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Leer.

Seit Wochen hadere ich sehr mit mir selbst. Viele Dinge habe ich in den letzten Wochen oder knapp 2 Monaten weiterhin erkannt und irgendwie bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich erkannt habe, dass es so nicht weitergehen kann. Nicht weitergehen soll. Ich habe so vieles getan, das nicht hätte sein dürfen. Habe mir und meinem Dasein immens geschadet und vehement weitergemacht – in welcher Form auch immer.

Dass mich mein Körper noch durch diese Welt trägt, ist ihm ehrlich hoch anzurechnen, bei dem ganzen Auf und Ab und Auf und Ab und Auf… Er hält scheinbar mehr aus, als ich es je für möglich gehalten hätte und als es auch scheinbar mein Kopf tut.

Mein Kopf fühlt sich schrecklich voll an. Er ist schwer. Müde. Er ist es leid, immer im gleichen Netz gefangen zu sein, darin hin und her zu springen und weitere Fäden zu spinnen und am Ende doch nicht hinaus zu kommen. Er kann nicht mehr diese Gedanken mit sich herumtragen, die ihn immer und immer wieder quälen und wach halten. Diese Gedanken, die sowieso nichts ändern. Das habe ich erkannt. Sie ändern nichts. Zwei Alternativen also, die es nun für mich gibt: Weitermachen & nicht aufgeben, das Gedachte und Vergangene hinnehmen und für die Gegenwart und die Zukunft kämpfen oder endlich einen Schlussstrich ziehen. Letzteres war gedanklich immer wieder präsent in letzter Zeit, doch es will nicht klappen. Ein kleiner Gedanke schiebt sich immer vor den Strich im allerletzten Moment und hält mich ab & er hält mich wach. Er hält mich so lange wach, bis ich an die erste Alternative denke und bis ich denke, dass sie es wert ist, sie auszuprobieren. Also mache ich weiter irgendwie…

Mit vollem Kopf und leerem Körper. Emotional leer meine ich. Nicht nahrungstechnisch. Ich esse zwar wieder weniger, doch fühlt es sich für mich nicht so an. Hier ähneln sich Kopf und Körpervolumen – voll. Gefühlt. Dick.

Gleichzeitig jedoch, ist mein Körper eine leere wandelnde Hülle. Ein Cocon. Ich sehe mich zwar irgendwie im Spiegel und stelle fest, ich bin da. Doch ich fühle mich nicht. Meine Seele scheint zu schweigen. Sie ist kaputt – noch immer von all dem Ballast aus der Vergangenheit. Das nimmt sie mir übel, was wiederum ich ihr nicht übel nehmen kann.

Meine Seele ist still. Sie weist mich bewußt in keine Richtung. Zumindest fühlt es sich so an. Ich bin mal wieder komplett lost. Obwohl ich eigentlich keinen sichtbaren Grund dazu habe. Ich habe ein Dach über dem Kopf und einen Job und dann noch zwei, drei ganz wunder- und wertvolle Menschen in meinem Leben und in meinem Herzen, die mir immer und immer wieder aufs Neue versuchen, zu beweisen, dass mein Leben lebens- und liebenswert ist. Auch wenn ich unterzugehen scheine. Für diese Seelen, die mich nicht aufgeben und an mich glauben, bin ich unendlich dankbar. Und allein für diese lohnt sich all das.

Doch sollte es sich nicht in erster Linie für mich selbst lohnen? Was ist mit meinem Appell an mich selbst von vor einigen Wochen, den ich in die Öffentlichkeit geschrien habe? Pro You. Pro Yourself. Breakout of my thoughts. Nach wie vor appelliere ich an mich und jeden anderen noch mehr, der mit sich selbst hadert. Wahrscheinlich fühle ich mich gerade deshalb wie zwischen den Sphären. Ich fühle mich leer. Lost. Irgendwo im Nirgendwo und doch einfach da. Nicht imstande, aufzugeben. Gott sei Dank. Aber noch nicht imstande, zu definieren, wo es hingehen soll. Und vor allem wie. Noch nicht imstande, zu vertrauen und zu glauben.

Aber was macht man an so einem Punkt? Ich habe versucht, all meine schlimmen Dinge aus der Vergangenheit auf einem Blatt Papier zusammenzutragen und dieses habe ich gestern an einem Ort gelassen – symbolisch, um das Vergange ruhen und hinter mir zu lassen. Es hat sich auch gut angefühlt und ich bin überzeugt, dass es richtig ist. Doch wie kann ich darauf vertrauen, dass es mir vielleicht irgendwann wirklich wirklich besser geht?

Es gibt sie, diese Momente, die es mir zeigen wollen. Die mir den Beweis liefern wollen, dass sich wirklich alles lohnt und dass auch ich es wahrscheinlich verdient habe, glücklich zu werden.  Ich wünsche mir, daran einfach mal aus tiefstem Herzen und aus tiefster Seele glauben und darauf vertrauen zu können… Dann kann ich weitergehen. Den nächsten Schritt und das nächste Stück.

Wieso so schwer, wenn doch so leicht…?

