Essstörung

Schöner Schein

Das leidige Thema, und doch lässt es mich nicht los. Und scheinbar auch das ganze weite Universum nicht… Überall werden wir mit gefakten Schönheitsidealen konfrontiert. Immer und immer wieder. Uns wird Glauben gemacht, dass eine aalglatte Haut im Gesicht und am Rest des Körpers sowie die perfekte Figur à la Size 34/36 richtig sind. Dass wir damit in der Gesellschaft und im Leben angekommen sind, sobald wir in dieses Bild und in diese Größe passen.

Bullshit. Ich könnte dermaßen kotzen, wenn ich diese ganzen gefakten Bilder und Plakate von diesen scheinbar perfekten Menschen sehe. Und das Widerliche an der ganzen Sache ist, dass all das uns nicht vermitteln soll, dass das perfekt wäre, wenn man so aussieht, sondern dass es normal ist, wenn man so aussieht. Alle laufen ja so herum. Die ganzen blonden, brünetten, rothaarigen Frauen in allen Facetten, aber doch gleich: SCHLANK und mit makellosem, leicht gebräuntem Teint im Gesicht; weiße Zähne, natürlich keinerlei Cellulite oder Dellen und schon gar kein kleines Bäuchlein oder so etwas in der Art. Niemand sagt einem, dass hier Photoshop wieder allergrößte Arbeit geleistet hat und niemand sagt einem, dass es zwar solche Menschen gibt, allerdings in der Minderheit.

Wer übernimmt hier eigentlich die Verantwortung dafür, dass alle wie die Lemminge in die Gyms rennen, sich 4-5 mal die Woche den Arsch aufreißen, um auch nur annähernd so auszusehen, wie der sexy Kerl oder die hammer Lady auf einem der zahlreichen Titelblätter von hochpolierten Magazinen? Wer möchte die Verantwortung dafür übernehmen, dass wir dadurch an kostbarer Zeit und somit Lebensqualität verlieren? Wer übernimmt bitte die Verantwortung dafür, dass zahlreiche Menschen in eine Essstörung geraten, um irgendwann so auszusehen, wie sein Idealbild, sein Vorbild? Sollten nicht eigentlich Eltern und/oder Pädagogen, Freunde, Bekannte unsere Vorbilder sein? Wie kommt es, dass anstatt dessen Instagram und deren gehypte Blogger unsere Vorbilder sind? Wie kann es sein, dass die perfekt in Szene, die perfekt retuschierte Bloggerin in der mega stylischen Hot-Pants mit der total angesagten schulterfreien Bluse zu einem Vorbild wird? Auf den Fotos sieht man nichts als diesen perfekt in Szene gesetzten Körper in einem total angesagten Outfit. Man sieht nicht, ob diese Person fähig, bestimmte Werte zu vermitteln oder mir/uns etwas beizubringen…Man kann null ahnen, was für ein Mensch diese Person da ist. Aber das interessiert uns scheinbar auch nicht.

Ein normaler Körper scheint nicht mehr normal sein zu dürfen. Ein unebenes Hautbild, ein paar Rötungen oder Falten im Gesicht finden keine Akzeptanz mehr. Falten sprechen für sich – eigentlich. Sie erzählen von einem gelebten Leben und einem Reifeprozess. Doch irgendwie scheinen wir alle keine Reifeprüfung des Lebens mehr bestehen zu wollen. Lieber perfekt sein.

Ich frage mich nur: wofür? Ist es nicht viel netter, in lieber Gesellschaft irgendwo genüsslich etwas zu essen und ein Glas Wein zu trinken als gestresst nach der Arbeit die Sporttasche zu suchen, ins Gym zu fahren und dort so lange schwitzen, bis die zum Mittag verzehrten 850 kcal wieder halbwegs abtrainiert sind?

Wieso streben wir nach dieser oberflächlichen Art von Anerkennung? Ist es egal, wie hässlich man als Mensch ist, solange man äußerlich attraktiv und schön ist?

Keine Ahnung. . . und was mich am meisten nervt ist, dass ich mittendrin hänge. Ich drehe mich seit vier Jahren im Kreis dieser widerlichen Essstörung und irgendwas in mir scheint sich genau dieser Oberflächlichkeit zu beugen. Ich möchte mich -warum auch immer- schlank fühlen. Denke, dass mir dann alles leichter fällt, je leichter ich bin. Ist nur leider nicht so. Im Gegenteil. Keine Kraft, keine Energie und schlank fühle ich mich nicht. Und am schlimmsten: keine Seele. Und das sieht man mir an. Leere Augen, wo früher purer Lebensmut und Freude an so vielem zu finden war. Nichts mehr übrig davon und  doch ist sie da, die Angst vor dem Zunehmen. All das weiß ich und doch bin ich nicht in der Lage, irgendwas zu ändern. Gelähmt und gefangen in dieser gefakten Welt…

 

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Komm raus – Pro you (rself).

Eine Ansage gegen die gängigen Ansichten zu Essstörungen. Mehr noch, eine Ansage an Betroffene, ihre Freunde und Verwandte und alle gesunden Mitmenschen.  

Essstörungen sind ein hartes und immer aktuelles Thema, das noch immer zu oft ignoriert oder sogar verleugnet wird. Oder traurigerweise absolut nicht ernst genommen, sondern als “Mode- oder Luxuskrankheit” abgetan wird.

 

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Ich leide seit 4 Jahren an dieser Krankheit und ich bin darin gefangen. Gefangen im Käfig meiner Gedanken, aus dem ich einfach keinen Ausweg finde. Wie sich so etwas anfühlt, ist für Außenstehende absolut nicht nachvollziehbar. Fast genauso schmerzhaft, wie die Verletzungen, die ich mir ständig selbst zufügte, ist es momentan für mich, meinen nahestehendsten liebsten Menschen nicht annähernd erklären zu können, was in meinem erkrankten Hirn vor sich geht und wie ich mich fühle in diesem ekelhaft harten Kampf um das Entfliehen der Sucht. Wenn der Verstand so wirr ist, dass man nicht weiß, was gerade wirkliches Leben ist und was nur Schein. Der Kontrollverlust unerträglich ist und man einfach nur noch eine wandelnde Hülle ist. Seelenlos. Leer.

