. Und letzten Endes sie ziehen zu lassen. Ich lasse sie nun endgültig gehen. Da ist so viel, das mir nicht ganz klar war bis vor ein paar Wochen und so viel, das nie von mir ausgesprochen wurde und noch mehr, das ich einfach verleugnet habe. Doch all das ist jetzt an die Oberfläche gekommen – ich weiß immer klarer, was mir nicht gut tut. Normalerweise wissen die Menschen immer gleich, was ihnen gut tut und sie glücklich macht. Bei mir war/ist das anders. Ich habe kaum hinterfragt. Die Gelegenheit hatte ich mir nie eingeräumt, weil ich schon sehr früh vermittelt bekommen habe, dass ich funktionieren muss – nicht erst hinterfragen. MACHEN und still sein. Hab ich oft getan.

Jetzt ist es anders. Ich begebe mich auf die Reise und werde immer mehr suchen, das mir gut tut, das mich froh, zufrieden, glücklich sein lässt. Dabei werden mir sicherlich noch viele Dinge und auch Menschen begegnen, die nicht in meine neue eigene Kultur passen – doch ich bin wachsamer. Ich passe auf und werde etwas beherzigen, das mir in den letzten Wochen so oft ans Herz gelegt wurde: SELBSTFÜRSORGE. Das ist der Schlüssel.

Ich hoffe, dass ich dauerhaft bereit bin, weiter zu experimentieren, zu lernen, zu entdecken und letzten Endes auch abwechslungsreich und regelmäßig zu essen. Wenn ich behaupten würde, dass ich all das jetzt in den letzten Wochen/Monaten gelernt habe und gesund bin, würde ich lügen und mir mal wieder selbst etwas vormachen. Doch ich habe zumindest schon mal meinem Hirnfick ein Ende gesetzt – ich schlafe sogar wieder und ich kann schon ein paar wenige Momente genießen ohne zu denken. Das war vor einigen Monaten für mich unvorstellbar.  Diese Episode, die Klinikzeit, die mir so unendlich viel geraubt, doch noch unendlich viel mehr gegeben hat, geht jetzt wirklich bald zu Ende…

Ich blicke allem, was mich jetzt erwartet und was nun kommt, positiv und voller Respekt, vielleicht auch mit ein wenig Angst oder Ungewissheit entgegen und ich werde mich dem stellen. Mit gestärktem Rücken und Energie. Und Lebenshunger.

Wieso so schwer, wenn doch so leicht…?

Diese Frage stelle ich mir bewusst nun schon mindestens seit 2 Jahren. Ich komme einfach nicht heraus aus meinem Gedankenalltag – kein gewöhnlicher Alltag mit alltäglichen Gedanken, sondern MEIN Gedankenalltag. Heißt: alles dreht sich um Essen, zunehmen, abnehmen und darum, was andere von mir denken könnten. Wieso ist es so schwer, das abzustellen, wenn mir die halbe Welt vormacht, dass es eigentlich ganz leicht ist, auf andere zu scheißen. Wieso gelingt ihnen das und mir nicht?? Liegt es wirklich daran, dass mir schon von Klein auf immer und immer wieder eingebrannt wurde wie ich zu sein habe und was ich zu lassen habe? Ich hab mich nicht wirklich so entwickeln können, wie es vielleicht normal gewesen wäre, weil mir ständig Ärger drohte, wenn ich nicht bestimmte Kriterien erfülle. Also funktionierte ich  – wie ein Roboter. So, wie man mich damals schon haben wollte. Das konnte ich sehr sehr gut. Und wenn doch mal ein kleiner Anschein eines Gefühlsausbruchs oder des eigenen Willen kam, wurde dieser direkt im Keim erstickt – denn in diesem Moment war ich nicht so, wie es von mir erwartet wurde. Das durfte wirklich nicht sein.

Aber kann es sein, dass sich so etwas wie ein roter Faden durch mein Leben zieht? Ich habe mir immer und immer wieder die falschen Partner, Freunde gesucht. Die, die genauso von mir erwarteten, etwas oder jemand zu sein, der ich aber eigentlich nie war. Doch es war das Gewohnte, das mich anscheinend immer wieder in deren Fesseln zog. Immer funktionieren – das war schließlich das einzige, das ich kann und konnte – also eine sichere Bank für mich.

Aber jetzt bin ich mittlerweile an einem Punkt (den ich zugegebenermaßen ohne meinen Klinikaufenthalt wohl eher nicht erreicht hätte), an dem mir bewusst ist, dass das nicht alles sein kann. Wenn ich endlich mal ich selbst sein will, dann muss ich ausbrechen aus diesem Scheiß. Mir ist bewusst, dass es im Leben nicht darauf ankommt, möglichst schlank zu sein, ein möglichst makelloses Gesicht zu haben, oder sich immer konkret auf den anderen einzustellen. Es zählen weitaus andere Werte, auch wenn es uns anders verkauft wird. Aber im Grunde weiß es jeder, dass es auf etwas ganz anderes ankommt. Auch ich. Doch diese verfluchte Essstörung hat aus mir ein Gedankenwrack gemacht. Ich will und kann nicht und ich verstehe nicht, warum es mir so schwer fällt, loszulassen von diesem Fluch. Wieso ist es so schwer, wenn es doch eigentlich so leicht ist?

