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Komm raus – Pro you (rself).

Eine Ansage gegen die gängigen Ansichten zu Essstörungen. Mehr noch, eine Ansage an Betroffene, ihre Freunde und Verwandte und alle gesunden Mitmenschen.  

Essstörungen sind ein hartes und immer aktuelles Thema, das noch immer zu oft ignoriert oder sogar verleugnet wird. Oder traurigerweise absolut nicht ernst genommen, sondern als “Mode- oder Luxuskrankheit” abgetan wird.

 

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Ich leide seit 4 Jahren an dieser Krankheit und ich bin darin gefangen. Gefangen im Käfig meiner Gedanken, aus dem ich einfach keinen Ausweg finde. Wie sich so etwas anfühlt, ist für Außenstehende absolut nicht nachvollziehbar. Fast genauso schmerzhaft, wie die Verletzungen, die ich mir ständig selbst zufügte, ist es momentan für mich, meinen nahestehendsten liebsten Menschen nicht annähernd erklären zu können, was in meinem erkrankten Hirn vor sich geht und wie ich mich fühle in diesem ekelhaft harten Kampf um das Entfliehen der Sucht. Wenn der Verstand so wirr ist, dass man nicht weiß, was gerade wirkliches Leben ist und was nur Schein. Der Kontrollverlust unerträglich ist und man einfach nur noch eine wandelnde Hülle ist. Seelenlos. Leer.

selbstwert

Innerhalb der letzten Jahre wurde ich durch die Essstörung zu einem anderen Menschen, ohne es zu wollen. Ich habe mich verloren. Um im Alltag nicht unterzugehen und um niemanden spüren zu lassen, dass ich krank bin, war es neben der Flucht in die Sucht auch eine Flucht in eine Rolle. Ich spielte meinem Umfeld 24 Stunden am Tag etwas vor. Nicht nur souverän…. nein, ich möchte behaupten, ich war grandios in dieser neuen Rolle. Fast niemand merkte etwas und erst als ich nach einem Suizidversuch in einer Klinik landete, bekamen andere langsam mit, dass etwas nicht stimmte. Erst als ich nach meiner härtesten Zeit als ich wirklich am Boden der Krankheit ankam, anfing darüber zu sprechen, dass ich krank bin, fingen andere an, sich etwas mit dem Thema zu beschäftigen und zu realisieren, dass ich vielleicht nicht die sorgenfreie Astrid bin, die ich immer repräsentierte.

Zu Beginn meiner Krankheit wollte ich nur noch verschwinden, unsichtbar sein. Nicht mehr da sein – ich fühlte mich sowieso wertlos und war es auch in meinen Augen nicht mehr wert, gesehen zu werden. Verzicht war meine Lösung. Weniger Essen – mehr Kontrolle. Je weniger ich aß, je weniger ich wog, desto größer war die Kontrolle über mich, mein Gewicht und meinen Körper. Es endete schließlich in einer Klinik. Diagnose: ANOREXIE.

Aber Essstörungen sind verschieden und doch gleich. Kaum realisiert, dass Magersucht keine Lösung ist und letzten Endes eine Art Todesspirale, die dich immer weiter nach unten zieht, kam ich vom Regen in die Traufe. Ich konnte anscheinend noch nicht ohne meinen ständigen Begleiter – die Krankheit -, die nonstop ihre schützende Arme um mich schlang, leben. Also verließ ich sie nicht und sie mich nicht. Die Essstörung blieb – nur anders gekleidet. Es war nun kein Verzicht mehr, sondern ich gönnte mir etwas. Immer häufiger. Immer mehr. Ich fühlte mich sicher, wenn ich mir etwas erlaubte nach dieser Zeit, in der ich mir immer nur alles verboten hatte. Ich fühlte mich gut, je mehr ich kompensierte. Immer mehr essen. Das große Fressen. Ich nahm zu, ein gedanklicher Horror für mich. Oder besser – gedanklicher Terror. Doch mein Umfeld blieb auch hier unbesorgt und ich wieder in meiner Glanzleistung – der Schauspielerei.