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Innerhalb der letzten Jahre wurde ich durch die Essstörung zu einem anderen Menschen, ohne es zu wollen. Ich habe mich verloren. Um im Alltag nicht unterzugehen und um niemanden spüren zu lassen, dass ich krank bin, war es neben der Flucht in die Sucht auch eine Flucht in eine Rolle. Ich spielte meinem Umfeld 24 Stunden am Tag etwas vor. Nicht nur souverän…. nein, ich möchte behaupten, ich war grandios in dieser neuen Rolle. Fast niemand merkte etwas und erst als ich nach einem Suizidversuch in einer Klinik landete, bekamen andere langsam mit, dass etwas nicht stimmte. Erst als ich nach meiner härtesten Zeit als ich wirklich am Boden der Krankheit ankam, anfing darüber zu sprechen, dass ich krank bin, fingen andere an, sich etwas mit dem Thema zu beschäftigen und zu realisieren, dass ich vielleicht nicht die sorgenfreie Astrid bin, die ich immer repräsentierte.

Zu Beginn meiner Krankheit wollte ich nur noch verschwinden, unsichtbar sein. Nicht mehr da sein – ich fühlte mich sowieso wertlos und war es auch in meinen Augen nicht mehr wert, gesehen zu werden. Verzicht war meine Lösung. Weniger Essen – mehr Kontrolle. Je weniger ich aß, je weniger ich wog, desto größer war die Kontrolle über mich, mein Gewicht und meinen Körper. Es endete schließlich in einer Klinik. Diagnose: ANOREXIE.

Aber Essstörungen sind verschieden und doch gleich. Kaum realisiert, dass Magersucht keine Lösung ist und letzten Endes eine Art Todesspirale, die dich immer weiter nach unten zieht, kam ich vom Regen in die Traufe. Ich konnte anscheinend noch nicht ohne meinen ständigen Begleiter – die Krankheit -, die nonstop ihre schützende Arme um mich schlang, leben. Also verließ ich sie nicht und sie mich nicht. Die Essstörung blieb – nur anders gekleidet. Es war nun kein Verzicht mehr, sondern ich gönnte mir etwas. Immer häufiger. Immer mehr. Ich fühlte mich sicher, wenn ich mir etwas erlaubte nach dieser Zeit, in der ich mir immer nur alles verboten hatte. Ich fühlte mich gut, je mehr ich kompensierte. Immer mehr essen. Das große Fressen. Ich nahm zu, ein gedanklicher Horror für mich. Oder besser – gedanklicher Terror. Doch mein Umfeld blieb auch hier unbesorgt und ich wieder in meiner Glanzleistung – der Schauspielerei.

Mein Umfeld verteilte immer mehr Komplimente, dass ich besser und gesünder aussehe. “Endlich hast du wieder mehr auf den Rippen – toll siehst du aus!”. Schön und gesund mag man mit gesundem Menschenverstand denken. ‘Fuck off’ dachte die essgestörte Astrid. Doch es war zu spät. Ich war aus der Mager- in die Fresssucht geraten und konnte es nicht mehr stoppen. Ich habe nur noch für diese Krankheit, für diese Sucht und ihre Befriedigung gelebt. Mein komplettes “normales” Alltags- alias Berufsleben nur vorgespielt und dann die Realität ausgeblendet, sobald ich alleine war. Ich lebte seelenlos weiter in meiner Hülle und kam nicht hinaus. Nach Außen hin hatte ich ein perfektes Alibi für mich geschaffen – eine lächelnde, glückliche, sozial aufgeschlossene Astrid. Nach Innen war alles leer, nichts war mehr da von mir. Immer mehr wirre und ekelhafte Gedanken, immer deutlicher die Hilflosigkeit und der Hass gegen mich selbst. Und schließlich immer deutlicher das Gefühl, damit nicht mehr leben zu können und zu wollen. Es wurde unglaublich anstrengend für meine Nerven und den eigenen Körper. Ich konnte nicht mehr ständig gegen mich selbst ankämpfen.

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Da ich schon mal auf der Kippe stand, entschloss ich mich – nicht wie andere Male – dieses mal FÜR das Leben. Für mein Leben.

Ich möchte allen zeigen – egal, ob Betroffenen, Angehörigen oder komplett gesunden Menschen – , wie gefährlich Essstörungen sind. Und dass sie nicht immer sichtbar sind. Essstörungen kommen in allen Körpergrößen und -formen. Und sie sind in den Köpfen der Betroffenen, sie schreien sie an. Doch kaum jemand anderes kann diese Schreie hören. Ich möchte Aufmerksamkeit auf diese psychische Erkrankung lenken. Ich wünsche mir, dass sensibler mit diesem Thema umgegangen wird. Ich wünsche mir, dass andere nicht diesen Hirnfick erleben, den ich erlebe/erlebte. Ich habe erkannt, dass ich es wert bin, zu leben und sogar geliebt werden darf. Ich darf selbst auch lieben und ich möchte lieben und leben. Genießen. Für mich.

Ich möchte anderen Mut machen, sich auch dem Kampf zu stellen, sich selbst wieder näher zu kommen und darauf vertrauen zu dürfen, dass jeder Mensch es verdient hat, geliebt zu werden und mehr noch: sich selbst zu akzeptieren. Mit allen Makeln. In jeder Form und Größe. Sich eben nicht immer dem Druck von außen stellen zu müssen, möglichst perfekt sein & aussehen zu müssen.

Komm mit und brich aus aus deinen Gedanken, die dich zerstören. Stell dich dir selbst! Pro you!