Diese Frage stelle ich mir bewusst nun schon mindestens seit 2 Jahren. Ich komme einfach nicht heraus aus meinem Gedankenalltag – kein gewöhnlicher Alltag mit alltäglichen Gedanken, sondern MEIN Gedankenalltag. Heißt: alles dreht sich um Essen, zunehmen, abnehmen und darum, was andere von mir denken könnten. Wieso ist es so schwer, das abzustellen, wenn mir die halbe Welt vormacht, dass es eigentlich ganz leicht ist, auf andere zu scheißen. Wieso gelingt ihnen das und mir nicht?? Liegt es wirklich daran, dass mir schon von Klein auf immer und immer wieder eingebrannt wurde wie ich zu sein habe und was ich zu lassen habe? Ich hab mich nicht wirklich so entwickeln können, wie es vielleicht normal gewesen wäre, weil mir ständig Ärger drohte, wenn ich nicht bestimmte Kriterien erfülle. Also funktionierte ich  – wie ein Roboter. So, wie man mich damals schon haben wollte. Das konnte ich sehr sehr gut. Und wenn doch mal ein kleiner Anschein eines Gefühlsausbruchs oder des eigenen Willen kam, wurde dieser direkt im Keim erstickt – denn in diesem Moment war ich nicht so, wie es von mir erwartet wurde. Das durfte wirklich nicht sein.

Aber kann es sein, dass sich so etwas wie ein roter Faden durch mein Leben zieht? Ich habe mir immer und immer wieder die falschen Partner, Freunde gesucht. Die, die genauso von mir erwarteten, etwas oder jemand zu sein, der ich aber eigentlich nie war. Doch es war das Gewohnte, das mich anscheinend immer wieder in deren Fesseln zog. Immer funktionieren – das war schließlich das einzige, das ich kann und konnte – also eine sichere Bank für mich.

Aber jetzt bin ich mittlerweile an einem Punkt (den ich zugegebenermaßen ohne meinen Klinikaufenthalt wohl eher nicht erreicht hätte), an dem mir bewusst ist, dass das nicht alles sein kann. Wenn ich endlich mal ich selbst sein will, dann muss ich ausbrechen aus diesem Scheiß. Mir ist bewusst, dass es im Leben nicht darauf ankommt, möglichst schlank zu sein, ein möglichst makelloses Gesicht zu haben, oder sich immer konkret auf den anderen einzustellen. Es zählen weitaus andere Werte, auch wenn es uns anders verkauft wird. Aber im Grunde weiß es jeder, dass es auf etwas ganz anderes ankommt. Auch ich. Doch diese verfluchte Essstörung hat aus mir ein Gedankenwrack gemacht. Ich will und kann nicht und ich verstehe nicht, warum es mir so schwer fällt, loszulassen von diesem Fluch. Wieso ist es so schwer, wenn es doch eigentlich so leicht ist?

Ich habe Angst. Große Angst, enttäuscht zu werden, wenn ich mal auf alles scheiße und einfach das tue, wonach mir ist. Vor allem, wenn ich mal das esse, wonach mir ist. Wobei letzteres gar nicht so leicht ist, weil ich kaum noch weiß, was ich wirklich gern mal wieder essen würde und was nicht. Fest steht, dass ich ja wieder 94 kg wiegen könnte, wenn ich aus meinem Trott ausbreche. Dass ich 8 kg zugenommen habe seit Entlassung ist schon hart zu verkraften. Doch ich halte es aus. Weil ich jetzt wie eine normale Frau aussehe. Doch, was passiert, wenn ich noch mehr zulege und mein Äußeres sich verändert? Dann bin ich nicht mehr so, wie man mich kennengelernt hat – werde ich dann wieder abgelehnt, wenn ich mich verändere? In meiner Vergangenheit war es so. Ich habe wenig Menschen in meinem Leben, die mich bedingungslos so nehmen, wie ich bin. Und in meinen vergangenen Beziehungen war es so, dass ich alles immer konkret nach dem Partner gerichtet habe. Es wurde so erwartet und ich funktionierte. Also funktionierte auch die Beziehung.

Also, was passiert, wenn ich jetzt einfach mal re-boote und einen Neustart hinlege? Bisher habe ich es  schon so oft gewollt, doch nie wirklich gewagt und so war ich immer auf der sicheren, wenn auch mehr als unschönen Seite. Bis ich schließlich „Ana“ -meiner heißgeliebten und noch heißer gehassten Freundin alias Essstörung/Anorexie- begegnete. Sie hat mir dauerhaft Halt und Schutz und Kontrolle gegeben. Doch ich will diese Art Halt und Schutz und Kontrolle nicht mehr. Ich will einfach nur alltäglich leben.

Für „normale“ Menschen sind meine Gedanken sowas von lächerlich und überhaupt nicht nachvollziehbar, das ist mir bewsst. Einige halten Gedanken innerhalb einer Essstörung sogar für eine Art Luxusproblem. Das ist es definitiv nicht – es ist die Hölle. Deshalb ist es sehr schwierig, unbedarft mit Menschen in meinem Leben über mich und mein Leben zu sprechen. Doch genau das will ich – normal antworten können auf Fragen wie „Was isst du denn am liebsten“ oder „was sind deine liebsten Hobbies“ oder „und, was hast du so die letzten Jahre getrieben“.

Wieso ist das so schwer, wenn es doch so leicht scheint??

Wo bin ich?

Mal wieder fressen mich die Gedanken auf. Alles kreist wirr und durcheinander durch meinen Kopf und ich finde die Austaste nicht. Abschalten ist nicht. Im Labyrinth dieser Gedankenfetzen finde ich den Ausweg nicht. Ständig renne ich gegen eine Wand und drehe um. Komme immer an einer anderen Wand heraus. Nirgends der tatsächliche Ausgang. Obwohl ich verdammt nah dran bin. Ich sehe und höre es draußen schon – das richtige Leben. Es ist laut, bunt, es riecht nach Meer, nach Stadt, nach Vanille, nach Frühling, es pulsiert und ich kann es fast spüren. Doch die Wände sind noch da und ich renne noch immer davor. Nicht mehr so chaotisch, nicht mehr komplett desorientiert; schon etwas ruhiger, doch ich renne und renne und renne noch immer durch dieses Labyrinth und komme immer wieder an gewisse Gedankenpunkte, die mich einfach nicht in Ruhe lassen wollen. Immer die gleichen, dich mich anschreien.