Ich habe Angst. Große Angst, enttäuscht zu werden, wenn ich mal auf alles scheiße und einfach das tue, wonach mir ist. Vor allem, wenn ich mal das esse, wonach mir ist. Wobei letzteres gar nicht so leicht ist, weil ich kaum noch weiß, was ich wirklich gern mal wieder essen würde und was nicht. Fest steht, dass ich ja wieder 94 kg wiegen könnte, wenn ich aus meinem Trott ausbreche. Dass ich 8 kg zugenommen habe seit Entlassung ist schon hart zu verkraften. Doch ich halte es aus. Weil ich jetzt wie eine normale Frau aussehe. Doch, was passiert, wenn ich noch mehr zulege und mein Äußeres sich verändert? Dann bin ich nicht mehr so, wie man mich kennengelernt hat – werde ich dann wieder abgelehnt, wenn ich mich verändere? In meiner Vergangenheit war es so. Ich habe wenig Menschen in meinem Leben, die mich bedingungslos so nehmen, wie ich bin. Und in meinen vergangenen Beziehungen war es so, dass ich alles immer konkret nach dem Partner gerichtet habe. Es wurde so erwartet und ich funktionierte. Also funktionierte auch die Beziehung.

Also, was passiert, wenn ich jetzt einfach mal re-boote und einen Neustart hinlege? Bisher habe ich es  schon so oft gewollt, doch nie wirklich gewagt und so war ich immer auf der sicheren, wenn auch mehr als unschönen Seite. Bis ich schließlich „Ana“ -meiner heißgeliebten und noch heißer gehassten Freundin alias Essstörung/Anorexie- begegnete. Sie hat mir dauerhaft Halt und Schutz und Kontrolle gegeben. Doch ich will diese Art Halt und Schutz und Kontrolle nicht mehr. Ich will einfach nur alltäglich leben.

Für „normale“ Menschen sind meine Gedanken sowas von lächerlich und überhaupt nicht nachvollziehbar, das ist mir bewsst. Einige halten Gedanken innerhalb einer Essstörung sogar für eine Art Luxusproblem. Das ist es definitiv nicht – es ist die Hölle. Deshalb ist es sehr schwierig, unbedarft mit Menschen in meinem Leben über mich und mein Leben zu sprechen. Doch genau das will ich – normal antworten können auf Fragen wie „Was isst du denn am liebsten“ oder „was sind deine liebsten Hobbies“ oder „und, was hast du so die letzten Jahre getrieben“.

Wieso ist das so schwer, wenn es doch so leicht scheint??

little things – little moments

Manchmal passieren komische dinge. Im einen Moment geht es irgendwo gar nicht mehr weiter – als sei eine dicke hohe steinerne Mauer im Weg, die man nicht überwinden kann und auch einfach nicht mehr will.

Im anderen Moment passiert etwas ganz kleines, das einem aber wieder ein Gefühl von „ich will doch noch“ gibt. Ein schönes, angenehmes Gefühl, das viele wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen, weil sie größtenteils den ganzen Tag von solchen Gefühlen begleitet werden und sie schon Normalität für sie sind. Kleine Dinge, kurze schöne Momente, weise Worte, ein Lächeln…

Wenn so eine intensive anstrengende Krankheit einen Vorteil hat, dann den, dass man wohl Momente, Gefühle, Ansichtsweisen, Perspektiven anders und wesentlich intensiver wahr nimmt und auch zu schätzen weiß… Ich hoffe, dass mir das nicht wieder verloren geht. Und ich hoffe, dass irgendwann diese Momente und Empfindungen all den schlechten Gefühlen und schlechten Phasen die Stirn bieten können.

Neuanfang

Schon oft gehört. Schon oft gelesen. Schon oft geplant. Schon oft gesagt. Schon oft versagt.

Wie zieht man so einen Neuanfang durch, wenn man von alten Mustern geplagt ist? Dass man sie durchbrechen kann, habe ich mir sagen lassen. Dass ich sie ziehen lassen muss, wurde mir gesagt. Dass ich mir Ersatz für bestimmte alte Gewohnheiten suchen muss, wurde mir ebenfalls gesagt.

Ich habe das schon oft versucht und irgendwie bin ich immer wieder meinen alten Mustern verfallen. Doch ich möchte das nicht mehr. Mir gefällt der Gedanke nicht, dass ich immer wieder an ihnen festhalte und ihnen immer wieder verfalle. Ich will und kann doch nicht mein ganzes Leben damit verschwenden, mich in alten Gewohnheiten zu wiegen, nur weil mich irgendetwas vor dem Neuen hemmt. . . ich habe schon oft genau auf die Falschen vertraut. Was hemmt mich also, Neuem zu vertrauen?

Ja, ich habe große Angst, was wohl in der Zukunft kommt und ich habe noch größere Angst davor, es nicht zu schaffen und wieder zurückfalle. Mich wieder mit falschen Menschen einlasse, mich wieder mit falschen Essgewohnheiten wohl fühle. Aber ich habe nichts zu verlieren. So simpel habe ich das bisher nicht gesehen. Ein Satz, der viel Gewicht hat. Ich habe nichts zu verlieren. Stimmt. Alles habe ich aufgegeben, was ich noch so aus der Vergangenheit hatte. Zumindest materiell. Gedanklich lässt mich die Vergangenheit nicht los. Im Gegenteil – sie zieht mich quasi immer wieder in ihre Fesseln und ich entkomme ihnen nicht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich schon alles versucht habe, ihnen zu entkommen.

Vielleicht probiere ich es jetzt einfach mal anders. Ich mache mir keinen Druck. Ich plane nicht. Ich versuche, den Kontrollzwang abzuschütteln.

Was habe ich schon zu verlieren?

Ich könnte etwas schönes bekommen: einen Neuanfang.