 

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Diese Fotos habe ich als persönliche Herausforderung gesehen und sie deshalb machen lassen. Ich kann mich nur schwer im Spiegel ansehen; sehe meist nur an mir vorbei. Ich möchte mich bewußt ansehen, ohne mich zu schämen. Weder vor mir selbst noch vor irgend jemand anderem. Mein Körper gehört zu mir – er hält mich am Leben und trägt mich durch mein weiteres Leben. Und dafür bin ich heute unheimlich dankbar.

 

Die englische Version gibt es hier auf medium zu lesen!

 

Vertrauen – kann ich oder kann ich nicht?

Manches muss und sollte man im Leben loslassen und ich kann bezeugen, dass das zum Teil zwar schwer ist, aber sich doch oft lohnt und am Ende die richtige Entscheidung ist. Ich frage mich ernsthaft, warum ich nicht losgelassen werde. Losgelassen von einer gewissen Krankheit. Ich mag das Wort Krankheit mittlerweile in meinem Zusammenhang gar nicht mehr, weil ich mich eigentlich immer gesünder fühle.

Vor zwei Jahren konnte ich der Krankheit wenigstens einen eindeutigen Namen geben – ich war magersüchtig, als konnte ich sie liebevoll voller Hass Ana (=Anorexie) nennen. Heute ist das wesentlich schwieriger. Ana hat sich endlich verabschiedet – ihre Neben- und Nachwirkungen allerdings nicht. Sie will noch immer die Kontrolle über mich behalten – wenn sie sie schon in Form des Hungerns abgeben mußte, so will sie mich doch wenigstens im möglichen Rahmen einer Essstörung weiterhin kontrollieren. Sie überredete mich, mich weiterhin in einem bestimmten Ritual zu wiegen und das entwickelte ich dann in Form meiner Italiener-Völlerei. Endlich satt werden schrie mein Körper und ich & er konnten schließlich nicht genug Nahrung und Sättigung bekommen. Aber wie nennt man eine Krankheit, eine Essstörung, die weder bulimisch noch anorektisch ist? Hier in meinem Fall gibt es irgendwie keinen Namen – doch Krankheit klingt nach krank und eigentlich bin ich das doch nicht mehr…?.

Sagen wir ES zu ihr. ES hält mich kopfmäßig noch immer phasenweise stärker in ihren Armen als ich gedacht hatte. ES äußert ihre Symptome in Form von Selbstzweifeln und Ängsten, nicht mehr gänzlich vertrauen zu können.

Jeder, der sich einmal etwas mit der Thematik Essstörung auseinander gesetzt hat, weiß, wie verquer, gemein und widerwärtig die Gedanken innerhalb dieser Geschichte sein können. Ich muss & möchte hier nicht noch einmal ins Detail gehen.

ES soll mich aber doch bitte endlich frei sein & werden lassen. Ich bin es so satt, mit (Selbst)zweifeln gefüllt zu sein. Anstatt mit Essen, wenn mir denn der Entzug des Italieners gelingt, bin ich gefüllt mit Hinterfragen, mit Ängsten und Zweifeln.

Der Beigeschmack einer Essstörung sind immer Selbstzweifel – ob der Gaumen sich darüber freut oder nicht. Schluck es. Passiert etwas ist Gutes, ist das schon merkwürdig. Passieren mehrere gute Dinge innerhalb kurzer Zeit, ist das mehr als merkwürdig. Es fühlt sich für mich unwirklich an. Wie schon so oft beschrieben: es ist unbekannt – gab es nie… Kann nicht sein, dass sich jemand um mich bemüht. Kann absolut nicht sein, dass sich jemand Sorgen um mich macht. Kann auch nicht sein, dass jemand sagt, „pass auf dich auf“ und es auch noch ehrlich meint. Kann mal überhaupt nicht sein, dass jemand zu mir sagt, „Du siehst wahnsinnig hübsch aus“ geschweige denn „Du hast eine tolle Figur“. Ich sehe mich täglich im Spiegel und es kann nicht sein, dass die Worte mir gelten.

Im Spiegel sehe ich eine Frau, die alles andere als attraktiv oder hübsch ist. Ganz deutlich sehe ich nur eine Oberflächlichkeit, für die ich diese Frau im Spiegel absolut verurteile. Diese Oberflächlichkeit hat sich in ihrem -also leider meinem- Kopf so sehr verankert, dass ich sie nicht mal herausprügeln könnte. Zwischenzeitlich gelingt es mir zum Teil, die Gedanken zu verdrängen oder zu überspielen, aber gerade, wenn mir viel Gutes passiert, wenn ich viel Zuspruch bekomme, wenn ich scheine, endlich gesund zu werden…, gerade dann, also gerade JETZT in dieser neuen Phase meines Lebens, schreien mich die Zweifel aus dem Spiegel und die Oberflächlichkeit von ES so an, dass mir das Trommelfell platzt. Ich kann nicht weghören. . . Ich höre, dass ich fett geworden bin. Ich, ausgerechnet ich, die die andere wirklich nicht nach dem Aussehen beurteilt; für die die Figur von anderen Menschen und von mir selber nie wirklich wichtig war und für die Ausstrahlung und Charakter aber immens wichtig sind… Ausgerechnet ich urteile nun wieder so oft über mein Aussehen und meinen Körper.

Ist ja auch ein einfaches Ventil, um dem ganzen absurden „Druck“ des Guten, das mir widerfährt, stand zu halten. Es läuft gut; ich habe endlich nach vielen Jahren wieder Spaß; ich gehe aus; ich lerne & treffe neue tolle Menschen; ich habe eine Freundschaft intensiviert und für mein Leben gewonnen, die einzigartig ist; mein Job macht mir Freude und fordert mich und – ich bin unabhängig, was ich leider jahrelang durch meine gewissen Auslöser von ES nicht sein durfte. Das erste mal, bin und werde ich nicht gemacht oder gesteuert, sondern ich darf und kann es mir aussuchen. Keine Gewalt und Druck oder Zwang mehr zu bestimmten Körperlichkeiten.