Der Kopf schreit, die Seele weint.

Immer und immer wieder. Ich weiß nicht, wo ich bin. Ich habe mich verloren und finde nicht den rechten Weg zurück zu mir. Zu mir und meinem Ich, das ich immer stolz durch mein Leben getragen habe. Mein Ich, das mit mir verschmolzen war und auf das ich immer stolz war. Wo bin ich? Wieso sage ich immer noch ja zum Neinsagen? Wieso habe ich noch immer diese Angst vor dem absoluten Kontrollverlust? Wieso versuche ich mir ständig schöne Dinge und Essen zu verbieten, obwohl ich das gar nicht will? Wo ist meine innere Stimme, die mir sagt, dass alles irgendwie gut wird? Ist sie noch da und ich höre sie nur nicht? Wieso habe ich noch immer Angst davor, nicht gemocht, geliebt oder wahrgenommen zu werden? Wieso ist es mir anscheinend wichtig, was und wie andere Menschen von mir denken? War es früher auch nicht. . . nur in normalem/gesunden Maße. Doch ich gebe immer auf die anderen acht – nie auf mich. Warum nur? Wo bin ich? Wo bleibe ich? Ich bin leer. Immer noch einfach leer. Voller Gedanken, doch gefühlt nur leer. Ohne Sinn. Wie komme ich nur hier raus?

2017 – keine Ziele. Für mich.

Seit dem Jahreswechsel werden wir wieder überall mit Zielen und neuen, tollen Vorsätzen konfrontiert. Schön, wenn wir uns alle vornehmen, unser Leben besser und gesünder zu gestalten. Das tue ich selbst auch. Jedoch möchte ich dies nicht mit dem Druck in Form eines definierten Ziels tun. Was, wenn ich dieses Ziel in seiner Definition dann am Ende nicht erreichen konnte? Frustrationslevel = 100%. Das möchte und brauche ich nicht. Für mich wird es in 2017 nur Intentionen geben. Nur das gedankliche Streben nach meinen persönlichen Wünschen. Eigentlich habe ich auch nur einen Wunsch: mehr Selbstliebe. Mich endlich zu akzeptieren, wie ich bin in und mit meinem Körper, dem ich bisher mehr als wenig Liebe schenkte – nur das ist mein eigentlicher Wunsch. Mir selbst zu verzeihen, was in der Vergangenheit geschehen ist, was ich mir und meinem Körper habe antun lassen und selbst angetan habe, das allein ist mein innigster Wunsch. Als „Ziel“ kann und will ich das nicht definieren. Ich möchte mir selbst diesen Wunsch erfüllen und ich werde versuchen, meine Gedanken dahingehend zu lenken und mich durch mein verqueres Leben zu navigieren. Und wenn ich am Ende dieses neuen Jahres auch nur behaupten kann, dass ich dieser Wunscherfüllung schon ein ganzes Stück näher gekommen bin, dann macht mich das stolz und glücklich. Und es bedeutet mir 1000 mal mehr, als von einer unpersönlichen Stimme in meinem Kopf zu hören „Sie haben ihr Zeil erreicht“ und nur einen kleinen Haken auf die Ziel-Checkliste zu setzen.

Komm raus – Pro you (rself).

Eine Ansage gegen die gängigen Ansichten zu Essstörungen. Mehr noch, eine Ansage an Betroffene, ihre Freunde und Verwandte und alle gesunden Mitmenschen.  

Essstörungen sind ein hartes und immer aktuelles Thema, das noch immer zu oft ignoriert oder sogar verleugnet wird. Oder traurigerweise absolut nicht ernst genommen, sondern als “Mode- oder Luxuskrankheit” abgetan wird.

 

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Ich leide seit 4 Jahren an dieser Krankheit und ich bin darin gefangen. Gefangen im Käfig meiner Gedanken, aus dem ich einfach keinen Ausweg finde. Wie sich so etwas anfühlt, ist für Außenstehende absolut nicht nachvollziehbar. Fast genauso schmerzhaft, wie die Verletzungen, die ich mir ständig selbst zufügte, ist es momentan für mich, meinen nahestehendsten liebsten Menschen nicht annähernd erklären zu können, was in meinem erkrankten Hirn vor sich geht und wie ich mich fühle in diesem ekelhaft harten Kampf um das Entfliehen der Sucht. Wenn der Verstand so wirr ist, dass man nicht weiß, was gerade wirkliches Leben ist und was nur Schein. Der Kontrollverlust unerträglich ist und man einfach nur noch eine wandelnde Hülle ist. Seelenlos. Leer.

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Innerhalb der letzten Jahre wurde ich durch die Essstörung zu einem anderen Menschen, ohne es zu wollen. Ich habe mich verloren. Um im Alltag nicht unterzugehen und um niemanden spüren zu lassen, dass ich krank bin, war es neben der Flucht in die Sucht auch eine Flucht in eine Rolle. Ich spielte meinem Umfeld 24 Stunden am Tag etwas vor. Nicht nur souverän…. nein, ich möchte behaupten, ich war grandios in dieser neuen Rolle. Fast niemand merkte etwas und erst als ich nach einem Suizidversuch in einer Klinik landete, bekamen andere langsam mit, dass etwas nicht stimmte. Erst als ich nach meiner härtesten Zeit als ich wirklich am Boden der Krankheit ankam, anfing darüber zu sprechen, dass ich krank bin, fingen andere an, sich etwas mit dem Thema zu beschäftigen und zu realisieren, dass ich vielleicht nicht die sorgenfreie Astrid bin, die ich immer repräsentierte.