Mein Umfeld verteilte immer mehr Komplimente, dass ich besser und gesünder aussehe. “Endlich hast du wieder mehr auf den Rippen – toll siehst du aus!”. Schön und gesund mag man mit gesundem Menschenverstand denken. ‘Fuck off’ dachte die essgestörte Astrid. Doch es war zu spät. Ich war aus der Mager- in die Fresssucht geraten und konnte es nicht mehr stoppen. Ich habe nur noch für diese Krankheit, für diese Sucht und ihre Befriedigung gelebt. Mein komplettes “normales” Alltags- alias Berufsleben nur vorgespielt und dann die Realität ausgeblendet, sobald ich alleine war. Ich lebte seelenlos weiter in meiner Hülle und kam nicht hinaus. Nach Außen hin hatte ich ein perfektes Alibi für mich geschaffen – eine lächelnde, glückliche, sozial aufgeschlossene Astrid. Nach Innen war alles leer, nichts war mehr da von mir. Immer mehr wirre und ekelhafte Gedanken, immer deutlicher die Hilflosigkeit und der Hass gegen mich selbst. Und schließlich immer deutlicher das Gefühl, damit nicht mehr leben zu können und zu wollen. Es wurde unglaublich anstrengend für meine Nerven und den eigenen Körper. Ich konnte nicht mehr ständig gegen mich selbst ankämpfen.

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Da ich schon mal auf der Kippe stand, entschloss ich mich – nicht wie andere Male – dieses mal FÜR das Leben. Für mein Leben.

Ich möchte allen zeigen – egal, ob Betroffenen, Angehörigen oder komplett gesunden Menschen – , wie gefährlich Essstörungen sind. Und dass sie nicht immer sichtbar sind. Essstörungen kommen in allen Körpergrößen und -formen. Und sie sind in den Köpfen der Betroffenen, sie schreien sie an. Doch kaum jemand anderes kann diese Schreie hören. Ich möchte Aufmerksamkeit auf diese psychische Erkrankung lenken. Ich wünsche mir, dass sensibler mit diesem Thema umgegangen wird. Ich wünsche mir, dass andere nicht diesen Hirnfick erleben, den ich erlebe/erlebte. Ich habe erkannt, dass ich es wert bin, zu leben und sogar geliebt werden darf. Ich darf selbst auch lieben und ich möchte lieben und leben. Genießen. Für mich.

Ich möchte anderen Mut machen, sich auch dem Kampf zu stellen, sich selbst wieder näher zu kommen und darauf vertrauen zu dürfen, dass jeder Mensch es verdient hat, geliebt zu werden und mehr noch: sich selbst zu akzeptieren. Mit allen Makeln. In jeder Form und Größe. Sich eben nicht immer dem Druck von außen stellen zu müssen, möglichst perfekt sein & aussehen zu müssen.

Komm mit und brich aus aus deinen Gedanken, die dich zerstören. Stell dich dir selbst! Pro you!

 

neu

 

Diese Fotos habe ich als persönliche Herausforderung gesehen und sie deshalb machen lassen. Ich kann mich nur schwer im Spiegel ansehen; sehe meist nur an mir vorbei. Ich möchte mich bewußt ansehen, ohne mich zu schämen. Weder vor mir selbst noch vor irgend jemand anderem. Mein Körper gehört zu mir – er hält mich am Leben und trägt mich durch mein weiteres Leben. Und dafür bin ich heute unheimlich dankbar.

 

Die englische Version gibt es hier auf medium zu lesen!