Damit das so bleibt, ist es doch eigentlich ganz easy: Vertrauen. In mich und in die Menschen, die mich scheinbar nehmen wie ich bin. Die mich mögen und die auch anscheinend mein Äußeres mögen und schließlich in die Zeit und die Phase meines Lebens jetzt – ich hole halt nach, was für die meisten längst selbstverständlich ist.

Am Ende ist es also wirklich so simpel? Einfach Vertrauen – kann ich oder kann ich nicht?

Bis hierher.

Kurz dem Klinikalltag entflohen – Zeit, ein kleines Resumée zu ziehen. Bis hierher.

Bis hierher habe ich innerhalb der kurzen Zeit viel begriffen. Sehr viel – zumindest habe ich das Gefühl. Meine Grenzen habe ich kennengelernt. Ausgereizt.

Ich dachte immer, dass ich es irgendwie schon hinkriege, mich vernünftig/regelmäßig/ausgewogen zu ernähren. Mit ein bisschen Hilfe von den Betreuern und wertvollen Ratschlägen von den Ärzten und mit ein bisschen Verständnis und Unterstützung von meinen Gleichgesinnten – die, die momentan mit mir zusammenleben. So weit so gut. Dass ich ein bisschen in die Tiefe gehen muss und mich mit bestimmten Ereignissen und Personen befassen muss, die in meinem Leben ungefragt ihren Platz eingenommen hatten, das war mir auch klar. Das ganze Procedere kenne ich ja bereits von vor zwei Jahren.

Doch jetzt ist es anders. Anstrengender und schmerzvoller. Ich begreife viel, das ich vor zwei Jahren nicht annähernd begriff. Viel, wovon ich zum Teil gar nichts wußte.

Meine Scheinwelt habe ich mir mit Investition von viel Zeit, Energie und Hingabe aufgebaut und ich habe sie vehement geschützt. Verteidigt vor anderen und aber vor allem vor mir selbst. So sorgsam ich mich um sie gekümmert habe, sie ausgebaut habe, genauso rapide will ich sie loswerden. Es geht nicht ganz. Aber es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, all das auszusprechen, das sie in sich birgt. Das ich in mir barg. All das ist jetzt raus – Angst, Hass, Konfrontation, Flucht, verhasste Spiegelbilder, verschönte Außendarstellung, Verdrängung – ich habe das erste mal in meinem Leben das Gefühl, dass ich mir und meinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen konnte und vor allem DURFTE.

Ich habe erkannt und realisiert, was mit mir in den letzten Jahren geschehen ist und vor allem, was ich in den letzten Monaten getan und gelebt habe. Wieso ich ständig den Weg zum Italiener gefunden habe, aber nicht annähernd den Weg zu mir selbst.

Jetzt, wo ich so vieles sehe und nicht mehr verdrängen kann; jetzt, wo ich bereit bin, aktiv etwas zu ändern, habe ich die Chance, einen Weg zu finden. Zu mir selbst und auch einen Weg in ein Land, das ich „Schönes Essen – Schönes Genießen“ nennen möchte. Wo genau das liegt, weiß ich nur ungefähr – so wie ich ungefähr weiß, wo auf der Landkarte Ho Chi Minh City liegt. Bis dahin ist es eine weite Reise, genauso weit wie in mein eben erwähntes Land. Aber es ist ein fixer, realer Punkt auf der Weltkarte, genauso wie mein Reiseziel. Ich habe gerade nicht wirklich eine Ahnung, wie ich da am schnellsten und am günstigsten hin gelange, doch ich habe einige Ideen und eine große Motivation.

Meine Gedanken sind noch immer mehr als wirr und ich weiß, dass es noch viel aus- und anzusprechen gibt. Aber mein Gefühl, nicht mehr in meiner Scheinwelt leben zu müssen, erleichtert mich und mein Gewissen enorm.

Und zum ersten mal seit langem habe ich wirklich das Gefühl, minimale Fortschritte zu machen und zwar in die richtige Richtung. Und wenn diese Richtung momentan „jeden Tag Kuchen“ heißt, dann ist das so. In ein paar Wochen heißt sie vielleicht „jeden Tag warmes Mittagessen“ oder „ich esse, worauf ich Appetit habe“. Ich bin gespannt und hoffe, ich verlaufe mich nicht.

Qualen – satt und doch hungrig.

So ist es. Es sind wirkliche Qualen.

Sie reden alle viel. Viel und eigentlich auch nur Vernünftiges. Und sie meinen es wirklich alle gut – das weiß ich zu 100%. Und doch schießen mir immer wieder Gedanken in den Kopf wie „ihr habt doch keine Ahnung“ oder „ja ja, wenn es so leicht ist, wieso klappt es dann nicht“ oder sogar „ja reden könnt ihr alle viel. Aber ihr habt keinen Schimmer, wie verdammt hart es ist – nicht annähernd“.

Ich unterstelle ihnen, dass sie mir nicht glauben, ich würde kämpfen.

Für diese Gedanken schäme ich mich. Weil es hier meine besten und engsten Freunde sind, von denen ich spreche. Sie sind es, die mich täglich ermutigen, die mir sagen, ich soll mich zusammen reißen und kämpfen und mich nicht in der Krankheit ausruhen. Sie sind es, die sich Sorgen um mich machen und die es ja schlichtweg einfach nicht nachvollziehen können. Wie auch? Und ich glaube, dass es für sie wirklich nicht einfach ist, mich immer und immer wieder zu ermutigen, mir immer wieder nette Worte und motivierende Sätze entgegenzubringen, wenn ich mal wieder in einem Tief stecke.

Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen müssen. Es tut mir unsagbar leid, dass ich sie mit da rein gezogen habe in diesen grässlichen Sumpf dieser Essstörung und Depression. Ich möchte, dass sie die Minuten, Stunden, Tage mit mir genießen und sie als schön empfinden – und nicht als anstrengend.