Zu Beginn meiner Krankheit wollte ich nur noch verschwinden, unsichtbar sein. Nicht mehr da sein – ich fühlte mich sowieso wertlos und war es auch in meinen Augen nicht mehr wert, gesehen zu werden. Verzicht war meine Lösung. Weniger Essen – mehr Kontrolle. Je weniger ich aß, je weniger ich wog, desto größer war die Kontrolle über mich, mein Gewicht und meinen Körper. Es endete schließlich in einer Klinik. Diagnose: ANOREXIE.

Aber Essstörungen sind verschieden und doch gleich. Kaum realisiert, dass Magersucht keine Lösung ist und letzten Endes eine Art Todesspirale, die dich immer weiter nach unten zieht, kam ich vom Regen in die Traufe. Ich konnte anscheinend noch nicht ohne meinen ständigen Begleiter – die Krankheit -, die nonstop ihre schützende Arme um mich schlang, leben. Also verließ ich sie nicht und sie mich nicht. Die Essstörung blieb – nur anders gekleidet. Es war nun kein Verzicht mehr, sondern ich gönnte mir etwas. Immer häufiger. Immer mehr. Ich fühlte mich sicher, wenn ich mir etwas erlaubte nach dieser Zeit, in der ich mir immer nur alles verboten hatte. Ich fühlte mich gut, je mehr ich kompensierte. Immer mehr essen. Das große Fressen. Ich nahm zu, ein gedanklicher Horror für mich. Oder besser – gedanklicher Terror. Doch mein Umfeld blieb auch hier unbesorgt und ich wieder in meiner Glanzleistung – der Schauspielerei.

Mein Umfeld verteilte immer mehr Komplimente, dass ich besser und gesünder aussehe. “Endlich hast du wieder mehr auf den Rippen – toll siehst du aus!”. Schön und gesund mag man mit gesundem Menschenverstand denken. ‘Fuck off’ dachte die essgestörte Astrid. Doch es war zu spät. Ich war aus der Mager- in die Fresssucht geraten und konnte es nicht mehr stoppen. Ich habe nur noch für diese Krankheit, für diese Sucht und ihre Befriedigung gelebt. Mein komplettes “normales” Alltags- alias Berufsleben nur vorgespielt und dann die Realität ausgeblendet, sobald ich alleine war. Ich lebte seelenlos weiter in meiner Hülle und kam nicht hinaus. Nach Außen hin hatte ich ein perfektes Alibi für mich geschaffen – eine lächelnde, glückliche, sozial aufgeschlossene Astrid. Nach Innen war alles leer, nichts war mehr da von mir. Immer mehr wirre und ekelhafte Gedanken, immer deutlicher die Hilflosigkeit und der Hass gegen mich selbst. Und schließlich immer deutlicher das Gefühl, damit nicht mehr leben zu können und zu wollen. Es wurde unglaublich anstrengend für meine Nerven und den eigenen Körper. Ich konnte nicht mehr ständig gegen mich selbst ankämpfen.

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Da ich schon mal auf der Kippe stand, entschloss ich mich – nicht wie andere Male – dieses mal FÜR das Leben. Für mein Leben.

Ich möchte allen zeigen – egal, ob Betroffenen, Angehörigen oder komplett gesunden Menschen – , wie gefährlich Essstörungen sind. Und dass sie nicht immer sichtbar sind. Essstörungen kommen in allen Körpergrößen und -formen. Und sie sind in den Köpfen der Betroffenen, sie schreien sie an. Doch kaum jemand anderes kann diese Schreie hören. Ich möchte Aufmerksamkeit auf diese psychische Erkrankung lenken. Ich wünsche mir, dass sensibler mit diesem Thema umgegangen wird. Ich wünsche mir, dass andere nicht diesen Hirnfick erleben, den ich erlebe/erlebte. Ich habe erkannt, dass ich es wert bin, zu leben und sogar geliebt werden darf. Ich darf selbst auch lieben und ich möchte lieben und leben. Genießen. Für mich.

Ich möchte anderen Mut machen, sich auch dem Kampf zu stellen, sich selbst wieder näher zu kommen und darauf vertrauen zu dürfen, dass jeder Mensch es verdient hat, geliebt zu werden und mehr noch: sich selbst zu akzeptieren. Mit allen Makeln. In jeder Form und Größe. Sich eben nicht immer dem Druck von außen stellen zu müssen, möglichst perfekt sein & aussehen zu müssen.

Komm mit und brich aus aus deinen Gedanken, die dich zerstören. Stell dich dir selbst! Pro you!

 

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Diese Fotos habe ich als persönliche Herausforderung gesehen und sie deshalb machen lassen. Ich kann mich nur schwer im Spiegel ansehen; sehe meist nur an mir vorbei. Ich möchte mich bewußt ansehen, ohne mich zu schämen. Weder vor mir selbst noch vor irgend jemand anderem. Mein Körper gehört zu mir – er hält mich am Leben und trägt mich durch mein weiteres Leben. Und dafür bin ich heute unheimlich dankbar.

 

Die englische Version gibt es hier auf medium zu lesen!

 

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Auf einmal wird immer alles klarer. So lange habe ich mich in und hinter meiner Krankheit versteckt und noch immer tue ich es zum Teil. Nicht, weil ich will, sondern weil ich muss. Weil die Scham so unendlich groß ist, was da mit mir passiert ist. Weil die Scham noch größer ist, für das, was ich innerhalb dieser Sucht getan habe. Bisher kannte ich nur eine andere Art Scham. Die, der Auswirkungen von Mißbrauch. Dieses Gefühl ist so hartnäckig  und es will mich nicht loslassen. Doch jetzt kenne ich noch eine andere Art der Scham. Die, vor und für mich selbst.

