Scham

realisieren

Auf einmal wird immer alles klarer. So lange habe ich mich in und hinter meiner Krankheit versteckt und noch immer tue ich es zum Teil. Nicht, weil ich will, sondern weil ich muss. Weil die Scham so unendlich groß ist, was da mit mir passiert ist. Weil die Scham noch größer ist, für das, was ich innerhalb dieser Sucht getan habe. Bisher kannte ich nur eine andere Art Scham. Die, der Auswirkungen von Mißbrauch. Dieses Gefühl ist so hartnäckig  und es will mich nicht loslassen. Doch jetzt kenne ich noch eine andere Art der Scham. Die, vor und für mich selbst.

Nicht nur körperlich habe ich mich mit der Magersucht, mit Ana, und anschließend mit ihrer größten Feindin alias Fresssucht,  kaputt gemacht. Nein, meine ganze Existenz zerstörte ich. Angefangen hat das vielleicht nicht mit mir und meiner Schuld, doch diese Sucht hat mich in den Ruin gestürzt. Ich bin verzweifelt, weil ich gerade realisiere, was ich alles getan habe. Hirnlos. Bewusstlos. Gelähmt. Gefangen im Netz des Essens. Im Netz und dessen verworrenen Fäden des Italieners und meiner Sucht und gleichzeitigen Abneigung und Ekel. Gefangen in Gedanken, die ich überhören wollte, aber nicht konnte. Mein Kopf hat sich verselbständigt. Ohne Hirn. Nur mit der Sucht ist er unterwegs. Er überhört mich. Er ignoriert, wonach meine Seele eigentlich schreit. Wonach sie sucht und suchtet. Nur die Gedanken zählen, wie ich mich am schnellsten und besten vollstopfen kann und das am besten gleich mehrmals am Tag. Aber anstatt es einfach alles wieder auszukotzen, meinen Körper und Geist zu reinigen (zumindest gefühlt), ließ ich alles drin in mir. Dieses Essen, diese unerträglichen Gedanken, was ich da gerade wieder getan habe, wieso ich nicht einfach aufhören kann. So unerträglich, dass ich mir Schmerz zugefügt habe, um mich von diesen Gedanken zumindest mal ein paar Sekunden abzulenken. Kurz half es.

Und jetzt? Jetzt kämpfe ich mit allen Mitteln gegen diese Sucht an. Ich habe es bis heute geschafft, nicht mehr meiner Fresssucht nachzukommen. Ich bin nicht mehr zu dem berüchtigte Italiener gegangen, obwohl alles in mir danach schreit. Immer und immer wieder. Doch noch bin ich standhaft. Aber mit dieser Standhaftigkeit, die sich eigentlich in Stolz äußern müßte, wächst die Scham und die Angst. Denn hier fängt erst alles an. Ich realisiere. Ich kann die Augen nicht mehr verschließen, weil mein Wille, gesund zu werden und wieder anzufangen, richtig zu leben, größer geworden sind, als die widerlichen Gedanken, die mich trieben. Ich WILL leben. Richtig leben. Wie ihr alle da draußen. Doch jetzt fängt es an, mich auf eine andere Art und Weise kaputt zu machen. Ich realisiere, dass ich in der ganzen Zeit immer mehr der Realität entschwand. Auch, wenn ich meisterhaft darin bin, das Gegenteil zu demonstrieren.

Es war bis vor kurzem ein Leben, das eigentlich keines ist. Keine Realität. Jeder Mensch kommt heim, öffnet seinen Briefkasten in der Hoffnung, dass vielleicht mal eine Postkarte anstatt lästiger Rechnungen oder nerviger Werbesendungen drin ist. Ich nicht. Ich sah diesen Briefkasten im Hausflur jeden einzelnen verdammten Tag. Doch nicht einen einzigen Tag habe ich den kleinen Schlüssel benutzt, um ihn aufzumachen. Die Gedanken kreisten nur darum, wie ich mich möglichst schnell meinem eigenen Ritual hingeben kann. Während ich die Treppen hinauf lief, meine Ausbeute vom Italiener in den Händen (eine Hand reichte nicht mehr zum Tragen), malte ich mir immer wieder aufs Neue aus, wie ich mir gleich alles fein säuberlich und genau nach Plan herrichte, um es dann möglichst schnell in mich aufzusaugen. Da war kein Platz für das klingelnde Telefon in der Tasche, kein Platz für die Rechnungen im Briefkasten. Kein Platz für Verabredungen. Diese ließ ich platzen.

Fuck, ich habe ehrlich Scheiße gebaut und jetzt bekomme ich die Quittungen dafür. In Form von Rechnungen und Realität. Während ich mich und meinen Körper mit Suchtstillen gefüttert habe, habe ich den Italiener und meine Scheinwelt mit Geld gefüttert. Eine Sucht ist verdammt teuer.

Ich merke, was ich getan habe und ich hasse mich dafür. Ich habe alles ignoriert in meinem gesponnenen Gedankennetz. So fein die Fäden dieses Netzes man sich vorstellt, so fester hielten sie mich in ihrer Gewalt und ich reiße und reiße jetzt nur noch, um endlich hinaus zu gelangen. Doch ich realisiere, wie verstrickt es ist. Wie verstrickt ich mich habe.

Ich komme nicht raus.