Ich bin seit 5 Tagen daheim. Vorher war ich genau drei Wochen im Krankenhaus. In den drei Wochen habe ich 4 Kg abgenommen. Das war nicht Sinn der Sache. Doch ich würde schlicht lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich es nicht angenehm finde, weniger zu wiegen – leichter zu sein. Doch gesünder bin ich dadurch nicht. Und wirklich innerlich erfüllter oder glücklicher bin ich dadurch auch nicht. Also was soll das schon wieder?

Hier außerhalb der Klinik fällt es mir wieder verdammt schwer, das Fressen zu lassen, sobald ich allein bin. Ich sitze hier auf dem Sofa und zittere am ganzen Körper. Meine Gedanken überschlagen sich und ich kämpfe mit und gegen mich. Ich will unbedingt wieder meinem Ritual folgen. Will unbedingt wieder diese leckere Mahlzeit von meinem Italiener in mich aufsaugen. Will den Geschmack spüren. Will satt werden. Gleichzeitig will ich nicht mal mehr einen Gedanken an den ganzen Scheiß verschwenden. Ich will nicht wieder fett werden. Will nicht mehr auch nur 100 gr zunehmen. Will nicht mehr immer und immer wieder diese Gedankenqualen haben, ob ich nun hinfahre und mich vollstopfe oder nicht. Ich will nicht mehr überlegen müssen, was ich anziehen könnte, um nicht fett auszusehen. Ich will nicht mehr dieser Sucht nachkommen. Ich will nicht mehr die Kontrolle verlieren. Ich will keine Gedanken mehr über Gewicht, über Zunehmen und Abnehmen zulassen. Und doch dreht sich alles darum. Nichts hat sich geändert.

In der Klinik – das ist das völlig absurde – fiel es mir so verdammt leicht, die Kontrolle zu behalten. Kaum etwas zu essen. Es war so leicht, leichter zu sein, wie ewig schon nicht mehr. Obwohl genau das ja nie wieder eintreten sollte. Ich soll in der Klinik lernen, geregelt und ausgewogen zu essen. Das Essen Essen sein zu lassen. Wieder andere schöne Dinge und Interessen für mich zu entdecken. Wieso also boykottiere ich mich so selbst – in den verschiedensten Formen??

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich bin mir zu viel. Mein Körper ist mir zu viel. Meine Gedanken sind mir zu viel. Ich bin satt und doch hungrig…

 

Alles neu und doch vertraut

So ist es, wenn man sich nach zwei Jahren eingestehen muss, wieder an einem Punkt zu sein, an dem man schon mal war.

Ich habe es geschafft- ich bin wieder in der Klinik. Habe es also doch nicht geschafft. Zwei weitere Jahre habe ich mir selbst und allen anderen etwas vorgemacht. Mich selbst belogen. Scheinbar fällt mir innerhalb dieser Krankheit nichts leichter als das – mich selbst zu belügen.

Auch, wenn ich das ganze Prozedere mit allen Therapien, mit allen Essensauflagen schon kenne, ist es doch ein neuer Ausgangspunkt und mindestens genauso schwer, mich darauf einzulassen. Damals war ich in der Klinik, weil ich alles und nichts unter Kontrolle hatte. Mein Essverhalten und den bewußten Verzicht auf Essen hatte ich total unter Kontrolle – alles andere nicht. Heute ist genau das mein Versagen. Ich habe mein Essverhalten definitiv nicht mehr unter Kontrolle. Ich fresse oder ich verzichte. Ein Mittelmaß gibt es nicht. Ein Mittelmaß, das doch eigentlich wünschenswert ist. Ein Mittelmaß beim Essen und ein Mittelmaß – ein gesundes Mittelmaß – beim Gewicht. Aber etwas in mir weigert sich noch immer. Obwohl ich alles doch schon so oft durchgekaut habe. Obwohl ich doch alles längst begriffen habe. Obwohl ich mir geschworen hatte, niemals wieder an den Punkt zu gelangen, an dem ich auf fremde Hilfe angewiesen bin. Trotz aller Erkenntnisse, trotz aller wiederholten Schmerzen, trotz aller gedanklichen Qualen bekomme ich es nicht hin. Ich quäle mich weiter. Obwohl ich es einfach nur noch satt bin.

Meine kranken Gedanken erlauben mir kein Leben mehr. Zumindest kein Leben ohne Stress, ohne Angst, ohne Zweifel und ohne wirkliche Liebe. Keine Liebe für mich selbst. Eher Hassgefühle und Verachtung. Verachtung, weil ich es nicht schaffe, mich aus diesem Sumpf heraus zu ziehen. Verachtung gegenüber meinem Körper.

Ich habe es satt. Wirklich. Wirklich? Warum klappt es dann nicht? Was hält fest an diesem ganzen Scheiss? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte es herausfinden. Ich möchte mir noch einmal die Zeit geben und mich auf Hilfe einlassen. Mich einlassen auf alles Neue und alles doch irgendwie Vertraute. . .

Wieso so schwer, wenn doch so leicht…?

Diese Frage stelle ich mir bewusst nun schon mindestens seit 2 Jahren. Ich komme einfach nicht heraus aus meinem Gedankenalltag – kein gewöhnlicher Alltag mit alltäglichen Gedanken, sondern MEIN Gedankenalltag. Heißt: alles dreht sich um Essen, zunehmen, abnehmen und darum, was andere von mir denken könnten. Wieso ist es so schwer, das abzustellen, wenn mir die halbe Welt vormacht, dass es eigentlich ganz leicht ist, auf andere zu scheißen. Wieso gelingt ihnen das und mir nicht?? Liegt es wirklich daran, dass mir schon von Klein auf immer und immer wieder eingebrannt wurde wie ich zu sein habe und was ich zu lassen habe? Ich hab mich nicht wirklich so entwickeln können, wie es vielleicht normal gewesen wäre, weil mir ständig Ärger drohte, wenn ich nicht bestimmte Kriterien erfülle. Also funktionierte ich  – wie ein Roboter. So, wie man mich damals schon haben wollte. Das konnte ich sehr sehr gut. Und wenn doch mal ein kleiner Anschein eines Gefühlsausbruchs oder des eigenen Willen kam, wurde dieser direkt im Keim erstickt – denn in diesem Moment war ich nicht so, wie es von mir erwartet wurde. Das durfte wirklich nicht sein.