Nicht nur körperlich habe ich mich mit der Magersucht, mit Ana, und anschließend mit ihrer größten Feindin alias Fresssucht,  kaputt gemacht. Nein, meine ganze Existenz zerstörte ich. Angefangen hat das vielleicht nicht mit mir und meiner Schuld, doch diese Sucht hat mich in den Ruin gestürzt. Ich bin verzweifelt, weil ich gerade realisiere, was ich alles getan habe. Hirnlos. Bewusstlos. Gelähmt. Gefangen im Netz des Essens. Im Netz und dessen verworrenen Fäden des Italieners und meiner Sucht und gleichzeitigen Abneigung und Ekel. Gefangen in Gedanken, die ich überhören wollte, aber nicht konnte. Mein Kopf hat sich verselbständigt. Ohne Hirn. Nur mit der Sucht ist er unterwegs. Er überhört mich. Er ignoriert, wonach meine Seele eigentlich schreit. Wonach sie sucht und suchtet. Nur die Gedanken zählen, wie ich mich am schnellsten und besten vollstopfen kann und das am besten gleich mehrmals am Tag. Aber anstatt es einfach alles wieder auszukotzen, meinen Körper und Geist zu reinigen (zumindest gefühlt), ließ ich alles drin in mir. Dieses Essen, diese unerträglichen Gedanken, was ich da gerade wieder getan habe, wieso ich nicht einfach aufhören kann. So unerträglich, dass ich mir Schmerz zugefügt habe, um mich von diesen Gedanken zumindest mal ein paar Sekunden abzulenken. Kurz half es.

Und jetzt? Jetzt kämpfe ich mit allen Mitteln gegen diese Sucht an. Ich habe es bis heute geschafft, nicht mehr meiner Fresssucht nachzukommen. Ich bin nicht mehr zu dem berüchtigte Italiener gegangen, obwohl alles in mir danach schreit. Immer und immer wieder. Doch noch bin ich standhaft. Aber mit dieser Standhaftigkeit, die sich eigentlich in Stolz äußern müßte, wächst die Scham und die Angst. Denn hier fängt erst alles an. Ich realisiere. Ich kann die Augen nicht mehr verschließen, weil mein Wille, gesund zu werden und wieder anzufangen, richtig zu leben, größer geworden sind, als die widerlichen Gedanken, die mich trieben. Ich WILL leben. Richtig leben. Wie ihr alle da draußen. Doch jetzt fängt es an, mich auf eine andere Art und Weise kaputt zu machen. Ich realisiere, dass ich in der ganzen Zeit immer mehr der Realität entschwand. Auch, wenn ich meisterhaft darin bin, das Gegenteil zu demonstrieren.

Es war bis vor kurzem ein Leben, das eigentlich keines ist. Keine Realität. Jeder Mensch kommt heim, öffnet seinen Briefkasten in der Hoffnung, dass vielleicht mal eine Postkarte anstatt lästiger Rechnungen oder nerviger Werbesendungen drin ist. Ich nicht. Ich sah diesen Briefkasten im Hausflur jeden einzelnen verdammten Tag. Doch nicht einen einzigen Tag habe ich den kleinen Schlüssel benutzt, um ihn aufzumachen. Die Gedanken kreisten nur darum, wie ich mich möglichst schnell meinem eigenen Ritual hingeben kann. Während ich die Treppen hinauf lief, meine Ausbeute vom Italiener in den Händen (eine Hand reichte nicht mehr zum Tragen), malte ich mir immer wieder aufs Neue aus, wie ich mir gleich alles fein säuberlich und genau nach Plan herrichte, um es dann möglichst schnell in mich aufzusaugen. Da war kein Platz für das klingelnde Telefon in der Tasche, kein Platz für die Rechnungen im Briefkasten. Kein Platz für Verabredungen. Diese ließ ich platzen.

Fuck, ich habe ehrlich Scheiße gebaut und jetzt bekomme ich die Quittungen dafür. In Form von Rechnungen und Realität. Während ich mich und meinen Körper mit Suchtstillen gefüttert habe, habe ich den Italiener und meine Scheinwelt mit Geld gefüttert. Eine Sucht ist verdammt teuer.

Ich merke, was ich getan habe und ich hasse mich dafür. Ich habe alles ignoriert in meinem gesponnenen Gedankennetz. So fein die Fäden dieses Netzes man sich vorstellt, so fester hielten sie mich in ihrer Gewalt und ich reiße und reiße jetzt nur noch, um endlich hinaus zu gelangen. Doch ich realisiere, wie verstrickt es ist. Wie verstrickt ich mich habe.

Ich komme nicht raus.

 

Selflove

Ich habe vor einiger Zeit schon mal über Selbstliebe geschrieben. Ein Thema, mit dem man bzw. hier explizit ich, oft konfrontiert werde.

Kann mir bitte mal jemand erklären, wie das funktioniert? Selbstliebe. Selflove. Hier ein Zitat, da 100 Quotes, schlaue Posts auf Facebook, Instagrambilder mit happy aussehenden, peace-zeigenden, stylisch gekleideten jungen Frauen im Spiegel – Bildunterschrift: #selflove #happy.

Schön. So einfach ist das also? Wieso gibt es dann Tausende von Coachings, die sich um das Thema drehen, wieso sprechen das 90% aller Therapeuten an, wenn es doch so #easy ist, sich selbst zu lieben. Damit sollte sich doch dann wohl kein Geld mehr verdienen lassen oder Therapiestunden wären überflüssig.