 

zwischen irgendwas & Vertrauen

Zwei Wochen daheim – ganz frei und irgendwie neu sortiert. Trotzdem etwas unsortiert; so fühlt es sich an. Seit meiner Entlassung aus der Klinik ist schon einiges für mich passiert. Besonders gedanklich natürlich. Ich versuche, jeden Tag frei zu leben und zu genießen. Noch vor ein paar Monaten war es für mich schlicht unvorstellbar, ohne meine verworrenen, beharrlichen und durchweg negativen Gedanken leben zu können. Sie waren stets bei mir – am Tage ganz aktiv und selbst in der Nacht bewachten sie mich. Wehe, eine Stunde Schlaf versuchte in meine Nähe zu gelangen – da waren sie so wachsam wie sonst nichts und drängten sich immer und immer wieder ungefragt und schnell in meinen Kopf und meinen Körper. An Schlaf war nicht zu denken. Mein Kopfkino lief auf Hochtouren und hätte es hierfür einen Oscar gegeben, hätte ich das Ding in sämtlichen Kategorien sicher mit nach Hause genommen.

Mittlerweile kann ich wieder schlafen. Ich war noch nie ein großer Filmfreak, also versuche ich, auf Kopfkino zu verzichten und lieber das wirkliche Leben zu betrachten. Dabei schmeckt auch nicht nur Popcorn – ich entdecke nahezu täglich neue Dinge und Gerichte, die erstaunlich gut schmecken – auch außerhalb des Kinos.

Aber kann ich dem neuen Gefühl, dem neuen freieren Kopf wirklich über den Weg trauen? Es ist merkwürdig, mal wieder ganz für mich allein Entscheidungen zu treffen und es ist komisch, mir beim Bäcker ein Stück Kuchen außer der Reihe zu kaufen. Es macht Spaß – aber es ist komisch. Fremd und unsicher.

Und hier umarmen sie mich wieder, die alten Gedanken, die mich jahrelang sicher begleitet haben, sie kommen teilweise zurück. Sanfter und leiser, aber sie zeigen, dass sie nach wie vor noch an meiner Seite sind und ich habe das Gefühl, dass sie mich nicht verlassen wollen. Einvernehmliche Trennungen sind der Idealfall – sofern man bei Trennungen von Idealfall sprechen kann. Hier liegt leider keine einvernehmliche Trennung vor.

Es ist mir immerhin schon ganz gut gelungen, mich von Dingen und Personen zu lösen, die nicht gut für mich sind und die einfach nicht zu meinem Ich passen. Darauf bin ich stolz, denn einfach ist das nicht. Es ist sogar ein bisschen wie Training, ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln und es nicht gleich wieder niederzustampfen, sondern es laut schreien lassen und danach zu handeln.

Bei mir geht es immer wieder an den Selbstwert. Es ist irgendwie so befremdlich, sich selbst zu schätzen und für mich einzustehen. Wenn dieser Wert einmal zerstört wurde, dann ist es ehrlich hart, den wieder zu kitten. Härter als ich jemals für möglich gehalten hätte. Aber so schwer es auch irgendwie ist, so schön fühlt es sich gleichermaßen an. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl für mich, nach meinem Gusto zu leben und niemandem Rechenschaft schuldig sein zu müssen. Ich hatte immer irgendwem gegenüber Verpflichtungen, selbst wenn es „nur“ meine perfekte Scheinwelt war, die ich wahren musste zum Schluss.

Jetzt ist es alles anders. Ich lege schon wieder einen Neuanfang meines Lebens hin und dieses mal fühlt er sich zum ersten mal echt für mich an.

Leider muss ich trotzdem hinnehmen, dass ich nicht gesund bin. Dass sich meine Negativgedanken immer wieder an meine Seite drängen wollen. Wenn neue Menschen in mein Leben treten, wenn ich für mich fremdes Essen probiere, wenn ich Essen in anderen Mengen verzehre, wenn ich arbeite, wenn ich über die Straße laufe… sie wollen und werden mich wohl noch weiter begleiten, so lange ich nicht noch mehr Vertrauen aufbaue. Vertrauen in Genuss; Vertrauen in Freunde; Vertrauen in Männer; Vertrauen in alle Menschen um mich herum. Vertrauen darauf, dass sie mich so nehmen und akzeptieren wie ich bin. Mit allen sichtbaren und unsichtbaren Wunden und Narben, die ich aus der Vergangenheit mit, an & in mir trage. Aber ich habe immerhin das Vertrauen in mich selbst, dass mir das gelingen wird. Der Anfang ist getan…