Aber kann es sein, dass sich so etwas wie ein roter Faden durch mein Leben zieht? Ich habe mir immer und immer wieder die falschen Partner, Freunde gesucht. Die, die genauso von mir erwarteten, etwas oder jemand zu sein, der ich aber eigentlich nie war. Doch es war das Gewohnte, das mich anscheinend immer wieder in deren Fesseln zog. Immer funktionieren – das war schließlich das einzige, das ich kann und konnte – also eine sichere Bank für mich.

Aber jetzt bin ich mittlerweile an einem Punkt (den ich zugegebenermaßen ohne meinen Klinikaufenthalt wohl eher nicht erreicht hätte), an dem mir bewusst ist, dass das nicht alles sein kann. Wenn ich endlich mal ich selbst sein will, dann muss ich ausbrechen aus diesem Scheiß. Mir ist bewusst, dass es im Leben nicht darauf ankommt, möglichst schlank zu sein, ein möglichst makelloses Gesicht zu haben, oder sich immer konkret auf den anderen einzustellen. Es zählen weitaus andere Werte, auch wenn es uns anders verkauft wird. Aber im Grunde weiß es jeder, dass es auf etwas ganz anderes ankommt. Auch ich. Doch diese verfluchte Essstörung hat aus mir ein Gedankenwrack gemacht. Ich will und kann nicht und ich verstehe nicht, warum es mir so schwer fällt, loszulassen von diesem Fluch. Wieso ist es so schwer, wenn es doch eigentlich so leicht ist?

Ich habe Angst. Große Angst, enttäuscht zu werden, wenn ich mal auf alles scheiße und einfach das tue, wonach mir ist. Vor allem, wenn ich mal das esse, wonach mir ist. Wobei letzteres gar nicht so leicht ist, weil ich kaum noch weiß, was ich wirklich gern mal wieder essen würde und was nicht. Fest steht, dass ich ja wieder 94 kg wiegen könnte, wenn ich aus meinem Trott ausbreche. Dass ich 8 kg zugenommen habe seit Entlassung ist schon hart zu verkraften. Doch ich halte es aus. Weil ich jetzt wie eine normale Frau aussehe. Doch, was passiert, wenn ich noch mehr zulege und mein Äußeres sich verändert? Dann bin ich nicht mehr so, wie man mich kennengelernt hat – werde ich dann wieder abgelehnt, wenn ich mich verändere? In meiner Vergangenheit war es so. Ich habe wenig Menschen in meinem Leben, die mich bedingungslos so nehmen, wie ich bin. Und in meinen vergangenen Beziehungen war es so, dass ich alles immer konkret nach dem Partner gerichtet habe. Es wurde so erwartet und ich funktionierte. Also funktionierte auch die Beziehung.

Also, was passiert, wenn ich jetzt einfach mal re-boote und einen Neustart hinlege? Bisher habe ich es  schon so oft gewollt, doch nie wirklich gewagt und so war ich immer auf der sicheren, wenn auch mehr als unschönen Seite. Bis ich schließlich „Ana“ -meiner heißgeliebten und noch heißer gehassten Freundin alias Essstörung/Anorexie- begegnete. Sie hat mir dauerhaft Halt und Schutz und Kontrolle gegeben. Doch ich will diese Art Halt und Schutz und Kontrolle nicht mehr. Ich will einfach nur alltäglich leben.

Für „normale“ Menschen sind meine Gedanken sowas von lächerlich und überhaupt nicht nachvollziehbar, das ist mir bewsst. Einige halten Gedanken innerhalb einer Essstörung sogar für eine Art Luxusproblem. Das ist es definitiv nicht – es ist die Hölle. Deshalb ist es sehr schwierig, unbedarft mit Menschen in meinem Leben über mich und mein Leben zu sprechen. Doch genau das will ich – normal antworten können auf Fragen wie „Was isst du denn am liebsten“ oder „was sind deine liebsten Hobbies“ oder „und, was hast du so die letzten Jahre getrieben“.

Wieso ist das so schwer, wenn es doch so leicht scheint??

genauso und doch anders

Die Schizophrenie ist präsenter denn je. Ich dachte, es legt sich irgendwann. Nein, verkehrt. Ich dachte nicht ernsthaft daran, ich hatte (nur) die Hoffnung, es legt sich irgendwann. Aber absoluter Stillstand im Kopf. Stillstand im Vorankommen.

Doch kein Stillstand in all den wirren Gedanken, Spinnereien, die sich innerhalb dieser Krankheit im Kopf verankern. Sie sind wie eine fette Krake mit noch fetteren Armen, die sich ständig um diese miesen Gedanken schlingen, damit sie bloß nicht die Gelegenheit haben, zu entschwinden. Sie sind stark und ich habe keine Chance. Die Arme sind allerdings ja auch immer ein Schutz – Arme umarmen einen. Und wer sehnt sich nicht zwischendurch nach einer liebevollen, zärtlichen aber gleichzeitig starken Umarmung? Also, willkommen in der Schizophrenie! Ich hasse diese Krakenarme, will ihnen endlich entkommen und frei sein. Frei im Kopf und frei und fein mit meinem Körper. Gleichzeitig bin auch ich ein Mensch, der sich nach einer Umarmung sehnt und also, so what: hier ist sie. Die Krake umarmt mich, gibt mir immer wieder das Gefühl, ich kann und darf jederzeit – nein, ich soll auch jederzeit in ihre Arme zurückkehren. Da ist mein Schutz – mein Wohlbehagen. Irgendwie. Und hier ist auch die Kontrolle. Die Kontrolle, nicht wieder so fett zu werden, wie eine Krake.