Wieso fällt es mir so schwer, mich selbst richtig zu lieben? Wieso lasse ich mein Sein und meinen Alltag immer durch meine Vergangenheit bestimmen und wieso kann ich nicht einen Cut machen und neu anfangen – #newbeginnings…? Das Vergangene kann man nicht ändern (habe ich durch Quotes gelernt) und deshalb ist es doch nur verschwendete Zeit. Verschwendetes Leben. Dinge und Menschen, die mich dazu gemacht haben, wie ich heute bin. Die es geschafft haben, dass ich nicht mehr verloved in mich selbst bin. #unhappy  #destroyed #lost.

Es wird Zeit, Dinge anders anzugehen. Vielleicht mal so ein Coaching zu besuchen, nur um mir zu beweisen, dass auch ein Coach mir nicht das geben kann, was ich brauche und suche. Es sind lediglich Worte, die derjenige den Gästen entgegen schmeißt. Vielleicht etwas heroisch und impulsiv, vielleicht etwas eindringlicher gesprochen – aber eben nur Worte.

Ich war bis vor ein paar Jahren in der glücklichen Lage, mich selbst zu lieben und weiß, dass das keiner Worte bedarf. Du fühlst es. Ich fühlte und ich wußte es. Und das beste am Ganzen: es war selbstverständlich. Und mit dieser Selbstverständlichkeit durchlebte ich leichtfüßig meine Tage. So muss das sein.

Wie also schaffe ich es, meinen InstaAccount mit viel selflove und #happys zu füllen, wenn mich doch immer die Geschehnisse der Vergangenheit einholen und es mir einfach verbieten, positive hashtags zu setzen?? #ratlos

 

 

90 Tage

Manchmal ist es egal, wie schlecht es einem geht – manche Dinge lassen einen doch innerlich strahlen. 

Heute ist einer dieser Tage. Und auch diese gemeine Erkältung kann mir dieses unbeschreibliche Gefühl nicht nehmen. Ich bin mal wieder auf meinem Rummel. Dem mit den vielen Karussells, die sich in Form meiner Gedanken auf und ab drehen, die sich so schnell drehen, dass mir schwindelig ist und ich am liebsten nur noch kotzen möchte. 

Doch heute ist es anders. Trotz gefühltem körperlichen Koma und trotz eines Energiehaushaltes gleich Null möchte ich mich drehen und drehen und drehen. Ich genieße heute den Schwindel und mir ist nach allem anderen als kotzen.

90 Tage = 3 Monate ist es jetzt her, dass ich anstatt ins Karussell in die Fressbude a.k.a. Italiener gegangen bin. Vor 90 Tagen habe ich mich das letzte mal mit allen Sinnen und völlig willenlos dieser widerlichen Völlerei hingegeben und habe mich danach zum Dank und zur Strafe noch selbst verletzt. Mich in meinem gewohnten Muster zu Hause und doch so ekelhaft gefühlt.

90 Tage Widerstand. 90 Tage stark geblieben aus eigener Kraft. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich es mir selbst nicht glauben.

Mein permanentes Gedankenkarrussell, diese ständigen Hirnficks, dieses Auf und Ab, Zitteranfälle, dieses Chaos und dieser immense Energie- und Kraftaufwand. Alles NICHT umsonst. Ich kann es nicht fassen, dass ich das durchgestanden habe und es irgendwie gepackt habe, mich der Völlerei zu widersetzen. Mich dieser SUCHT zu widersetzen. 

Egal, wie beschissen ich mich fühle, egal wie stark meine Selbstzweifel leider wieder gewachsen sind – ich werde es aushalten und mich selbst und diese Sucht besiegen. So fühlt es sich heute jedenfalls an. 

Ich werde heute sicherlich kein Karussell mehr fahren und ich werde auch keine Fressbude aufsuchen. Ich denke, ich muss auch nicht unbedingt den Losverkäufern Hallo sagen. Denn, irgendwie scheint es zu funktionieren, dass man auch mit einem Aussichtslos den Hauptgewinn ziehen kann.

Ich habe gewonnen. 90 Tage, die ich mir selbst geschenkt habe und die mir keiner nehmen kann.

Durcheinander. 

Mein Leben erscheint mir wie ein permanentes Chaos. Ein ständiges Auf und Ab und es hört einfach nicht auf. Kaum fange ich an, mir selbst zu trauen, mich fallen zu lassen, anderen zu vertrauen, lauert irgendwo die Enttäuschung. 

Seit Jahren ist mein Leben ein permanenter Kampf. Mal aus gesundheitlicher Sicht, mal aus seelischer. Oft auch gern aus beiden zusammen. Damit es sich lohnt vielleicht. Ein Kampf muss sich schließlich lohnen. Aber irgendwann geht doch immer ein Sieger und ein Verlierer aus der Arena. Die Arena meines Lebens jedoch scheint mich nicht zu entlassen. Es gibt kein Siegertreppchen. Ich komme nicht hinaus. Immer, wenn ich gerade das Gefühl habe, einen meiner Kämpfe gewonnen zu haben, wird gleich die nächste Runde eingeläutet. Ich komme nicht hinaus. Ruhelos. 

Mal gibt es Zuschauer, die mich sogar anfeuern, mich motivieren, nicht aufzugeben. Sie sind da, sind an meiner Seite. Das ist ein gutes und schönes Gefühl und gibt mir Hoffnung, dass es sich tatsächlich lohnt. Dass da doch ein Leben auf mich wartet. Dass ich am Ende doch einfach mal sein darf, wie ich eben bin. Mich in meiner Welt drehen und bewegen darf, wie es mir passt, ohne zu sein, wie mich die anderen haben wollen. Mich in meinem Körper frei zu fühlen und niemandem dafür Rechenschaft ablegen muss. Aber das zu glauben, fällt mir schwer. Vor allem in den Momenten, in denen ich allein in der Arena stehe – ohne Zuschauer. Da bin nur ich und kämpfe allein gegen meinen Gegner – MICH. Die Angst ist mein Gegner. Meine Selbstzweifel sind nicht nur mein permanenter Begleiter, sie sind auch mein ständiger Gegner. Die Arena ist leer und doch voll. Voll mit Gefühlen, Emotionen, Gedanken, Enttäuschungen, unverarbeiteten vergangenen Erlebnissen, die mich einfach nicht in Ruhe lassen. Ständig fordern mich alle zu neuen Kämpfen heraus und ich kann nicht mehr. Und doch geht es immer eine Runde weiter. 

Bitte erklär mir doch einer, wie das funktioniert. Wie funktioniert das Leben? Wie funktioniert mein Leben? Wie geht das? Wo ist mein Berater, der mir erklärt, wie ich endlich raus komme aus dem ganzen Chaos? Wo ist mein Lachen geblieben in den letzten Jahren? Mein Lachen aus dem Herzen meine ich, nicht das Funktionslachen. Wie geht Vertrauen, wenn man immer wieder enttäuscht wird? Warum bin ich mir fremd, wo ich doch gerade anfange, mir nahe zu kommen? Ich verstehe mein Leben nicht. Ich verstehe den Kampf nicht. Wieso ist es so schwer, mich einfach mal fallen zu lassen? Warum gebe ich mir nicht die Chance, an mich zu glauben? Ich brauche niemanden, das weiß ich. Ich habe in den letzten 80 Tagen das für mich unmögliche geschafft und eine riesige Sucht bekämpft – ALLEIN. Also habe ich doch nichts zu verlieren. Es kann mir egal sein, was für Erwartungen andere an mich haben. Doch ich habe das Gefühl, dass die permanente Fremdbestimmung in mir verankert ist. Egal, was ich für Kämpfe führe; ob mit oder ohne Zuschauer, ob Essstörung oder Suizidversuch, ob Anerkennung im Job oder die Akzeptanz meines Körpers. . . Das Chaos hört nicht auf und ich habe immer das Gefühl, nicht nur für mich zu kämpfen, obwohl es mein innigster Wunsch ist. 

Durcheinander. Chaos. Kopfweh. Glücklich, traurig, zerrüttet, motiviert, energisch, kraftlos, mutlos, hoffnungsvoll, liebend, enttäuscht, fröhlich, unbeschwert, beschwingt, missachtet, belogen, vertraut, neugierig, optimistisch, verzückt von so vielem, hoffend auf so vieles. Wo ist MEIN Leben? Wann komme ich an? Wann wird es leichter?

Durcheinander.


Härteprobe

Irgendwie hält das Leben nie an. Ich habe das Gefühl, dass es mich täglich aufs Neue auf die Probe stellt und es gibt wirklich selten Tage, an denen ich relativ kopffrei bin. Jeder Tag, vor allem seit 55 Tagen ist eine pure Anstrengung für mich und ich habe gerade das Gefühl, am Rande der Erschöpfung zu stehen.

Auf der Haben-Seite meines Anti-Essstörungskontos stehen stolze 55 Tage, an denen ich mich dem Italiener und meiner Muster widersetzen konnte. 55 Tage, die mich mit Stolz und irgendwie Hoffnung erfüllen. Auf der Soll-Seite dieses Kontos steht die große Frage: Wann wird es einfacher? Hier steht klar und deutlich: es SOLL aufhören. Dieser tägliche und nächtliche Hirnfick.

Seit 55 Nächten habe ich nicht eine Nacht auch nur annähernd durchgeschlafen. Permanentes Gedankenkarussell, wo ich mich nach jeder Fahrt einfach nur übergeben möchte. Und seit 55 Tagen die permanente Angst, es einfach nicht weiter schaffen zu können.

Und als würde das allein nicht schon reichen, bekommst du aus heiterem Himmel eine Nachricht, die dir den Boden unter den Füssen weg reißt. Härteprobe deluxe würde ich es nennen. Wenn du mit einer Essstörung lebst und dich hier immer gut und gerne in alte bekannte Muster flüchten kannst, dann hast du eine Sicherheit. Ich habe seit 55 Tagen keine Sicherheit mehr. Also, fast keine. Menschliches Vertrauen spielt eine große Rolle, die mir noch etwas Sicherheit gegeben hat. Doch, wenn das auch dann durch eine kleine Nachricht wie weggeblasen scheint, dann gibt es keine Sicherheiten mehr. Womit also soll ich mein Anti-Essstörungskonto noch rechtfertigen? Jede Bank verlangt Sicherheiten. Alles weg – pure Unsicherheit, Zweifel, gedankliche Zermürbung. Also ist es doch der leichteste Weg, dafür zu sorgen, dass möglichst schnell alles wieder in sichere Bahnen kommt und den Italiener aufzusuchen. Mich in meine alten Muster zu flüchten und mir anschließend noch Schmerz zuzufügen. Dafür bin ich in dem Moment zumindest save…

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich diesen Gedanken in der letzten Woche hatte – Millionen mal. Oft war es wirklich wirklich knapp. Doch irgendwie kommt mir momentan (noch) immer in letzter Sekunde ein Gefühl und der klare Gedanke, dass es einfach nur eine weitere Härteprobe ist und ich sie bestehen muss. Mein Leben stellt mir diese Aufgabe, um gesund zu werden und ich will mir das verdammt noch mal, nicht durch irgendwelche Nachrichten oder Hirnficks kaputt machen lassen. 55 Tage sind für jemanden, der in einem Suchtkäfig sitzt, höllisch lang und ich werde mir nicht falsche Sicherheiten auferlegen.