Der Wille, endlich von all dem los zu lassen und „gesund“ zu werden ist stärker denn je. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr begreife ich, warum ich in diese Essstörung hineingerutscht bin. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr begreife ich auch, dass es sinnfrei ist, an einer Krankheit (was eine Essstörung ja nun leider definitiv ist), festzuhalten. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr begreife ich auch, dass nur ich allein dafür verantwortlich bin, etwas zu ändern und endlich freier im Kopf zu werden. Aber ganz ehrlich: Hier ist schon der Widerspruch. Ich allein bin verantwortlich dafür. Das sagen Ärzte, Therapeuten und Pfleger. Aber alle diese Personen sagen gleichermaßen, dass man es alleine kaum schafft aus dieser Misere hinaus zu gelangen. Also bitte, wie und was ist jetzt Phase?

Es gäbe für mich nichts schöneres, als da hinaus zu gelangen. Es ist mir mittlerweile sowas von egal, ob mit oder ohne Hilfe. Hauptsache weg mit dem ganzen Schlechten, das meinen Kopf so sehr beherrscht.

Mittlerweile habe ich viele Erkenntnisse gewonnen und mich bewußt von so vielem getrennt, das mir nicht gut tut. Auch von Menschen getrennt, die eigentlich gar keine Berechtigung auf einen Platz in meinem Leben oder gar in meinem Herzen hatten. Das ist mir immerhin schon einmal gelungen. Also irgendwie hat sich doch etwas getan… Doch wieso schaffe ich es, solch zum Teil schwierigen Entscheidungen zu treffen und sie durch zu ziehen, und aber gleichzeitig nicht, mich einfach mal dazu hinreißen zu lassen, eine Woche lang mal wie ein normaler Mensch zu essen? Es gibt doch nichts lapidareres. Nichts ist für einen normalen Menschen einfacher. Es gehört eben zum Leben dazu. Es ist NORMAL. Doch noch immer ist es so, dass ich entweder die Völlerei bis ins Nirvana celebriere oder ich achte an den anderen Tagen, die nicht im Völlerei-Nirvana enden darauf, nicht mehr als maximal 500 kcal zu mir zu nehmen.

Immerhin sieht man mir nicht mal mehr ansatzweise an, dass ich eine Essstörung habe. Doch ein Fortschritt also.

Also ist es genauso wie immer und doch anders.

Schizophrenie der Essstörung – mein ich und ich

Etliche male haben mich die kranken Gedanken innerhalb dieser Essstörung zermürbt und ich dachte, es wird irgendwann besser. Wird es nicht. Vielleicht zwischendurch, aber nicht langfristig. Ein kurzer Moment, ein Satz, einmal falsch abbiegen auf dieser zerstörerischen Gedankenautobahn und es ist alles beim alten. Mein Hirn fickt mich auf übelste Weise und ich kann nichts dagegen tun.

Diese Krankheit ist sowas von schizophren, dass ich mich und meine Gedanken kaum selbst noch ernst nehmen kann. Das eine Ich will Heilung, will Genuss, will frei sein und dieses selbige eine Ich bildet sich auch ab und an ein, Fortschritte gemacht zu haben, weil es mittlerweile Nahrung aufnimmt – viel Nahrung – zu viel Nahrung leider oft. Diese ungewohnte Nahrungsaufnahme gefällt trotzdem irgendwie dem einen Ich, sie macht sicher, zufrieden, lässt mich das Gefühl der Normalität zurück erlangen. Das Ich signalisiert mir, ich werde gesünder. Leider sieht man das auch – andere sehen mich und sagen „Du siehst endlich gesund aus. Stehen dir, die paar Kilos mehr.“ Und genau hier meldet sich das zweite, das andere Ich und schreit mich bei jedem Blick in den Spiegel an. Es schreit „Du bist fett. So kann ich dich nicht ertragen. So kann und wird dich niemand sonst ertragen.“ Ich nehme diese Schreie auf; ich sauge sie förmlich auf und empfinde Hass gegen mein Äußeres. Ich hasse dieses Äußere Bild von mir im Spiegel so sehr, dass ich mich verletze und mir Dinge antue, die mich vom Schmerz, den ich verspüre, wenn ich mein Spiegelbild sehe, ablenken. Und wegen diesem Empfinden, wegen diesem widerwärtig oberflächlichem Denken entwickelt sich auch Hass gegen mein Inneres. Denn das bin doch nicht ich. Ich bin nicht oberflächlich…

Willkommen im Teufelskreis. Die beiden Ichs rennen um die Wette. Keines der beiden gewinnt. Sie existieren parallel und miteinander gleichzeitig. Sie harmonieren irgendwie auch. Denn das schizophrene ist eben auch, dass die beiden Ichs vereint wunderbar Ratschläge an Gleichgesinnte verteilen können. Sie sehen auch andere Menschen ganz klar und erkennen ihre äußere und innere Schönheit und sie können Menschen optisch neutral beurteilen. Aber vereint in mir können sie nichts. Sie können rein gar nichts erkennen. Sie lassen mich auflaufen. Immer und immer wieder. Und ich fühle mich machtlos. Ich will und kann aber nicht.

 

 

Magersucht – Aufräumen mit Irrtümern

Mir scheint es unzählige Irrtümer über die Magersucht zu geben. Ich möchte hier einige benennen, um es Aussenstehenden vielleicht etwas leichter zu machen, zu verstehen, was Magersucht genau ist. In meinen Augen ist sie eine der meist missverstandenen psychischen Krankheiten.