Ich will die richtige, eine ehrliche und gesunde Sicherheit. Ich will MEINE Sicherheit zurück und meine Selbstzweifel endlich verjagen aus meinem Leben. Ich will mit Mut meine alltäglichen Härteproben bestehen, bis mir diese nicht mehr wie Härteproben vorkommen, sondern wie spannende Herausforderungen. Ich war schon immer gegen Langeweile. So möchte ich es sehen und mein Leben endlich mal leben und geniessen können.

Also, wann endlich überwiegt die Haben-Seite???

 

 

Herzrasen und Grenzen

Sonntag. Kein gewöhnliches Aufwachen heute – Aufwachen mit absoluter innerer Unruhe. Gedanken sind da und auch irgendwie nicht. Zumindest nicht greifbar. Ich habe totales Herzrasen & kalt-warme Hände und weiß nicht, ob es besser ist, aufzustehen, ein Glas Wasser zu holen oder liegen zu bleiben und zu hoffen, dass dieser Zustand gleich vorbei ist. Es dauert gefühlt gar nicht so lange und es ist Gott sei Dank vorbei. In Wirklichkeit lag ich so über eine Stunde schwitzend, frierend, zitternd und ruhelos dort. Für mich das Zeichen, dass hier gerade alles andere als normal ist.

Und das ist so seit genau 41 Tagen. Seit 41 Tagen hat sich in und mit mir etwas verändert. Ich habe mich 41 Tage nicht meiner üblichen, normalen Essstörung hingegeben. 41 Tage habe ich es geschafft, der widerlichen Völlerei, die mich zerstört hat, die mein Hirn auf übelste Weise gefickt hat, zu widerstehen. 41 Tage – das ist nicht normal. Ich kann das nicht fassen. Ich begreife das gerade nicht. Diese Sucht nach der italienischen Völlerei, nach den Qualen und Schmerzen danach, die ich mir auferlegt & zugefügt hatte – immer und immer wieder. Es ist eine wirkliche Sucht. Ja, auch nach Essen bzw. Fressen kann man süchtig sein. Genauso wie ich nach Hungern süchtig war. . . Seit 41 Tagen dreht sich alles in meinem Kopf; meine Gedanken fahren im Kreis. Sie nehmen keine falsche Ausfahrt, leider;  sie fahren einfach immer wieder im Kreis, was mehr als schwer ist auszuhalten. Ich wache auf und kann nur an diese eine Sache denken. Ich stehe im Netto an der Kasse und zahle mein Klopapier und kann mich nicht konzentrieren, dem Kassierer die 2,98 Euro zu geben, sondern ich verwende alle Energie darauf, mir in Dauerschleife zu sagen „Reiß dich zusammen. Geh nicht in die italienische Hölle. Verzichte auf den Scheiß und komm klar.“ Irgendwie schaffe ich es, die Ware zu bezahlen und save in meine Wohnung zu gelangen. Ich glaube, kaum einer hat eine annähernde Ahnung davon, wie es ist, permanent gegen eine Sucht anzukämpfen. Jede Sekunde eines jeden Tages kann einen so ekelhaft zermürben.

Doch Fakt sind diese 41 Tage. Und ich bin dafür so unendlich dankbar. Denn nur aufgrund dieses Faktes, fühle ich mich trotz aller Kreisfahrten meines Hirns, trotz aller schwindender Energie gleichzeitig irgendwie gut. In mir hat sich etwas verändert. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas schaffen kann. Dieses Gefühl hatte ich in den letzten Jahren komplett verloren. Mit all dem Scheiß, der mir passiert ist, den ich zum Teil erduldet habe, zum Teil einfach aus purer Angst und Scham über mich ergehen lassen habe, hatte ich mich nur noch wie ein totaler Versager gefühlt. Und wertlos. Mein Körper war wertlos, wurde quasi durch fremden Einfluss entwertet und mit meiner Scham und Angst wurde auch mein Inneres wertlos. Komplett. Und diese wiederkehrenden Ereignisse haben mich zerstört.

Ich hatte für mich entschieden, es ist besser, nicht mehr zu sein. Und genau zu diesem Ort, wo man mich entwertete, wo ich letztlich final auch diese Entscheidung getroffen hatte und mir dann aber mein Schicksal doch noch etwas mitteilen wollte – an diesen Ort bin ich heute nach dem beängstigenden Aufwachen gefahren. Ich mußte etwas tun. Grenzen überwinden. Und heute mit diesem Aufwachen und mit dem Wissen um die 41 Tage, war der richtige Tag dafür. Ein starker Tag.

Ich bin hingefahren zu dem Ort, zu dem Haus, das ich für immer meiden wollte. Ich habe 41 Tage in der Tasche und der Seele – ich schaffe das. Und so war es. Ich bin bewußt hingefahren, habe bewußt hingesehen und bin weitergefahren. Aussteigen ging nicht. Ich kann nicht aus meinem Leben aussteigen. Auch wenn ich es liebend gern tun würde – vor allem aus dieser Krankheit und aus den Erinnerungen. Aber irgendwie ist Aussteigen nicht so leicht, wie es manchmal scheint oder uns irgendwelche Erfolgscoaches und Motivationsbücher glauben machen wollen.

Doch was geht, ist, sich Herausforderungen zu stellen. Jahr für Jahr. Monat für Monat. Tag für Tag. Immer und immer wieder. Und auch, wenn es so viele Tage nicht möglich ist, sich diesen Herausforderungen erfolgreich zu stellen, so findet sich doch dazwischen ein einziger Tag, an dem es einem vielleicht ansatzweise gelingt. An dem man mit Herzrasen und Angst erwacht und den man mit dem Gefühl beendet, seine Grenzen anzuerkennen und sie sogar zum Teil zu überwinden.

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