1. Magersucht ist ein reines “Essensproblem”

Mit Appetitmangel hat diese Krankheit nichts zu tun. Im Gegenteil – die Betroffenen verweigern sich schlichtweg den Appetit oder setzen sich ein striktes Kalorienlimit. Sie verweigern sich eine normale Essensaufnahme, um sich ein gewisses Gefühl von Sicherheit zu geben; etwas, das sie kontrollieren können. Damit werden allerdings tiefsitzende psychische Probleme kompensiert.

Es dreht sich hierbei weniger um das Essen selbst, als um die Faktoren, die psychisch bedingt sind, wie z.B. ein geringes Selbstwertgefühl, mangelndes Selbstbewusstsein, seelische Traumata etc.

2. Magersüchtige sind süchtig nach Aufmerksamkeit

So direkt darf man es nicht sagen. Dies klingt sehr oberflächlich. Unbewusst sind sie es wahrscheinlich, doch eigentlich versuchen die Betroffenen, ihre Krankheit so gut es geht zu verleugnen – auch vor sich selbst. Ich habe es auch nicht verstanden oder eingesehen, aber so ist es. Sie verhalten sich möglichst unauffällig und spielen ihren Gewichtsverlust irgendwie herunter. Genauso suchen sie Ausreden, warum sie denn nicht mit zum Restaurantbesuch oder zum gemeinsamen Kochen mit Freunden kommen wollen. Indirekt spürt man, dass etwas am Verhalten nicht stimmt oder krankhaft ist, aber man will es nicht wahrhaben. Deswegen wird diese Krankheit in meinen Augen oft auch erst sehr spät oder zu spät erkannt.

3. Magersucht wird durch die Medien und/oder “Magermodels” verursacht

Die Medien und die Sucht bzw. der Druck nach perfektem & makellosem Aussehen (= Schlanksein) tragen mit Sicherheit ihren Teil dazu bei, dass die Krankheit mittlerweile so weit verbreitet ist, doch der AUSLÖSER ist sie nicht. Vielleicht ist eine Diät oft der Einstieg, doch ich bin der festen Überzeugung, dass ein wirklich komplett gesunder und psychisch stabiler Mensch nicht allein durch den Druck und das verschobene Bild von perfektem Aussehen in diese Krankheit getrieben werden kann. Die Auslöser sind psychisch bedingt und können von verschiedenen Faktoren abhängen. Diese können z.B. sein: geringes Selbstwertgefühl; familiäres Umfeld; Unfähigkeit, mit Konflikten normal umzugehen, zu hoher Leistungsdruck, zu hoher Anspruch an sich selbst, Überanpassungsdrang; sexueller Missbrauch und mit Sicherheit noch sehr sehr viele mehr.

4. Magersucht erkennt man äußerlich (sofort)

Die Krankheit spiegelt sich zwar durch das äußere Erscheinungsbild wider, doch sie spielt sich meines Erachtens nach nur im Kopf ab. Nur weil ein Betroffener vielleicht nicht mehr ausgehungert aussieht, heißt es nicht, dass er gesund ist. Selbst wenn er im Anfangsstadium oder bereits im Genesungsprozess steckt, ist er noch krank. Ich merke dies selbst. Die Betroffenen machen sie hier leider sehr viel vor und belügen sich selbst, wenn sie sich sagen, sie seien jetzt gesund, weil sie wissen, was sie mit ihrem Körper anstellen und weil sie es bereits geschafft haben, eine gewisse Kilomenge zugenommen zu haben. Der psychische Leidensdruck ist auch hier noch enorm hoch – oder besser gesagt, gerade hier, weil man sich hier nicht mehr aus der Krankheit “herauslügt”.

5. Magersüchtige essen nichts

Dies stimmt nicht. Sie essen wesentlich weniger als normale Menschen es tun und sie vermeiden es oft, in Gesellschaft zu essen. Es ist genau das, was die Krankheit ausmacht: Man verweigert sich bestimmte Lebensmittel und entwickelt gewisse Rituale. Dies geht besser, wenn man sich nur bestimmte Dinge “gönnt”. Es sind meist immer die gleichen Lebensmittel tagein – tagaus, die man sich gönnt und immer zur gleichen Zeit – dies garantiert einem diese wahnsinnige Kontrolle und Sicherheit. Wieder ein Tag, an dem man sich strikt an seinen Plan gehalten hat – also ein Erfolg und eben auch eine Sicherheit. Natürlich sind dies immer Nahrungsmittel, die kaum Nährwerte haben und in einer enorm reduzierten Menge, die natürlich nicht ausreicht, um ein normales Gewicht halten zu können.

6. Magersüchtige nutzen Hilfsmittel oder kotzen sich dürr

Wie oben beschrieben, verweigern Magersüchtige einfach nur. Es werden hier in der Regel aber keine Hilfsmittel wie Abführmittel oder eben erbrechen zugezogen. Dies wäre dann ein anderes Krankheitsbild…

7. Magersucht ist nur eine Phase, die man (meist Frau/Mädchen) durchläuft

Eben nicht – Magersucht ist eine ernst zu nehmende Krankheit, die vielfach unterschätzt wird. Sie kann fatale Folgen haben und lebenslange lebensbedrohliche Folgen, wie z.B. Organschäden verursachen. Ohne Hilfe kann ein Magersüchtiger meines Erachtens nach nicht aus der Krankheit kommen.

Der letzte Irrtum ist auch der Grund für diese Notiz. Ich las vorhin, dass lt. Weltgesundheitsorganisation es nur 30% der Betroffenen schaffen, wieder gesund zu werden. Nur 30%. Dies schockt mich gerade sehr und vielleicht werden ja einige Aussenstehende, die das hier von mir lesen, einfach etwas sensibilisiert, auf Auffälligkeiten zu reagieren, wenn sie bei Menschen aus ihrem Umfeld darauf stossen oder wenn ihnen jemand von Auffälligkeiten berichtet.

Ich jedenfalls bin sensibilisiert, auch wenn ich es für mich als Betroffene noch immer nicht zu 100% umzusetzen verstehe – aber ich gebe mir alle Mühe und das jeden Tag wieder!